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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Neologie



Zwischen der konservativeren Physikotheologie und dem in Deutschland nicht durchsetzungsfähigen Deismus steht die sogenannte Neologie, eine aus der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie hervorgehende, autklärerisch orientierte theologische Richtung, die den Methoden der rationalistischen Vernunfterkenntnis auch im Feld der Glaubensfragen Raum geben, dabei jedoch am Gedanken der Offenbarung festhalten möchte. In gewisser Weise handelt es sich bei der Neologie, die sich ab 1730 zumal in den Aufklärungszentren Leipzig und Berlin durchsetzt, um eine deutsche Sonderströmung, die spezifische Impulse der deistischen Lehre aufgreift, ohne aber deren radikal dogmenkritische Einstellung zu adaptieren .
      Den Ausgangspunkt für die Neologie bildet die Leibnizsche Lehre mit ihrer Annahme der Identität zwischen Vernunft- und Offenbarungswahrheit . Den Neologen gilt der Verstand des Menschen als Instrumentarium, das die Botschaften der Bibel stützt, sie nachvollziehbar und durchsichtig werden läßt. Zu verstehen ist dieser Ansatz als Versuch, den Offenbarungsgedanken vom Geruch des Irrationalen, Wunderbaren zu befreien und als vernunftkoiiform auszuweisen. Die Vertreter der Neologie waren zumeist durch die Schule Wolffs gegangen; das galt für Gottsched, der neologischen Kreisen nahestand, ebenso für den späteren Braunschweiger Hofprediger Friedrich Wilhelm Jerusalem , den Berliner Ober-konsistorialrat Johann Joachim Spalding und seinen Kollegen August Friedrich Wilhelm Sack. In Sacks Abhandlung Vertheidigter Glaube der Christen heißt es exemplarisch über das konfessionelle Selbstverständnis der Neologie: »Auf denn, meine Seele! und strenge die Kräfte an, die du fühlst, um zu untersuchen, ob die Gründe, darauf du bißher deinen Glauben und deine Hoffnung gebauet hast, wahr oder falsch seyn.« . Charakteristisch bleibt die hier anklingende Idee der Verknüpfung von Glaubensartikeln und Vernunftschlüssen, die die Neologie zur Grundlage ihrer Bibelinterpretation erklären möchte. Die von Sack und Spalding exemplarisch vertretene Methode einer rationalistischen Begründung der theologischen Wahrheit wäre dabei primär als Beitrag zur Absicherung des christlichen Weltbildes zu verstehen. Im historischen Rückblick freilich erscheint die Neologie als eine Übergangsströmung, die noch einmal die Bastionen der christlichen Offenbarungslehre gegen den andrängenden Rationalismus verteidigen wollte, letzthin aber dessen Siegeszug nicht verhindern konnte. Insofern erwies sich die neologische Theologie selbst als ein beschleunigender Faktor im Prozeß der Säkularisierung, der innerhalb des letzten Jahrhundertdrittels unaufhaltsam geworden war.
      Als einflußreichste der jenseits orthodoxer Glaubenslehren sich bewegenden religiösen Sonderströmungen, deren Bedeutung für die Literatur der Aufklärung unbestritten ist, tritt seit Beginn des 18. Jahrhunderts der Pietismus hervor. Er scheint, ähnlich wie schon die Neologie, ein spezifisch deutsches Phänomen zu bilden, ohne daß die von ihm vertretenen Grundsätze jedoch im europäischen Kontext einzigartig wären. Vergleichbare Ziele wie der Pietismus verfolgt etwa der französische Guyonismus oder auch der in Frankreich bzw. England stark verbreitete Quietismus. In sämtlichen dieser Fälle handelt es sich um Frömmigkeitsbewegungen, die aus der Opposition gegen die Autorität der Amtskirchen und deren dogmatische Tendenzen entstehen . Der Pietismus begreift sich als Widersacher institutionalisierter Gläubigkeit, als Bewegung, die ganz auf eine im Gefühl verankerte Herzensfrömmigkeit setzt, mit deren Hilfe ein unmittelbarer, teilweise mystisch gefaßter, im Moment der Versenkung möglicher Zugang zu Gott und Christus geschaffen werden soll. Programmatische Bedeutung besitzt schon der Titel der ersten pietistischen Schrift; sie stammt von Jacob Spener und erscheint im Jahr 1675 unter dem Titel Pia Desideria - >fromme Wünschen Aus dem Wort >pietas< . Diese Verknüpfung ist nicht zufällig: Mit den zentralen Strömungen der Mystik des 17. Jahrhunderts verbindet den sich im Gefolge von Speners Schrift etablierenden Pietismus die ganz auf das Gefühl setzende Herzensfrömmigkeit und die innere Reserve gegen ein allein auf formale Regeln gegründetes Kirchenleben.
