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Ideologie und theorie
Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritisch
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» Ideologie und theorie
» Die diskursiven Verfahren der Ideologie
» Die Rezeption der Ideologie: Kode, Soziolekt und sprachliche Situation

Die Rezeption der Ideologie: Kode, Soziolekt und sprachliche Situation



Im vorigen Abschnitt wurde bereits angedeutet, daß der Ideologe, der mit seinem Diskurs auf größere Gruppen oder gar Massen einwirken will, sich nicht-ideologisches oder theoretisches Argumentieren vielleicht gar nicht leisten kann. Deshalb möchte ich diesen Abschnitt über die diskursiven Verfahren der Ideologie mit der Frage abschließen, welche Wirkungsmöglichkeiten ideologische und theoretische Diskurse in einer konkreten sozio-linguistischen Situation haben. Zugleich drängt sich die komplementäre und spezifische Frage auf, ob es jemals zu einer Einheit von Theorie und Praxis kommen kann, ob nicht jeder theoretische Diskurs, der auf Breitenwirkung abzielt, gleichsam unwillkürlich die hier beschriebenen ideologischen Verfahren entwickelt. Zwei Ãœberlegungen mögen diesen Gedankengang verdeutlichen.

      In der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, daß die skrupellosen sprachlichen Vereinfacher eher publikumswirksam auftreten konnten als gewissenhafte Theoretiker — etwa die Mitglieder des Wiener Kreises —, die unaufhörlich von der Frage geplagt wurden: 'Ist diese Aussage vertretbar, haltbar?" Derlei Skrupel hatten die Nationalsozialisten, die dem Wiener Kreis ein gewaltsames Ende bereiteten, bekanntlich nicht. Charakteristisch für die Gesinnung dieser Ideologen ist eine Kurzdarstellung des Nationalsozialismus in Dietrich Klagges' Geschichtsunterricht als nationalpolitische Erziehung : 'In einem unterscheidet sich die nationalsozialistische Weltanschauung von vornherein von allen anderen Weltanschauungen und Philosophien. Während jene alle so außerordentlich schwierig und kompliziert sind, daß sie erst nach jahrelangen mühevollen und aufopfernden Studien einigermaßen verständlich werden, ja vielfach so verdreht und absurd anmuten, daß sie außer ihrem Erfinder überhaupt niemand begreift. ist das nationalsozialistische Wollen und Denken von einer wunderbaren Klarheit und Einfachheit."
Wichtig scheint mir hier die Verbindung von 'Wollen" und 'Denken" zu sein. Wer sich politisch durchsetzen will, wird in seinen Ansprachen und Schriften zur Vereinfachung neigen: zu einer dualistischen Klassifikation, zu einem simplen Aktantenmodell. zur diskursiven Identifikation etc. Ambivalenz und Ironie wird er ebenso meiden wie komplexe Taxonomien, offene Fragen und konkurrierende Diskurse; denn er weiß intuitiv, daß theoretische Verfahren das 'Wollen" von Individuen und Gruppen nicht stärken. Dazu sind ideologische Schemata wesentlich besser geeignet. Deshalb ist es nicht sinnvoll, Theorien mit 'Kohärenz" und Ideologien mit 'Inkohärenz" zu assoziieren.
      Die zweite Ãœberlegung betrifft die Rezeption der Seinsphilosophie, der Kritischen Theorie und des Kritischen Rationalismus in den letzten Jahrzehnten. In allen drei Fällen erfolgte eine Ideologisierung der philosophischen Sprache, die sich sogar im 'Positivismusstreit" der sechziger Jahre niederschlug: Wo auf beiden Seiten mythische Aktanten wie 'Positivismus" und 'Neomarxismus" verwendet werden, ist ein vernünftiger Dialog kaum möglich. Dem ,Jargon der Eigentlichkeit" folgte ein 'Frankfurter Jargon", der die Kritische Theorie für heteronome Zwecke einsetzte: 'Verwaltete Welt", lautete eines der Pauschalurteile über die zeitgenössische Gesellschaft, in der freilich ohne Verwaltung nicht einmal der Autobus zur Universität abfahren würde. Wer schließlich flugs zum Postulat der Falsifizierbar-keit greift, wenn es gilt, einen 'neomarxistischen" Diskurs als 'unwissenschaftlich" zu widerlegen, der erweist dem Kritischen Rationalismus einen ähnlichen Bärendienst wie die außerparlamentarische Opposition der Kritischen Theorie: Er macht aus einem kritischen, aber in vieler Hinsicht problematischen Gedanken ein Ideologem.
