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Physikotheologie
Einen entscheidenden Widerstand für die Rezeption der neuzeitlichen Astronomie bildete die Dominanz der kirchlichen Autorität, die vor allem in Deutschland bis ins erste Drittel des 18. Jahrhunderts hinein wirksam blieb. Das Fortleben orthodoxer bzw. dogmatischer Tendenzen auf beiden Seiten des konfessionellen Spektrums begründete die deutsche Verspätung, die den phasenverschobenen Prozeß der Aufklärung vor allem in Süddeutschland bestimmte; auch die Zentren aufklärerischer Aktivitäten - Berlin, Hamburg, Leipzig - blieben jedoch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch konservativ-theologischen Einfluß beherrscht. Die von England und Frankreich ausstrahlenden Reformtendenzen, die bereits am Ende des 17. Jahrhunderts zur Ausbildung einer rationalistisch fundierten, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Zeit aufgreifenden Theologie führten, wirkten sich in Deutschland kaum oder doch nur relativ spät aus. Da die Aufklärung zumal in ihrer frühen Phase von der intensiven Auseinandersetzung mit religiösen Fragestellungen gekennzeichnet blieb, sei hier auf die bedeutsamsten Strömungen hingewiesen: auf die Physikotheologie , den Deismus , die sogenannte Neologie und den Pietismus .
Wesentliche Impulse zu einer theologischen Erneuerung, die dem Geist des aufgeklärten Denkens zuträglich war und seine Erkenntnisse förderte, gingen zunächst nur von England aus. In Großbritannien entwickelte sich seit 1690 eine breite physikotheologische Strömung, die, verspätet, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch in Deutschland entscheidenden Einfluß gewinnen konnte . Das Weltbild, das die Physikotheologie in Grundzügen vertritt, beleuchtet exemplarisch der Titel eines ihrer frühesten populären Standardwerke aus der Feder von John Ray: Wisdom of God manifested in the Works of the Creation . Die Weisheit Gottes bekundet sich in der unübertrefflichen Vollkommenheit seines Werkes, der Natur - das bleibt das fundamentale Credo der Physikotheologie, mit dessen Hilfe eine methodische Vermittlung von wissenschaftlicher Erkenntnis und christlicher Metaphysik angebahnt werden soll. Die Erforschung der mechanischen Naturprozesse tritt nach physikotheolo-gischer Auffassung nicht in Konkurrenz zu einem theistischen Gottesbegriff, der die gesamte Schöpfung unter die Regie ihres allmächtigen geistigen Souveräns stellt. Vielmehr implizieren solide Fundierung und Vermehrung menschlichen Wissens über den Kosmos stets auch eine mit intellektuellen Mitteln vollzogene Würdigung von Gottes Werk, dessen Perfektion sich dem suchenden Verstand des aufgeklärten Individuums in besonderer Signifikanz sukzessive enthüllt. Je umfassender der Einzelne szientifische Kenntnisse über die Natur entwickelt, desto besser mag er dazu befähigt sein, ihre Vollkommenheit einzusehen und die Omni-potenz des Schöpfers zu ermessen.
Naturwissenschaftliche Forschung erscheint derart als moderne Form des Gottesdienstes, als vernunftgestützter Beitrag zur Lobpreisung Gottes. Die innovative Dimension des hier zutage tretenden methodischen Prinzips besteht darin, daß die Natur nicht, wie im Zeitalter von Humanismus und Barock , als Sphäre des Menschen betrachtet wird, die unter dem Gesetz der Endlichkeit und Vergänglichkeit steht , sondern als Werk Gottes nunmehr selbst teilhaben darf an dessen Allmacht und Weisheit. Natur ist nicht Spiegel des Sündenfalls, des endlichen, dem Verfall preisgegebenen Lebens , statt dessen Sinnbild göttlicher Vernunft und rationaler Planung. Die Physikotheologie bahnt mit diesem Perspektivwechsel der christlichen Legitimation naturwissenschaftlicher Forschung den entscheidenden Weg.
