Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Im zehnten Kapitel ging ich kurz auf die Beziehungen zwischen Dialektik und Dialog ein, um anzudeuten, daß nur eine offene und sich selbst kritisch reflektierende Theorie einen Dialog zu begründen ver
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Paradigma und Soziolekt



Im folgenden möchte ich ausführlicher auf den Paradigma-Begriff eingehen, um anschließend zu zeigen, daß er aufgrund seines exklusiven, hermetischen Charakters, der die In-kommensurabilitätsthese begründet, in der sozialwissenschaftlichen Diskussion nicht sehr fruchtbar ist. Als Alternative schlage ich den Soziolekt-Begriff vor, der sowohl soziologische als auch semiotische Aspekte aufweist. Dabei gilt es, zwei für mich wesentliche Tatsachen zu berücksichtigen: erstens, daß Gruppen von Sozialwissenschaftlern zugleich ideologische Kollektive sind, deren Auseinandersetzungen nicht ausschließlich den theoretischen Diskurs zum Gegenstand haben; zweitens, daß Wissenschaftler nicht mit Hilfe von 'Sprachen" oder 'Terminologien", sondern in oft heterogenen Diskursen miteinander kommunizieren. Es wird sich herausstellen, daß Kuhn, der keine Definition der 'Ideologie" anbietet und auf die sprachlichen Aspekte des Paradigma-Begriffs nur sporadisch eingeht, sowohl die Ideologie- als auch die Sprachproblematik, die dieser Terminus mit sich bringt, vernachlässigt.

      Obwohl sein Schlüsselbegriff in der Geschichte der Naturwissenschaften neue Erkenntnisse ermöglicht, ist er nicht unproblematisch, zumal Margaret Masterman in ihrer vielzitierten Studie nachweisen konnte, daß er in Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen auf 21 verschiedene Arten verwendet wird. Aus diesen 21 oder mehr Varianten des zunächst schillernden Terminus kristallisieren sich im Anschluß an die Lektüre von Kuhns 'Postskriptum 1969", seinen 'Reflections on my Critics" und seinen 'Neuen Ãœberlegungen zum Begriff des Paradigma" zwei mögliche Grunddefinitionen des Begriffs heraus, von denen die erste soziologischen oder wissenschafisexternen und die zweite wissenschaftsphilosophischen oder wissenscbafisinternen Charakter hat und mindestens drei Aspekte aufweist .
      Der soziologische Aspekt des Kuhnschen Paradigmas tritt am klarsten in dem letzten der hier zitierten drei Texte in Erscheinung: 'Ein Paradigma ist das, was den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, und nur ihnen, gemeinsam ist. Umgekehrt macht der Besitz eines gemeinsamen Paradigmas aus einer Gruppe sonst unverbundener Menschen eine wissenschaftliche Gemeinschaft." Die Tautologie, die diesen beiden Sätzen zugrunde liegt, würde sich auflösen, wenn Kuhn das 'Paradigma" nicht mit Bezug auf die Gruppe und diese wiederum mit Bezug auf das gemeinsame wissenschaftliche Paradigma definieren würde. Diese zirkuläre Definition ist — zumindest in der Soziologie — nicht unvermeidlich, denn eine Gruppe von Theoretikern wird in den meisten Fällen auch durch ideologische Faktoren zusammengehalten: Im 5. und 9. Kapitel habe ich bereits darauf hingewiesen, daß z. B. der Kritische Rationalismus auf Ideo-logemen wie 'Konkurrenz", 'Marktwirtschaft", 'Individualismus" etc. gründet; alle Mitglieder der Althusser-Gruppe bekannten sich in den sechziger und siebziger Jahren zu bestimmten Ideologemen des Marxismus-Leninismus, und die meisten von ihnen waren, wie Althusser selbst, aktive Mitglieder der KPF In beiden Fällen scheint es also möglich zu sein, die Homogenität der Gruppe und ihres Sprachgebrauchs aus nichtwissenschaftlichen, ideologischen Faktoren abzuleiten.
