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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Descartes und Leibniz



Die entscheidende ideengeschichtliche Voraussetzung für die systematische Entwicklung aufklärerischen Denkens bildet die Konstitution des frühneuzeitlichen Rationalismus, wie er wesentlich durch das seit 1630 entstehende Werk Rene Descartes' vorbereitet wird. Das cartesianische Denkmodell entfaltet dabei seine volle Wirkungskraft erst am Beginn des 18. Jahrhunderts; seine breitere Rezeption unterliegt einer Verspätung, die ihrerseits durch die relative Stabilität des im Barockzeitalter restaurierten scholastischen Wissenssystems bedingt wird . Bereits in seinem Discours de la methode pour bien conduire sa raison, et cbercher la verite dans les sciences weist Descartes den Weg zu einem neuen Vernunftverständnis, dessen Durchsetzung im Ausgang des 17. Jahrhunderts zugleich die Ablösung von der traditionellen, metaphysisch orientierten Wissensordnung bedeutet, wie sie noch das Naturbild der Barockliteratur prägt.
      Für Descartes besitzt das rationale, logisch begründbare Urteil über einzelne Naturprozesse, das vor allem durch die Denkoperationen der Mathematik vorbereitet wird, Wahrheitserschließenden Charakter. Während Wissen im mittelalterlichscholastischen Ordnungssystem unter dem Vorbehalt steht, daß es nur Hypothesen, nicht aber die allein Gott vorbehaltene Wahrheit über die Natur vermitteln kann, beansprucht Descartes' Discours, wie schon sein Titel signalisiert, eine realitätser-fassende Dimension menschlicher Forschungstätigkeit zu begründen. »La verite dans les sciences«: Mit dieser Formel bricht Descartes das jahrhundertealte Dogma der Theologen, demzufolge Wahrheit nur durch die Botschaft der Offenbarung, also im Gehalt der heilsgeschichtlichen Ereignisse, die im Bibelwort übermittelt werden, geborgen liegen kann, nicht jedoch im menschlichen Wissen über die Natur. Das geistige Zentrum des Discours de la methode bildet die Bestimmung des Menschen als reflektierendes Wesen, das im Akt des Denkens seine gattungsspezifische Identität gewinnt; »cogito ergo sum« , so lautet Descartes' berühmtgewordene Formel, die wegweisend bleiben wird für die gesamte europäische Aufklärung bis zu Kant.
      Descartes hat seine Lehre von der rationalen Methode des Wissens in seinen Meditationes de prima philosophia zu einem metaphysischen System ausgeweitet. In sechs Meditationen reflektiert der Autor über die Tätigkeit des menschlichen Geistes , die Differenz zwischen Geist und Körper , über die Möglichkeit eines Gottesbeweises , Wahrheit und Irrtum , die Wesenhaftigkeit der materiellen Erscheinungen dieser Schöpfung und den prinzipiellen Gegensatz zwischen Seele und Körper . Grundlegend für Descartes' Metaphysik ist die Annahme, daß die Existenz nahezu jeden Elements, das in der empirischen Welt vorkommt, bezweifelt werden kann. Der Mensch zeigt sich imstande, den Phänomenen dieser Wirklichkeit mit einem durchgreifenden Skeptizismus zu begegnen; alles, was besteht, besteht primär in der Vorstellung, und darf daher unter verschiedenen Perspektiven bewertet, mithin in seinem objektiven Gehalt in Zweifel gezogen werden.
