Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Im zehnten Kapitel ging ich kurz auf die Beziehungen zwischen Dialektik und Dialog ein, um anzudeuten, daß nur eine offene und sich selbst kritisch reflektierende Theorie einen Dialog zu begründen ver
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» Ideologie und theorie
» Der interdiskursive Dialog
» Interdiskursive Theoreme

Interdiskursive Theoreme



Im vorigen Abschnitt war von den beiden Extremen die Rede, zwischen denen sich der interdiskursive Dialog bewegt: von der Konvergenz und der Diskrepanz. Für letztere gibt es Beispiele aus der Psychoanalyse, dem Kritischen Rationalismus und der Kritik der Politischen Ökonomie. Es wird kaum möglich sein, in der empirischen Psychologie, in der Kritischen Theorie oder in nicht-marxistischen Wirtschaftswissenschaften Äquivalente für die Begriffe 'Unbewußtes", 'Falsifizierbarkeit" oder 'Mehrwert" zu finden. Insofern herrscht Diskrepanz zwischen den verschiedenen Soziolekten, zumal die empirische Psychologie nicht nur den Begriff des 'Unbewußten" radikal in Frage stellt, sondern auch den Referenten: In ihrem Bereich gibt es kein Unbewußtes, und sie muß daher den Sinn empirischer Untersuchungen, die das Unbewußte zum Gegenstand haben, als sinnlos ablehnen. Ähnlich verhalten sich die Diskurse bürgerlicher Wirtschaftswissenschaftler zum Begriff des 'Mehrwerts", der als Objektkonstruktion unzertrennlich mit Marxens Theorie des Mehrprodukts sowie mit seiner Darstellung der Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus verbunden ist: Mehrwert als das den Arbeitern vorenthaltene Mehrprodukt gibt es in verschiedenen nicht-marxistischen Theorien nicht.

      Es ist deshalb nicht ohne weiteres möglich, das Problem des interdiskursiven Dialogs auf lexikalischer Ebene durch eine systematische Ãœbersetzung der Terminologien zu lösen. Eine solche Lösung schwebt G. Pasternack vor, der sich im Zusammenhang mit der Theoriebildung in der Literaturwissenschaft für den Aufbau eines metasprachlichen Begriffsapparats ausspricht, 'der eine theoriespezifische Ãœbersetzung oder Ãœbernahme von Grundbegriffen und zentralen Kategorien ermöglicht." Was geschieht jedoch, wenn ein Wirtschaftswissenschaftler den Mehrwert-Begriff und ein Psychologe den Begriff des Unbewußten als 'sinnlos" verabschieden? Was geschieht, wenn ein Vertreter der empirischen Literaturwissenschaft Greimas' Isotopie-Begriff als gegenstandslos ablehnt? In solchen Fällen führen lexikalische Verfahren der Ãœbersetzung oder Ãœbernahme nicht weiter; sie zeitigen einen fungiblen Eklektizismus, der sich verheerend auf die Kohärenz der Theorie auswirkt.
      Im zweiten Teil versuchte ich zu zeigen, daß Ideologien und Theorien semantische, syntaktische und narrative Konstrukte sind und deshalb nicht auf das lexikalische Repertoire oder auf einzelne Sätze reduziert werden können. Otto Neu-rath, der sich ausführlich mit dem Dialog 'zwischen verschiedenen Gruppen von Denkern" befaßt, scheint dieses Problem nicht zu berücksichtigen, wenn er im Zusammenhang mit seinem Konzept des 'Universaljargons" bemerkt: 'Wenn sich Leute dazu hergeben, mit mir das Problem des ,Universaljargons' zu erörtern, dann schlage ich vor, daß wir mit Ausdrücken beginnen, von denen wir annehmen, daß sie uns gemeinsam sind." Ausdrücke wie 'kritische Ãœberprüfung" oder 'sprachliche Kommunikation" sind zumeist jedoch vieldeutig, und die Tatsache, daß man sie gemeinsam verwendet, bedeutet nicht, daß man dasselbe meint. Deshalb möchte ich hier dafür plädieren, daß im interdiskursiven Dialog nicht isolierte Begriffe oder 'Sätze" miteinander verglichen und überprüft werden, sondern Theoreme, die häufig über den Satz hinausgehen, also transphrastischen Charakter haben, und für den Diskurs sowie für dessen Objektkonstruktion spezifisch sind. Anders gesagt: Die verglichenen Einheiten dürfen einerseits nicht so klein geraten, daß sie vieldeutig werden; sie dürfen andererseits nicht so umfangreich sein, daß sie eine ganze Ideologie ausdrücken.