      Mit Recht setzt sich Kuhn in seinem Aufsatz 'Die Wissenschaftsgeschichte" für eine Vermittlung des vorherrschenden 'wissenschaftsinternen" mit einem 'wissenschaftsexternen" Ansatz ein: ' Der ,wissenschaftsexterne Ansatz' beschäftigt sich mit der Tätigkeit der Wissenschaftler als einer sozialen Gruppe innerhalb einer größeren Kultur. Die Integration der beiden Ansätze ist zur Zeit vielleicht die größte Aufgabe des Faches, und es mehren sich die Zeichen, daß sie in Angriff genommen wird." In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage nach der Einwirkung ideologischer Faktoren auf die Fachsprachen der Wissenschaft auf.
      Daß es eine solche Einwirkung in den Sozialwissenschaften — vor allem in der Soziologie — gibt, sollte hier im 9. Kapitel plausibel gemacht werden. Obwohl auch Kuhn sporadisch auf die Bedeutung sozialer und ideologischer Faktoren eingeht27, bleibt beiihm zweierlei unklar: mit welchem Ideologiebegriff er arbeitet und welche Rolle Ideologien in der von ihm dargestellten Entwicklung einiger Naturwissenschaften spielen.-Da mir klar ist, daß ein Autor nicht alle Begriffe, die er z. T. peripher verwendet, definieren kann, hätte mich vor allem letzteres interessiert: Wirken Ideologien nicht nur auf die Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden und Ergebnisse, sondern auch auf die Diskurse der Naturwissenschaften ein? In der Einleitung zum dritten Teil habe ich versucht, auf diese Frage zu antworten. Kuhn bleibt dem Leser trotz der soziologischen Ausrichtung seiner Arbeiten eine Antwort schuldig.'
Diese Lücke ist wahrscheinlich nicht ausschließlich in bezug auf sein persönliches Interesse zu erklären, sondern auch im Zusammenhang mit der spezifisch naturwissenschaftlichen Problematik, die alle seine Publikationen beherrscht. Wenn meine Hypothese, daß Ideologien nicht auf den naturwissenschaftlichen Diskurs selbst einwirken, zutrifft, dann spielen ideologische Motive bei der Entstehung von Naturwissenschaftler-Gruppen — anders als im Bereich der Sozialwissenschaften — vielleicht keine oder nur eine sekundäre Rolle. Diese Ãœberlegung würde erklären, weshalb das Ideologieproblem in keiner Publikation Kuhns in den Mittelpunkt gerückt wird.
      Zentral ist hingegen die wissenschaftsinterne Entwicklung, auf die sich die drei anderen Aspekte des Paradigma-Begriffs beziehen, die Kuhn alle dem später geprägten Begriff disziplinare Matrix subsumiert: 'Ich möchte sie als symbolische Verallgemeinerungen, Modelle und Musterbeispiele bezeichnen." Dem Leser fällt auf, daß diese drei Aspekte des Paradigma-Begriffs den Konsens der Wissenschaftlergemeinschaft artikulieren: 'Symbolische Verallgemeinerungen sind diejenigen Ausdrücke, die von der Gruppe ohne Zögern angewandt werden und sich leicht auf eine logische Form wie bringen lassen. Es sind die formalen oder leicht formalisierbaren Bestandteile der disziplinaren Matrix." Kuhns Bemerkungen zum 'Modell" und zum 'Musterbeispiel" bestätigen die Vermutung, daß bei ihm durchgehend von einer homogenen Wissenschaftlergruppe die Rede ist, in der ideologische Konflikte und Barrieren keine Rolle spielen: 'Modelle liefern der Gruppe bevorzugte Analogien oder, wenn sie von großer Ãœberzeugung getragen sind, eine Ontologie. Musterbeispiele schließlich sind konkrete Problemlösungen, die von der Gruppe in einem ganz gewöhnlichen Sinne als paradigmatisch anerkannt sind. Viele von Ihnen werden schon erraten haben, daß der Ausdruck ,Musterbeispiel' ein neuer Name für die zweite und grundlegendere Bedeutung von ,Paradigma' in meinem Buch ist."
