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Ideologie und theorie
Im zehnten Kapitel ging ich kurz auf die Beziehungen zwischen Dialektik und Dialog ein, um anzudeuten, daß nur eine offene und sich selbst kritisch reflektierende Theorie einen Dialog zu begründen ver
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Vergleichbarkeit und Kritik im interdiskursiven Prozeß



Im 4. Kapitel habe ich bereits versucht, Poppers Forderung nach Falsifizierbarkeit von Theorien in Frage zu stellen, indem ich behauptete, daß diese in entscheidenden Fällen, in Fällen, in denen Theoretiker heterogene Standpunkte vertreten, nicht intersubjektiv , sondern interdiskursiv überprüft werden. Ein Theorem mag als Aussage innerhalb einer Gruppe, d. h. eines Soziolekts, intersubjektiv überprüfbar sein und falsifiziert, verifiziert oder im Sinne von Neurath 'erschüttert" werden. Jedoch wird die Ãœberprüfung als solche trivial, wenn sie nicht über den Rahmen des Kritischen Rationalismus, der Kritischen Theorie, des Althusserschen Marxismus oder der Ecole Freudienne de Paris hinausgeht: In solchen Fällen bestätigt auch die Falsifizierbarkeit eines Theorems lediglich den ideologisch-theoretischen Konsens der Gruppenmitglieder.

      Aussagen Althussers und Lecourts, denen zufolge das Marxsche Werk die 'Zeit der Theorie" oder der 'Wissenschaft" inauguriert, mögen viele Althus-ser-Schüler noch so eifrig bejahen; andere Wissenschaftlergruppen lassen sie kalt. Ähnliches gilt für Apels und Habermas' Behauptung, alle Kommunikationspartner müßten die ideale Sprechsituation 'kontrafaktisch unterstellen": Einen kritischen Rationalisten wie Hans Albert werden sie nicht so leicht überzeugen. Poppers und Alberts zentrale Behauptung, das Kriterium für Wissenschaftlichkeit sei Falsifizierbarkeit, ist auf in-terdiskursiver Ebene allerdings auch nicht konsensfähig: Althusserianer z. B. haben andere Kriterien.
      Wenn sich eine Wissenschaft wie die Soziologie nicht in eine Vielzahl hermetischer Kollektivsprachen auflösen soll, von denen eine jede Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt, ohne von den anderen ernstgenommen zu werden, müssen diskursive Beziehungen zwischen Soziolekten hergestellt werden, die deren Vergleichbarkeit ermöglichen. Ein Vergleich darf sich nicht auf die lexikalische Ebene beschränken, sondern muß auch die semantischen und narrativen Verfahren erfassen, die für die Objektkonstruktion eines Diskurses verantwortlich sind.
      Für fragwürdig halte ich in diesem Zusammenhang den Ansatz von Imre Lakatos, der in The Methodology of Scientific Research Programmes im Anschluß an Poppers Falsifizierbarkeitspostulat den Vorschlag macht, es sollten nicht einzelne Theoreme, sondern ganze 'Forschungsprogramme" getestet werden. Der 'verfeinerte Falsifikationismus", dem er das Wort redet, trägt der Tatsache Rechnung, daß eine jede Theorie nur im Zusammenhang mit ihren Hilfstheorien, ihren Grundannahmen etc. überprüft werden kann. Er hat daher nicht einzelne Theoreme oder Theorien, sondern ganze Theoriekomplexe zum Gegenstand: 'Der verfeinerte Falsifikationismusverschiebt den Akzent von der Frage, wie Theorien zu beurteilen seien, zur Frage, wie Serien von Theorien zu beurteilen seien. Nicht eine isolierte Theorie, sondern nur eine Serie von Theorien kann als wissenschaftlich oder unwissenschaftlich bezeichnet werden: Den Begriff wissenschaftlich' auf eine einzelne Theorie anzuwenden, ist ein Kategoriefehler."' Die Theorienkomplexe, die es in ihrer Entwicklung zu beobachten und schließlich zu beurteilen gilt, nennt Lakatos 'research programmes".
