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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Durchsetzung des heliozentrischen Weltbildes



Es ist nicht verwunderlich, daß erst im nachcartesianischen Zeitalter der Rationalität die ganze Spannweite von Kopernikus' neuer Kosmologie ausgemessen werden konnte. Der in der Widmungsvorrede zu De revolutionibus orbium coelestium zutage tretende Geltungsanspruch wissenschaftlicher Hypothesen wies den Weg in eine bisher unbekannte Richtung. Er verdeutlichte, daß Kopernikus sich nicht mit der ihm von Oslander zugeteilten Rolle des nur hypothetisch verfahrenden Denkers abgeben mochte und seinerseits den Anspruch erhob, ein szientifisches System entwickelt zu haben, das Wahrheitscharakter besaß. Erst mit Descartes' Vernunftbegriff aber wurde es möglich, wissenschaftliche Lehrsätze als intellektuelle Maßstäbe zu betrachten, welche die logozentrisch gedachte Vernunftordnung der Natur in ihren Grundzügen erschließen konnten, folglich nicht allein hypothetisch bleiben mußten, sondern eine Wirklichkeitserfassende Funktion aufwiesen.
      In dem Moment, da die Kopernikanische Lehre ernsthaft durchdacht und aufgegriffen wurde, traten jedoch auch ihre für die Theologie beider Konfessionen problematischen Konsequenzen zutage. Kopernikus' Annahme einer heliozentrischen Ordnung bedeutete, daß der Mensch im neuen astronomischen Ordnungssystem seine kosmische Mittelpunktstellung eingebüßt hatte. Nun gehörte es aber zu den zentralen Dogmen der christlichen Lehre, den Homo sapiens als Krönung von Gottes Schöpfung aufzufassen . Verlor der Mensch seine Zentralposition, so wurden Spekulationen über die Bewohnbarkeit der mit der Erde nunmehr gleichberechtigten übrigen Planeten des Sonnensystems Tür und Tor geöffnet. Der durch das kopernikanische System vorbereitete Verlust der kosmisch begründeten Anthropozentrik schloß damit die Frage nach der Evidenz der Erlösungsbotschaft für den Menschen ein und bedeutete eine unerhörte Provokation theologisch konservativer Lehrmeinungen.
      Problematisch blieb zweitens die Annahme eines unendlich weiten Himmelsraums, die Kopernikus' Lehre von der Vielzahl der kosmischen Weltensysteme bestimmte. Das Attribut des Unendlichen war im orthodoxen christlichen Lehrsystem allein Gott vorbehalten. Dachte man sich nunmehr nicht nur den Schöpfer, sondern auch sein Werk unendlich, so lag es aus logischen Gründen nahe, beide miteinander zu identifizieren, den Schöpfer mit seinem Werk gleichzusetzen. Das aber bedeutete, daß man sich Gott als in seiner eigenen Schöpfung enthalten, diese als Verkörperung Gottes vorzustellen hatte - eine pantheistische Weltkonstruktion, die nach Meinung der Kirchen zu den gefährlichsten Irrlehren gehörte, gegen die man entschieden zu Felde ziehen mußte. Diese beiden Problemaspekte, die die koper-nikanische Astronomie mit sich führte, seien hier nur festgehalten, ohne daß Lösungsmuster erörtert werden, die die Frühaufklärung in diesem Punkt herausarbeitete; sie kommen im Kontext der Darstellung zur theologischen Entwicklung in der ersten Phase der Aufklärung, aber auch im Lyrik-Kapitel dieses Buches ausführlicher zur Sprache.
      Die Annahmen der kopernikanischen Himmelslehre erfuhren bereits im 17. Jahrhundert Bestätigung durch die empirischen Beobachtungen Keplers und Galileis. Ihre erste verbindliche Stütze fanden sie in Isaac Newtons Gravitationstheorie, die die Principia mathcmatica von 1687 vortrugen. Die Bewegungen der Himmelskörper und die Raumbeziehungen, die sie zueinander unterhielten, wurden nunmehr erklärbar durch das Prinzip der Schwerkraft bzw. die Masseanziehung, die zwischen den Himmelskörpern herrschte . Mit Newton hatte die neuzeitliche Astronomie ihr vorläufig höchstes Erkenntnisniveau erreicht; als Königsdisziplin behauptete sie sich nicht nur deshalb, weil sie Physik, Chemie und Geologie als Untersuchungsgebiete einschloß, sondern auch, weil sie das Weltbild des aufgeklärten Zeitalters nunmehr auf entscheidende Weise prägte. In ihr dokumentierte sich eindrucksvoll die Macht einer Vernunftordnung, die gesetzmäßig festgelegt und bis ins kleinste Detail durchschaubar schien. Typisch für den neuen Erkenntnisoptimismus ist die geradezu hymnische Begeisterung, mit der die europäische Aufklärung von Bernard de Fontenclle über Alexander Pope und Francesco Algarotti bis zu Gottsched und Wieland den großen Newton feiert. In einem Epitaph, das auf seiner Grabplatte in der Londoner Westminster Abbey angebracht werden sollte, formuliert Pope: »Nature and nature's laws / lay hid in night / God said: >Let Newton be!< / And all was light.« .
      Bereits am Ende des 17. Jahrhunderts nimmt die Zahl der naturwissenschaftlichen Lehrbücher mit popularisierender Tendenz erheblich zu. Es handelt sich um ein gesamteuropäisches Phänomen unter britischer Dominanz, wobei die zumal in England herrschende religiöse Toleranz wesentlich für diese Gewichtung verantwortlich war. Zu den beliebtesten populärwissenschaftlichen Abhandlungen der frühen Aufklärung gehören Bernard de Fontenelles Entretiens de la pluralite des mondes , Christiaan Huygens Kosmotheoros und Algarottis 77 Newto-nianismo per le dame . Stärker systematische Darstellungen der neueren Naturforschung lieferten Christian Wolff , Johann Christoph Gottsched und Johann Gottlob Krüger . In sämtlichen dieser Werke nimmt die Astronomie den zentralen Platz ein, insofern sie die entscheidenden Fragen eines neuen naturwissenschaftlichen Rationalismus auf empirischer Grundlage in den Vordergrund treten läßt, mithin paradigmatischen Charakter besitzt . Signifikant für das naturwissenschaftliche Verständnis der Aufklärung ist, daß Gottsched im Rahmen seiner Darstellung des kopernikanischen >Weltbaus< auch Fragen der Optik berührt und Newtons Experimente zur Farbanalyse, zu Lichtgeschwindigkeit und Lichtbrechung erörtert . Noch hierin zeigt sich der besondere Charakter der Astronomie als Königsdisziplin: Sie zieht eine Vielzahl von verwandten naturwissenschaftlichen Themengebieten an sich und bündelt sie; Gravitationstheorie , Optik, Thermodynamik und Kinetik werden im Rahmen der Astronomie ebenso berührt wie Geologie und Chemie. Die Astronomie ist im naturwissenschaftlichen System der Zeit der Brennpunkt, der die zentralen Fragestellungen konzentriert.
     

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