'Paradigma" als 'disziplinare Matrix" bezeichnet also den in einer Disziplin allgemein anerkannten Kom-plex von Gedanken und Praktiken, die innerhalb einer bestimmten Zeitspanne in ihrer Gesamtheit die Normalwissenschaft oder normal science ausmachen. Mit Recht betont Kurt Bayertz die noetische Homogenität und den Universalkonsens, den die Annahme eines Paradigmas in einer bestimmten Wissenschaft mit sich bringt: 'Mit der Annahme des Paradigmas durch die Vertreter eines wissenschaftlichen Fachgebietes tritt noch ein zweiter Effekt ein: es verschwinden die konkurrierenden Schulen, und an ihre Stelle tritt eine einheitliche wissenschaftliche Gemeinschaft"'"
Hier soll nicht untersucht werden, ob dieser Zustand, den Kuhn als 'normal science" bezeichnet, der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit entspricht, ob es ihn, wie Popper in 'Normal Science and its Dangers" behauptet, gar nicht gibt und auch nicht geben sollte, weil Wissenschaft schon immer ein Prozeß von 'conjectures" und 'refutations" war. Ich will auch nicht der Frage nachgehen, ob Stephen Toulmin recht hat, wenn er meint, Kuhn habe im Laufe der Zeit sein Konzept revidiert und die Idee der großen Umwälzung oder Revolution, die dem Paradigma einer Normalwissenschaft ein jähes Ende bereitet, durch den Gedanken an eine 'permanente Revolution" ersetzt, wobei 'in aller Stille die zentrale Unterscheidung aufgegeben , von der die ganze Theorie ursprünglich ausgegangen war, nämlich die zwischen theoretischen Wandlungen innerhalb der Grenzen eines umfassenden Paradigmas und solchen, die mit der Verdrängung eines ganzen Paradigmas verbunden sind."

   Mir geht es um die Anwendbarkeit von Kuhns ursprünglichem Konzept auf die Sozialwissenschaften; und in dieses Konzept gehört neben der These über die Homogenität der Wissenschaftlergemeinschaft und den Universalkonsens im Hinblick auf die Normalwissenschaft der Gedanke, daß es ohne normal science keinen Paradigmawechsel, keine wissenschaftliche Revolution geben kann. Kuhn drückt diesen Gedanken in einer Antwort auf seine Kritiker aus: 'Bisher habe ich behauptet, daß wenn es Revolutionen gibt, auch Normalwissenschaft existieren muß. Freilich kann man sich mit Recht fragen, ob es beide überhaupt gibt." Mich interessiert hier nur der erste Satz; der zweite bezieht sich auf die Einwände Poppers und Toulmins und ist an sich nicht weniger wichtig.
      Denn wer den ersten Satz als Hypothese ernst nimmt, kann die Frage, ob der Paradigmabegriff und Ausdrücke wie 'Paradigmawechsel" auf die Sozialwissenschaften anwendbar sind, nicht bejahen. Da es in den Sozialwissenschaften keine normal science gibt, kann es dort auch keine allgemein verbindlichen Paradigmen oder gar Paradigmawechsel geben. Von Kuhns Darstellungen der Normalwissenschaft trifft keine auf die Lage der Sozialwissenschaften zu: 'Wenn in der Entwicklung einer Naturwissenschaft ein einzelner oder eine Gruppe erstmalig eine Synthese hervorbringt, die in der Lage ist, die meisten Fachleute der nächsten Generation anzuziehen, verschwin-den allmählich die alten Schulen. Zum Teil wird ihr Verschwinden durch den Ãœbertrit: ihrer Mitglieder zum neuen Paradigma verursacht."

   In den Sozialwissenschaften sieht die Lage anders aus: Die alten Schulen verschwinden keineswegs, sondern passen ihre Terminologien, ihre Diskurse der neuen sozio-linguistischen Situation an und stellen sich auf die neuesten ideologischen Auseinandersetzungen ein: Die Funktio-nalisten und Psychoanalytiker auf die marxistische oder kritisch-rationalistische Kritik. die Marxisten auf die Auseinandersetzung mit dem Kritischen Rationalismus oder der Kritischen Theorie. Der ideologische Spaltpilz sorgt dafür, daß nicht einmal auf marxistischer Seite eine homogene Wissenschaftlergruppe und eine Normalwissenschaft entstehen können.