      Ausgehend von der Diagnose, daß Urteile über die Natur prinzipiell unzuverlässig und mehrdeutig ausfallen, setzt Descartes sodann auseinander, daß jenseits des unsicheren und bezweifelbaren Wissens auch Distrikte der Natur existieren, über die zuverlässige Urteile möglich sind. Nicht anzuzweifeln ist, wie Descartes in einem längeren Beweis im dritten Teil ausführt, das Dasein Gottes als eines vollkommenen Wesens, das am Ursprung der Schöpfung steht. Nicht zu bezweifeln bleibt jedoch auch, daß der Mensch über bestimmte Wahrheiten verfügt, die ihm das mathematische Wissen von der Natur vermitteln kann. Die Mathematik erschließt insofern letzte Wahrheitsgründe, als ihre Erkenntnisse und Lehrsätze nicht in Frage gestellt werden können: »Denn ich mag wachen oder schlafen, so sind doch stets 2+3=5, das Quadrat hat nie mehr als vier Seiten, und es scheint unmöglich, daß so augenscheinliche Wahrheiten in den Verdacht der Falschheit geraten.« . Wieder meldet sich hier ein philosophischer Rationalismus, der die frühe Aufklärung maßgeblich beeinflussen wird. Die Logik des wissenschaftlichen Urteils über die Natur dient nicht allein der Aufstellung bestimmter Hypothesen, sondern unterstützt ihrerseits die Erkenntnis der Wahrheit, die nicht allein durch die Offenbarungsreligion, vielmehr auch vermittels der Vernunftschlüsse des forschenden Menschen erfaßt werden kann.
      Als Beitrag zur Begründung des frühneuzeitlichen Rationalismus erfährt das Werk Descartes' seine eigentliche Rezeptionsgeschichte erst im ausgehenden 17. Jahrhundert. Auf Kritik stößt zunächst sein schroffer weltanschaulicher Dualismus. In den Meditationes hatte Descartes erklärt, daß Seele und Körper des Menschen, Geist und Materie prinzipiell zu trennen seien; geschieden werden res cogitans von den sinnlichen Erscheinungen, den res extensae . Eine echte Vermittlung zwischen res cogitans und res extensa kann nur Gott herstellen, und zwar im Akt einer gelegentlichen Harmonisierung, die von Fall zu Fall einzutreten vermag. Die Konsequenz dieses Ansatzes - der sogenannten >cartesianischen Substanzentrennung< - besteht darin, daß der Geist des Menschen in den Erscheinungen stets nur ihm fremde Dinge zu erkennen vermag und die Einheit der Schöpfung als Ausdruck ihrer Vollkommenheit derart in Frage gestellt scheint. Auf den cartesianischen Dualismus antwortet Gottfried Wilhelm Leibniz mit zwei neuen Gedankenmotiven, die zugleich die rationalistische Metaphysik von Descartes fortschreiben: mit dem Modell der Monadologie und dem Konzept der harmonia praestabilita .
      Gegen Descartes' schroffe Trennung von res extensa und res cogitans setzt Leibniz die Vorstellung, daß in der Schöpfung einfache, nicht teilbare Substanzen, die Monaden, existieren, welche gleichsam eine Verknüpfung zwischen geistigen und körperlichen Elementen der Natur schaffen und deren Einheit garantieren ). Leibniz betrachtet es als zentrales Merkmal einer von Gott vollkommen eingerichteten Schöpfung, deren vernünftiger Aufbau wiederum den Schöpfer selbst lobt und seine Souveränität anzeigt, daß sie nicht durch Gegensätze, vielmehr durch Harmonie und inneren Zusammenhang geprägt ist. Insofern bleibt der Gedanke, es existierten in der Natur unteilbare Substanzen wie die Monaden, von zentraler Bedeutung für Leibniz' Rationalismus. Nur diejenige Natur erscheint vollkommen, die vernunftkonform aufgebaut ist und den Gesetzen des Logos folgt.
      Ähnlichen Überlegungen gehorcht auch Leibniz' Vorstellung, daß das Verhältnis zwischen Körper und Geist im Menschen durch einen von Gott geschaffenen inneren Ausgleich, durch eine immer schon gegebene, vorausentworfene Korrespondenz, die harmonia praestabilita, geprägt sei. Entfaltet ist der Gedanke der prä-stabilierten Harmonie, der ebenso wie das Monaden-Modell die letztgültige Einheit der von Gott vollkommen eingerichteten Natur unter Beweis stellen soll, bereits im frühen Discours de metaphysique , weiter ausgeführt im Systeme nou-veau de la nature . Monadenkonzeption und harmonia praestabilita verweisen als tragende Gedankenelemente der von Leibniz repräsentierten rationalistischen Metaphysik auf eine grundlegende, für die gesamte Frühaufklärung maßgebliche Vorstellung. Sie besagt, daß die Schöpfung als Werk Gottes vollkommen, und das heißt: nach einem Höchstmaß an Vernunft geschaffen und aufgebaut sei.
