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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Schulphilosophische Popularisierung: Christian Wolff



Der cartesianische Rationalismus und Leibniz' optimistische Metaphysik bilden die zentralen Elemente der frühaufklärerischen Schulphilosophie, deren Haupt und wesentlicher Vermittler in Deutschland Christian Wolff ist. Von ihm gehen die bedeutsamsten Impulse der neuen rationalistischen Philosophie aus, er importiert die Gedanken Descartes' und mit ihnen die neuen naturwissenschaftlichen Methoden, die die Zeit bewegen, er verbreitet aber ebenso die Leibnizsche Metaphysik und deren optimistische Botschaft von der Existenz einer nach denklogischen Gesichtspunkten unübertrefflich eingerichteten Welt. Im Gegensatz zu seinen Lehrmeistern befaßt sich Wolff jedoch weniger mit Fragen der Erkenntnistheorie als mit den Gegenständen, denen menschliche Forschungstätigkeit nachspürt. Sein unermüdliches, über fünf Jahrzehnte sich erstreckendes publizistisches Wirken gilt einer Vielzahl von Themenfeldern - der Politik, Ethik, Rechts- und Moralphilosophie, der Metaphysik, Logik, Mathematik und Naturwissenschaft. Insofern ist Wolff nicht nur der deutsche Popularisator der rationalistischen Denkrichtung, sondern auch der erste Autor, der ihre Methoden auf ein weit gefaßtes Lehrgebäude und die unterschiedlichsten Materien überträgt. Wenn man von der Leibniz-Wolffschen »Schul-philosophie< spricht, so bezeichnet diese Terminologie eine intellektuelle Allianz, bei der Leibniz die Rolle des geistigen Vorreiters und Wegbereiters, Wolff aber die Aufgabe der Vermittlung, praktischen Umsetzung und Verbreitung der rationalistischen Methode zufiel.
      Wolffs Tätigkeit ist unmittelbar an das universitäre Leben im Deutschland der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebunden. Nach einem Studium der Theologie und Mathematik begann er seine Laufbahn als akademischer Lehrer 1703 in Leipzig, das zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs das Zentrum der deutschen Universitätslandschaft bildete , sondern eher durch akademische Arroganz und mangelnde Weitläufigkeit gekennzeichnet war. Angesichts der in Leipzig vorherrschenden intellektuellen Mediokrität konnte Wolff zufrieden sein, daß er nach nur vier Jahren eine Berufung an die Universität Halle erhielt, wo größere Freiräume für methodische Innovationen herrschten. Als Professor der Mathematik gehörte er der philosophischen Fakultät an . Um mit seinen ausgeprägten philosophischen Interessen innerhalb der Fakultät nicht in Konkurrenz zu Christian Thomasius zu treten, der das Gebiet der Metaphysik, ferner die Natur- und Rechtsphilosophie vertrat, blieb Wolff zunächst genötigt, sich im Rahmen seiner Lehrtätigkeit auf Veranstaltungen zur allgemeinen Logik und Mathematik zu beschränken. Er selbst betrachtete diesen Umstand, wie er rückblickend in seiner Lebensbeschreibung erklärte, als ideale Gelegenheit zur Denkschulung. Noch seine späteren metaphysischen Abhandlungen zeigen sich geprägt von einer streng logisch-deduktiven Methodik, die einen mathematisch geübten Verstand verrät. In den folgenden Jahren erweiterte Wolff seinen Themenkreis, bezog zunächst experimentell-naturwissenschaftliche Fächer wie Mechanik und Optik in sein Unterrichtsangebot ein, später, ab etwa 1715, jedoch auch Probleme der Metaphysik und Sittenlehre, also Kernbereiche der zunächst gemiedenen philosophischen Disziplin.
