Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Im zehnten Kapitel ging ich kurz auf die Beziehungen zwischen Dialektik und Dialog ein, um anzudeuten, daß nur eine offene und sich selbst kritisch reflektierende Theorie einen Dialog zu begründen ver
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Epilog: Verallgemeinerungsfähigkeit der Werte



Wer ein theoretisches Buch zu Ende gelesen hat, hat häufig das Gefühl, daß ihm die Annahme bestimmter Werturteile zugemutet wird, deren Allgemeingültigkeit oder Selbstverständlichkeit keineswegs feststeht. Dieses Gefühl ist auch hier nicht unberechtigt, denn Ambivalenz, Ironie, Dialektik, Reflexivität und Dialog sind als Wort-Werte in einem besonderen historischen, gesellschaftlichen und sprachlichen Kontext entstanden. An mehreren Stellen, vor allem im Zusammenhang mit dem Wert der theoretischen Reflexion, versuchte ich zu zeigen, daß sie von den partikularen Erfahrungen, Standpunkten und Interessen einer Gruppe Von Intellektuellen nicht zu trennen sind. Daher hat es, meine ich, keinen Sinn, sie als allgemeingültig begründen zu wollen. Es scheint mir aber sinnvoll und möglich zu sein, nach ihrer Verallgemeinerungs/ä^ig&«Â£ zu fragen, zumal sie hier als Antonyme zu Dualismus, Dogmatismus, Naturalismus und Monolog aufgefaßt wurden, die per definitionem nicht verallgemeinerungsfähig sind.

      Allerdings handelt es sich nicht wie bei Habermas um die 'Verallgemeinerungsfähigkeit von Interessen", weil ich — wie Agnes Heller — davon ausgehe, daß Interessen als solche partikular, gruppenspezifisch sind. In der Vergangenheit versuchte Habermas, dieses Argument, das von R. Bubner und W. Fach gegen ihn vorgebracht wurde, zu entkräften: 'Die Unterstellung, daß alle Interessen partikular sind, ist zwar in den empiristischen und dezisionistischen Schulen der Ethik üblich, aber, wenn etwas anderes als eine Definition gemeint ist, mit guten Gründen bestreitbar. Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, läßt sich in praktischen Diskursen prüfen, welche Normen verallgemeinerungsfähige Interessen zum Ausdruck bringen und welchen nur partikulare Interessen zugrundeliegen." , Hier tritt wieder das im 3. Kapitel ausführlich kommentierte Problem des Diskurses im semiotischen und textsoziologischen Sinn, d. h. als transphrastischer, an einen Soziolekt gebundener Struktur, in den Vordergrund: Interessen werden nicht von freischwebenden Individuen in einer 'idealen Sprechsituation" definiert, sondern im Zusammenhang mit besonderen Relevanzkriterien, Klassifikationen und narrativen Strukturen, die von Gruppensprachen nicht zu trennen sind. Insofern hat W Fach recht, wenn er gegen Habermas einwendet: 'Verallgemeinerungsfähige Interessen sind rationalisierte Partikularinteressen." — Dieser Satz, bemerkt Habermas, 'ist mir unverständ-lieh. Es sei denn, Fach will behaupten: alle Interessen sind partikular ." Dies behauptet nicht nur Fach, sondern auch Agnes Heller, die den partikularen Charakter von Interessen in der Klassengesellschaft hervorhebt: 'Interessen gibt es nur in Klassengesellschaften, da sie sich als Interessengegensatz konstituieren."