      Dieser Gedanke führt zum dritten wesentlichen Leitmotiv der Leibnizschen Metaphysik, zur Theodizee-Konzeption, wie sie die 1710 publizierten Essais de theodicee entwickeln. Ausgangspunkt und Angriffsfläche für Leibniz' Essais war Pierre Bayles 1697 veröffentlichtes Dictionnaire historique et critique, ein umfassendes, vom Geist des neuzeitlichen Wissenschaftsenthusiasmus geprägtes Wörterbuch, das das Prinzip einer grundsätzlichen Differenzierung zwischen der Wahrheit der Offenbarung und derjenigen der Vernunft verkündet hatte. Gegen Bayles säuberliche Scheidung des christlich-metaphysischen und des rational-wissenschaftlichen Wahrheitsbegriffs setzen Leibniz' Essais den Versuch einer Verknüpfung von Theologie und Rationalität. Leibniz wird dabei geleitet durch die Überzeugung, daß die Wahrheit der Vernunft und die der Offenbarung einander allein aus logischen Gründen nicht entgegengesetzt sein dürfen. »Ich setze voraus«, schreibt er im Discours de la conformite de la foi avec la raison , der die Theodizee-Schrih einleitet, »daß zwei Wahrheiten einander nicht widersprechen können, daß der Gegenstand des Glaubens die Wahrheit ist, die Gott auf ungewöhnlichem Wege offenbart hat, und daß die Vernunft die Verknüpfung der Wahrheiten ist, besonders aber - im Gegensatz zum Glauben - der Wahrheiten, zu denen der menschliche Geist auf natürlichem Weg, ohne Beihilfe der F'rleuchtung durch den Glauben, gelangen kann.« . Die Wahrheiten der Vernunft und jene der Offenbarung lauten gleich, so betont Leibniz, weil es nicht zweierlei Formen der Wahrheit, folglich auch keine Konkurrenz zwischen Wahrheitsbegriffen geben könne. Glaube und Wissen erweisen sich derart nur als Varianten der Wahrheitserschließung; sie erfassen, auf je verschiedene Prämissen gestützt, stets dieselbe unteilbare Wahrheit - die Einsicht in die vernünftige Einrichtung der Schöpfung und die Weisheit ihres göttlichen Souveräns.
      Diese methodische Vorüberlegung, die, in entschiedener Abgrenzung gegen Bavles Dictionnaire, eine Synthese von Rationalismus und christlicher Metaphysik anstrebt, führt zum Hauptgegenstand der Essais, zur Reflexion über den Status des Übels in dieser Welt. Wie, so fragt Leibniz im zweiten Teil der Schrift, ist die vielfältig erweisbare Vernunft der Schöpfungsordnung, die wissenschaftliches Urteil und Glaube gleichermaßen erschließen, mit der Beobachtung vereinbar, daß es in dieser Welt auch Not, Leid und Kummer gibt? Warum hat Gott in seiner absoluten Weisheit und Güte das Übel im Diesseits zugelassen? Ist dessen Existenz nicht ein Grund, an Gottes Macht ebenso wie an der Vernunftordnung seiner Schöpfung zu zweifeln? Leibniz' Antwort sucht wiederum den Beistand der Rationalität, indem sie auf ein logisch fundiertes Beweisverfahren zurückgreift. Gottes Vollkommenheit läßt sich, so heißt es, prinzipiell nicht in Frage stellen. Da ein Wesen, das vollkommen ist, nur vollkommene Werke produzieren kann, muß notwendig auch die von Gott hervorgebrachte Schöpfung als perfekt gelten. Die offenkundigen Fehler, die sie aufweisen mag, waren folglich, so Leibniz, unvermeidbar und unumgänglich. Wäre eine bessere als die bestehende Welt möglich gewesen, hätte Gott sie geschaffen; die existierende Schöpfung ist mithin die beste aller denkmöglichen Welten, deren Vollkommenheit unübertrefflich scheint. Noch das jeweilige Übel gehört konstitutiv dem Wesen der so gearteten Vollkommenheit an und wird sich innerhalb der gegebenen Ordnung dereinst zum Guten wandeln: »Die höchste Güte Gottes hat zur Folge, daß sein vorhergehender Wille jedes Übel, das moralische Übel aber mehr als jedes andere, von sich weist: dieser Wille läßt es nur aus unumstößlichen höheren Gründen und mit großen Milderungen zu, die die bösen Wirkungen jenes Übels mit Nutzen wiedergutmachen.« .