      Seit Beginn der 20er Jahre geriet Wolff in einen bald auch öffentlich wirksamen Disput mit Vertretern der theologischen Fakultät, die seinem rationalistischen Lehrsystem eine dezidiert atheistische Tendenz vorwarfen und ihn beschuldigten, den englischen Freidenkern nahezustehen, deren dogmenkritische Konfession innerhalb der deutschen Orthodoxie, aber auch in Kreisen des in Halle überaus starken Pietismus als ketzerisch verworfen wurde . Wolff, der dem Leibnizschen Theodizee-Gedanken , kaum aber, wie man behauptete, freidenkerischen Lehren nahestand, setzte sich mit einem scharf formulierten Schreiben gegen die an ihn adressierten Vorwürfe zur Wehr. Dieses wiederum veranlaßte seine theologischen Fakultätskollegen Joachim Lange und August Hermann Francke - bekennende Pietisten und unerbittliche Gegner der von ihnen als religionsfeindlich eingestuften rationalistischen Philosophie - auf höchster Ebene vorstellig zu werden und beim preußischen König auf die Entlassung Wolffs zu drängen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Friedrich Wilhelm I. formulierte am 8. November 1723 die folgende Kabinettsorder:
Demnach uns hinterbracht worden, daß der dortige Professor Wolf in öffentlichen Schriften und Lectionen solche Lehren vortragen soll, welche der im göttlichen Worte geoffenbarten Religion entgegenstehen und Wir denn keineswegs gemeynet sind, solches ferner zu dulden, sondern eigen höchsthändig resolviret haben, daß derselbe seiner Profeßion gänzlich entsetzet seyn und ihm ferner nicht mehr verstattet werden soll, zu dociren. Wie ihr denn auch gedachtem Wolf anzudeuten habt, daß er binnen 48 Stunden nach Empfang dieser Ordre die Stadt Halle und alle unsere übrige Königl. Lande bey Strafe des Stranges räumen solle. .
      Der solcherart Geächtete kam der rüden Aufforderung, die preußischen Lande zu verlassen - Sachsen gehörte ihnen zu -, unverzüglich nach. Seine beträchtliche wissenschaftliche Reputation verschaffte ihm jedoch rasch neue Aufgaben; nach kürzerer Bedenkzeit folgte er einem Ruf an die Universität Marburg . Der Hallenser Konflikt zwischen dem gelehrten Aufklärer Wolff und seinen pietistischen Widersachern ist in besonderem Maße aufschlußreich, weil er die religiöse und politische Intoleranz beleuchtet, die im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts in Deutschland durchweg herrschte. Noch war die Obrigkeit weit davon entfernt, den Geist des neuen Zeitalters sich frei und ungezwungen entfalten zu lassen; eine Allianz wie das spätere Gedankenbündnis zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen wäre den Gelehrten um diese Zeit als kaum zu verwirklichende Utopie erschienen.
      Wolffs akademischer Laufbahn und seiner Karriere als bedeutendster philosophischer Schriftsteller der ersten Phase der deutschen Aufklärung haben die Vorfälle in Halle nicht geschadet. Annähernd 17 Jahre wirkt er an der Marburger Universität, ehe ihn der junge, eben gekrönte Friedrich

II.

nach Halle zurückruft und damit demonstriert, daß er, anders als sein Vater, ein Klima religiöser Toleranz und geistiger Unabhängigkeit in Preußen zu schaffen gedenkt. Wolffs Antrittsvorlesung wird im Rahmen eines imposanten akademischen Festakts gefeiert, dem jedoch bald Ernüchterung folgt: Der über sechzigjährige Gelehrte besitzt nicht mehr die intellektuelle Spannkraft früherer Jahre, er wirkt verbraucht, schöpft aus bekannten Ressourcen, scheint auch methodisch nicht mehr auf der Höhe seiner Zeit. Der Prozeß der Aufklärung ist fortgeschritten und letzthin über die Schulphilosophie hinweggegangen. Deren Rationalismus bildet zwar die Grundlage der neuen, in der Jahrhundertmitte aufkommenden sensualistischen Lehren, besitzt aber nicht mehr jene unangefochtene Autorität wie um 1730, auf dem Höhepunkt von Wolffs Wirken.
