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Zeitschriftenproduktion seit Beginn des I8. Jahrhunderts
Moralischer Anspruch, bürgerliches Wirkungsethos und publizistische Ambitionen der Aufklärung treten gleichermaßen exemplarisch in der Gattung der Moralischen Wochenschrift zutage, die vor allem das erste Drittel des 18. Jahrhunderts beherrscht. Ihr Programm ist pädagogisch gefärbt, ihr Profil häufig bieder, das künstlerische Niveau oftmals niedrig; als populäres Medium der Vermittlung aufgeklärten Gedankenguts besitzt das Genre jedoch historisch herausragenden Rang. Die Wochenschriften richten sich nicht an die zahlenmäßig begrenzte Gelehrtenzunft oder den geistlichen Stand, sondern an das breite lesende Publikum, bisweilen ausdrücklich an dessen weiblichen Teil. Im Rahmen von eingängigen Lehrgedichten, Fabeln, Allegorien, kurzen, oftmals dialogisch gehaltenen Erzählungen und Abhandlungen werden Themen der Naturwissenschaft und Moralphilosophie, Glaubensfragen, aber auch alltagspraktische und pädagogische Probleme erörtert. Der wöchentliche Erscheinungsrhythmus gestattet die Veröffentlichung von Fortsetzungsgeschichten, deren Umfang das Konzentrationsvermögen auch der ungebildeten Leser nicht überforderte .
Sieht man von Thomasius' »Monatsgesprächen« ab, so repräsentieren englische Zeitschriften die für die deutsche Entwicklung maßgeblichen Muster der Moralischen Wochenschriften. 1711 erscheint der »Tatler«, ihm folgen zwischen 1711 und 1712 der berühmtgewordene, von Joseph Addison und Richard Steele edierte »Spectator« und der »Guardian« . Die Blütezeit der deutschen Wochenschriften bilden die 20er und 30er Jahre: In Hamburg wird zwischen 1724 und 1726 »Der Patriot« publiziert, in Leipzig gibt Gottsched /wischen 1725 und 1726 die »Vernünftigen Tadlerinnen« heraus, ihnen schließt sich zwischen 1727 und 1729 der »Biedermann« an. Die Titel, bisweilen an die englischen Vorbilder angelehnt, spiegeln das Programm: Vernunfterziehung und moralische Konsolidierung des bürgerlichen Standes stehen im Mittelpunkt. Nicht nur Gottsched adressiert dabei seine Lehren bevorzugt an ein weibliches Lesepublikum, das sukzessive von der Aufklärung entdeckt und als Zielgruppe angesprochen wird.
Betrachtet man die Entwicklung des Zeitschriftenmarkts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, so erkennt man eine Tendenz zur thematischen Konzentration auf Gegenstände der Literatur und Philosophie . Ab der Mitte des Jahrhunderts dominieren jene Periodika, die, anders als die Moralischen Wochenschriften, auf eine Erörterung allgemeiner moralphilosophischer oder religiöser Fragen verzichten und sich ganz dem Feld der Poetik und der Wissenschaften widmen. Charakteristisch ist hier bereits die Gründung der »Neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes« im Jahr 1744, denen der Satiriker Gottlieb Wilhelm Rabener, der Dramatiker Johann Elias Schlegel und Christian Fürchtegott Geliert nahestanden - Autoren, die sich um eine erste Abgrenzung vom zu dieser Zeit beherrschenden Einfluß der Leipziger Gottsched-Schule und ihres in poetischen Fragen nicht eben inspirierenden Rationalismus bemühten. Die hier zutage tretende Ausrichtung an literarischen Gegenständen setzt sich fort in den Zeitschriften des Berliner Aufklärers und Lessing-Freundes Friedrich Nicolai. Nicolai, der als Erbe einer gut eingeführten Berliner Verlagsbuchhandlung über den organisatorischen Hintergrund verfügte, welcher für die Durchführung von Zeitschriftenprojekten notwendig war, trat zunächst als Begründer der »Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste« auf, eines Periodi-kums, das bevorzugt Buchkritiken und theoretische Beiträge abdruckte. Ganz auf das Rezensionswesen konzentriert blieb dann die nachfolgende »Allgemeine Deutsche Bibliothek«, die es zwischen 1765 und 1805 auf 250 Bände brachte, in denen über 80.000 Neuerscheinungen besprochen wurden.
Anders als die Zeitschriften Nicolais publizierte Wielands »Teutscher Merkur« nicht nur Kritiken und Abhandlungen, sondern zugleich poetische Texte. Die Zeitschrift zeigte sich durchaus offen für unterschiedliche literarische Strömungen, blieb pluralistisch im besten Sinn und spiegelte über die fast vier Jahrzehnte ihres Erscheinens hinweg die dichterische Entwicklung von der späten Aufklärung und der Genieperiode bis zur Klassik wider . Im Gegensatz zu den Moralischen Wochenschriften erhoben Wielands »Merkur« und Nicolais »Bibliothek« den Anspruch auf ein meinungsbildendes Monopol in literarischen Fragen. Sie wollten mehr sein als nur auf den Beistand der Poesie gestützte Organe populärer Vernunfterziehung. Ihr programmatischer Ehrgeiz ließ sie teilhaben an jenen erbitterten Disputen, die seit Gottsched über die Entwicklung der deutschen Poetik geführt wurden. Von diesen Disputen wäre im folgenden Kapitel zu sprechen. |