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Sozialhistorische Perspektiven
Der eigentliche Höhepunkt des sozialhistorischen Ansatzes zur Erforschung der Aufklärungsliteratur lag in den 70er und frühen 80er Jahren. Ältere Vorläuferstudien, die Maßstäbe setzten, stammten von Leo Balet/Eberhard Gerhard und Arnold Hauser . Auftrieb erhielt das sozialhistorische Forschungsinteresse durch Jürgen Habermas' Marburger Habilitationsschrift zum Strukturwandel der Öffentlichkeit innerhalb der Emanzipationsbewegung des europäischen Bürgertums und Reinhart Kosellecks gesellschaftsgeschichtliche Arbeit über das Verhältnis von bürgerlicher Wertwelt und absolutistischem Staat im Prozeß der Aufklärung zwischen 1680 und 1789 .
Im Mittelpunkt steht hier jeweils der Versuch, die innerhalb des 18. Jahrhunderts sich vollziehende Emanzipationsgeschichte des Bürgers als historische Grundlage für das Verständnis der gesamten Aufklärung zu bestimmen. Emanzipation bedeutet dabei für Koselleck und Habermas gleichermaßen, daß der Bürger sich zunächst im Bereich seiner eigenen Wertwelt ein soziales Selbstbewußtsein erschafft, das ihn sukzessive an politische Zielsetzungen mit programmatischen Ambitionen heranführt. Betont Koselleck die im Ausgang des 18. Jahrhunderts politische Kritik legitimierende und zur Krise des absolutistischen Staates führende moralische Selbstbestimmung des bürgerlichen Individuums ermöglichten sozialen StabilitäT), so arbeitet Habermas an zahlreichen Beispielen den Prozeß der Entstehung neuer Öffentlich-keitsstrukturen heraus , der den Bürger zunächst im Privatsektor als kulturelles Subjekt zur Entfaltung kommen läßt, ehe er ihm die Gelegenheit verschafft, vermittelt über die Konstitution eigenständiger, gegen die repräsentative Ordnung des Hofes sich ausbildender Eormen sozialer Wirksamkeit in die politische Auseinandersetzung einzugreifen .
Umstritten blieb dabei die Bewertung von Form und Funktion der bürgerlichen Privatsphäre, deren Sozialstruktur Habermas zumal im Blick auf die Situation in England und Frankreich analysiert hatte. Gerhart von Graevenitz erinnerte demgegenüber in einem instruktiven Aufsatz an die deutsche Sonderentwicklung im 18. Jahrhundert, die nicht nur durch eine verspätete, vielmehr, damit verbunden, auch eine qualitativ andere Ausbildung bürgerlichen Selbstverständnisses geprägt sei. Graevenitz verweist dabei auf die territorialen Differenzen, die im Deutschland der Duodezfürstentümer herrschten. Das Hamburger Bürgertum unterscheide sich etwa von dem Württembergs durch ein höheres Maß an ökonomischer Selbständigkeit und politischem Selbstbewußtsein. Der Grad semer privaten und, daraus folgend, öffentlichen Selbstorganisation hänge jeweils von den besonderen sozialen Ordnungsstrukturen der Einzelstaaten ab. Hervorgehoben wird zudem, daß innerhalb Deutschlands nicht jede Form spezifisch bürgerlicher Privatheit als Ausdruck der Opposition gegen die höfisch-repräsentative Öffentlichkeit zu bewerten sei. Graevenitz demonstriert am Beispiel des süddeutschen Pietismus, inwiefern der Rückzug auf einen machtgeschützten Raum der Innerlichkeit durchaus die Anerkennung des abolutistischen Staates und seiner Ordnungsstrukturen einschließen konnte .