Im Dialog zwischen heterogenen Positionen kann deshalb kein Konsens über individuelle und kollektive Interessen angestrebt werden, sondern nur Verständigung über Werte, die interdiskursiven Status haben und verschiedenen Soziolekten gemeinsam sind. Ein konkretes Beispiel ist der Wort-Wert 'Freiheit", dessen widersprüchliche Aspekte Sir Isaiah Berlin zum Gegenstand seiner bekannten Untersuchung 'Two Concepts of Liberty" gemacht hat: Es gibt eine 'negative" Freiheit vom Zwang und eine 'positive" Freiheit, etwas zu tun, sich zu verwirklichen. Während der erste Aspekt vorwiegend von der Ideologie des liberalen Individualismus hervorgehoben wird, tritt der zweite vor allem in den verschiedenen sozialistischen Ideologien zutage, die auf die reale oder positive Unfreiheit der Arbeiter hinweisen, denen die Freiheit von Zwängen nicht zugute kommen kann, weil sie nicht die Möglichkeit haben, ihre kulturellen und materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Keiner der beiden Aspekte des Freiheitsbegriffs ist als Ausdruck partikularer Gruppen- oder Klasseninteressen verallgemeinerungsfähig, d. h. in-terdiskursiv konsensfähig. Nur der Freiheitsbegriff in allen seinen z. T. kontradiktorischen Dimensionen, die er in einer sozio-linguistischen Situation annimmt, hat zeitweise, in einem konkreten historischen Kontext, Universalcharakter und wird hier als interdiskursiver Wert bezeichnet.
      Analog könnten theoretische Werte wie 'Kritik", 'Reflexion" und 'Dialog" als inter-diskursive Einheiten betrachtet werden, die nicht auf ihre partikulare — kritischtheoretische, kritisch-rationalistische oder psychoanalytische — Dimension einzuengen sind. Im vorigen Kapitel hat sich bereits herausgestellt, daß das Wort 'Kritik" in der Kritischen Theorie eine andere Bedeutung annimmt als im Kritischen Rationalismus . Obwohl man davon ausgehen muß, daß seine von den beiden Gruppensprachen konstituierten Aspekte einander teilweise widersprechen, ist auch die Annahme berechtigt, daß sie einander ergänzen und überlagern, etwa in Poppers Satz: 'Es gibt keine Erkenntnis ohne rationale Kritik, Kritik im Dienste der Wahrheitssuche." Trotz ihrer Differenzen und Widersprüche überschneiden sich die kritisch-theoretischen und die kritisch-rationalistischen Objektkonstruktionen von 'Kritik", ähnlich wie sie sich im Falle der 'Ideologie" überschneiden. 'Kritik" als interdiskursiver, verallgemeinerungsfähiger Wert hat also nichts mit einem transhistorischen, homogenen und vollkommenen Ideal zu tun, sondern hat durchaus ambivalenten und antinomischen Charakter, an dem sich stets von neuem der offene Dialog entzündet.