      Man könnte angesichts dieser Situation von einer 'permanenten Revolution" im Sinne von Toulmin sprechen38, von einer multi-paradigm science mit Margaret Masterman'" oder von einem 'vorparadigmatischen Zustand" der Soziologie, der Psychoanalyse oder der Literaturwissenschaft. Zwar ähnelt die Lage der Sozialwissenschaften dem von Kuhn beschriebenen revolutionären Zustand einer Naturwissenschaft: Es bilden sich konkurrierende Schulen und Theorien, die sich radikal voneinander unterscheiden können. Aber bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, daß dem Ausdruck 'permanente Revolution" im Kuhnschen Kontext Widersinn anhaftet: Wo es keine normal science gibt, kann es keine Revolution geben. In diesem Kontext erscheint auch der Gedanke an eine 'multiple-paradigm science" als in sich widersprüchlich, da ja die Normalwissenschaft durch die Monopolstellung eines einzigen Paradigmas gekennzeichnet ist. Diese Stellung kann nur durch hartnäckige Anomalien untergraben werden, die sich im Rahmen des dominierenden Paradigmas nicht beseitigen lassen. Solche Anomalien und Versuche, sie zu überwinden, werden also zu Triebfedern wissenschaftlicher Revolutionen.
      Die Dynamik der Sozialwissenschaften scheint eine andere zu sein: Die Triebfeder ihrer Entwicklung ist nicht die Anomalie, sondern die Ideologie als Reaktion auf neue Bedürfnisse, auf neue gesellschaftliche und sprachliche Situationen. Nicht nur der Marxismus, sondern auch die Soziologien Durkheims, Tönnies', Alfred und Max Webers entstanden als Reaktionen auf die sozialen Krisen des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende. Die Psychoanalyse könnte parallel zum Roman der Jahrhundertwende, parallel zur Kritischen Theorie als eine Reaktion auf den Niedergang des liberalen Individualismus aufgefaßt werden. In der zeitgenössischen Gesellschaft ist täglich zu beobachten, wie ökologische, öko-sozialistische und feministische Strömungen die Soziologie, die Psychoanalyse und die Literaturwissenschaft erneuern: Der Ausdruck 'ecriture feminine", der in allen drei Bereichen eine Rolle spielt, mag als Beispiel genügen.*- Er zeigt, daß die 'Anomalien" der Sozialwissenschaften ideologischer Art sind: Es geht etwa um die Tatsache, daß die von Männern verfaßten Literaturgeschichten als 'Erzählungen" Schriftstellerinnen einen eher bescheidenen Platz zuweisen.
      Anders gesagt, in den Sozialwissenschaften geht es nicht um monolithische, systematische Paradigmen, die durch das Auftreten von Anomalien gesprengt werden, sondern um ständig sich erneuernde Auseinandersetzungen zwischen Soziolekten. Wenn beispielsweise S. N. Eisenstadt und M. Curelaru in ihrem Buch The Form of Soaology — Para-digms and Crises versuchen, den Paradigma-Begriff auf die Soziologie anzuwenden und von einem 'individualistic" und einem 'Marxist paradigm" sprechen, so zeigen sie nur, daß sie es mit ideologisch-theoretischen Erscheinungen und nicht mit wissenschaftlichen Paradigmen im Sinne von Kuhn zu tun haben. Den ideologischen Charakter ihres eigenen Diskurses bestätigen sie, ohne es zu beabsichtigen, spätestens dann, wenn sie im Rahmen ihres globalen semantischen Gegensatzes zwischen 'open" und 'closed-system approaches" pauschal feststellen: 'Aber Marxens Betrachtungsweise und noch mehr die seiner Anhänger wies die Schwächen der geschlossenen Systembetrachtung auf." Abgesehen davon, daß Marxens Philosophie im Gegensatz zum Hegeischen System immer wieder als 'offen" bezeichnet wurde4-, klingt in der Argumentation der beiden Autoren, in der die Soziologie als eine multi-paradigm science dargestellt wird, unterschwellig die Polemik aus Poppers The Open Society and its Enemies mit.