Lothar Pikulik hat einige Jahre später Graevenitz' Thesen mit aufschlußreichem Quellenmaterial zur Sozialgeschichte des deutschen Bürgertums im 18. Jahrhundert zu stützen vermocht. Im Vordergrund auch seiner Studie steht die Beobachtung, daß die Gesellschaftsordnung im Deutschland des aufgeklärten Zeitalters wesentlich ständisch strukturiert und durch territoriale Gegensätze gekennzeichnet ist, die verschiedene Entwicklungsgrade bürgerlicher Lebensformen hervortreten lassen . Dem ökonomisch stabilisierten, durch Partizipation am Beamtenstatus politisch einflußreichen, sozial selbstbewußten Bürgertum der freien Reichsstädte sowie der größeren Handels- und Universitätsstädte steht das ökonomisch rückschrittliche, in Großfamilien organisierte, landwirtschaftlicher Tätigkeit nachgehende, noch traditionell ständisch denkende Bürgertum kleinerer Städte zumal im süddeutschen Raum entgegen . Der neueren Forschung zufolge gehört es zu den Wirkungen der schönen Literatur, daß dem Bürgertum ab der Mitte des 18. Jahrhunderts veränderte Wertvorstellungen im Zeichen der Empfindsamkeit zugänglich wurden, die sukzessive auch sein schichtenspezifisches Selbstverständnis zu bestimmen begannen . Die Literatur erfüllt dabei im Prozeß sozialer Identitätsstiftung eine fordernde, verstärkende Funktion, die ihrerseits das gewandelte gesellschaftliche Rollenprofil des Bürgers unterstützte . Neuere methodische Ansätze vermochten zu zeigen, daß eine einseitige Konzentration auf die empirischen Aspekte der bürgerlichen Sozialgeschichte ebenso problematisch ist wie die gesellschaftshistorische Abstinenz der älteren Forschung. Die schöne Literatur besitzt niemals nur den Status eines Dokuments, an dem sich geschichtliche Prozesse ablesen lassen, sondern wirkt ihrerseits auf die psychosoziale Prägung des Individuums ein, indem sie abstrakte Gedankeninhalte illustriert, utopische Entwürfe fördert, nicht zuletzt menschliche Bewußtseinsproduktion aktiviert und derart auch Rollenbilder entwickeln hilft, die wiederum gesellschaftliche Evidenz gewinnen können .
Im Anschluß an die von Habermas und Koselleck betriebene sozialwissen-schafthche Grundlagenforschung schickte man sich in den 70er und 80er Jahren an, die Fundamente der gesellschaftsgeschichtlichen Literaturbetrachtung zu befestigen. Unterstützung erhielt dieses Vorhaben durch eine größere Zahl von Einzelstudien, die Problemen der historischen Familiensoziologie , der Entwicklung von Erziehungskonzepten im 18. Jahrhundert , der sozialen Position der Frauen und dem Verhältnis der Geschlechter galten. Auf diese Weise erweiterte sich das Arsenal historischer Quellen, aus denen eine Sozialgeschichte der Aufklärungsliteratur schöpfen konnte. Zugleich zeigte sich jedoch, daß die bisweilen schematischen älteren Deutungsmuster einer typologisch verfahrenden Gesellschaftswissenschaft, die das 18. Jahrhundert als Zeitalter der Emanzipation des Bürgers betrachtete, nicht ausreichten, um die empirische Komplexität und die mit ihr verbundenen nationalen Differenzen der sozialen Entwicklung im Prozeß der Aufklärung hinreichend zu erfassen.
Zu den schwierigsten Aufgaben der sozialhistorischen Literaturbetrachtung gehört es, eine überzeugende Vermittlung von literarischen und gesellschaftsgeschichtlichen Prozessen herzustellen, die sich nicht auf bloße Ableitungsoperationen im Zeichen der marxistischen Widerspiegelungstheorie oder die summarische Aufzählung sozialkritischer Aspekte literarischer Themen beschränkt. Balet und Gerhard ersuchten schon 1936 spezifisch >bürgerliche< Formen in der Literatur, Malerei und Musik des 18. Jahrhunderts ausfindig zu machen, gerieten jedoch, im Rekurs auf die Stilkategorien Heinrich Wölfflins . nicht selten unter das Diktat einer ahistorischen Typologie literarischer Formen, deren Einzelelemente schematisch auf ein vermeintlich charakteristisches bürgerliches Bewußtsein zurückgeführt wurden. Arnold Hausers Sozialgeschichte der Kunst und Literatur , die die Aufklärung als Epochenphänomen eher beiläufig behandelte, sah hingegen den Prozeß der Ausbildung bürgerlichen Bewußtseins vornehmlich in der Themenwahl gespiegelt, an der sich im Ausgang des 18. Jahrhunderts die neue Interessenlage einer machtvoll aufstrebenden neuen Schicht abzeichne, die erst am Ende der Epoche zu künstlerisch eigenständigen Ausdrucksformen - als Produkt ihrer gesellschaftlichen Emanzipation - gelange .