      Es ist wahrscheinlich richtig, daß einzelne Theorien oder gar isolierte Theoreme nicht verifiziert oder falsifiziert werden können: Der Kontext, in dem sie sich entwickeln, sowie ihr Entwicklungspotential müssen mitberücksichtigt werden. Dabei ist etwa die Frage wichtig, wie alt ein theoretischer Diskurs ist; ob er neue Objekte konstruiert und neue Problembereiche erschließt. Wenn das der Fall ist, sollten die zahlreichen, oft unvermeidlichen Lücken, die er aufweist, nicht sofort eine Falsifizierung rechtfertigen. Es leuchtet also ein, weshalb Lakatos vorschlägt, man solle das gesamte Forschungsprogramm beurteilen und ihm eine Chance geben, sich zu bewähren.
      Sein Gedanke wurde in abgewandelter Form allerdings schon von Otto Neurath vorgebracht, dessen Enzyklopädie-Begritf sich mit Lakatos' Bezeichnung Forschungsprogramm überschneidet: Neurath kann sich vorstellen, daß ein erfolgreicher Forscher auch eine eindeutig falsifizierende Hypothese vorerst beiseite schiebt, 'weil er sie auf Grund sehr allgemeiner ernster Ãœberlegungen für ein Hemmnis der Wissenschaftsentwicklung hält, die schon zeigen werde, wie dieser Einwand zu widerlegen sei. Mag solcher Entschluß auch schwerfallen, durch Poppers Grundtendenz, immer Ausschnitte als falsifizierende Größen und nicht die gesamte Enzyklopädie im Auge zu haben, wird er jedenfalls nicht unterstützt."6
Das Hauptproblem des 'sophisticated falsificationism" scheint mir darin zu bestehen, daß es viel schwieriger ist, ein ganzes Theorienkomplex kritisch zu überprüfen, als einzelne Theorien oder ein klar formuliertes Theorem zu testen. Ich halte es beispielsweise für unergiebig, den gesamten Kritischen Rationalismus, den Althusserschen Marxismus oder die Greimassche Semio-tik als 'Forschungsprogramme" global beurteilen oder gar 'falsifizieren" zu wollen.
      In diesem Zusammenhang fällt es mir auch schwer, an Lakatos' Unterscheidung zwischen 'progressiven" und 'degenerierenden" Forschungsprogrammen zu glauben: 'Ein Forschungsprogramm ist erfolgreich, wenn all dies zu einer progressiven Problemver
Schiebung führt; erfolglos, wenn es zu einer degenerierenden Problemverschiebung führt." Abermals stellt sich hier die diskurskritische Frage: 'Wer spricht?" Wem stellt sich ein Forschungsprogramm als 'progressiv" oder 'degenerierend" dar?
Bei Lakatos selbst zeigt sich an entscheidenden Stellen, daß zumindest sozialwissenschaftliche Programme nicht primär nach theoretischen, sondern nach ideologischen Kriterien beurteilt werden. Unüberhörbar meldet sich der Soziolekt des Kritischen Rationalismus zu Won, wenn Lakatos, der den progressiven Charakter eines Forschungsprogramms mit dessen Fähigkeit verknüpft, genaue Voraussagen zu machen, pauschal feststellt: 'Hat der Marxismus beispielsweise jemals mit Erfolg eine verblüffend neue Tatsache vorausgesagt? Nie!"6' Abgesehen davon, daß es naiv ist, 'den Marxismus" oder 'den Freudismus" für homogene Forschungsprogramme zu halten , und daß hier ein monologischer Diskurs zu Wort kommt, dessen Frage-und-Antwort-Spiel dem des Sprachwissenschaftlers Stalin gar nicht unähnlich ist , zeigt sich hier, wie sehr der ideologische Faktor die Argumentation steuert. Ãœber den 'progressiven" oder 'degenerierenden" Charakter eines Forschungsprogramms entscheiden häufig die ideologischen Wertsetzungen und Erfahrungen einer Wissenschaftlergruppe — und nicht so sehr Fortschritte im Bereich von Poppers 'dritter Welt", wie Lakatos meint. Hier gilt: Je größer die kritisierte diskursive Einheit, desto stärker die ideologischen Interferenzen.
