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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Grundlagen der kopernikanischen Astronomie



Wesentlich für das intellektuelle Profil der Aufklärung bleibt zumal in ihrer frühen Phase die rasch sich vollziehende Herausbildung veränderter naturwissenschaftlicher Erkenntnismethoden. Zur Besonderheit der szientifischen Entwicklung gehört nicht nur die Beschleunigung dieses Prozesses, die wiederum seit dem Beginn der frühen Neuzeit zu einer Vielzahl vertiefender Einsichten in Fragen der Astronomie, Physik und Chemie führt, sondern auch die Neukonzeption des Wissensbegriffs selbst, die ein verändertes Selbstverständnis der Naturwissenschaften fördert. Menschliche Erkenntnis steht seit Descartes und Leibniz nicht mehr, wie im gesamten Mittelalter und noch im 17. Jahrhundert, unter dem Vorbehalt von Gottes Allmacht, der allein das Privileg absoluten Wissens zufiel. Sie bildet keineswegs nur das unvollkommene Modell einer in ihren letzten Gründen nicht verstehbaren Natur, sondern unterliegt dem Zweck, Wahrheit zu erschließen und die Ordnung der Vernunft, nach der die Schöpfung gestaltet ist, hinreichend durchsichtig zu machen. Erst die Aufklärung zeigt sich damit, auf der Basis eines neuen, mit Wahrheitsanspruch ausgestatteten Wissensbegriffs, imstande, die Brisanz von teilweise älteren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vollständig zu ermessen und produktiv umzusetzen.
      Besonders deutlich wird das im Fall der Astronomie, der Königsdisziplin unter den naturwissenschaftlichen Fächern des 17. und 18. Jahrhunderts. Bis tief in die frühe Neuzeit hinein bildete Klaudios Ptolemaios' Mathematike syntaxis das allgemein verbindliche astronomische Lehrbuch, an dessen Grundannahmen die Experten erst seit Beginn der F.poche des Humanismus, freilich mit wachsender Intensität, zu zweifeln begonnen hatten. Die ptoiemäische Astronomie ging von Aristoteles' Himmelsphysik aus und betrachtete die Erde als immobiles kosmisches Zentralgestirn in unangefochtener Mittelpunktstellung, das von kristallenen Schalen mit darauf befestigten Planeten und Fixsternen flankiert und von einem unendlichen Raum - dem Empyreum - überwölbt wird, in dem Gott und die Seligen wohnen . Die Differenzierung zwischen dem endlichen Gestirnshimmel, der zum Gegenstand astronomischer Forschung taugt, und dem jeglicher zuverlässigen Erkenntnis entzogenen Empyreum besaß für die christliche Ordnungsmetaphysik des Mittelalters und noch für die frühe Neuzeit ihre besondere Attraktivität, weil sie eine säuberliche Trennung von physischer und spiritueller Sphäre, von Wissenschaft und Glauben garantierte. Astronomische Forschung steht im ptolemäischen System unter der erklärten Einschränkung, daß dem Menschen die umfassende Erkundung des Himmels und seiner räumlichen Verhältnisse verwehrt bleibt. Dieser Generalvorbehalt bringt die prinzipielle Scheidung von Astronomie und Metaphysik mit sich; der Mensch kann zwar den Himmel mathematisch zutreffend berechnen, aber die absolute Wahrheit dabei gleichwohl verfehlen. In letzter Konsequenz betrachtet die Scholastik die metaphysisch begründete Allmacht Gottes als Ursache für gewisse Unstimmigkeiten der Planetenmessungen, wie sie im ptolemäischen System, bedingt durch die falsche Annahme einer geozentrischen Ordnung des Kosmos, zwangsläufig auftreten müssen .
      Es sind diese Unstimmigkeiten, an denen sich die wissenschaftliche Kritik des Nikolaus Kopernikus entzündet. Sein gegen die ptolemäische Himmelskunde gerichtetes Hauptwerk De revolutionibus orbiuni coelestium libri VI, von dem wesentliche Teile schon um 1514 entstanden waren, legt er erst kurz vor seinem Lebensende im Jahr 1543 auf Drängen des Wittenberger Mathematikers Joachim Rheticus vor, nachdem er ursprünglich aus Furcht vor kirchlichen Reaktionen geplant hatte, die Abhandlung zurückzuhalten und nur im engsten Schülerkreis zirkulieren zu lassen. Das Vorwort des Nürnberger Theologen Andreas Oslander sucht den Eindruck zu erwecken, als handele es sich bei Kopernikus' Schrift um die Darstellung einer mathematischen Hypothese, die von den Ordnungsgrundsätzen der Geozentrik nur abweiche, um bestimmte astronomische Beweise führen zu können, ohne dabei aber eine tatsächliche Annäherung an ein heliozentrisches Weltbild vollziehen zu wollen. In einigen knappen, prinzipiellen Bemerkungen über das Wesen der naturwissenschaftlichen Urteilsbildung betont Oslander, daß Kopernikus' Ausführungen einzig mathematische Vermutungen bildeten, die geeignet seien, bestimmte Naturprozesse anders als zuvor zu berechnen, dabei aber keinen Anspruch auf unbedingte Geltung und unanfechtbare Evidenz zu erheben suchten. Der erkenntnistheoretische Relativismus, der in Oslanders Vorrede steckt, mußte dabei nicht notwendig den Charakter eines methodischen Prinzips besitzen; wahrscheinlicher ist, daß er Kopernikus' Schrift im Vorgriff gegen mögliche kirchliche Reaktionen schützen sollte, indem er deren wissenschaftliche Wirkungsabsichten auf die Immanenz mathematischastronomischer Hypothesen jenseits absoluter Wahrheiten beschränkte. Dieses taktische Kalkül blieb im übrigen für einige Zeit effizient: mehrere Jahrzehnte lang nahmen theologische Kreise von Kopernikus' System kaum Kenntnis, zumal sie es als Produkt einer wissenschaftlich immanenten Diskussion, nicht jedoch als kosmologisches Modell mit eigenem Wahrheitsethos betrachteten. Erst 1616 ließ die katholische Kirche Kopernikus' Abhandlung indizieren, weil sie die Annahme einer heliozentrischen Himmelsordnung als mit der christlichen Lehre und der von ihr verkündeten Zentralstellung der Erde unvereinbar betrachten mußte.
      Daß Kopernikus im Gegensatz zu seinem beflissenen Vorredner Oslander durchaus Wahrheitsansprüche vertritt, demonstriert die an Papst Paul I