      Als Beispiel kann hier die Objektkonstruktion 'Ideologie" angeführt werden. Die am 'Positivismusstreit" Beteiligten hätten sie zu einem ihrer Ausgangspunkte machen können, weil es im ideologiekritischen Bereich zwischen dem Kritischen Rationalismus und der Kritischen Theorie frappierende Konvergenzen gibt. Ähnlich wie die Anhänger der Kritischen Theorie, ähnlich wie die Textsoziologie, geht der Kritische Rationalismus von der Hypothese aus, daß die Ideologie ein dualistisches Schema ist, in welchem 'Leerformeln" eine entscheidende Rolle spielen, indem sie die ideologische Rhetorik gegen empirische Erfahrung immunisieren.
      An den folgenden Darstellungen von Ernst Topitsch und Kurt Salamun ist vom Standpunkt der Kritischen Theorie und der Textsoziologie nichts zu beanstanden: 'Im Zusammenhang mit ideologischen Denkweisen läßt sich nun immer wieder die Erfahrung machen, daß die Weltorientierung in erster Linie über ein starres bipolares, dichotomi-sches oder alternativisches Deutungsschema erfolgt, das auf möglichst alle gesellschaftlichen und politischen Phänomene, auch wenn sie noch so komplex sind, angewandt wird." Die Autoren sprechen von einem 'Freund-Feind-Verhältnis", und Topitsch ergänzt diese Darstellung in einer anderen Publikation, wenn er über die Funktion der
Leerformel schreibt: 'Auf diese Weise kommt eine ,doctrina perennis' zustande, die von allen Vorgängen in der empirischen Welt und von der Fortentwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis unabhängig ist, freilich um den Preis, daß ihre Sätze zu tautologischen Leerformeln werden."

   Auch ich gehe im zweiten Teil dieses Buches davon aus, daß Ideologie ein dualistisches narratives Schema ist, in dem mythische Aktanten als vieldeutige, empirisch 'leere" Einheiten eine wichtige Funktion erfüllen. Jemand der Hegels Satz aus der Phänomenologie des Geistes 'das Wahre ist das Ganze " wörtlich nimmt, könnte nun einwenden, meine Definition der Ideologie und des Dualismus seien nur im Zusammenhang mit meinen Begriffen der Dialektik und der Ambivalenz zu verstehen, und deshalb mit den Termini Topitschs, der den dialektischen Diskurs ablehnt, nicht zu vergleichen. Dieser Einwand ist zwar richtig, jedoch für mich kein Anlaß, am Dialog zu verzweifeln; er soll mich nicht daran hindern, das, was trotz der Heterogenität der Soziolekte konsensfähig ist, als interdiskursives Theorem hervorzuheben und empirisch zu überprüfen.
      Das interdiskursive Theorem, das Topitsch und mir gemeinsam ist, könnte etwa diese Form annehmen: Die Ideologie ist ein dualistisches Schema, das die in ihm vorkommenden handelnden Instanzen in Freunde und Feinde einteilt. Seine vieldeutigen Begriffe und Leerformeln immunisieren es gegen Kritik und empirische Ãœberprüfung und verwandeln es in ein geschlossenes System. Diese Definition bezieht sich vorwiegend auf die semantische und die aktantielle Ebene.
      Es ist zwar richtig, daß 'Ideologie" und 'Dualismus" bei Topitsch und in der Textsoziologie nicht als Synonyme behandelt werden können; ich meine aber, daß gerade die Heterogenität der beiden Diskurse, die hier aufeinander bezogen werden, ihre Interferenz in der Definition der 'Ideologie" interessant macht. Eine intradiskursive Interferenz oder gar Konvergenz von Theoremen wäre halb so wichtig: Es könnte sich ja um ein kollektives Vorurteil der Kritischen Theorie, des Kritischen Rationalismus, der Wissenssoziologie oder der Greimasschen Semiotik handeln.