      Nicht die streng geordnete Gemeinde, sondern die locker organisierte Gemeinschaft der Gläubigen bildet den jeweiligen Kern der pietistischen Sozietät. Diese steht damit nicht in offener Opposition zur protestantischen Amtskirche, aus der sie hervortritt, sondern bleibt ihr ohne äußeren Bruch zugehörig. Abweichend von deren Institutionscharakter entfaltet sie jedoch neue Vorstellungen vom Gottesdienst und die damit verbundene Auffassung einer religiösen Herzensgemeinschaft jenseits hierarchischer Ordnungsstrukturen. Unter bewußter Berufung auf das Urchristentum erneuert man den Laiengedanken, der jedem Gemeindemitglied die Möglichkeit offenhält, liturgische Handlungen durchzuführen. Im Gegenzug zum protestantischen Vernunftethos, das eine deutliche Fixierung auf das Schriftwort einschließt, begreift sich die pietistische Sozietät als Gefühlsgemeinschaft, die ihre konfessionellen Überzeugungen durch entsprechend stärker affektiv getönte Rituale zum Ausdruck bringt. Vor allem das Kirchenlied gewinnt im Rahmen der neuen Frömmigkeitsbewegung zentrale Bedeutsamkeit; hier zeichnet sich eine erste, besonders markante Linie ab, die den Pietismus mit der Literatur des 18. Jahrhunderts verbindet: Die erbaulichen Texte eines Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, Philipp Friedrich Hiller und Gerhard Tersteegen, die noch heute zum Gesangbuchkanon der evangelischen Kirche zählen, besitzen ihre eigene Poetizität, eine lyrische Intensität, die den Weg zur Dichtung Klopstocks und des jungen Goethe weist.
      Die Blütezeit des Pietismus liegt zwischen 1690 und 1740. Sein regionales Zentrum bildet er in Württemberg aus, ferner in einzelnen Städten wie Berlin , Gießen und Halle. Charakteristisch für die spezifische Organisationsform der pietistischen Bewegung ist der Aufbau sogenannter >BrüdergemeindenLiebesneigungSelbsterfahrungLebensstromGemütlichkeitüberfließeneinschreibenzärtlich< oder >berührt< entstammen dem pietistischen Sprachschatz des 18. Jahrhunderts und werden rasch von der schönen Literatur der Zeit aufgegriffen . Der Pietismus vererbt der Poesie eine Vielzahl von Wendungen, die der Intensität des Gefühls im Akt der gläubigen Annäherung an Gott Ausdruck verleihen. Unter den Gesetzen des literarischen Aneignungsprozesses werden sie zumeist ihres religiösen Bezugs entkleidet und auf die diesseitige Welt der Stimmungen und Leidenschaften übertragen. Am deutlichsten läßt sich das Fortleben pietistischer Sprachformen in der Lyrik Klopstocks und des jungen Goethe erkennen, ferner im rührenden Lustspiel Gellerts und in den empfindsamen Romanen der Spätaufklärung ).
      Es ist kaum zu übersehen, daß die sprachschöpferische Leistung des Pietismus mit seinem Einfluß auf eine säkularisierte Empfindsamkeit, wie sie sich ab der Mitte des 18. Jahrhunderts herausbildet, eng verknüpft bleibt. Übernommen wird von der empfindsamen Literatur die affektive Energie, die die Beschreibung des pietistischen Glaubenserlebnisses stützt, nicht aber der religiöse Gehalt selbst. Bei Geliert, Klop-stock und Jung-Stilling begegnet folgerichtig die gefühlsbetonte Selbstwahrnehmung des pietistischen Bekenntnisstils jenseits christlicher Themen und Motive im rein weltlichen Kontext. Insofern bietet die Adaption der Affektkultur des Pietismus durch die Empfindsamkeit der Aufklärung ein höchst charakteristisches Beispiel für den Prozeß literarischer Säkularisierung im Zeichen der Umwertung religiöser Interpretamente und spiritueller Funktionszusammenhänge.
      Einflußreich bleibt der Pietismus schließlich noch in einem dritten Feld, dem der bereits angeführten literarischen Autobiographik. Die pietistische Tendenz zur Selbstbeobachtung im Kontext der Beschreibung religiöser Erweckungserlebnisse bringt, wie die Forschung erkannt hat, eine neue Gattung hervor, die seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts auch die weltliche Literatur, vor allem das Genre des Romans bestimmen wird: den autobiographischen Bericht. Dessen Anspruch auf die möglichst authentische Reflexion subjektiver Erfahrung prägt Werthers bekenntnishafte Darstellung der Schicksale seines Herzens ebenso wie die düstere Melancholie von Karl Philipp Moritz' Anton Reiser , die Lebensbeschreibungen Heinrich Jung-Stillings und die Geschichte der schönen Seele aus dem sechsten Buch von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre. Auch hier zeigt sich der formprägende Einfluß des Pietismus, dessen Bedeutung für die literarische Entwicklung der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kaum überschätzt werden kann.
      Ohne die nähere Kenntnis der konfessionellen Hauptströmungen, die die Zeit zwischen 1700 und 1740 bestimmen, läßt sich die Literatur der Aufklärung nicht angemessen würdigen. Manche ihrer Werke stehen noch unter dem unmittelbaren Einfluß theologischer Fragestellungen oder berühren sie zumindest; das gilt für die Naturlyrik ebenso wie für die Gattung des Dramas, für Texte eines Brockes, Haller und Klopstock ähnlich wie für das CEuvre Gottscheds und l.essings. Trotz solcher Verknüpfungen ist auf der anderen Seite kaum zu übersehen, daß der Prozeß der Säkularisierung im aufgeklärten Jahrhundert beschleunigt fortschreitet; gerade die schöne Literatur scheint an ihm maßgeblich beteiligt, übernimmt sie doch Formen und Sprachmittel der religiösen Erbauungsschriften, um sie in völlig neue Wirkungszusammenhänge zu integrieren. Die Poesie tritt sukzessive an den Platz der populären geistlichen Publizistik, der Andachtsbücher, Postillen und Liedersammlungen, die den Leser des ausgehenden 17. Jahrhunderts noch unterhalten und belehrt hatten.
     

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