Die Aufgabe der Vermittlung zwischen literarischem Formprozeß und Bewußtseinsentwicklung des Menschen setzten sich auch die beiden neueren Sozialgeschichten der deutschen Literatur unter der Herausgeberschaft von Glaser und Grimminger zum Ziel. Das Vorwort Grimmin-gers zum dritten Band der Hanserschen Sozialgeschichte beleuchtet einige der hier entstehenden Problemfelder: den Konnex zwischen der Ordnung des poetologischen Systems der Gottschedzeit und dem Ordnungsstaat absolutistischer Prägung, die mögliche Korrespondenz von Formtypen aufgeklärter Lehrdichtung mit dem zur Zeit der Frühaufklärung erwachenden naturwissenschaftlichen Interesse, die denkbare Korrelation zwischen dem Empirismus und der Darstellung fiktiver Erfahrung im Roman, den Zusammenhang von personal erlebter Geselligkeit und literarischer Empfindsamkeit .
Die Aufgaben der sozialhistorischen Betrachtungsweise sind im Fall der Auf-klärungsforschung, die rasch zum exemplarischen Feld gesellschaftsgeschichtlicher Methoden avancierte, stets nur ansatzweise gelöst worden. Das gilt gerade für die beiden hier angesprochenen größeren Projekte, vor allem für die Literaturgeschichte Glasers, deren Beiträge auf konsequentere methodische Reflexion der von ihnen gewählten Vorgehensweise zumeist verzichten. Problematisch blieb aber auch, daß Sozialgeschichte nicht selten aus primär ideologiekritischer Perspektive betrieben, die Frage nach den literarischen Spiegelungen gesellschaftlicher Strukturen zugleich in eine Reflexion über die Antagonismen des bürgerlichen Emanzipationsprozesses im 18. Jahrhundert umgewandelt wurde . So bedeutsam die Analvse sozialgeschichtlicher Widersprüche und ihrer Brechungen in der Literatur der Aufklärung bleibt, so zwingend erscheint es doch, historisches und kritisches Interesse nicht zu kontaminieren, vielmehr beide Untersuchungsansätze gegeneinander abzugrenzen. Diese Differenzierung wäre auch deshalb notwendig, weil die voreilige Identifizierung von Sozialgeschichte und Ideologiekritik aus einem einseitigen, inzwischen überwundenen Bild der Epoche entspringt, das Aufklärung mit Formen eines dogmatisch verhärteten Rationalismus gleichsetzt, dabei aber die Vielfalt aufklärerischen Denkens selbst unterschätzt.
Es scheint, als ob, trotz jüngerer Versuche der fundierteren theoretischen Begründung einer Sozialgeschichte der Literatur , das Interesse an der praktischen Erprobung ihrer erkenntnisleitenden Intentionen inzwischen stark zurückgegangen sei. Die Aufklärungsforschung hat sich in der letzten Dekade vor allem um die Diskussion anthropologischer bzw. mentalitätsgeschichtlicher Fragen bemüht, sozialhistorische Ansätze aber kaum noch verfolgt. Einer der wenigen, freilich nicht aus geschichtlichem Erkenntnisinteresse gespeisten Versuche, die soziologische Erforschung des Zeitalters der Vernunft auf anderer Ebene fortzuführen, bildet Jürgen Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns, die die Möglichkeiten aufklärerischer Rationalität jenseits reiner Zweckbindung im Horizont seiner früheren Gesellschaftstheorie [Erkenntnis und Interesse, 1968) neu demonstrieren möchte, indem sie dem Individuum Freiräume im Zwischenfeld von sozialem Handeln und intersubjektiver Kommunikation vorzuzeichnen sucht . Habermas' häufig kritisiertes soziologisches Modell einer rational fundierten Kommunikationstheorie bildet einen der letzten größeren Versuche, das unvollendete Projekt der Aufklärung weiterzudenken und unter den Bedingungen der Moderne in kritischer Loyalität zum Begriff der Rationalität fortzuführen. Sein Ausgangspunkt bleibt ein Verständnis von aufklärerischem Denken, das diesem wegweisende Bedeutung für den Prozeß sozialer Sinnstiftung im Kontext moderner Gesellschaften zuweist.
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