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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Gesichtspunkte der mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Forschung



Es ist bemerkenswert, daß das sich in den letzten zehn Jahren artikulierende mentalitätsgeschichtliche Interesse der Literaturwissenschaft aus zwei methodisch sehr unterschiedlichen Ansatzpunkten entsprang, die ihrerseits aufklärungskritische Positionen reflektierten. Auf der einen Seite steht Odo Marquards Plädoyer, das historische Scheitern des Projekts Aufklärung nicht allein auf die Rechnung ihres einseitigen Vernunftbezugs zu setzen, vielmehr auch zu berücksichtigen, daß Aufklärung den Menschen mit einem unerhörten Auftrag belaste, den er selbst kaum bewältigen könne: dem Anspruch einer in sämtlichen Momenten seines Handelns gegebenen Selbstverantwortlichkeit im Zeichen des Autonomiepostulats. Marquard betont in mehreren zumeist aus den 60er Jahren stammenden, 1973 gesammelt publizierten Aufsätzen, daß die aus der Aufklärung hervorgehende Geschichtsphilosophie allzu einseitig historische Langzeitprozesse betrachtet, die je konkrete Wirklichkeit des Individuums aber außer acht gelassen habe. Im Rückblick auf die ideenhistorische Entwicklung des 19. Jahrhunderts gelangt Marquard zur Einsicht, daß die Entstehung der philosophischen Anthropologie das Resultat des Unbehagens an der Geschichtsphilosophie und ihren den konkreten Menschen ignorierenden Systemzwängen sei . Eine Aufklärungsforschung, die ihrerseits Konsequenzen aus der Wissenschaftshistorie zu ziehen imstande wäre, müßte sich entschlossen von geschichtsphilosophischen Fragestellungen verabschieden und ihre Konzentration auf den Bereich des Anderen der Vernunft richten, auf das, was hinter den Theorien und Systementwürfen der Ratio liege - auf den Menschen als körperliches, empfindendes, wahrnehmendes Wesen. Im Gefolge von Marquards Analyse entfaltete sich das neue anthropologische Interesse an der Aufklärung, das wiederum aus dem Unbehagen an einer die Denklogik der Geschichtsphilosophie selbst in allen Details nachvollziehenden Ideenhistorie geboren wurde.
      Von einer anderen methodischen Position aus, jedoch nicht minder kritisch, argumentiert Michel Foucault in seiner wissensgeschichtlichen Studie Les tnots et les choses . Für Foucault bildet die Aufklärung nur eine Station in der Geschichte abendländischer Denksysteme, deren jeweils gemeinsames Merkmal darin liegt, daß sie Machtinteressen über die praktische Umsetzung der sie prägenden methodischen Prinzipien verfolgen. Wesentliches Kennzeichen der aufgeklärten Ordnung des Wissens, die Foucault zufolge bereits im 17. Jahrhundert hervorzutreten beginnt, bildet das Prinzip der >RepräsentationArchäologie des Wissens< charakterisierten struktura- listischen Rekonstruktion seiner epistemologischen Prinzipien ans Licht zu bringen.
Gestützt auf eine Vielzahl historischer Quellen, möchte Foucault demonstrieren, daß das anthropozentrische, logozentrische Denken der Aufklärung systematische Aus- grenzungsoperationen gegenüber abweichenden Verhaltens- und Reflexionsweisen vornimmt, um seine eigene Rationalität als Instrument totaler Denkherrschaft zu etablieren. Anders als Horkheimer und Adorno will der Wissenshistoriker Foucault jedoch keine Korrektur des gescheiterten Projekts Aufklärung anregen, sondern möglichst illusionslos dessen historisch flüchtigen, vorübergehenden Charakter vor
Augen führen. Der Blick auf den aufgeklärten Umgang mit Abweichlern, Irren und
Sonderlingen, mit Leidenschaften, Lüsten und Gefühlsextremen soll zugleich die machtsichernden Techniken des Diskurses der Rationalität verdeutlichen: seine rücksichtslos selektierende, eigene Normen stabilisierende, Geltungstotalität über
Verwerfungen anstrebende Verfahrensweise.
Auch von Foucault aus gerät die Aufklärungsforschung an ihr anthropolo- gisches Sujet. Den Weg einer kritischen Betrachtung des menschlichen Zivilisa- tionsprozesses war, stärker sozialhistorisch orientiert als Foucault, bereits Norbert
Elias in den 30er Jahren gegangen; schon bei ihm rückten anthropologische Fra- gestellungen in den Mittelpunkt eines Interesses, das nicht primär ideengeschicht- lieh orientiert, sondern an der psychophysischen Disposition des >ganzen Menschen« ausgerichtet bleibt . Geleitet von der Annahme, daß sich die spezifische Signa- tur einer Epoche nicht allein in der abstrakten Logik ihrer Ideen, vielmehr im jeweiligen Bild vom Menschen manifestiere, stößt die anthropologisch orientierte Aufklärungsforschung im gesamten 18. Jahrhundert auf eine schwierige Gemengelage. Der aufgeklärte Diskurs gestattet die Auseinandersetzung mit vernunftjenseitigen

