Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Im zehnten Kapitel ging ich kurz auf die Beziehungen zwischen Dialektik und Dialog ein, um anzudeuten, daß nur eine offene und sich selbst kritisch reflektierende Theorie einen Dialog zu begründen ver
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Episteme, Paradigma und Soziolekt



Es geht hier um das im 4. Kapitel bereits angeschnittene Problem der theoretischen Kommunikation zwischen heterogenen Kollektivsprachen und um die Frage nach der Kom-mensurabilität oder Inkommensurabilität der verschiedenen Diskurse. Die Kontroversen zwischen Popper, Kuhn, Lakatos, Toulmin u. a. haben gezeigt, daß Popper sich über die Problematik des "framework" mit der etwas leichtfertigen Behauptung hinwegsetzt, der Wissenschaftler könne jederzeit aus diesen Rahmenbedingungen "aussteigen". Ein solcher Ausstieg setzt allerdings die Existenz einer neutralen Wissenschaftlersprache voraus, in welche die miteinander kollidierenden spezifischen Fachsprachen übersetzt werden könnten.

      Wie problematisch eine solche Voraussetzung ist, fiel - wahrscheinlich unabhängig von Halbwachs und Mannheim - Thomas S. Kuhn auf, der in seiner Replik auf Poppers Kritik den Ausdruck "intratheoretisch" prägt und in mancher Hinsicht die hier vorgeschlagene Unterscheidung zwischen "intradiskursiver" und "interdiskursiver Kom-munikation" antizipiert: "Sir Karl nimmt als selbstverständlich an, daß den Vertretern konkurrierender Theorien sehr wohl eine neutrale Sprache gemeinsam ist, die einen Vergleich solcher Beobachtungsberichte ermöglicht. Ich möchte hier die Behauptung aufstellen, daß dies nicht der Fall ist. Wenn ich recht habe, dann könnte .Wahrheit', ähnlich wie ,Beweis', ein Terminus sein, der nur intratheoretisch anwendbar ist."
Wie in dem nur um wenige Jahre älteren "Positivismusstreit" wird in der Auseinandersetzung zwischen Popper und Kuhn der individualistische und liberale Rationalismus Poppers nicht thematisiert, der die kritisch-rationalistische Fiktion einer neutralen Sprache erklärt . Der Gegensatz zwischen Popper und Kuhn geht u. a. aus der Tatsache hervor, daß Kuhn in einem wesentlichen Punkt mit der individualistischliberalen Ideologie bricht und in Übereinstimmung mit Soziologen wie Halbwachs und Mannheim den kollektiven Faktor in die wissenschaftstheoretische Diskussion einbringt. Sein Paradigma-Begriff enthält in nuce die Probleme der theoretischen Verständigung, der Ubersetzbarkeit von Termini und der Inkommensurabilität: "In dem Maße , in dem die Auffassungen zweier wissenschaftlicher Schulen darüber, was ein Problem und was eine Lösung ist, auseinandergehen, werden sie zwangsläufig aneinander vorbeireden, wenn sie über die relativen Vorzüge ihrer jeweiligen Paradigmata diskutieren." Wichtig ist, daß hier die weiter oben aufgeworfene Frage, unter welchen Bedingungen Wissenschaftler miteinander reden können, in einem ganz anderen Kontext - im Zusammenhang mit der naturwissenschaftlichen Entwicklung - gestellt wird.
      Auf diese Frage möchte ich noch nicht unmittelbar eingehen, sondern möchte nach diesem kurzen Problemaufriß etwas weiter ausholen und Foucaults £pfstewe-Begriff in aller Knappheit mit den Begriffen Paradigma und sozio-linguistische Situation vergleichen, um zu zeigen, daß theoretische und ideologische Kommunikation nicht mit Hilfe von Termini zu beschreiben ist, die zu allgemein sind, weil sie zu viele heterogene Erscheinungen erfassen. In der zweiten Hälfte dieses Abschnittes will ich erklären, weshalb ich den Soziolekt-Begriff im Bereich der Sozialwissenschaften für fruchtbarer halte als den Paradigma-Begriii, dessen sprachwissenschaftliche und soziologische Komponenten zu schwach ausgebildet sind.
     

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Episteme,  Paradigma  Soziolekt    





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