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Methodik der Ideengeschichte
In engerem Zusammenhang mit geistesgeschichtlichen Ansätzen stehend, diskutiert die ideengeschichtliche Forschung zur Aufklärung vornehmlich deren bewußtseinshistorische Entwicklung und ihr Verhältnis zu vorangehenden bzw. folgenden Epochen. Die ideengeschichtliche Epochenbetrachtung denkt in den Kategorien der Entwicklungslogik - der Ablösung, des Übergangs oder Umbruchs, der Kontinuität und Teleologie. Ihr zentrales Thema ist, im Fall des 18. Jahrhunderts, das Problem der Säkularisierung, das sich schon in Ernst Cassirers fundamentaler Studie über die Philosophie der Aufklärung von 1932 als wesentliches Untersuchungsfeld abzeichnet. Aufklärung gilt den Vertretern der Säkularisierungsthese primär als Produkt der Verweltlichung im Prozeß der Überführung religiöser Werte in diesseitige Denkinhalte. Divergierend bleibt die Beurteilung dieses Vorgangs, der gleichermaßen als Ausdruck unterschwelliger Kontinuität oder auch als Produkt des Umbruchs eingeschätzt werden kann.
Die literaturwissenschaftliche Anwendbarkeit des Säkularisierungstheorems bekundete sich in Untersuchungen zur Geschichte von Sprach- und Formgesinnungen, die ihr besonderes Profil aus der produktiven Übertragung religiöser Sinnbilder in weltliche Themenzusammenhänge beziehen. Musterbeispiel solcher Rezeptionsprozesse ist der Pietismus mit seiner Kirchenlieddichtung, die ihrerseits das Oden-und Hymnenwerk Pyras und Klopstocks inspiriert. Albrecht Schöne hat 1958 in seiner wegweisenden Arbeit über Säkularisation als sprachbildende Kraft verschiedene Felder der literarhistorisch aufschlußreichen Umsetzung religiöser Formenergien in Textformen weltlicher Poesie nachzuzeichnen gesucht; Gerhard Kaiser ist ihm dabei in seinem Klopstock-Buch , trotz gewisser Vorbehalte im Detail, gefolgt.
Gegenüber dem Paradigma der Säkularisierung hat Hans Blumenberg den Einwand formuliert, es erhebe eine Kategorie historischer Illegitimität zur Konstitutionsbedingung der Neuzeit . Abweichend vom Gedanken der systematischen Differenz zwischen Aufklärung und Mittelalter betont Blumenberg den Zusammenhang beider Epochen; die Aufklärung übernehme Fragen, die das Mittelalter bereits gestellt habe, behandle sie jedoch grundlegender und vorurteilsfreier, weil sie ihre theoretische Neugierde in ganz anderer Weise entwickeln dürfe als frühere Epochen. Die Aufklärung sei keineswegs eine Periode der Säkularisierung, vielmehr Produkt einer Ermächtigung des menschlichen Verstandes im Zeichen der curiositas, deren intellektuelle Antriebsenergie zumal im christlichen Mittelalter, unter dem Einfluß des älteren Neugierde-Verdikts der Patristik, insbesondere Augustins, kritisch betrachtet wurde. Insofern führe die Aufklärung die intellektuelle Auseinandersetzung um Fragen der Kosmologie, Naturphilosophie und Erkenntnistheorie fort, die im Mittelalter bereits angelegt gewesen sei, aber aufgrund entsprechender Theorieverbote nicht zu systematischer Entwicklung habe gelangen dürfen.
Wie problematisch die unbefangene Verwendung des Säkularisierungstheorems in der Literaturwissenschaft sein kann, zeigt der insgesamt instruktive Artikel von Dieter Kimpel in Viktor Zmegacs Sammelwerk zur literarischen Entwicklung zwischen Aufklärung und Vormärz. Kimpels Versuch, das aufgeklärte Zeitalter mit Hilfe des Säkularisierungsbegriffs vom Konfessionalismus des 17. Jahrhunderts abzugrenzen, bleibt bedenklich, weil er das Fortleben der traditionellen Metaphysik im Wolffschen Rationalismus gänzlich außer acht läßt, damit aber eine wesentliche Komponente frühaufklärerischen Denkens vollkommen ausblendet . Nur vor dem Hintergrund der ultramundanen Orientierung der Frühaufklärung wird wiederum die Leistung Kants verständlich, der mit seiner Kritik der reinen Vernunft die erste systematische Attacke gegen sämtliche Formen jener metaphysischen Ordnungsansprüche führt, die im Gefolge von Leibniz und Wolff das deutsche 18. Jahrhundert noch stark geprägt hatten.