Physikotheologische Abhandlungen über die verschiedensten Themen kommen rasch in Mode. Zu nennen wäre für England vor allem das Werk William Der-hams, der mit seiner Pkysico-Theology und der Astro-Theology ein internationales Lesepublikum erreicht. Ins Deutsche übersetzt wird Derham durch den Hamburger Johannn Albert Fabricius . In der Pbysico-Theology erklärt Derham exemplarisch das Credo seiner gemäßigt rationalistischen Naturphilosophie: »The creator doubtless did not bestow so much curiosity, and exquisite Workmanship and Skill upon his Creatures, to be looked upon with a careless, incu-rious Eye, especially to have them flighted or contemned; but to be admired by the Rational Part of the World, and the Ages therof.« . Je präziser die naturwissenschaftliche Erforschung der Schöpfung verfährt, desto besser ist sie laut Derham dazu befähigt, Gottes Leistung und die Perfektion seines Werks zu ermessen. Die Naturprozesse bleiben damit an einen spirituellen Ursprung gebunden und erscheinen folgerichtig als »Manifestation of the Infinite Creator« . Es versteht sich, daß auf diese Weise die zentralen Dogmen der christlichen Lehre ihre Bestätigung finden: der Gedanke der in der Heiligen Schrift verkündeten Offenbarungswahrheit, die Vorstellung von Gott als souveränem, gütigem Herrscher über sein Werk, die Annahme einer räumlichen Trennung zwischen Schöpfer und Schöpfung .
Am Beginn des 18. Jahrhunderts scheint die Zahl der physikotheologischen Spezialwerke fast unüberschaubar. Nahezu sämtlichen Einzeldisziplinen der Naturwissenschaft werden gesonderte Untersuchungen gewidmet, die sich der physikotheologischen Methode verschreiben . Ihre Verfasser sind durchweg Theologen, die dem wachsenden Einfluß der neuen Wissenschaften durch eine am Geist der christlichen Lehre geschulte Naturbetrachtung entgegenwirken möchten. Mancherlei Kuriositäten kommen im Spektrum der so entstehenden physiko-theologischen Spezialliteratur zu Gesicht. So existiert eine »Melittotheologie«, die sich ausschließlich dem Reich der Bienen widmet, eine »Rana-Theologie« , eine »Akridotheologie« oder auch eine »Bombyco-Theologie« ; zumeist hat man es hier mit ausführlichen Einzelwerken zu tun, die die physikotheologische Untersuchungsmethode auf spezifische Gegenstände des Mikrokosmos übertragen und an ihnen in bisweilen befremdlich anmutender Pedanterie die Weisheit Gottes wie die Vollkommenheit seines Werkes demonstrieren möchten.
Die Physikotheologie bleibt in den meisten Hallen einem orthodoxen Weltbild konservativen Zuschnitts verpflichtet. Die wissenschaftliche Erforschung der Natur steht unter der Einschränkung, daß sie die metaphysischen Wahrheiten des christlichen Glaubens nicht beschädigen darf. Geradezu programmatisch wirken in diesem Zusammenhang die Formulierungen, mit denen der später als Hebräist und Bibelforscher hervorgetretene Hermann Samuel Reimarus in einem 1736 verfaßten Nachruf die intellektuellen Leistungen seines verstorbenen Schwiegervaters, des führenden Hamburger Physikotheologen Johann Albert Fabricius, würdigt: »Durch die Betrachtung des Feuers hat er die kaltsinnigen und achtlosen Menschen zur Liebe Gottes angeflammt. Durch seine aufmerksame Betrachtung des Geräusches und anderer Eigenschaften des Wassers hat er uns den Mund wäßrig gemacht, die Herrlichkeiten, deren Geschöpfe genauer einzusehen und uns so zu mehrerer Bewunderung ihres Schöpfers aufgemuntert.« . Die Naturforschung, wie die Physikotheologie sie versteht, erweist sich stets als Beitrag zur Lobpreisung Gottes. In diesem Sinne hat sie auch die Lehrdichtung der frühen Aufklärung, vor allem das Werk des Hamburgers Barthold Heinrich Brockes beeinflußt, von dem an späterer Stelle genauer zu sprechen sein wird.
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