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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Kopernikus-Rezeption in der frühen Neuzeit



Das nur vorsichtig vorgetragene wissenschaftliche Ethos, das Kopernikus' Methodendenken begründet, bildet den Ausgangspunkt für Giordano Brunos produktive Auseinandersetzung mit der neuen Astronomie. In seinen Dialoghi de V infinito uni-verso et mondi aus dem Jahr 1584 begegnet man erstmals dem Versuch, den Gedanken von der Vielheit der Welten unter metaphysischen Aspekten abzuwägen und damit auch jenseits seiner astronomischen Geltungshorizonte fortzuführen. Hatte Kopernikus bereits auf die Abhängigkeit der empirischen Beobachtung vom Standort des Betrachters verwiesen, so weitet Bruno diese Einsicht zur Theorie der Unendlichkeit der Perspektiven aus, die dem Umstand geschuldet ist, daß in einem infiniten Raum auch unzählige Möglichkeiten der Wahrnehmungsposition enstehen. Als Gottes Werk, so vermutet Bruno, findet die Schöpfung ihre ideelle Einheit in jener Unendlichkeit, die sie mit ihrem Schöpfer teilt. Gott hat damit die zunächst nur für ihn selbst gültige Qualität des Unendlichen dem von ihm hervorgebrachten kosmischen Raum zugewiesen. Die Vorstellung, daß der Himmel nicht allein unermeßlich ), sondern unendlich weit sei, bedeutet einen revolutionären Vorstoß, insofern sie ein ursprünglich sakrales Attribut adaptiert und in ein neues System der Welterklärung einfügt: Gottes Eigenschaft, unendlich zu sein, avanciert zu jener des Raums, den er schuf. Hans Blumenberg hat diese Umbesetzungsoperation für ein Indiz auch der sprachlichen Säkularisierung gehalten, wie sie bevorzugt an Epochenschwellen zutagetritt, an denen ein neues Denksystem unter die »Totalitätspflicht" der universellen Begründung gerät und sich durch die Verwendung von theologisch besetzten Sprachformen zu legitimieren trachtet.
      In Brunos Dialoghi geht es nicht um die mathematische Unterstützung der kopernikanischen Hypothesen, sondern um eine Neubestimmung des Menschen im Kosmos, um eine fundamentale Einschränkung seiner bisherigen Rolle als exponiertes Wesen der göttlichen Schöpfungshierarchie Die heterodoxe Dimension dieser konsequenten Anwendung der neuen Astronomie erhellt dann, wenn man sich die metaphysischen Folgelasten und Zumutungen von Brunos Ansatz vor Augen führt. Zur Debatte steht hier nichts weniger als das durchgreifende Ordnungsprinzip der Schöpfung und daran anschließend die Frage, was nach der Verabschiedung des ptolemäischen Systems an den Platz der alten Hierarchie des endlichen Raums mit seinen festen Planeten und dem empyreischen Horizont des Lichthimmels treten solle. Bruno sucht dieses Problem zu lösen, indem er eine Kosmologie entwickelt, deren Zentrum die Erkenntnis bildet, daß Zeit und Raum Größen repräsentieren, die jeweils vom Standort des Betrachters abhängen und absolut nicht mehr bestimmbar sind. Aufgrund der Einsicht in die unendliche
Weite der Schöpfung lassen sich Bewegung und Ruhe von Körpern nur mehr als
relative Kategorien verstehen; was aus der Position des Erdbewohners als Ruhe
erscheint, ist tatsächlich Bewegung .
      Das eigentliche metaphysische Skandalon von Brunos Lehre liegt darin, daßsie die bis dahin ausschließlich Gott zugebilligte Qualität des Unendlichen zur Eigenschaft des von ihm geschaffenen Raumes werden läßt. Mit dieser Zuordnung verliert Gott seine absolute Überlegenheit als erhabener Schöpfer und tritt ein sonst nur ihm zugestandenes Attribut dem durch ihn hervorgebrachten Kosmos ab. Bruno hält Gott allein für den Erbauer einer unendlichen Weltenvielfalt, nicht aber für den
Garanten des Heils und den Wegbereiter des durch Christus vollendeten Erlösungs
werks. Der Mensch unterliegt vielmehr der Logik seiner eigenen Möglichkeiten unddamit dem zyklischen Charakter des Naturprozesses, der dahin drängt, die unendlichen Variationen seiner Erscheinungen in je konkreter Gestalt zu realisieren. Eine der tiefgreifendsten und folgenschwersten Konsequenzen der kopernikanischen 1 ehre, die Bruno metaphysisch entfaltet, ist die der Neubestimmung von Körperbewegungen im Himmelsraum. Angenommen wird jetzt nicht mehr Gott als der eine, selbst unbewegliche Verursacher dynamischer Prozesse, sondern eine von den Körpern ausgehende Kraft, die ihre eigenen Bahnen bestimmt. Die Theorie der Bewegungsimmanenz richtet sich gegen die metaphysische Herleitung astrophysikalischer Abläufe und die neoscholastische Lehre vom hierarchisch strukturierten Himmelsbau, innerhalb dessen jegliche Wirkung auf Gott als oberste und einzige Ursache zurückzuführen ist .
      Die Lehren Giordano Brunos, der im Februar 1600 nach mehrfachen Inquisitionsprozessen als Ketzer auf dem römischen Campo di Fiore öffentlich verbrannt wurde, blieben im gesamten 17. Jahrhundert mit dem Geruch des Irrglaubens behaftet. Daß auch eine jenseits aller metaphysischen Problemgehalte angesiedelte rein wissenschaftliche Prüfung der kopernikanischen Hypothesen zunächst durch die Dominanz kirchlicher Vorurteile verhindert wurde, demonstriert der Fall Galileo Galileis, der im Jahr 1633 unter dem Druck der Inquisition seinen astronomischen Lehren öffentlich abschwören mußte. Verantwortlich für die verzögerte Rezeption der kopernikanischen Doktrin und ihrer kosmologi-schen Konsequenzen bleiben mehrere Faktoren. Neben dem fortdauernden Einfluß der Inquisition, die im 17. Jahrhundert die Freiheit der Forschung maßgeblich einschränkte, wird man insbesondere an die kontinuierliche Geltung des scholastischen Wissenschaftsverständnisses mit seiner rein mathematisch begründeten, erfahrungsfeindlichen, den Bereich der Empirie ausgrenzenden Naturlehre und den daraus resultierenden weltanschaulichen Konservatismus erinnern müssen, der das Zeitalter der Glaubenskämpfe beherrschte.