      Auch Jürgen Habermas verwendet nicht wirklich den Kuhnschen Paradigma-Begriff, wenn er — ähnlich wie die amerikanischen Autoren — von einer Koexistenz der Paradigmen in der Soziologie ausgeht: 'Die Originalität der großen Gesellschaftstheoretiker wie Marx, Weber, Durkheim und Mead besteht, wie in den Fällen Freud und Piaget, darin, daß sie Paradigmen eingeführt haben, die in gewisser Weise heute noch gleichberechtigt konkurrieren." Wie können aber 'Paradigmata" ein gutes halbes Jahrhundert lang koexistieren? Werden hier nicht die drei Kuhnschen Schlüsselbegriffe, die nicht zu trennen sind, ad absurdum geführt?
Da die Sozialwissenschaften ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind, haben in letzter Zeit auch verschiedene Literaturwissenschaftler versucht, den Paradigma-Begriff für ihre sehr heterogenen Vorhaben fruchtbar zu machen: die einen, um zu zeigen, daß die Literaturwissenschaft sich langsam aber sicher auf ein neues Paradigma zubewegt, die anderen, um aus ihr eine normal science zu machen. Im folgenden gehe ich nur auf die erste Gruppe ein, die sich durch großzügige Entwürfe besonders hervorgetan hat.
      Zu ihr gehört der Romanist Hans Robert Jauß, der in seinem Artikel 'Paradigmawechsel in der Literaturwissenschaft" 'das Schema von Thomas S. Kuhn" verwendet, 'um die Methoden der Literaturwissenschaft kurz zu charakterisieren". Seiner Ansicht nach ist es möglich, in der Literaturwissenschaft drei Paradigmen zu unterscheiden: das in der Renaissance entstandene 'klassische" Paradigma, in dem 'die Antike als Vorbild und Normensystem" erscheint; das 'romantische" Paradigma des Historismus und schließlich die 'werkimmanente Ästhetik", die Jauß zufolge zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Jauß glaubt, daß das 'werkimmanente" Paradigma die Phase seiner Erschöpfung erreicht hat: 'Das Ungenügen an der werkimmanent-formalistischen Methode ist unübersehbar."4* Angesichts des bevorstehenden Paradigmawechsels bietet er sein eigenes rezeptionsästhetisches Konzept an, das eine 'historisch-rezeptionsbezogene Analyse" sowie die 'Erprobung einer auf Wirkung bezogenen Ästhetik" zum Gegenstand hat. Der Impuls zum Paradigmawechsel in der Literaturwissenschaft ist seiner Ansicht nach dann gegeben, 'wenn ein Paradigma mit seiner methodischen Axiomatik nicht mehr das zu leisten vermag, was von der Literaturwissenschaft stets zu fordern ist."

   Was aber ist von der Literaturwissenschaft 'stets zu fordern", und wer fordert, wer spricht? Unverkennbar ist der teleologische Charakter des Jaußschen Diskurses, der auf eine rezeptionsästhetische Lösung hinausläuft, die auf semantischer Ebene vorprogrammiert war. Es geht um die Relevanzkriterien und die Klassifikationen, mit deren Hilfe das Aussagesubjekt die marxistische Ästhetik, die seit dem 19. Jahrhundert die werkimmanente, formalistische Interpretation in Frage stellt , dem zweiten, dem 'historisch-positivistischen Paradigma",zurechnet. Durch ein rhetorisches Manöver wird schließlich auch 'der Strukturalismus" als Anwärter auf das neue Paradigma disqualifiziert: 'Denn die neuen Schulen und Richtungen der Kritik, die unter dieses jetzt so modische Etikett gebracht werden oder sich selbst damit auszeichnen wollen, sind in ihrer Methodik und Tendenz noch ganz uneinheitlich."5:
Einheitlichkeit ist für die Konstitution eines Paradigmas und einer Normalwissenschaft sicherlich wesentlich: Wie einheitlich ist aber die Rezeptionstheorie? Von ihr gibt es bekanntlich empirisch-soziologische , hermeneutische Qauß), phänomenologische , stilistische psychoanalytische , semiotische und last but not least marxistische Varianten . . . Weit davon entfernt also, ein einheitliches Paradigma im Sinne von Kuhn zu begründen, ist die Rezeptionsforschung innerhalb von etwa zwei Jahrzehnten selbst der ideologischen Zersplitterung zum Opfer gefallen.