      In diesem und im nächsten Abschnitt soll deshalb gezeigt werden, daß die diskursiven Einheiten, die miteinander verglichen und kritisch beurteilt werden, kleiner und konkreter sein müssen als Lakatos' research programmes. Konkreter und leichter vergleichbar sind Objektkonstruktionen , die sich überschneiden oder ergänzen können; kleiner sind die Theoreme oder diskursiven Sequenzen, mit deren Hilfe Objekte konstruiert werden, und auf die ich im nächsten Abschnitt eingehen will.
      Dennoch möchte ich an Lakatos' und vor allem Neuraths Gedanken festhalten, daß immer dann, wenn Theorien und Theoreme beurteilt werden sollen, der Kontext, in dem sie entstanden sind, mitberücksichtigt werden muß. Dieser Kontext weist im wesentlichen zwei Komponenten auf: die sozio-linguistische Situation und den Soziolekt. In beiden wirken ideologische und theoretische Faktoren zusammen.
      'Mitberücksichtigen" bedeutet hier reflektieren: Wenn in einem interdiskursiven Gespräch Theorien und Theoreme kritisch überprüft werden, so ist immer wieder zu fragen, in welchem Soziolekt und in welcher sprachlichen Situation sie entstanden sind und welche Positionen und Interessen sie artikulieren: Es ist notwendig, daß die Gesprächsteilnehmer ihre Einstellung zum eigenen Diskurs sowie zu 'fremden" theoretischen undideologischen Soziolekten reflektieren. Nur so können sie, meine ich, hoffen, ihre gegenseitigen Objektkonstruktionen zu verstehen und festzustellen, wo der Konsens aufhört und der Dissens anfängt. Denn sie werden immer wieder erkennen, daß sie trotz der Verwendung identischer Bezeichnungen von verschiedenen Objekten sprechen.
      Diese Objekte kommen als Objektkonstruktionen durch diskursive Verfahren heterogener Soziolekte zustande. In den Sozialwissenschaften sind diese Soziolekte nie ideologiefrei. Dies meint auch Paul Feyerabend, wenn er etwas ungenau, d. h. ohne den Konstruktionsvorgang zu berücksichtigen, zu den Gegenständen der Theorie bemerkt: 'Theorien werden durch Tatsachen geprüft und möglicherweise widerlegt. Tatsachen enthalten ideologische Bestandteile, ältere Anschauungen, die aus dem Gesichtskreis verschwunden oder nie ausdrücklich formuliert worden sind. Solche Bestandteile sind höchst verdächtig. Erstens wegen ihres Alters und ihrer unklaren Herkunft: wir wissen nicht, warum und auf welche Weise sie einmal eingeführt worden sind; zweitens, weil gerade ihre Eigenart sie vor einer kritischen Prüfung schützt und stets geschützt hat."
Tatsachen enthalten nicht nur ideologische Bestandteile, sondern sind theoretisch und ideologisch im allgemeinen und häufig im restriktiven Sinne: etwa die 'Tatsache", daß 'der Marxismus" nie mit Erfolg etwas Neues vorausgesagt hat. Anders gesagt: Tatsachen und Objekte der Sozialwissenschaften sind theoretisch-ideologische Konstruktionen, die mit Hilfe der im zweiten Teil beschriebenen semantischen, syntaktischen und narrati-ven Verfahren zustande kommen. Dabei sind ideologisch motivierte Relevanzkriterien, Klassifikationen, Aktantenmodelle und narrative Sequenzen nicht nur wegen ihres 'Alters" verdächtig, sondern weil sie häufig ideologische Verfahren im restriktiven Sinne zeitigen: Dichotomien, negative Konnotationen, Monologe, Naturalismen. — Schließlich gibt es auch neue Ideologien, deren Verfahren unbewußt bleiben . . .