      Wichtig scheint mir ferner die Tatsache zu sein, daß das hier formulierte interdiskursive Theorem nicht nur der Kritischen Theorie , der Textsoziologie und dem Kritischen Rationalismus gemeinsam ist, sondern auch von der Semiotik Ecos bestätigt wird. In seinen bekannten Untersuchungen über die James-Bond-Romane Ian Flemings zeigt Eco beispielsweise, daß die Ideologie dieser Romane als dualistische Struktur funktioniert: Es zeigt sich u. a., daß bei Fleming das manichäische Schema als solches wichtig ist, nicht seine Ausfüllung auf aktantieller Ebene: 'Fleming ist nicht Reaktionär, weil er das ,böse' Schema mit einem Russen oder einem Juden füllt. Allenfalls ist er reaktionär, weil er mit Schemata arbeitet. Die Schematisierung, die manichäische Zweiteilung ist immer dogmatisch, intolerant ."
Hier zeigt sich, daß man nicht kritischer Rationalist oder Vertreter der Kritischen Theorie sein muß, um den Gegenstand 'Ideologie" ansatzweise als 'dualistisches Sche-ma" etc. zu konstruieren. Andere, im zweiten Teil bereits erwähnte Arbeiten von Politologen und Soziologen bestätigen das interdiskursive Theorem: So befaßt sich beispielsweise Olivier Reboul mit der Funktion der Dichotomie im politischen Diskurs81, und in einer neueren Arbeit, welche die Reden des freiheitlichen österreichischen Politikers Jörg Haider zum Gegenstand hat, konkretisiert der Wiener Sprachwissenschaftler Helmut Gruber das Theorem auf empirischer Ebene: 'Insgesamt kann man sagen, daß Haiders vorherrschende Sprechstrategie auf der inhaltlichen Ebene die der sogenannten ,Schwarz-Weiß-Malerei' ist, das heißt in seinem Weltbild gibt es keine Differenzierungen, sondern nur ,Gute' und ,Böse'."8'
Der skeptische Leser wird sich an dieser Stelle vielleicht fragen, welche praktische Bedeutung ein solcher interdiskursiver Minimalkonsens für die Sozialwissenschaften haben kann. Er hat empirische Bedeutung und ist zugleich als Ausgangspunkt für die dialogische, interdiskursive Objektkonstruktion fachsprachlicher und ideologischer Soziolekte unentbehrlich.
      Seine empirische Funktion besteht im wesentlichen darin, interdiskursiv fundierte Forschungsvorhaben und Untersuchungen zu ermöglichen. Im vorliegenden Fall wäre es beispielsweise denkbar, daß Vertreter des Kritischen Rationalismus, der Kritischen Theorie und einer Kultursemiotik gemeinsam die folgende Hypothese empirisch überprüfen: Jedesmal wenn sich in einer Gesellschaft ein bestimmter Konflikt verschärft, kommen in den Medien semantischer und aktantieller Dualismus, negative Konnotationen und Ãœberlexikalisierung häufiger vor und nehmen extreme Formen an.
      Obwohl es sich um eine bescheidene und relativ einfache Hypothese handelt, ist sie alles andere als trivial. Ihr interdiskursiver Charakter bietet eine Gewähr für ihre Tragfähigkeit, durch die sie sich vorteilhaft von intradiskursiven Hypothesen unterscheidet, die außerhalb der Grenzen eines Soziolekts nicht konsensfähig sind: etwa von der Ansicht, die Rezeptionsästhetik oder die empirische Betrachtungsweise bilde das 'neue Paradigma" der Literaturwissenschaft, oder von der Behauptung der Althus-serianer, Marx habe in Das Kapital ansatzweise eine exakte, der Physik vergleichbare Geschichtswissenschaft begründet.
      Die interdiskursive Beschaffenheit der Hypothese verändert außerdem den sprachlichen und gesellschaftlichen Stellenwert der empirischen Untersuchung: Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Gegenstand untersucht wird, dessen Existenz in anderen Soziolekten nicht geleugnet wird, wächst mit der interdiskursiven Ãœbereinstimmung. Wer die Bezeichnung 'Ideologie" für sinnlos hält oder meint, ideologische Diskurse seien mit Hilfe von Begriffen wie 'Dualismus" oder 'Dichotomie" nicht zu beschreiben, wird erst die konvergierenden Argumente und Analysen heterogener Diskurse widerlegen müssen. Anders ausgedrückt: Ein interdiskursives Theorem bildet in den Sozialwissenschaften eine bessere Grundlage für empirische Analysen als ein intradiskursives, das von 'fremden" Diskursen angezweifelt oder gar abgelehnt wird.