     
Daß die Offenheit dieses Dialogs Konsens in wesentlichen Punkten nicht ausschließt, zeigt nicht nur die gemeinsame Objektkonstruktion 'Ideologie", die ich weiter oben skizziert habe, sondern auch die in vieler Hinsicht komplementäre Konstruktion von 'Ideologiekritik", von der es bei Ernst Topitsch heißt: 'Natürlich ist die Ideologiekritik nicht imstande, die konkreten Interessenkonflikte als solche aus der Welt zu schaffen, aber sie kann eventuell verhindern, daß diese Gegensätze weltanschaulich dramatisiert und dadurch verschärft werden." Selbstverständlich muß erwähnt werden, daß Topitsch Dialektik als Instrument der Kritik ablehnt und sich statt dessen auf das Postulat der Wertfreiheit beruft, das sowohl von der Kritischen Theorie als auch von der kritischen Se-miotik der 'Tel-Quel"-Gruppe abgelehnt wird. Dennoch ist 'Ideologiekritik" als gemeinsame Objektkonstruktion und als interdiskursiver Wert bestimmbar, zumal die verschiedenen kritischen Soziolekte in ihrer gemeinsamen Ablehnung des Dualismus, der Leerformel und des Identitätsdenkens übereinstimmen: 'So hat man z. B. versucht, die Werturteile als eine Unterklasse der empirischen Aussagen zu interpretieren", stellen Topitsch und Salamun im Zusammenhang mit der identifizierenden ideologischen Rede fest.'x
An dieser Stelle wird deutlich, daß verallgemeinerungsfähige Werte wie 'Freiheit", 'Kritik", 'Dialog" im dialektischen Zusammenhang mit den Unwerten zu denken sind, die dem ideologischen Diskurs zugrunde liegen und die nicht verallgemeinerungsfähig sind, weil sie per definitionem partikular sind. Ãœber die Parti-kularität faschistischer Werte schreibt Habermas: 'Soweit der Faschismus mit sei es rassistischen, völkischen oder nationalistischen Lehren systematisch verknüpft ist, läßt sich zeigen, daß faschistische Doktrinen keine verallgemeinerungsfähigen Interessen ausdrücken und wegen ihres partikularistischen Charakters einer vernünftigen, einer diskursiven Rechtfertigung nicht fähig sind."l:i Hier wird deutlich, daß er — wie übrigens auch Agnes Heller — Verallgemeinerungsfähigkeit ex negativo definiert, und zwar im Hinblick auf Ideologeme, die aufgrund ihrer Partikularität nicht verallgemeinerungsfähig sind.
      Ihnen entsprechen im Diskurs partikularisierende Lexeme sowie semantische und syntaktische Verfahren, die durch ihren Partikularismus sowohl die selbstkritische Reflexion als auch den offenen Dialog verhindern: Wer einen partikularen Wert wie 'Rasse", 'Sekte" oder 'Nation" verteidigt, der wird auch nicht gegen die diskursiven Verfahren der Ideologie, gegen Dualismus, Naturalismus, Identitätsdenken und Monolog Einspruch erheben können. Solche Verfahren werden durch die partikularistische Wertsetzung legitimiert, und der Dialog mit Andersdenkenden er-scheint als überflüssig oder gar als Verrat. Anders formuliert: Ideologie im restriktiven Sinne ist partikularisierenden Wertsetzungen und Werturteilen homolog.
      Als Alternative, als Leitwert mit Universalcharakter, bietet sich ein Wert an, der gegenwärtig mancherorts diskreditiert ist, an dem sich aber seit der Renaissance die europäische Philosophie orientiert: die Menschheit als Einheit. An ihm hält auch Agnes Heller fest, die zu Recht schreibt: 'Es wurde gesagt: Die Menschheit ist die gesellschaftliche Einheit, die nicht in .Interessengegensätzen' gedacht werden kann. Daraus folgt aber, daß eine philosophische Wertdiskussion nur unter Diskussionspartnern möglich ist, die alle ihre Werte auf die Menschheit als die allgemeine Einheit beziehen. — Zwischen Partnern, von denen für den einen die Menschheit als die höchste Einheit gilt, während für den anderen eine partikulare Einheit als Idee einen höheren Stellenwert hat als die Menschheit, kann keine philosophische Diskussion ausgetragen werden"K
Um Mißverständnissen vorzubeugen, sollte hinzugefügt werden, daß die Menschheit als Leitwert keine handelnde Instanz ist und nichts mit einem 'historischen Subjekt" im hegelianischen oder marxistischen Sinn zu tun hat. Sie könnte höchstens als Objekt-Aktant des Diskurses, als zu verwirklichende historische Einheit gedacht werden, die den verallgemeinerungsfähigen Charakter der Theorie garantiert. Sie ist das allgemeinste gesellschaftskritische Postulat, ohne das Dialog, Reflexion und Dialektik ihre raison d'etre einbüßen.
      Diese Feststellung gilt uneingeschränkt für die gesamte Diskussion über Ideologie und Theorie: Ideologiekritik und die aus ihr hervorgehenden kritischen Theorien sind nur dann sinnvoll, wenn sie zu einer graduellen Ãœberwindung von Partikularismen und den ihnen entsprechenden Herrschaftverhältnissen beitragen. Nur in diesem Kontext haben Begriffe wie Kritik, Reflexion, Dialektik und Dialog einen Sinn. Denn alle hier beschriebenen Gegensätze zwischen Ideologie und Theorie sind letztlich aus dem sie umfassenden Gegensatz zwischen dem Partikularen und dem Universellen, dem allgemein Menschlichen, ableitbar.

     

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