Strömungen nur dort, wo diese methodisch unter das Regiment der Rationalität tritt. Sein intellektuelles Verhältnis zu Problemen menschlicher Körperlichkeit, Wir- kungsformen der Leidenschaft und Fragen der Sinneswahrnehmung ist zuvörderst geprägt durch Maßnahmen der Distanzierung, Selektion und Abwehr. In diesem
Sinne haben Hartmut und Gernot Böhme Aufklärung wesentlich verstanden als
Prozeß der systematischen Tabuisierung dessen, was man das >Andere der Vernunft< nennen kann - der Triebe, Leidenschaften, Normabweichungen und Verhaltens- anomalien des Individuums. Erst durch Nietzsche und Freud seien, so die Auto- ren, die im 18. Jahrhundert mit programmatischem Anspruch ausgegrenzten

Strukturen des Unbewußten wiederentdeckt, damit auch die Folgelasten einseitiger
Entfaltung von Rationalität grundlegend durchschaubar geworden . Aufklärung erscheint derart als Epoche der Vertreibung des
Körpers und seiner unterschiedlichen Triebkräfte, anthropologisch interessierte
Aufklärungsforschung als Beitrag zur wissenschaftlichen Erkundung der einzelnen

Strategien dieser Vertreibung.
      Eine derartige Perspektive bleibt nicht frei von Einseitigkeit, unterschätzt sie
doch, daß die Aufklärung selbst dort, wo sie die Erscheinungsformen des Irrationa
len bekämpft, ein fundamentales Interesse am Nicht-Vernünftigen, logisch kaum
Erfaßbaren an den Tag legt. Das anthropologische Themenfeld ist im gesamten
18. Jahrhundert - nicht erst am Ende der Epoche - reich bestellt. Nie zuvor wurdederart gründlich über Prozesse der Physiologie und Nervenerregung, über Wahr-nehmungs- und Bewußtseinsakte, seelische Krankheiten, Psychosomatik und Psychologie nachgedacht wie im Zeitalter der Aufklärung. Einem differenzierteren Ver- ständnis der Epoche erschließt sich die Tatsache, daß sich der Rationalismus des
18. Jahrhunderts durch die von ihm selbst tabuisierten oder doch unter das Regime der Vernunft gezwungenen Themen immer wieder neu fasziniert zeigte. Aufgeklärte Anthropologie vermittelt daher mehr als nur das Bildnis eines reduzierten, einzig
verstandesbezogenen Menschen; ihre Erforschung stößt zugleich auf eine Vielzahl
psychologischer, medizinischer und diätetischer Theorien, die demonstrieren, daß
das 18. Jahrhundert dem Anderen der Vernunft die Aufmerksamkeit nie völlig ent-zog . Zu berücksichti
gen gilt es zudem, daß die Sache des Menschen nirgendwo sonst in solcher Breite
und Einläßlichkeit verhandelt wird wie in der schönen Literatur, sich mithin die
anthropologische Neugier der aufgeklärten Epoche unmittelbar in ihren poetischen
Werken niederschlägt. Insbesondere der zeitgenössische Roman bildet Formstruktu
ren heraus, die es gestatten, mit der »innren Geschichte« des Helden zugleich anthropologische Fallstudien zu liefern, die die psychophy
sische Disposition des Menschen im Kontext seiner Erfahrungswelt an prägnanten
Modellfällen demonstrieren dürfen.
     