Auf das Verhältnis von Konsens und Dissens im interdiskursiven Prozeß möchte ich jetzt kurz eingehen. Denn es muß nicht immer bei dem hier skizzierten Minimalkonsens, der sich auf ein Theorem beschränkt, bleiben. Dieses Theorem soll ja als Schnittpunkt möglichst vieler verschiedener Diskurse zum Ausgangspunkt für eine gemeinsame Objektkonstruktion werden. 'Ideologie" z. B. wurde hier nicht ausschließlich als dualistisches diskursives Schema definiert: Naturalismus, Monolog, Identitätszwang und die Unfähigkeit zu Reflexion und Dialektik gehörten unabdingbar zur Gegenstandsbestimmung. Die Frage ist, wie weit ein kritischer Rationalist wie Topitsch, der ein Grundtheorem mit mir teilt, meine Objektkonstruktion, die noch weitere Theoreme beinhaltet, nachvollziehen könnte.
      Meine Hypothese lautet, daß die Grenzen eines fachsprachlichen und ideologischen Soziolekts zugleich die Grenzen des Nachvollziehbaren bilden: Wo die Interferenzzone der beiden heterogenen Diskurse und Soziolekte aufhört, stößt auch die gemeinsame Objektkonstruktion auf ihre Grenzen. Theoreme über den Monolog, den Naturalismus und den Identitätszwang könnte der kritische Rationalist, der auch vom semantischen Gegensatz Offenheit/Geschlossenheit ausgeht, noch gelten lassen; den Vorwurf der 'Unfähigkeit zur Reflexion" wird er schon anders deuten als der Textsoziologe oder der Anhänger der Kritischen Theorie; und die Behauptung, 'Ideologie" sei ein 'undialektischer Diskurs, dessen Aussagesubjekt die Einheit der Gegensätze nicht denken kann", wird er nicht gelten lassen, da sie seinem Theoriebegriff und seinem formallogischen Postulat der Widerspruchsfreiheit widerspricht. Hier zeigt sich, daß die Grenzen der gemeinsamen Objektkonstruktion u. a. von semantischen Faktoren — von den Relevanzkriterien und Klassifikationen der beiden Diskurse — abhängen. Dies ist der Grund, weshalb es nicht genügt, einzelne Begriffe oder Sätze zu vergleichen und zu kritisieren.
      Der Dissens, der sich in solchen Fällen abzeichnet, sollte weder bedauert noch übergangen werden, weil er außerordentlich fruchtbar ist: Er verringert die Gefahr, daß der erreichte Konsens auf einem kollektiven Vorurteil oder Ideologem gründet und sorgt dafür, daß der kritische Dialog weitergeht: daß die Theorien, die einander in einem wesentlichen Punkt bestätigen, an einer anderen, nicht weniger wichtigen Stelle kritisch zusammenstoßen und das ermöglichen, was Donald Davidson als 'meaningful disagree-ment" bezeichnet.
Der hier beschriebene interdiskursive Dialog ist deshalb alles andere als eine 'Konsenstheorie der Wahrheit": Genauso wichtig wie der Konsens ist hier der Dissens, der aus der Heterogenität der Diskurse hervorgeht, deren kritische Dynamik innerhalb eines Soziolekts — also intradiskursiv — nicht gegeben ist. Ebensowenig möchte ich allerdings von einer 'Dissenstheorie der Wahrheit" sprechen, da es hier gar nicht um die Begründung der Wahrheit geht: Ihr können sich Diskurse im Dialog nur asymptotischnähern . Deshalb sollten die interdiskursiven Theoreme nicht als 'Wahrheiten" aufgefaßt werden: eher als Hypothesen, die besser fundiert sind als ihre intradiskur-siven Rivalinnen oder als Gemeinplätze der Alltagssprache, die Wissenschaftler unre-flektiert übernehmen. So zeigt etwa das interdiskursive Theorem 'Objektkonstruktion", das aus Piagets Psychologie, Prietos materialistischer Semiotik und dem Radikalen Konstruktivismus hervorgeht , daß das Subjekt nicht passiv registrierend ein Objekt wahrnimmt, sondern daß Wahrnehmung ein Konstruktionsvorgang ist, der in der Ideologie, im Alltagswissen und in zahlreichen Theorien unterschlagen wird.
