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Ideologie und theorie
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Der interdiskursive Dialog


Im zehnten Kapitel ging ich kurz auf die Beziehungen zwischen Dialektik und Dialog ein, um anzudeuten, daß nur eine offene und sich selbst kritisch reflektierende Theorie einen Dialog zu begründen vermag. Als "offen" wurde dort die nachhegelsche Dialektik deshalb bezeichnet, weil sie zusammen mit der "bestimmten Negation" d

ie synthetisierende "Aufhebung" und das System preisgibt, die zur Grundlage des monologischen Diskurses wurden. Der Monolog ist, wie sich im zweiten Teil des Buches gezeigt hat, auch ein wesentlicher Aspekt des ideologischen Diskurses, dessen Aussagesubjekt seine Objektkonstruktion nicht reflektiert und sich dadurch implizit oder explizit mit seinen Referenten identifiziert: Ein nur möglicher Wirklichkeits- oder Wissenschaftsbegriff wird aus seiner sozio-linguistischen und historischen Kontingenz herausgehoben und der Wirklichkeit oder Wissenschaft gleichgesetzt. Er erscheint dem gutgläubigen Leser als der normale, objektive oder natürliche Begriff, dessen Allgemeingültigkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Durch diese naturalistischen und identifizierenden Verfahren schiebt der ideologische Diskurs nicht nur dem Nachdenken über den Prozeß seiner eigenen Objektkonstruktion einen Riegel vor, sondern schließt zugleich konkurrierende Diskurse von der Objektkonstruktion aus: Zu seiner Gegenstandsbestimmung soll es keine Alternative geben; wenn es schon Alternativen gibt, so soll der Zuhörer oder Leser sie jedenfalls nicht erkennen. Der monologische Diskurs ist totalitär; sein ausschließender Hermetismus ist der Ausschaltung der Opposition durch den Diktator homolog. Deshalb ist die theoretische Frage nach der Funktion des Dialogs in den Sozialwissenschaften von der politischen Frage nach Demokratie und Demokratisierung nicht zu trennen. Das Aussagesubjekt des dialektischen Diskurses strebt danach, die hegelianischen und ideologischen Identifizierungsverfahren durch den offenen Dialog zu ersetzen, dessen Hauptaufgaben darin bestehen, den Reflexionsprozeß kommunikativ weiterzuführen und eine sozialwissenschaftliche Dialogizität zu ermöglichen, die hier als Alternative zu gängigen Objektivitätsbegriffen angeboten wird, die vorwiegend monologischen Charakter haben: Die "objektive", "tatsachengetreue" Darstellung oder Beschreibung ist eine ideologische Illusion, die Gegendarstellungen als "ideologisch", "unwissenschaftlich" oder schlicht "falsch" ausschließt: exkommuniziert.


Episteme, Paradigma und Soziolekt
Es geht hier um das im 4. Kapitel bereits angeschnittene Problem der theoretischen Kommunikation zwischen heterogenen Kollektivsprachen und um die Frage nach der Kom-mensurabilität oder Inkommensurabilität der verschiedenen Diskurse. Die Kontroversen zwischen Popper, Kuhn, Lakatos, Toulmin u. a. hab [ ... ]
Episteme, Paradigma und sozio-linguistische Situation
Die hier skizzierte Problematik wird ganz gut durch eine Gegenüberstellung der Begriffe 'Episteme" und 'Paradigma" veranschaulicht. Denn beide Begriffe sind in bestimmten Soziolekten entstanden, die außerdem kulturspezifischen Charakter haben: Während das Wort episteme in seiner modernen Bedeutung a [ ... ]
Paradigma und Soziolekt
Im folgenden möchte ich ausführlicher auf den Paradigma-Begriff eingehen, um anschließend zu zeigen, daß er aufgrund seines exklusiven, hermetischen Charakters, der die In-kommensurabilitätsthese begründet, in der sozialwissenschaftlichen Diskussion nicht sehr fruchtbar ist. Als Alternative schlage [ ... ]
Dialog interdiskursiv
Im wesentlichen geht es hier um zwei komplementäre Fragen: Welche sprachlichen Hindernisse stehen einem interdiskursiven oder interkollektiven theoretischen Dialog im Wege? Und: Wie können diese Hindernisse überwunden werden, damit ein fruchtbares Gespräch zustande kommt, das theoretisch wichtige Er [ ... ]
Vergleichbarkeit und Kritik im interdiskursiven Prozeß
Im 4. Kapitel habe ich bereits versucht, Poppers Forderung nach Falsifizierbarkeit von Theorien in Frage zu stellen, indem ich behauptete, daß diese in entscheidenden Fällen, in Fällen, in denen Theoretiker heterogene Standpunkte vertreten, nicht intersubjektiv (inter-individuell), sondern interdisk [ ... ]
Interdiskursive Theoreme
Im vorigen Abschnitt war von den beiden Extremen die Rede, zwischen denen sich der interdiskursive Dialog bewegt: von der Konvergenz und der Diskrepanz. Für letztere gibt es Beispiele aus der Psychoanalyse, dem Kritischen Rationalismus und der Kritik der Politischen Ã-konomie. Es wird kaum möglich s [ ... ]
Epilog: Verallgemeinerungsfähigkeit der Werte
Wer ein theoretisches Buch zu Ende gelesen hat, hat häufig das Gefühl, daß ihm die Annahme bestimmter Werturteile zugemutet wird, deren Allgemeingültigkeit oder Selbstverständlichkeit keineswegs feststeht. Dieses Gefühl ist auch hier nicht unberechtigt, denn Ambivalenz, Ironie, Dialektik, Reflexivit [ ... ]



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