      Die hier angeführten Beispiele zeigen zweierlei: Daß die Ideologie von der groben Vereinfachung, von einer drastischen 'Reduktion der Komplexität" lebt, während die Theorie zur Ideologie, zum ,Jargon" verkommt, sobald sie ihrer Komplexität entledigt und für praktisch-politische Ziele eingesetzt wird. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, ob die Forderung nach Einheit von Theorie und Praxis nicht ebenso widersprüchlich und undurchdacht sei, wie die Forderung nach einer 'wissenschaftlichen Ideologie" im Sinne von Lenin. Ist kollektives Handeln von Gewerkschaften, Parteien und Regierungen nicht nur als ideologisches Handeln denkbar?
Hier spielt der Bereich der Rezeption eine entscheidende Rolle: In einer konkreten sozio-linguistischen Situation entscheiden die Soziolekte und die ihnen entsprechenden semantischen Kodes darüber, ob theoretische Diskurse gehört und verstanden werden, oder ob nur ideologische Diskurse in der Öffentlichkeit eine Chance haben. Dabei kommtzwei Faktoren wesentliche Bedeutung zu: 1. der Intensität gesellschaftlicher Konflikte; 2. der sprachlichen und kulturellen Kompetenz der Adressaten.
      In der Zwischenkriegszeit war — wie die Erfahrungen des Instituts für Sozialforschung und des Wiener Kreises zeigen — die Theorie deshalb zur Ohnmacht verurteilt, weil die mitteleuropäischen Gesellschaften besonders stark polarisiert waren: ähnlich wie die französische, die spanische und die italienische. Schon im ersten Abschnitt dieses Kapitels hat sich gezeigt, daß in einer solchen sprachlichen Situation Ambivalenz, Kritik und Ironie von manichäischen Sprachformen verdrängt werden. Charakteristisch für diese Zeit sind Robert Musils Bemerkungen zur Abwesenheit der 'konstruktiven Ironie", die der Erkenntnis dient und nicht der Verspottung des Gegners: 'Diese Art Ironie — die konstruktive Ironie — ist im heutigen Deutschland ziemlich unbekannt."
In vielen lateinamerikanischen, in den meisten afrikanischen und asiatischen Gesellschaften beherrschen ideologische Rhetoriken das Geschehen, weil die gesellschaftlichen Konflikte sich eher zuspitzen, statt abzunehmen. Das Engagement ist so stark, daß eine theoretische Distanzierung im Sinne von Norbert Elias kaum in Frage kommt. Die Hoffnung auf eine theoretische Distanzierung in der westeuropäischen Gesellschaft hängt u. a. mit dem Prozeß der Demokratisierung — auch der wirtschaftlichen — zusammen.
      Die ideologischen Schemata werden jedoch weiterhin durch die Vorherrschaft restringierter Kodes im Sinne von Basil Bernstein begünstigt: In einer sprachlichen Situation, in der bestimmten Gruppen nur ein begrenzter Wortschatz und eine rudimentäre Syntax zur Verfügung stehen, setzen sich ideologische Diskurse leichter und schneller durch als theoretische, die auf eine relativ komplexe Syntax angewiesen sind und nicht immer auf Fachtermini verzichten können. Wer die Vieldeutigkeit literarischer Texte erklären will, ist auf den Isotopiebegriff oder auf einen analogen semantischen Begriff angewiesen. Gibt er diese Begriffe preis, so räumt er eine Position, die rasch von Ideologen mit mythischen Aktanten besetzt wird: Sie sprechen dann vom 'geheimen Kern des Gedichts" oder vom 'magischen Zauber der Dichtung".
      Angesichts dieser Tatsachen zeichnet sich in einer von den audiovisuellen Medien beherrschten Gesellschaft eine Gefahr für die Theorie ab: Dualistische Schemata, negative oder positive Konnotationen und simple Aktantenmodelle sind durch Fernsehen und Videofilm wesentlich leichter zu vermitteln als theoretische Erklärungen, Beschreibungen und Kritiken. Ein einfaches Mittel zur Bewältigung dieses Problems gibt es — soweit ich sehe — nicht. Jeder Wissenschaftler hat jedoch die Möglichkeit, der Ideologisierung seines Faches in Lehre und Forschung entgegenzuwirken.
     

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