      Wolffs Schriften gehorchen unterschiedlichen Wirkungsintentionen; die deutschen Werke, meist aus Vorlesungen entstanden, richten sich an eine breitere Leserschaft, die lateinischen Arbeiten sind an die Gelehrtenwelt und das internationale Publikum adressiert. Seine wichtigsten Publikationen erscheinen in raschem Tempo zwischen 1710 und 1725: Den Beginn machen 1712 die Vernünfftigen Gedancken von den Kräften des menschlichen Verstandes ; es folgen 1720 die Vernünfftigen Gedancken von der Menschen Tun und Lassen [Deutsche EthiK) sowie, im selben Jahr, die Vernünfftigen Gedancken von GOTT, der Welt und der Seele des Menschen , 1721 die Vernünfftigen Gedancken von dem Gesellschaftlichen Lehen der Menschen , schließlich 1724 die Yernünfftigen Gedancken von den Absichten der natürlichen Dinge . Seine mathematisch geschulte Denkmethode hat Wolff in der Logik von 1712 entwickelt und exemplarisch vorgeführt. Alle Erscheinungen, denen das Vernunfturteil auf die Spur kommen möchte, sollen auf logisch nachvollziehbare Weise analysiert werden; der Beweisgang selbst muß so angelegt sein, daß die einzeln angeführten Gründe einander nicht widersprechen, sondern, in sich stimmig, auseinander folgerichtig hervorgehen. Gestützt auf diese Methode der >demon-strativischen Vernunftschlüsse< entwickelt Wolff sein gesamtes Lehrsystem; dessen formale Verfahrensweise entspricht aufs genaueste dem von ihm angenommenen Bau der Natur, deren rationale Ordnung wiederum auf Gott als vollkommenes Wesen zurückverweist .
      Rationalität und Metaphysik, Verstandesgebrauch und Glauben, Logik und Offenbarungswahrheit bilden für Wolff, der hier ganz als Leibnizianer auftritt, keine inneren Widersprüche, sondern treten zur Einheit zusammen. Sehr prägnant hat Kant im Vorwort zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft das rationalistische Lehrsystem charakterisiert: Wolff habe zu erweisen gesucht, »wie durch gesetzmäßige Feststellung der Prinzipien, deutliche Bestimmung der Begriffe, versuchte Strenge der Beweise, Verhütung kühner Sprünge in Folgerungen der sichere Gang der Wissenschaften zu nehmen sei « .
      Da Natur Vernunftnatur, darin wiederum von Gott als höchstem Vernunftwesen abkünftig ist, besitzt das rationale Erkenntnisvermögen des Menschen den Charakter eines die letzten Wahrheiten der Schöpfung erschließenden Instrumentariums. Erst in der durch die Logik des demonstrativischen Beweisverfahrens am je einzelnen Gegenstand rekonstruierbaren Vernünftigkeit des Weltbaus zeigt sich laut Wolff die Vollkommenheit Gottes; dieses ist die zentrale Botschaft nahezu sämtlicher seiner Schriften, die lediglich im Zusammenhang verschiedener Materien und Disziplinen zutage tritt. Gerade die thematische Vielfalt gehört bei Wolff zum programmatischen Anspruch eines sich universalwissenschaftlich präsentierenden Aufklärungskonzepts, das das gesamte Spektrum der Natur und des menschlichen Gesellschaftslebens erschließen und umfassend katalogisieren möchte. Nachzuweisen steht immer wieder neu die durchgreifende Vernunftordnung der Schöpfung, die sich in je verschiedenen Gegenständen manifestiert. Zentrales Mittel der Erkenntnis dieser Ordnung ist die Ratio. »Der Mensch«, bemerkt Wolff in der Vorrede der Deutschen Logik , »hat nichts vortreflicheres von GOTT empfangen als seinen Verstand.«

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