      Daß nicht innerwissenschaftliche Probleme oder Anomalien im Sinne der Physik, sondern Ideologien die eigentlichen Triebfedern literaturwissenschaftlicher Entwicklung sind, zeigt die Argumentation von Jauß selbst. Ganz zu Recht betont er, daß das zweite 'historisch-positivistische" Paradigma von den nationalen Bestrebungen des 19. Jahrhunderts nicht zu trennen ist und daß die 'werkimmanente Interpretation" der Nachkriegszeit als eine Reaktion auf die heteronome Literaturtheorie des Dritten Reiches zu verstehen ist. Ungeklärt bleibt indes der Status der nationalsozialistischen Literaturwissenschaft: Würden ihre Vertreter nicht den Anspruch erheben, ein radikal neues 'Paradigma", das über die werkimmanente Betrachtung hinausgeht, eingeführt zu haben? Fragt nicht der Romanist Walther Küchler im Jahre 1933 im Hinblick auf die Entwicklung der Philologien: 'Wie können die neueren Sprachen bei der Verwirklichung dieses revolutionären Ideals von heute mitwirken?" Es kann hier nicht darum geben, die Rezeptionsästhetik oder die marxistische Ästhetik auf einer Ebene mit der nationalsozialistischen abhandeln zu wollen. Es scheint aber auch nicht sinnvoll zu sein, die 'historisch-positivistische", die 'werkimmanente" und möglicherweise auch die rezeptionsorientierte Literaturwissenschaft als angehende oder potentielle Paradigmen zu bezeichnen, um sie sauber von der nationalsozialistischen Ideologie trennen zu können. Denn auch sie sind Ideologien im allgemeinen und oft sogar — wie Jauß' Text erkennen läßt — im restriktiven Sinn.
      Hier zeigt sich, wie irreführend es ist, im Zusammenhang mit der Literaturwissenschaft und anderen Sozialwissenschaften von 'Paradigmen" zu sprechen. Denn dieser Sprachgebrauch läßt zwei komplementäre Illusionen entstehen: erstens, daß es in einer Sozialwissenschaft jenseits der ideologischen Antagonismen ein allgemeingültiges, zeitweise von allen Wissenschaftlern akzeptiertes noetisches System geben kann 52; zweitens, daß Systemänderungen oder Paradigmawechsel nur durch wissenschaftsinterne Probleme oder Anomalien verursacht werden und nicht durch ideologische Faktoren. In beiden Fällen wird die Theorie von der Ideologie abgekoppelt; in allen Kapiteln dieses Buches habe ich zu zeigen versucht, daß eine solche Abkoppelung dem Verständnis der Theorie abträglich ist.
      Dies ist der Grund, weshalb hier im Anschluß an diese kurze Kritik soziologischer und literaturwissenschaftlicher Paradigma-Begriffe für den sozialwissenschaftlichen Bereich der 'Soziolekt" als Alternative zum 'Paradigma" vorgeschlagen wird. Im Gegensatz zu Kuhns Terminus, der sich auf die wertfreie Praxis der naturwissenschaftlichennormal science bezieht, ist die Bezeichnung Soziolekt sowohl auf theoretische als auch auf ideologische Gruppensprachen anwendbar: Der Soziolekt als Gruppensprache bildet den gemeinsamen Nenner von Ideologie und Theorie, deren Diskurse aus einem oder aus mehreren Soziolekten hervorgehen.