Die anthropologisch interessierte Aufklärungsforschung hat in den letzten 20 Jahren verschiedene Themenkomplexe der Literatur des 18. Jahrhunderts syste-matischer erarbeitet . Angeregt durch Hans-Jürgen Schings' wegweisende Studie über das Melancholiethema in literarischen bzw. psychologisch-medizinischen und philosophischen Texten der Aufklärung , erschloß man eine Vielzahl von Untersuchungsfeldern, an denen die
spannungsreiche Auseinandersetzung der Aufklärung mit den jenseits der Vernunft
liegenden Antrieben im Menschen sichtbar werden konnte. Dazu gehörte die Ana
lyse anthropologisch-psychologischer Gehalte der literarischen Autobiographik
, die Rekonstruktion des aufklärerischen Umgangs mit menschlicher Angst , mit dem Körper und den verschiedensten Spielarten der Leidenschaft im Kon
text ihrer diskursiven Darstellung , nicht zuletzt die Unter
suchung des bereits für die antike Tradition bedeutungsvollen Verhältnisses von
Anthropologie und Rhetorik sowie des Menschenbildes auf
geklärter Schauspielkunst . Die Vielfalt der aktuellen Forschung wurde
jüngst erst durch die Beiträge des 1992 in Wolfenbüttel veranstalteten DFG-Sym
posions zur literarischen Anthropologie des 18. Jahrhunderts eindrucksvoll vor
Augen geführt . Wesentliche Unterstützung erfährt das hier sich arti-kulierende Interesse an den ästhetisch reflektierten Dimensionen der Aufklärungskultur durch die Arbeiten der neueren Mentalitätsgeschichte, wie sie, exemplarisch und in hohem Maße instruktiv, der Historiker Richard van Dülmen zu Fragen der gelehrten Sozietäten und Geheimbünde, der Entfaltung lebensweltlicher Strukturen, der Arbeitsorganisation und der Bildungspraxis der frühen Neuzeit vorgelegt hat .
      Im Idealfall gelingt es einer anthropologisch interessierten Aufklärungsforschung, literarische Werke aus ihrem Zusammenhang mit der zeitgenössischen Kultur- und Mentalitätsgeschichte zu erschließen, mithin eine methodische Synthese zwischen Textinterpretation und historischer Erkenntnis herbeizuführen, die im Fall ideen- und sozialgeschichtlicher Untersuchungsansätze nur recht selten glückt. Bedingung dieser Verknüpfung bleibt die Einsicht, daß das weite Feld der Anthropologie und Alltagskultur - die Geschichte von Körperbildern, Geschlechterbeziehungen, Leidenschaften und Phantasieproduktion - in besonderem Maße dazu disponiert scheint, literarische und lebensweltliche Prozesse in ihrer organischen Verbindung und wechselseitigen Durchdringung transparent werden zu lassen. Zu beobachten ist hier, daß die Literatur der Aufklärung stets auch das je aktuelle Bild des Menschen bestimmt, umgekehrt anthropologische Theorien der Poesie Quellen zuspielen, aus denen diese ihre Stoffe beziehen kann.
     

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