Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Im Anschluß an die beiden vorangehenden Kapitel, in denen ideologische Diskurse im Gegensatz zur marktbedingten Indifferenz dargestellt wurden, wird im folgenden die Theorie im Spannungsfeld zwischen
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Kritik der Indifferenz



Trotz der radikalen Kritik an der ideologischen Dichotomie schließt Benjamins, Adornos und Horkheimers Dialektik die in der Marktgesellschaft, in der Kulturindustrie herrschende Indifferenz der Werte aus. Die Extreme berühren sich: jedoch ohne vertauschbar oder gar identisch, 'wesensgleich" zu sein. Wenn die Texte der Avantgarde den Sinn negieren, so deshalb, 'weil ihnen Gehalt in der Negation des Sinns zuwächst".



     
   Der Verzicht auf die Suche nach der Bedeutung von Kunstwerken und literarischen Texten, der einige Ansätze der empirischen Kunst- und Literatursoziologie kennzeichnet, kommt einem Verzicht auf die ästhetische Bewertung, auf die qualitative Differenzierung dieser Erscheinungen gleich. Die ästhetische Differenz, die nicht die Form der gängigen und ideologischen Dichotomie hohe/niedere Kunst annehmen sollte, ist nicht zu leugnen: Die Erkenntnis der Ambivalenz sollte nicht zu der Behauptung führen, daß die Terme vertauschbar sind und daß als einzige Grundlage der Kunstsoziologie nur ein undifferenzierter Pluralismus in Frage kommt. Denn dieser Pluralismus ist durch den Tauschwert vermittelt.
      In diesem Zusammenhang kann eine Beziehung zwischen Benjamins Ausstellungswert und der kritischen Polyphonie des Romans aufgezeigt werden, die Bachtin mit der kar-nevalistischen Ambivalenz verbindet. Vor allem in Bachtins Buch über Dostojevskij wird die semantische und diskursive Pluralität als mit der Eindeutigkeit und dem Monolog unvereinbar dargestellt; zugleich erscheint sie als ein Instrument der Kritik und der Befreiung.
      Daß die Ambivalenz und die Polyphonie, die Bachtin im Anschluß an Dostojevskij definiert, mit Hegels systemerhaltender Aufhebung in der bestimmten Negation nicht zu vereinbaren sind, ist bereits Julia Kristeva in ihrem Vorwort zu La Poetique de Dosto-ievski aufgefallen: 'Dostojevskijs Text stellt sich somit als eine Konfrontation diskursiver Instanzen dar: Gegenüberstellung von Diskursen, kontrapunktische, polyphone Einheit. Er bildet keine totalisierbare Struktur: Ohne Einheit des Subjekts und der Bedeutung, vielfältig, antiautoritär und antitheologisch, verwirklicht Dostojevskijs Modell den permanenten Widerspruch und hat nichts mit der Hegeischen Dialektik zu tun. Seine Logik, sagt Bachtin, ist die des Traumes: Bewahrung des Widerspruchs und/oder Koexistenz von Oben und Unten, Tugend und Laster, Wahr und Falsch, Glauben und Unglauben, Heiligem und Profanem." Der dynamische, syntaktische Aspekt des ständigen Widerspruchs ist die Polyphonie, die Pluridiskursivität.
      In Kristevas Kommentar fällt die Verwandtschaft zwischen Bachtins und Benjamins Definition des Widerspruchs auf: In beiden Fällen handelt es sich — ähnlich wie bei Pascal, Kierkegaard und Simone de Beauvoir — um eine Vereinigung der Gegensätze ohne Aufhebung, ohne Synthese. Wie die karnevalistische Ambivalenz wirkt auch der Schock destruktiv, wenn er die Extreme miteinander verknüpft. Zugleich stellt die Polyphonie, die aus der Ambivalenz hervorgeht, die Einheit des Subjekts in Frage, da sie die Möglichkeit einer diskursiven Einheit ausschließt. Sowohl bei Benjamin als auch bei Bachtin geht es darum, das Hegeische Makrosyntagma als System von narrativen Aussagen, das sich der Wirklichkeit gleichsetzt, dem Zweifel auszusetzen.
      Auch an dieser Stelle sollte auf die Wechselwirkung zwischen Kritik und Krise hingewiesen werden. Bachtins radikale Kritik des Monologs und sein Plädoyer für die Polyphonie gehen zwangsläufig in eine Negation der Subjektivität über, die Bachtin wohl nicht intendierte. Denn aus seinem Aufsatz über 'Das Problem des Autors" geht deutlich hervor, daß der Autor als Subjekt durch seine schöpferische Umgestaltung des Sprachmaterials die Einheit der ästhetischen Welt garantiert: 'Vor allem in seiner Einstellung zum Helden und dessen Welt bezieht der Autor wertend Stellung, und diese seine künstlerische Haltung definiert zugleich seine Position im Bereich des literarischen Materials ." Nicht zu Unrecht bemerkt Todorov, Bachtin habe Dostojevs-kij dessen radikale Polyphonie, die auch die Exotopie und die Stabilität des Autorensubjekts in Frage stellt, zum Vorwurf gemacht.3'
Die Auflösung des Subjekts im Traum, im Onirischen, war weder Bachtins noch Benjamins Absicht; dennoch zeigt sich immer wieder, daß die extreme Ambivalenz als Verknüpfung der Gegensätze ohne Aufhebung den Assoziationen des Traumes verwandt ist. Kristevas Bemerkungen zu Bachtins Buch über Dostojevskij lassen Benjamins Vergleich von dialektischem Denken und onirischer Assoziation in einem neuen Licht erscheinen. Benjamin schreibt: 'Zweideutigkeit ist die bildliche Erscheinung der Dialektik im Stillstand. Dieser Stillstand ist Utopie und das dialektische Bild also Traumbild. Ein solches Bild stellt die Ware schlechthin: als Fetisch."