      Der im allgemeinen Sinn ideologische Charakter aller sozialwissenschaftlicher Kollektivsprachen ist für deren Partikularität verantwortlich. Anders als Kuhns Paradigmen begründen sie weder einen zeitlich begrenzten Universalkonsens noch eine aus diesem hervorgehende normal science. Sie sind dazu verurteilt, unablässig miteinander zu konkurrieren, einander zu kritisieren, einander intertextuell-parasitär aufzunehmen und miteinander in Symbiosen zu verschmelzen. Dies bedeutet aber, daß trotz aller monologischen Monopolansprüche, die zahlreiche Theorien — wie Ideologien — implizit oder explizit geltend machen, keine Theorie allzu lange eine Monopolstellung behaupten kann. In kurzer Zeit setzt sich das polemisch-kritische Nebeneinander wieder durch und der partikulare Charakter der sozialwissenschaftlichen Kollektivsprachen tritt zutage.
      Am konkretesten wird diese These wohl durch das Schicksal der Rezeptionsästhetik in der Literaturwissenschaft illustriert: Weit davon entfernt, ein allgemein verbindliches Paradigma und eine normal science begründet zu haben, wird sie im deutschen Sprachraum von Literatursoziologen, Marxisten und Vertretern der 'empirischen Literaturwissenschaft" angegriffen und relativiert. In Frankreich konnte sie in einer ganz anderen sozio-linguistischen Situation, in der Semiotik und Psychoanalyse dominieren, nicht richtig Fuß fassen: Es ist wohl kein Zufall, daß bei Gallimard nur ein Buch des Romanisten Jauß aufgelegt wurde und daß es bei einer Auflage blieb. In den Vereinigten Staaten hat sich aufgrund verschiedener Institutionalisierungsprozesse eher der Soziolekt der Dekonstruktion als der der Rezeptionsästhetik durchgesetzt.
     
   Welche Bedeutung haben diese Beobachtungen für die Anwendung des Soziolekt-Begriffs im theoretischen Bereich? Sie zeigen, daß es in diesem Bereich nicht zielführend ist, sich über den partikularen, ideologischen Charakter der Kollektivsprachen hinwegzusetzen und eine dieser Sprachen mit dem epitheton ornans 'Paradigma" oder 'wissenschaftliches Paradigma" zu zieren. Sie zeigen auch, daß dort, wo Konkurrenz, Polemik und Kritik an der Tagesordnung sind, die Alternative zur monolithischen und monologischen Illusion des 'Paradigmas" der Dialog zwischen Soziolekten, zwischen partikularen Gruppenstandpunkten ist.
      Ein solcher Dialog kann nur dann fruchtbar sein, wenn die verschiedenen Aspekte des Soziolekts thematisiert werden. Auch Kuhn geht auf den sprachlichen Charakter dernaturwissenschaftlichen Paradigmen ein , beschränkt sich aber auf den lexikalischen, terminologischen Aspekt und unterscheidet weder semantische noch syntaktische oder narrative Komponenten: Ãœber die gemeinsame Sprache als Bindeglied zwischen Mitgliedern wissenschaftlicher Gruppen schreibt er im Jahre 1976: 'Die Vertreter verschiedener Theorien sprechen verschiedene Sprachen — Sprachen, die verschiedene kognitive Positionen ausdrücken, die auf verschiedene Welten passen." Wie aber sind diese Kollektivsprachen auf lexikalischer, semantischer und narrativer Ebene beschaffen? Dazu heißt es in Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen: 'Die Lehrbücher sind darauf ausgerichtet, das Vokabular und die Syntax einer aktuellen wissenschaftlichen Sprache zu vermitteln."5' Mit Syntax ist hier eher die logische Argumentation gemeint; von semantischen und narrativen Verfahren ist nicht die Rede.
      Im folgenden möchte ich aufgrund der im 7. Kapitel gewonnenen Erkenntnisse zeigen, wie im theoretischen Bereich ein Dialog zwischen heterogenen Kollektivsprachen möglich ist. Dabei gehe ich von dem hier formulierten Gedanken aus, daß Sozialwissenschaftler nicht einen monologischen oder 'paradigmatischen", sondern einen dialogischen Theoriebegriff ins Auge fassen sollten.

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