      Feyerabend hat recht, wenn er fordert, daß die Herkunft von Tatsachen oder Objektkonstruktionen geklärt werden muß: Es gilt herauszufinden, wie eine Tatsache im Rahmen eines Soziolekts zustande kam: Welche diskursiven Verfahren sind dafür verantwortlich, daß eine psychoanalytische, funktionalistische, wissenssoziologische oder marxistische 'Tatsache" so und nicht anders beschaffen ist? Um diese Frage zu konkretisieren, möchte ich noch einmal auf den bereits zitierten Satz Max Webers aus Wirtschaft und Gesellschaft eingehen: 'Es ist in diesem rein empirischen und wertfreien Sinn allerdings die spezifisch schöpferische', revolutionäre Macht der Geschichte." Konstruiert wird hier das Objekt: 'Charisma als Triebfeder der historischen Entwicklung". In einem interdiskursiven Dialog kommt es zunächst nicht auf die Frage an, ob diese These stimmt oder nicht, sondern auf den sprachlichen Kontext, aus dem sie hervorging.
      Dabei geht es natürlich nicht darum, sie mit Hilfe eines genetischen Arguments zu disqualifizieren. Im Gegenteil, es kommt daraufan, sie besser zu verstehen: zu verstehen, daß Weber, ausgehend von einer spätliberalen, individualistischen Ideologie, versucht, den historischen Prozeß vorwiegend mit Hilfe von individuellen Aktanten zu erzählen. Die Tatsache, daß sich hier eine Ideologie im allgemeinen Sinn im Aktantenmodell niederschlägt, steht einem fruchtbaren Dialog nicht im Wege: Wie Pierre Ansart glaube ich, daß Ideologien Theorien nicht immer behindern, sondern häufig zu Triebfedern der theoretischen Suche werden können.
Webers Gesprächspartner sollten in diesem Fall nicht nur — wie es manchen Marxisten in der Vergangenheit taten — eine Ideologie wittern, sondern sich fragen, was im Rahmen des Weberschen Aktantenmodells erklärt werden kann und was nicht. Unbefriedigend ist in diesem Zusammenhang sicherlich der monologische Einwand, Geschichte werde nicht von Individuen, sondern von Gruppen oder gar von 'Massen" gemacht. Sinnvoller scheint mir die Frage zu sein, auf welchen diskursiven Ebenen die Modelle Durkheims oder Marxens Webers Modell ergänzen. Bleibt die These, derzufolge Gruppen oder Klassen für historische Veränderungen verantwortlich sind, nicht unbefriedigend, solange die Funktion von Individuen und von Organisationen nicht analysiert wurde? Wäre es nicht möglich zu zeigen, wie individuelle und kollektive Akteure und Aktanten interagieren und wie z.B. Lenin als charismatisches Individuum auf intellektuelle, proletarische, bürgerlich-liberale und bäuerliche Gruppen einwirkte?
Mir geht es hier nicht um eine Beantwortung dieser Fragen, sondern um die Ãœberlegung, daß auch heterogene Objektkonstruktionen unter bestimmten Bedingungen kommensurabel und sogar kombinierbar sind: unter der Bedingung, daß ihre Entstehung in bestimmten ideologisch-theoretischen Soziolekten reflektiert wird und daß die diskursive Ebene bestimmt wird, auf der die beiden Konstruktionen verglichen werden. Im vorliegenden Fall war es die aktantielle Ebene; in anderen Fällen kann es hauptsächlich um die Ebene der Relevanzkriterien und Klassifikationen gehen oder um die des Aussagesubjekts.
      Die Frage nach der Kommensurabilität von heterogenen Diskursen und ihren Objektkonstruktionen sollte also neu gestellt werden, und zwar so, daß sie sich auf klar identifizierbare diskursive Ebenen und Verfahren bezieht. Ist ein solcher Bezug nicht eindeutig gegeben, kommt es immer wieder zu Mißverständnissen oder gar zu einem Taubstummendialog, wie z. B. im Szientismusstreit zwischen Adorno, Habermas, Albert, Popper u. a. In dieser Auseinandersetzung, mit der ich mich im 9. Kapitel ausführlicher befaßt habe, wurde weder die Frage nach der Objektkonstruktion noch die komplementäre Frage nach deren Verankerung in einem Soziolekt aufgeworfen.