      Im geistigen Klima des 17. Jahrhunderts, das durch politische und ökonomische Krisen tiefgreifend erschüttert wurde, vermochten sich revolutionäre naturwissenschaftliche Gedanken nur schwer zu behaupten. Angesichts der weltanschaulichen Orientierungsnöte, die die konfessionellen Konflikte zwischen Reformation und Katholizismus und die in ihrem Gefolge sich zutragenden kriegerischen Auseinandersetzungen mit sich brachten, ist es kaum verwunderlich, wenn sich in verschiedensten Bereichen - in Staatsrechtslehre, Philosophie und Theologie gleichermaßen -konservative Tendenzen durchsetzten, die dem Bedürfnis nach hierarchischen Ordnungsstrukturen inmitten polemisch zugespitzter Religionskonflikte, politischer Krisensymptome und verheerender Kriegsfolgen Rechnung zu tragen suchten. Die Ausrichtung an der präzisen Aufgabenteilung des scholastischen Lehrsystems, die Erneuerung des ursprünglich aristotelischen, im Mittelalter systematisch begründeten Ordo-Modells mit seiner mathematisch fundierten, gegenüber empirischen Beobachtungen unzugänglichen Naturphilosophie und das starre Festhalten an einer christlich-traditionellen Kosmologie, deren Kernelement die hierarchische Strukturierung des Schöpfungsraums blieb, erweisen sich letzthin als Reaktionen auf die tiefgreifenden Erschütterungen des traditionellen Weltbildes, die im Spannungsfeld von Reformation und Gegenreformation zutage getreten waren. Falsch wäre es dabei, den weltanschaulichen Konservatismus des 17. Jahrhunderts allein auf der Seite des Katholizismus zu vermuten; zumindest im Verhältnis zu naturwissenschaftlichen Fragen und Problemen der Metaphysik erwies sich das Luthertum zunächst als nicht weniger traditionsverhaftet. Skepsis und Zurückhaltung gegenüber neuen astronomischen Erkenntnissen, die womöglich geeignet waren, das theozentrische Weltbild der Neoscholastik zu beschädigen, ließen sich folgerichtig auf beiden Seiten des konfessionellen Spektrums beobachten .
      Theologisch konservative Kreise erblickten in den astronomischen Hypothesen des Kopernikanismus eine Provokation, die zumal den Prämissen der neoscholastischen Ordnungsmetaphysik galt. Der Himmel erscheint hier als unbegrenzter Raum, in dem es keine hierarchischen Gliederungsstrukturen und keine Harmonie der kosmischen Bewegungen mehr gibt. An die Stelle der subtilen Gradationsgesetze des ptolemäischen Systems, denen zufolge die Erde vom endlichen Gestirnshimmel mit seinen gläsernen Kristallschalen überwölbt, dieser wiederum vom empyreischen Lichthimmel als Wohnort Gottes und der Seligen überragt wird, tritt eine unüberschaubare Sphäre, deren Einheit durch die Unendlichkeit der räumlichen Bezüge hergestellt scheint, die in ihr herrschen. War das von Aristoteles entwickelte, bei Pto-lemäus ausgeweitete astronomische Ordnungsmodell durch ein Defizit an logischer Evidenz und ein hohes Maß an formaler Harmonie gekennzeichnet, so verhält es sich im Fall des kopernikanischen Systems genau umgekehrt: der mathematischen Kohärenz steht ein beträchtlicher Grad an Unregelmäßigkeit der angenommenen Naturprozesse entgegen. In Bertolt Brechts Leben des Galilei fällt es dem an scholastischen Argumentationsformen geschulten Philosophen zu, auf die gleichsam ästhetische Dignität der alten Himmelslehre hinzuweisen: »Das Weltbild des göttlichen Aristoteles mit seinen mystisch musizierenden Sphären und kristallenen Gewölben und den Kreisläufen seiner Himmelskörper und dem Schiefenwinkel der Sonnenbahn und den Geheimnissen der Satellitentafeln« sei »ein Gebäude von solcher Ordnung und Schönheit, daß wir wohl zögern sollten, diese Harmonie zu stören.« Die kopernikanische Astronomie erscheint hier als Instrument der Destabiiisierung des kosmischen Gleichgewichts und Mittel zur Verletzung der ihm innewohnenden Schönheit, als Vorstoß gegen die nur formal, nicht aber empirisch gesicherte Evidenz des ptolemäischen Systems. Für die methodische Doktrin der Neoscholastik entscheidend ist, daß das astronomische Modell die Harmonie der kosmischen Raumbeziehungen suggeriert; die mathematische Absicherung der physikalischen Hypothesen besitzt dagegen eine untergeordnete Bedeutung, zumal sie in keinem Fall zur Anerkennung von natürlichen Unregelmäßigkeiten führen darf. Erlaubt sind der Astronomie nur solche Denkoperationen, die das Gleichgewicht des kosmischen Systems unter Beweis stellen .
      Die Ablehnung der Kopernikanischen Erkenntnisse, der man im gesamten 17. Jahrhundert begegnen kann, leitet sich aus der Verunsicherung her, die vom Gedanken eines unermeßlich großen Weltraums auszugehen scheint. Inmitten des unendlichen Kosmos droht der Mensch, der bisherige Gipfel der Schöpfung, zu einer vernachlässigbaren Größe zu werden. An die Stelle des bisherigen Vertrauens in die Sonderstellung des Homo sapiens tritt jetzt die mit den neuen astronomischen Erkenntnissen begründete Aufhebung der anthropozentrischen Souveränität. Angesichts solcher Perspektiven werden Verse wie die des Engländers John Donne verständlich, der 1611 in seiner Anatomie of the world erklärt:
new Philosophy calls all in doubt,