      Argumentiert wird mit den Mitteln strenger Logik auf der Grundlage eines syllogistischen Systems, das charakteristisch für Leibniz' mathematische Denkschulung bleibt. Die Essais de theodicee repräsentieren das wohl typischste Zeugnis für den metaphysischen Optimismus der europäischen Frühaufklärung. Deren Ausgangspunkt bildet das ungebrochene Vertrauen in die Vernunftordnung des Universums, in der sich Gottes Allmacht spiegelt. Das Verfahren der rationalen Naturerkenntnis erweist sich so als der Schlüssel nicht nur zum tieferen Verständnis der Schöpfungsgeheimnisse, sondern auch als Weg zur Einsicht in Gottes Souveränität und Güte. Die Theodizee - die Lehre vom obersten göttlichen Weltprinzip - ist bei Leibniz aufs innigste verknüpft mit einem an Descartes geschulten Rationalismus, der seinerseits davon ausgeht, daß die Welt zum allgemeinen Besten eingerichtet und organisiert sei. Besonderes Merkmal solcher Einrichtung scheint dabei laut Leibniz, daß die Schöpfung sich im Prozeß einer ständigen Vervollkommnung befindet. Dieser Prozeß der Perfektibilisierung begründet den innerweltlichen Optimismus des Aufklärers Leibniz: Der Mensch schreitet fort zu immer souveränerer Beherrschung seiner Vernunftkräfte und zur optimalen Nutzung der ihm durch Gott verliehenen Freiheit .
      Fast fünfzig Jahre nach Leibniz' Essais wird Voltaire mit seinem 1759 anonym erschienenen Roman Candide ou l'Optimisme eine beißende Satire gegen den Theo-dizee-Gedanken richten. Die Verspottung des metaphysischen Optimismus, wie sie hier im Kontext der Erzählfiktion, vermittelt über die Geschichte des naiv-gutgläubigen, immer wieder neu betrogenen Helden Candide kenntlich wird, speist sich zumal aus einer historischen Erfahrung, die für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts prägend gewesen sein dürfte: aus der Erfahrung des Erdbebens von Lissabon, das im November 1755 annähernd 50.000 Menschen das Leben kostete und in ganz Europa Ratlosigkeit und Entsetzen auslöste. Die hier geschehene Naturkatastrophe galt dem aufgeklärten Zeitalter als Rückfall in die Barbarei und stellte die kühnen Visionen stets fortschreitender rationaler Naturbeherrschung, mit ihnen das sie stützende rationalistische System des Leibnizianismus fundamental in Frage. Die intellektuelle und metaphysische Verunsicherung, die sich mit dieser symptomatischen Katastrophenerfahrung verband, führte letzthin zur Abkehr vom rationalistischen Optimismus der frühen Aufklärung und leitete eine skeptischere Phase aufklärerischen Denkens ein, für die beispielhaft das Werk Rousseaus mit seinen zivilisationskritischen Positionen und deutlicher Distanz gegenüber einer dogmatischen Vernunftkultur stehen dürfte.
     

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