      Dieser Frage schiebt gleich zu Beginn des Sammelbandes Adornos naive Bemerkung einen Riegel vor: 'Ob jedoch soziale Theoreme einfach oder komplex sein müssen, darüber entscheiden objektiv die Gegenstände." Dieser Satz ist ideologisch im restriktiven, im naturalistischen Sinne: nicht nur weil sein Aussagesubjekt die Objektkonstruk-tion unterschlägt und die potentiellen Referenten usurpiert , sondern auch deshalb, weil er Adornos eigene Objektkonstruktion verdeckt.
      Diese hat historischen Charakter, denn die zentrale Frage, an die er bei Marx anknüpft, lautet, 'ob die kapitalistische Gesellschaft durch ihre eigene Dynamik zu ihrem Zusammenbruch getrieben wird oder nicht." Diese Frage, die aus einem historischen Diskurs hervorgeht, ist nicht ohne weiteres mit der Frage der kritischen Rationalisten nach der Falsifizierbarkeit von Theorien, die aus dem nar-rativen Programm 'Theoriebildung" hervorgeht, zu vergleichen. Indem Adorno die beiden Fragestellungen unmittelbar aufeinander bezieht und behauptet, auch nicht-falsifizierbare Theorien könnten wesentlich sein, vergleicht er narrative Programme und vor allem Objektkonstruktionen, die kaum zu vergleichen sind: Der Gegenstand 'Theoriebildung" ist dem Gegenstand 'historische Entwicklung des Kapitalismus" inkommensurabel.
      Ihre Inkommensurabilität hängt nicht so sehr mit den heterogenen Positionen des Kritischen Rationalismus und der Kritischen Theorie zusammen, sondern eher mit der Tatsache, daß hier verschiedene diskursive Ebenen und Objektkonstruktionen durcheinandergeraten. In diesem Zusammenhang ist Hans Alberts 'Kleines verwundertes Nachwort zu einer großen Einleitung" zu lesen; vor allem sein Einwand, 'daß Adorno sich die Sache etwas zu leicht gemacht hat, denn der kritische Rationalismus, der hier mitgetroffen werden soll, ist keineswegs eine apolitische Philosophie, wie er es seinen Lesern suggeriert."

   Es käme darauf an, im Bereich der Objektkonstruktion vergleichbare Diskursebenen aufeinander zu beziehen. Sowohl in der Kritischen Theorie als auch im Kritischen Rationalismus spielen historisch-politische 'Erzählungen" eine Rolle, die im ersten Fall von den komplementären semantischen Gegensätzen Individuum /Kapitalismus und Individuum / Totalitarismus, im zweiten Fall vom Gegensatz Individuum /Totalitarismus ausgehen. Obwohl sich die beiden Erzählungen an wesentlichen Stellen überschneiden , divergieren sie schon in ihren semantischen Grundlagen, u. a. deshalb, weil die kritischen Rationalisten den Gegensatz Individuum/Kapitalismus anscheinend nicht für relevant halten. Im Sziemismusstreit wäre es, meine ich, sinnvoll gewesen, die voneinander abweichenden und politisch motivierten Relevanzkriterien zur Sprache zu bringen, um zu zeigen weshalb die kritischen Rationalisten die gesellschaftliche Entwicklung anders erzählen als die Vertreter der Kritischen Theorie: Glauben sie nicht, daß die Konzentration des Kapitals — etwa in den Medien — und die staatlichen Interventionen die individuelle Autonomie bedrohen? Weshalb nicht? — Solche Fragen hätten die historischen Erzählungen der beiden Soziolekte aufeinander bezogen und die Objektkonstruktionen 'Entwicklung des Kapitalismus" kommensurabel gemacht.