      Daß interdiskursive Theoreme Dissens nicht ausschließen, daß sie mitunter heiß umstritten sind, zeigt das Theorem der 'Interdiskursivität" selbst. Im dritten Kapitel stellte sich heraus, daß es — zumindest in rudimentärer Form — schon bei dem Durkheim-Schüler Halbwachs sowie in der Wissenssoziologie vorkommt. Sein interdiskursiver Status wurde später durch die Ausführungen Kuhns außerordentlich gestärkt, zumal Kuhn die Erkenntnisse des Durkheimianers und des Wissenssoziologen bestätigt, indem er sich primär auf naturwissenschaftliche und nicht auf soziologische Erfahrungen stützt. Dennoch ist es gerade in seiner Kuhnschen Fassung von Rationalisten wie Popper radikal in Frage gestellt worden.
      Das von Popper weiterhin verteidigte Postulat der 'intersubjektiven Ãœberprüfbarkeit" kommt ebenfalls in verschiedenen Soziolekten vor und könnte in dem hier konstruierten Kontext als interdiskursives Theorem verteidigt werden. Allerdings sind die Argumente, die Popper gegen Kuhns Auffassung des 'framework" vorbringt, nicht sehr überzeugend; im 4. Kapitel habe ich zu erklären versucht, weshalb. Zweifellos hat Kuhn recht, wenn er zu bedenken gibt, daß wir nicht nach Belieben aus den sprachlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Paradigmas ausbrechen können. Deshalb gehe ich — Neuraths Terminologie folgend — davon aus, daß das Theorem der 'Intersubjektivität" außerhalb des intradiskursiven Bereichs zwar nicht widerlegt, aber stark 'erschüttert" ist: zumindest in den Sozialwissenschaften. Popper und seine Schüler müßten konkretere und genauere Argumente ins Feld führen, um ihr Theorem vor weiteren Erschütterungen zu bewahren.
      Es kommt hinzu, daß Paul Lorenzen, der mit Wissensoziologie, durkheimianischer Soziologie oder Kritischer Theorie nichts im Sinne hat, das Problem der Kommunikation zwischen heterogenen Diskursen auf seine Art formuliert, indem er es auf die Wissenschaftssprachen 'esoterischer Gruppen" zuspitzt: 'Sprachen solcher esoterischen Gruppen heißen Orthosprachen." Diese heben sich klar von der natürlichen Sprache ab. Zwischen ihnen sind laut Lorenzen drei Kommunikationssituationen zu unterscheiden: In der ersten können bestimmte Termini oder Sätze in die eigene Orthosprache 'übersetzt" werden: im dritten Fall führt die Aufnahme der fremden Termini in die eigene Orthosprache zu Widersprüchen, und man ist gezwungen, seine eigene Terminologie zu ändern oder die fremden Begriffe abzulehnen.

     
Mir geht es hier nicht um die Frage, ob es sozialwissenschaftliche 'Orthosprachen" unabhängig von Ideologien geben kann ; auch nicht um die Frage, mit der ich mich hier immer wieder befaßt habe, ob es genügt, Äquivalente und Synonyme auf der Wort- und Satzebene zu suchen, wie Lorenzen meint ; mir ist es hier um Lorenzens Darstellung des zweiten Falles zu tun, in der deutlich wird, wie fruchtbar und kreativ der Dialog zwischen heterogenen Wissenschaftssprachen oder 'Orthosprachen" sein kann: 'Zweitens kann der Vergleich der Autorenorthosprache mit der eigenen ergeben, daß die erstere gewisse Termini hat, die dem eigenen systematischen Nachdenken bisher entgangen waren. Dann kann man den Text nicht in seine eigene Sprache übersetzen, man kann aber seine eigene Sprache durch die neuen Unterscheidungen des Textes erweitern." Genau das ist auch in der vorliegenden Arbeit geschehen, als ich beispielsweise versuchte, semiotische Begriffe und Unterscheidungen für die Kritische Theorie fruchtbar zu machen. Lorenzens Ausführungen sind für das Theorem der Interdiskursivität wichtig, weil sie zeigen, wie verschiedene Gruppensprachen einander ergänzen, erweitern, korrigieren können.