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gerichtete Widmungsvorrede von De revolutionibus. Sie formuliert die These, daß die ältere Astronomie sich in eine Vielzahl von Irrtümern verwickelt habe, die seine eigenen Annahmen aufzulösen und durch stimmigere Hypothesen zu ersetzen suchten. Unterstellt wird dabei ein erkenntnistheoretischer Prozeß, dessen inneres Gesetz als stetiges Fortschreiten der Wissensmöglichkeiten des Menschen zu bestimmen wäre. Die Geschichte der Wissenschaft ist - solche Auffassung besitzt geradezu revolutionären Charakter - geprägt durch einen ständigen Zugewinn an Wahrheit. Mit dieser Ansicht kündigt Kopernikus die nicht nur bei Oslander, sondern in kirchlichen Kreisen generell geltende Generalformel auf, derzufolge theologisches und szientifisches Wissen prinzipiell unterschiedlichen Gesetzen gehorchen. Gegen die seit der Scholastik gängige Differenzierung der Disziplinen, die allein der Theologie wahrheitserschließende Funktionen, der Mathematik aber nur den Status eines theoretischen Systems ohne Wirklichkeitsbezug zubilligt, setzt Kopernikus die für den Humanismus charakteristische Lehre von der prinzipiellen Einheit der Fächer und des sie verbindenden Ethos der Wahrheitssuche. Gemäß der neuen Perspektive, die Kopernikus' Widmungsvorrede beherrscht, haben Astronomie und Philosophie gleichermaßen teil am Ringen des Menschen um die Erkenntnis des von Gott geschaffenen Kosmos. Angesichts dieser methodischen Prämisse wäre es unsinnig, die Möglichkeiten der mathematischen Hypothesenbildung gegen die absolute Wahrheit der Theologen auszuspielen.
      Gleichwohl hatte Kopernikus nicht im Sinn, die alte Ordnung des ptolemäi-schen Systems zu zerstören und die Verbindlichkeit der überkommenen astronomischen Deutungsmuster fundamental zu erschüttern. Auch er ging zunächst von der Annahme aus, daß die Gestirne ihre Positionen stetig verändern, indem sie kreisförmige Bahnen beschreiben; jedoch erkannte er, daß die Erde sich ebenfalls bewegte, und zwar auf festen Umlaufzirkeln, die sie um die ruhende Sonne führten. Die näheren Aspekte und Details dieser mathematisch gestützten Hypothese mußten, trotz gegenteiliger Intentionen des Autors, tiefgreifende Zweifel an der Schlüssigkeit des ptolemäischen Systems hervorrufen: Die Himmelsbewegungen weisen, so glaubte Kopernikus zu beobachten, keinen gemeinsamen Mittelpunkt auf, der die Annahme einer geozentrischen Ordnung des Himmelssystems gestatten könnte; der Mittelpunkt der Welt liegt nahe der Sonne; die Erde dreht sich täglich einmal um ihre eigene Achse, einmal jährlich um die ruhende Sonne; die Erde ist damit ein Planet unter mehreren anderen; der Abstand zwischen Erde und Fixsternhimmel läßt sich nicht ausmessen, wobei die Fixsterne bewegungslos sind.
      Revolutionär wirken nicht nur die Hypothesen des Kopernikus, sondern ebenso die Prämissen, die sie anleiten: Die Absicht, der formalen Unstimmigkeit des ptolemäischen Systems eine neue Theorie des Himmels entgegenzusetzen, die von größerer innerer Konsequenz ist, bedeutet zumal, daß Kopernikus die scholastische Skepsis gegenüber den Möglichkeiten einer absolut verbindlichen Naturforschung nicht mehr akzeptieren kann. Der gelehrte Anspruch, der die Widmungsvorrede bestimmt, bleibt geprägt von der Vermutung, szientifische Erkenntnis könne die alten Grenzen unserer Wahrnehmung beseitigen und dem Menschen tiefere Einblicke ins bis dahin unergründliche All verschaffen. Das aber heißt, daß sich Kopernikus bei seinen astronomischen Berechnungen an einem neuen Ethos der vernünftigen Wahrheitssicherung jenseits von metaphysischen Invarianten und spirituellen Faktoren orientiert. Er billigt der durch seine Hypothesen angebahnten Korrektur des ptolemäischen Systems eine Steigerung des Wahrheitsgehalts astronomischer Erkenntnisse zu und verrät damit ein humanistisch geprägtes Vertrauen in die Möglichkeiten von Wissenschaft schlechthin, das im scholastischen Weltgebäude seine Grenze an der Priorität der Metaphysik gefunden hatte .
     

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