     
Ausgehend von der sozio-historischen Ebene des Diskurses, hätten die Gesprächspartner vielleicht auch die Objektkonstruktionen im Bereich der 'Theoriebildung" vergleichen und kritisch überprüfen können. Sowohl der Theoriebegriff Adornos als auch der Poppers können mit den gesellschaftlichen 'Erzählungen" der beiden Autoren verknüpft werden: Während Poppers Wechselbeziehung von bold conjectures und refutatwns als prozeßhafte Verwirklichung der individuellen Freiheit im begrifflichen Bereich betrachtet werden kann, spricht Adornos Konzept einer mimetischen, nicht-theoretischen Theorie dem herrschaftsverbundenen begrifflichen Systemdenken das Mißtrauen aus. Die beiden Begriffe sind von den beiden sozio-historischen Erzählungen, von Poppers individualistischer Zuversicht und Adornos Skepsis der liberal-individualistischen Ideologie gegenüber, nicht zu trennen.
Es kommt hier nicht darauf an, einen — meiner Meinung nach unmöglichen — Konsens zwischen den beiden Gruppen herbeizuführen, sondern zu zeigen, daß auch heterogene Soziolekte kommensurabel sind — unter der Voraussetzung allerdings, daß nicht diskursive Ebenen und ganze Objektkonstruktionen durcheinandergeraten. Kuhn hat zwar durchaus recht, wenn er zum Problem der Inkommensurabilität bemerkt: 'Jede Gruppe verwendet ihr eigenes Paradigma zur Verteidigung eben dieses Paradigmas." Paraphrasierend ließe sich sagen: Jede Gruppe verwendet ihren eigenen Soziolekt und ihre eigenen diskursiven Verfahren zur Verteidigung eben dieses Soziolekts und dieser diskursiven Verfahren. Eine generelle 'Inkommensurabilitätsthese" folgt daraus mitnichten, zumal, wie John Watkins richtig bemerkt, zwei einander widersprechende Theorien nicht inkommensurabel sein können.
     
   Es kommt hinzu, daß heterogene Soziolekte miteinander in der Vergangenheit kombiniert wurden. Als besonders aufschlußreiches Experiment sei hier lediglich das zu wenig beachtete Buch von Carlos Castilla del Pino erwähnt, dessen Autor in seinem Vergleich von Marxens und Freuds Theorien ganz zu Recht von der axiologischen, von der Wertproblematik ausgeht und die Frage nach der Vergleichbarkeit der beiden Theorien von der Vergleichse/«we abhängig macht. Mir kam es hier darauf an zu zeigen, daß diese Vergleichsebenen diskursiven Charakter haben und so genau wie möglich zu beschreiben sind.
      Ihre Beschreibung wird immer wieder zeigen, daß der interdiskursive Dialog ständig zwischen den Polen der Konvergenz und der Diskrepanz oszilliert und daß Interferenz oder diskursive Ãœberschneidung die Regel ist. Obwohl 'Kritik", 'Offenheit" und 'individuelle Autonomie" im Kritischen Rationalismus und in der Kritischen Theorie Verschiedenes bedeuten, sind sie nicht inkommensurabel, denn die beiden Soziolekte können als sekundäre modellierende Systeme auf das primäre modellierende Sy-stem bezogen werden, aus dem sie hervorgegangen sind: auf die natürliche Sprache. Auf die Beziehung zwischen Soziolekten trifft deshalb nicht zu, was Barry Barnes über die Inkommensurabilität von Kuhns Paradigmen schreibt: 'Es steht keine geeignete Skala zur Verfügung, mit deren Hilfe die Verdienste verschiedener Paradigmen abgewogen werden könnten: Sie sind inkommensurabel."
Im folgenden Abschnitt möchte ich zeigen, welche Rolle der natürlichen Sprache im interdiskursiven Vergleich zufällt und welche Bedeutung interdiskursiven Theoremen als wesentlichen Komponenten der Objektkonstruktion im Hinblick auf die dialogische Einheit der Sozialwissenschaften zukommt. Im Mittelpunkt steht die These, daß gerade die häufig beklagte Heterogenität der theoretischen Sprachen dialektisch in ihr Gegenteil umschlagen kann: in interdiskursiven Konsens und in eine Stärkung der dialogischen Einheit der Sozialwissenschaften.

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Vergleichbarkeit  Kritik  interdiskursiven  Prozeß    





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