      Abschließend möchte ich auf die Rolle der natürlichen Sprache in der interdiskursi-ven Kommunikation eingehen, weil ich mit Apel annehme, daß sie die letzte Metasprache ist, ohne die Verständigung zwischen heterogenen Soziolekten kaum denkbar wäre. Lorenzen scheint die Benutzung der natürlichen Sprache im wissenschaftlichen Bereich für den Laien reservieren zu wollen, wenn er das Kommunikationsverhältnis zwischen fachsprachlichen Gruppen und dem Laienpublikum erläutert: 'Für Gruppen, die auf exoterisches Hören und Reden, Lesen und Schreiben in den natürlichen Sprachen angewiesen sind, ist die Logik zu ergänzen durch Hermeneutik und Rhetorik." Die Funktion dieser Hermeneutik besteht also darin, die Frage zu beantworten, wie der Laie einen Text 'in wissenschaftlicher Absicht" rezipieren sollte.
      In den Sozialwissenschaften ist der Gegensatz esoterisch/exoteriscb zwar brauchbar, weil er dem besonderen, spezifischen Charakter der Fachsprachen Rechnung trägt, andererseits jedoch problematisch, weil Fachvertreter in den meisten Fällen nicht eine homogene Fachsprache sprechen, sondern heterogene Soziolekte, deren Abweichungen sowohl durch die Arbeitsteilung als auch durch ideologische und kulturelle Differenzen bedingt sind: Ein Anhänger der Peir-ceschen Semiotik wird nicht auf Anhieb die materialistischen Semiotiken Prietos oder Rossi-Landis verstehen; ein Schüler Lukacs', Lefebvres oder Goldmanns wird zunächst auch mit hermeneutischen Problemen konfrontiert, wenn er versucht, die Terminologie Althussers zu verstehen; und ein Vertreter der empirischen Psychologie wird u. U. ratlos mit den Achseln zucken, wenn er von Anhängern Lacans in ein Gespräch verwickelt wird.
      Alle diese Fälle zeigen, daß in den Sozialwissenschaften auch der Fachvertreter regelmäßig in Kommunikationssituationen versetzt wird, die ihn nötigen, aus seinem Sozio-lekt 'herauszutreten", um mit Hilfe der natürlichen Sprache zunächst Verständigungsschwierigkeiten zu bewältigen und anschließend u. U. neue Sprachen zu lernen. Anders als der Physiker oder der Kristallograph kann der Sozialwissenschaftler jäh in die Lage des Laien versetzt werden, der auf 'Hermeneutik" und 'Rhetorik" der natürlichen Sprache angewiesen ist.
      Die natürliche Sprache ist gleich in der ersten Phase der Verständigung unentbehrlich, wenn es gilt zu erfahren, wie heterogen zwei Gruppensprachen sind: Wie stark weicht Althussers szientistischer Marxismus von den humanistischen Varianten Henri Lefebvres oder Raymond Williams' ab? In welchen Punkten stimmt die kantianische Semiotik eines Peirce mit der marxistischen eines Rossi-Landi überein? — Solche Fragen sind nicht ausschließlich interdiskursiv, also bilateral, zwischen zwei Soziolekten, zu beantworten; ihre Beantwortung setzt ein tertium comparationis voraus, das in vielen Fällen ein dritter Soziolekt sein kann , in den meisten Fällen jedoch die natürliche Sprache ist. Daß sie über den Partikularismus der besonderen Sprachen oder 'Sprachspiele" im Sinne von Wittgenstein hinausgeht, bestätigt Karl-Otto Apel, wenn er in Transformation der Philosophie feststellt, 'daß unter der Oberfläche der Umgangssprache die logische' Form der Universalsprache verborgen ist ."

   Der Universalcharakter der natürlichen Sprache ist — nach dem, was im 7. Kapitel über das Verhältnis von sekundären und primären modellierenden Systemen gesagt wurde — nicht erstaunlich: Die Soziolekte als sekundäre modellierende Systeme gehen in einer bestimmten sozio-linguistischen Situation aus dem primären System der historischen langue hervor. Genetisch betrachtet sollte es also auch möglich sein, sie mit Hilfe der langue zu rekonstruieren: sie rekonstruktiv zu verstehen.
Komplementär zum genetischen Argument verhält sich die Ãœberlegung aus dem ersten Kapitel, daß die natürliche Sprache über die Grenzen aller partikularen Gruppensprachen hinausgeht, weil alle Gruppensprachen in ihr prinzipiell ausdrückbar sind. An dieser Tatsache ändert auch der spezifische Charakter einer sozio-linguistischen Situation nichts: Der Umstand, daß in der französischen sprachlichen Situation der siebziger Jahre die Diskurse des Kritischen Rationalismus und der Kritischen Theorie wie Fremdkörper wirkten, war kein Hindernis für die Ãœbersetzung und eine bescheidene Rezeption einschlägiger Texte.