The Element of fire is quite put out;
The Sun is lost, and th'earth, and no mans wit

Can well direct him where to looke for it.
      And freely men confesse that this world's spent,

When in the Planets, and the Firmament
They seeke so many new; then see that this

Is crumbled out againe to his Atomies.
      'Tis all in peeces, all cohaerence gone;

All just supply, and all Relation.
Reflektiert wird der Verlust des Zusammenhangs zwischen den Himmelskörpern, die fehlende empirische Kohärenz des neuen Systems, die Atomisierung des Weltalls durch Infinitisierung seines Raums, die Ordnungseinbuße, die mit der Aufhebung der ptolemäischen Himmelshierarchie und der sie ersetzenden Theorie des relativen Weltenzentrums gegeben scheint. Donnes Gedicht formuliert hier eine durchaus modern anmutende Klage über die Desorientierung, die den Menschen angesichts der Unübersichtlichkeit der astralen Konstellationen beherrschen kann. In einer »Zwischenbetrachtung« zum historischen Teil der Farbenlehre erklärt Goethe, unter den Entdeckungen der Neuzeit habe keine eine »größere Wirkung auf den menschlichen Geist hervorgebracht« als »die Lehre des Kopernikus«, wobei er nicht versäumt, auf die Zumutungen zu verweisen, die die neue Astronomie für den in der alten Kosmologie befangenen Menschen mit sich führte:
Kaum war die Welt als rund anerkannt und in sich selbst abgeschlossen, so sollte sie auf das ungeheure Vorrecht Verzicht tun, der Mittelpunkt des Weltalls zu sein. Vielleicht ist noch nie eine größere Forderung an die Menschheit geschehen: denn was ging nicht alles durch diese Anerkennung in Dunst und Rauch auf; ein zweites Paradies, eine Welt der Unschuld, Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis der Sinne, die Überzeugung eines poetisch-religiösen Glaubens; kein Wunder, daß man dies alles nicht wollte fahren lassen, daß man sich auf alle Weise einer solchen Lehre entgegensetzte, die denjenigen, der sie annahm, zu einer bisher unbekannten, ja ungeahnten Denkfreiheir und Großheit der Gesinnungen berechtigte und aufforderte. .
      Die hier betonte Ausweitung der intellektuellen Lizenzen des Forschers hat als erster Giordano Bruno für die zentrale Konsequenz der Kopernikanischen Lehre gehalten. Unter den Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts überwog jedoch zunächst die Furcht vor Denkinhalten, die an vielen Punkten mit dem theozentrischen Weltbild des Christentums unvereinbar waren und in ihrer kosmologischen Radikalität zu einer grundsätzlichen Abkehr von der anthropozentrisch bestimmten Astronomie des Pto-lemäus nötigten.
     

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