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Ideologie und theorie
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Die diskursiven Verfahren der Ideologie


Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritische Praxis erleichtern. Eine solche Definition, die an die Begriffsbestimmungen im erste


n Kapitel anknüpft, ist in der gegenwärtigen Lage deshalb unerläßlich, weil trotz der umfangreichen Forschung, die uns auch im sprachwissenschaftlichen Bereich zur Verfügung steht, zahlreiche Wissenschaftler immer noch glauben, dem schillernden Begriff mit Hilfe von Ausdrücken wie „Bildsprache", „Werturteil", „affektiver Sprachgebrauch" (Th. Geiger), „unzutreffende Aussage" (W. Hofmann) oder „falsche Idee" (R. Boudon) beikommen zu können. Raymond Boudon beispielsweise, der an entscheidenden Stellen seines Buches L'Ideo-logie (1986) die Ideologie als ein Ensemble falscher, aber wissenschaftlich sanktionierter Ideen definiert1, setzt sich allzu leichtfertig über Fragen hinweg, die gerade die Semio-tik, die Textsoziologie und die Diskurstheorie beschäftigen: Gibt es „richtige oder falsche Ideen"? Wer definiert eine Idee als „richtig" oder als „falsch"? Wie sieht das Verhältnis zwischen ideologischen und theoretischen (wissenschaftlichen) Diskursen aus? Vor allem die letzten beiden Fragen bleiben bei Boudon unbeantwortet. Mit der ersten befaßt sich der Autor zwar ausgiebig, aber seine Antworten sind nicht unproblematisch: etwa dann, wenn er meint, es sei leicht, „den Eckpfeiler der Marxschen Lehre, die Mehrwerttheorie, zu widerlegen.": Es mag sein, daß der „Mehrwert" als Objektkonstruktion im Rahmen des weberianischen Diskurses, für den sich der Soziologe Boudon entschieden hat, als leerer Begriff oder als Unding erscheint. Dem Charisma- oder Wertfreiheit-Begriff geht es jedoch im marxistischen Kontext nicht viel besser. Auch hier läuft schließlich die Argumentation darauf hinaus, daß Ideologie als „falsche Idee" („idee fausse") mit der Terminologie des Andersdenkenden identifiziert wird.


Ideologie: Funktion und Struktur
Wie schon im ersten Kapitel gehe ich auch hier von der Überlegung aus, daß Ideologie als soziale und historische Erscheinung einer „entfalteten städtischen Marktwirtschaft" (Adorno) zuzurechnen ist und daß es daher wenig Sinn hat, von Ideologien der feudalen Ära zu sprechen, wie es beispielsweise di [ ... ]
Die diskursiven Verfahren der Ideologie
Anders als Luhmann glaube ich nicht, daß die Alternative zu einer ideologischen Kritik der Ideologien deren Funktionsanalyse ist und daß die 'Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Ideologiekritik (. . .) an die Funktion der Ideologie anknüpfen."38 Obwohl ich eine Funktionsanalyse nicht nur im Berei [ ... ]
Dualismus, Relevanz und Klassifikation
Im vorigen Kapitel wurde die Bedeutung der Relevanzkriterien und der Klassifikation für den ideologischen Diskurs hervorgehoben. Barthes' bereits zitiertes bon mot 'dismoi comment tu classes, je te dirai qui tu es", wurde später von Bourdieu ideologiekritisch gedeutet und für die Soziologie fruchtba [ ... ]
Isotopien als Konnotationsketten: 'over-lexicalization
Eine der Hauptschwächen des hier verwendeten Isotopiebegriffs besteht darin, daß di< semantische Isotopie nicht ausschließlich textimmanent zu konstituieren ist: Nur wei die sprachliche Situation kennt, der ein Text angehört, kann darüber entscheiden, welch« Seme ein bestimmtes Semem (Lexem im Konte [ ... ]
Mythische Aktanten: 'enonciation
Aus den bisherigen Darstellungen, die fast ausschließlich den semantischen Bereich zum Gegenstand hatten, geht hervor, daß semantische Analysen gleichsam von selbst in syntaktisch-narrative übergehen. In allen hier angeführten Beispielen ist ein sprechendes Subjekt für die diskursiven Verfahren, die [ ... ]
Mythische Aktanten: 'enonce
Dem mythischen Charakter ideologischer Aussagesubjekte entspricht im Bereich der Aussage der mythische Einschlag der handelnden Instanzen: der 'actants de l'enonce" oder 'actants de la narration": 'Aktanten der Erzählung".62 In dem hier kommentierten Text von M. Frühbauer können solche Aktanten aufg [ ... ]
Naturalismus und Teleologie
So verschiedene Autoren wie Hans Albert und Werner Hofmann stimmen in der Ansicht überein, daß die Ideologie ein teleologisches Konstrukt ist. — 'Ideologie ist meist final gerichtet", resümiert beispielsweise Werner Hofmann.65 Dies ist zweifellos richtig, denn der Ideologe ordnet, wie die hier dur [ ... ]
Identitätsdenken und Monolog
Aus den meisten hier durchgeführten Analysen, vor allem aber aus der letzten, geht hervor, daß die meisten ideologischen Diskurse dazu neigen, sich der Wirklichkeit, genauer: den von ihnen thematisierten Referenten gleichzusetzen. Dies ist der Grund, weshalb Adorno und Horkheimer in der Vergangenhei [ ... ]
Die Rezeption der Ideologie: Kode, Soziolekt und sprachliche Situation
Im vorigen Abschnitt wurde bereits angedeutet, daß der Ideologe, der mit seinem Diskurs auf größere Gruppen oder gar Massen einwirken will, sich nicht-ideologisches oder theoretisches Argumentieren vielleicht gar nicht leisten kann. Deshalb möchte ich diesen Abschnitt über die diskursiven Verfahren [ ... ]
Sind alle Ideologien gleichwertig?
Diese Frage erscheint einerseits berechtigt, weil immer wieder behauptet wird, alle Ideologien seien gleich 'schlecht", 'dogmatisch", 'steril"83; andererseits ist sie problematisch, da sie sogleich die Gegenfrage provoziert, welche Kriterien denn über den Wert von Ideologien entscheiden sollen. Auf [ ... ]




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