      Freilich bedeutet dies nicht, daß die natürliche Sprache neutral ist; im Gegenteil, sie ist von Ideologemen, fachsprachlichen Termini und Werbeslogans durchsetzt. Es bedeutet vielmehr, daß â€” anders als in besonderen Soziolekten — die Signifikanten der langue nicht so stark an bestimmte Signifikate gebunden sind und daß sie deshalb in einer neu-en Kommunikationssituation auf originelle Art und ad hoc verwendet werden können. Andre Martinets These über die 'double articulation du langage" und die Autonomie der Signifikantenebene erklärt diese Flexibilität der Sprache89, die jedesmal in Erscheinung tritt, wenn von zwei Theoretikern, die sich über einen Gegenstand verständigen möchten, der eine vorschlägt: 'Nennen wir diese Erscheinung vorläufig X . . ."
Donald Davidson scheint mir zu pessimistisch zu urteilen, wenn er behauptet: 'Weder ein Vorrat an fixierten Bedeutungen noch eine theorie-neutrale Wirklichkeit kann eine Grundlage für den Vergleich von begrifflichen Schemata bilden."K Einen solchen Vergleich halte ich für möglich: erstens, weil jedes Schema aus dem primären System der natürlichen Sprache hervorgeht und dieses voraussetzt; zweitens, weil die natürliche Sprache alle besonderen — wissenschaftlichen und ideologischen — Schemata umfaßt und diskutierbar, lehrbar macht. — In diesem Zusammenhang sei lediglich an die Bedeutung der Umgangssprache für die Didaktik der Sozialwissenschaften erinnert sowie für die Wörterbücher dieser Wissenschaften: etwa für Laplanches und Pontalis' bekanntes Nachschlagewerk Das Vokabular der Psychoanalyse.
      An dieser Stelle könnte jemand mit Recht einwenden, die wissenschaftlichen Gruppensprachen seien doch allesamt Versuche, den Sprachgebrauch, der in den natürlichen Sprachen ungenau und disparat ist, zu vereinheitlichen. Mit Oswald Schwemmer könnte er geltend machen, 'daß der Aufbau einer besonderen Begrifflichkeit schon für die Formulierung von Tatsachenfragen, also schon für den Anfang einer wissenschaftlichen Fachsprache, erforderlich ist: jedenfalls überall dort, wo unsere natürlichen Sprachen nicht bereits solche sich als identisch erhaltenden oder von uns als solche erhaltenen Elemente in hinreichender Deutlichkeit darstellen."
Dieser Einwand ist insofern berechtigt, als theoretische Soziolekte tatsächlich die Kommunikation präzisieren und nuancieren können: Psychoanalytiker, Soziologen, Sprachwissenschaftler sprechen häufig eine gemeinsame Sprache und schützen sich so gegen die Polysemien und Mißverständnisse der Umgangssprache. Häufig, aber nicht immer: denn fortschreitende Arbeitsteilung und ideologische Interferenzen, die der hier vorgebrachte Einwand nicht berücksichtigt, sorgen dafür, daß die sprachliche Fragmentierung in den Sozialwissenschaften eher zunimmt als abnimmt: Jedesmal wenn eine Gruppe von besonders gewissenhaften Wissenschaftlern sich eine strenge Sprachregelung auferlegt, um endlich reinen Tisch zu machen und sich im Alleingang, im Monolog Klarheit zu verschaffen, treibt sie, ohne es zu beabsichtigen, die Zersplitterung einen Schritt weiter. Angehörige anderer Gruppen verstehen sie nicht und beschweren sich über die 'wu-chernde Terminologie". In der Textlinguistik wird es immer schwieriger, die Ãœbersicht über 'Kommunikate", 'Texteme", 'Textoide", 'Isotopien" und 'Isosemien" nicht zu verlieren. Es ist die Aufgabe des interdiskursiven Dialogs, diesem Zersplitterungsprozeß im Kontext der natürlichen Sprache entgegenzuwirken und die monologische Vernunft durch eine dialogische zu ersetzen.
     

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