Die inzwischen spürbar entspannte Säkularisierungsdebatte verdeutlicht die spezifische Interessenlage einer ideengeschichtlich orientierten Aufklärungsforschung. Wesentlich bleiben für sie Fragen der Denkform, der Reflexionsstrategie und Begriffsrezeption, wie sie schon Ernst Cassirer in seinem noch heute faszinierenden Standardwerk zur Philosophie der Aufklärung erörterte. Für Cassirer vollzieht sich die Konstitution aufklärerischen Denkens wesentlich über dessen Form, über die Entfaltung neuer intellektueller Energien und die Bereitschaft zur kritischen Durchleuchtung überlieferter Denkinhalte und Methoden . Gestützt auf die These von der Evolution der wissenschaftlichen Methoden als Signatur des Epochenwandels ließ sich der Umbruchprozeß zwischen Barock und Aufklärung im Sinne eines Paradigmenwechsels beschreiben, der insbesondere durch die ab 1700 verbreitet einsetzende Rezeption des Cartesianismus angebahnt wurde .
Die neuere Ideengeschichte hat zumal an die Vielfalt des Aufklärungsbegriffs jenseits seines enger gefaßten Epochenstatus erinnert. Jürgen Mittelstraß zeichnet in seiner grundlegenden Studie über Neuzeit und Aufklärung am Paradigma der Naturwissenschaften aufgeklärte Strömungen im Denken der Antike nach . Ein von Jochen Schmidt herausgegebener Sammelband zu Aufklärung und Gegenaufklärung im Prozeß der abendländischen Geistesgeschichte demonstriert augenfällig die kategoriale Vielfalt des Aufklärungsbegriffs und die zyklische Logik, der seine Entwicklung in der Historie europäischen Denkens unterliegt . Sichtbar wird hier, daß Aufklärung nicht allein ein Phänomen des 18. Jahrhunderts ist, sondern ihrerseits auch in Antike und Mittelalter als geistige Bewegung zutage tritt. Neugier, Vorurteilsfreiheit, Vernunftbezug, Selbstreflexion methodischer Vorentscheidungen und Opposition gegenüber mystisch-irrationalen Denkmustern gehören jedoch als zeitübergreifende Faktoren der aufgeklärten Verstandeskultur unabdingbar zu. Werner Schneiders hat derartige Merkmale aufklärerischen Denkens in einer grundlegenden Arbeit am Beispiel der im Ausgang des 18. Jahrhunderts sich vollziehenden Selbsteinschätzung der Aufklärungsepoche systematisch analysiert . In Panajotis Kondy-lis' Standardwerk über die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus werden solche historisch übergreifenden Perspektiven gleichfalls erkennbar; das aufklärerische Denken erscheint, bezogen auf entsprechend ältere Tendenzen in Scholastik und Renaissance, als geschichtlich geprägte intellektuelle Strömung, für deren Verständnis die Durchleuchtung des Quellenbestands unerläßlich scheint. Als besonders glücklicher methodischer Ansatzpunkt erweist sich zudem bei Kondylis die Ausrichtung an der rationalistischen Komponente der Aufklärung, die keineswegs zur Konstruktion eines verengten Epochenbegriffs führt, sondern, im Gegenteil, auch andersartige Strömungen - den Spinozismus, die Gefühlsphilosophie, die psychologische Anthropologie - aus ihrem Kontrast zum Rationalismus besser würdigen hilft .
Daß von diesem Verständnis ideengeschichtlicher Prozesse ein Zugang zu im engeren Sinne literaturwissenschaftlichen Fragen möglich ist, hat wiederum Hans Blumenberg mit seinem metaphernhistorischen Ansatz demonstriert. Blumenberg geht davon aus, daß sich die Ideengeschichte in der Evolution von metaphorischen Sprachbildern abzeichnet, deren Umwertungen jeweils dem Wandel der geistigen Interessen folgen, denen der Mensch unterliegt . Die Metapher vom Weltbuch, die Allegorie der wissenschaftlichen Tathandlung, das Höhlengleichnis oder das Bild Gottes als Uhrmacher illustrieren solche ideenhistorischen Entwicklungsprozesse auf signifikante Weise und lassen sich mit Gewinn auch auf die Literatur der Aufklärung übertragen, deren Bildsprache ihrerseits aus traditionellen Ressourcen gespeist wird, dabei aber das überlieferte Quellenmaterial eigenständig umzuformen sucht . Von diesem Punkt aus wäre eine Erneuerung ideengeschichtlicher Aufklärungsforschung auch mit Blick auf die Literaturwissenschaft interessant; größere Evidenz entfaltet sie zumal dort, wo die Geschichte menschlicher Denkhaltungen im Spiegel ihrer Rezeption sprachlicher Topoi untersucht wird.
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