   Der entscheidende Schritt, mit dem Benjamin über Bachtin hinausgeht, ist sein Versuch, Ambivalenz und onirische Assoziation mit der Vermittlung durch den Tauschwert zu verknüpfen. Denn die Vermittlung ist letztlich für die Vereinigung der Gegensätze verantwortlich sowie für die Unmöglichkeit, die Ambivalenz durch die systematische Aufhebung a la Hegel zu bändigen.
      Wenn es zutrifft, daß die Polyphonie wie der Ausstellungswert und das Schockerlebnis ein Produkt der Marktgesellschaft ist, dann kann sie nicht einfach zur Kenntnis genommen oder gar akzeptiert werden. Die Werbung, die alle Werte in einem großangelegten karnevalistischen happening miteinander versöhnt und dadurch den religiösen oder ideologischen Monolog zerstört, kann nicht als die höchste Form der Polyphonie und der Kritik aufgefaßt werden. Vor Jahrzehnten hat sie sich bereits die ehemals subversiven Verfahren der Surrealisten angeeignet. Der kritische Diskurs kann weder im theoretischen noch im ästhetischen Bereich einen undifferenzierten und indifferenten Pluralismus akzeptieren, den er in der Werbung, in journalistischen Texten und in der kommerzialisierten Literatur ablehnt.
      Obwohl sie die historische Beziehung zwischen Marktgesellschaft und Toleranz erkennt und ideologische Versuche ablehnt, dem dogmatischen Manichäis-mus zur Herrschaft zu verhelfen, bleibt kritische Theorie der qualitativen Differenz verpflichtet. Selbst wenn es den wahren, den mit der Wirklichkeit identischen Diskurs nichtgibt, selbst wenn die absolute Wahrheit unzugänglich ist, so kann sie dennoch nicht einem Relativismus geopfert werden, der aus der Indifferenz des Marktes hervorgeht. An den 'alteuropäischen" Begriffen der Wahrheit und der Vernunft hält dialektische Theorie fest, um ihrer eigenen Auflösung in Polyphonie und undifferenziertem Pluralismus entgegenzuwirken.
      Sie hat sich unablässig zwischen der Indifferenz und der qualitativen Differenz zu bewegen, ohne jemals dem Irrtum zu verfallen, daß einer dieser beiden Pole die ganze Wahrheit ist. Die absolute Disjunktion der Extreme kennzeichnet die Reaktion der rechten und linken Ideologien auf den wertindifferenten Markt. Sie leben von dem Trennungsstrich zwischen links und rechts, der den mythischen Dualismus auf höchster Ebene festschreiben soll. Als globale Kritik der Marktgesellschaft kann sich die Theorie weder mit der Indifferenz noch mit einem der mythischen Gegensätze aus dem ideologischen Repertoire identifizieren.
     

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Kritik  der  Indifferenz    





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