Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt

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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Entfaltung literarischer Öffentlichkeit



Dieser Vorgang der »Enttheologisierung« läßt sich nicht zuletzt an der Entwicklung des Buchmarktes verdeutlichen: Während im Jahr 1625 45,8% aller veröffentlichten Bücher theologischen Inhalts waren, galt dies im Jahr 1800 nur noch für 6% . Insgesamt vollzieht sich im 18. Jahrhundert eine gewaltige Ausweitung des Buchgeschäfts, die durch Zahlen zu belegen ist: Im Jahr 1740 erschienen zur Ostermesse 1.144 neue Buchtitel, 1800 waren es bereits 2.569. Besonders stark partizipierten die Belletristik und die schönen Wissenschaften an diesem Expansionsprozeß. Zwischen 1740 und 1770 wuchs deren Anteil am Buchmarkt von 5,8 auf 16,4%, zwischen 1770 und 1800 nahm er nochmals um weitere 5 % zu . Unterstützt wurde eine derartige Tendenz von der allgemeinen Bildungsentwicklung in Deutschland. Im Zuge fortschreitender Alphabetisierung nahm die Zahl der lesefähigen Menschen im Verlauf des 18. Jahrhunderts langsam, aber stetig zu; im Jahr 1770 lag sie bei 15% . Zu den aktiven Lesern zählten freilich im Zeitalter der Aufklärung nur wenige Menschen; Lektüre war zwar, anders als im Humanismus, keine Sache allein der Gelehrten, aber noch längst nicht Beschäftigung der Massen . In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts rechneten kaum mehr als 100.000 Menschen innerhalb Deutschlands zu den aktiven Lesern .
      Die expansive Entwicklung auf dem Buchmarkt wurde nicht nur durch die Intensivierung der schulischen Bildung und durch das Fortschreiten der Alphabetisierung gefördert, sondern auch maßgeblich durch die Verbesserung der technischen Möglichkeiten des Druckereigewerbes und die effizientere Gestaltung des Vertriebs unterstützt. Neben die Buchhandlungen, deren Zahl in den größeren Städten rapide wuchs, rückten als neue Errungenschaft der aufgeklärten Epoche die Leihbibliotheken, die dafür sorgten, daß zumal belletristische Werke immer weitere Leserkreise erreichten. Nimmt man noch die Kaffeehäuser und Salons hinzu, in denen Bücher und vor allem Zeitschriften zirkulierten, so treten die Konturen einer schon im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts neu sich konstituierenden literarischen Öffentlichkeit deutlich genug hervor .
      Mittelpunktfigur dieser Öffentlichkeit war der ökonomisch langsam an Einfluß gewinnende Bürger, dessen sozialer Emanzipationsprozeß zunächst im kulturellen Bereich vonstatten ging. Erst entfaltet sich der Bürger als Autor und Leser, als Theaterzuschauer und Kritiker, als Lehrer und Publizist, ehe er, im Ausgang des 18. Jahrhunderts, seinen derart gewonnenen Einfluß auch auf die Ebene der Politik zu übertragen sucht. In diesem Sinne bleibt Aufklärung wesentlich ein bürgerliches Geschäft, dessen moralischer Anspruch ebenso wie der damit verbundene Erziehungsgedanke einer mit neuem Selbstbewußtsein auftretenden Gesellschaftsschicht die spezifische soziale Identität, zugleich aber auch Möglichkeiten der durch den Gedanken sittlicher Superiorität begründeten Kritik am absolutistischen Staat verschafft . Als Staatsbürger mit politischem Ehrgeiz, die die Neuverteilung staatlicher Macht anstreben, verstehen sich die Repräsentanten des dritten Standes in Deutschland erst relativ spät . Dabei bleibt außer Frage, daß das kulturelle Wirkungsprogramm der bürgerlichen Aufklärung von vornherein auch eine politische Komponente besitzt; sie tritt jedoch zunächst nur zurückhaltend zutage, dort etwa, wo das gesellschaftsübergreifende Programm der Erziehung zur Vernunft den regierenden Fürsten einbeziehen und ihn zum moralisch besseren Souverän machen möchte.
      Die einseitige Orientierung am publizistischen Markt, das öffentliche Wirkungsinteresse und die vorwiegend auf gelehrte Tätigkeit zielenden Neigungen der bürgerlichen Intellektuellen im Deutschland der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bleiben das Produkt einer Entwicklungsverspätung, die ihrerseits zu einer spezifischen Eigendynamik des sozialen Prozesses selbst führt . Die starke Konzentration auf die kulturelle Praxis, die für die deutsche Aufklärung bestimmend ist, findet nicht zuletzt darin ihren Grund, daß das Bürgertum als gesellschaftliche Schicht, anders als in England und Frankreich, keine ökonomische Macht besaß und in führende Beamtenpositionen, die zumindest beschränkte Möglichkeiten politischer Einflußnahme hätten bieten können, relativ spät einrückte; die Etablierung einer bürgerlichen Beamtenelite erfolgt in Deutschland erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts . Sieht man von den freien Reichsstädten ab, so gingen die Vertreter des Bürgertums vorwiegend landwirtschaftlichen Tätigkeiten nach; das galt auch für die Residenzstädte, insbesondere für jene Süddeutschlands, wo die traditionelle Ständeordnung noch im 18. Jahrhundert durchgängig intakt blieb und Handel bzw. Verwaltungsarbeit innerhalb des bürgerlichen Berufsspektrums keine wesentliche Rolle spielten.
      Daß der anfangs zurückhaltend vorgetragene politische Anspruch des Bürgertums auch in Deutschland Folgen zeitigt, erweist sich am vielfach beschriebenen Übergang vom höfischen Absolutismus des 17. Jahrhunderts , zum aufgeklärten Absolutismus, wie ihn Friedrich IL kultivierte. Daß, andererseits, Despotismus und Willkür auch nach 1750 zu den wesentlichen Elementen feudalistischer Machtstrukturen im kleinstaatlich organisierten Deutschland der Aufklärung gehörten, demonstriert gerade die Geschichte der Literatur durch die Schicksale ihrer Autoren und das Zeugnis einzelner Werke mit hinreichender Klarheit. Fast sämtliche der führenden Köpfe der deutschen Aufklärungsliteratur waren in Konflikte mit der Obrigkeit verstrickt - mit Zensurbehörden, kirchlichen Autoritäten oder Fürstenhäusern. Nahezu ständig drohte die Gefahr des Schreib- und Veröffentlichungsverbots, disziplinarischer Verfahren, ja, wie im Fall des Philosophen Wolff, der Landesverweisung . Das gespannte Verhältnis zu staatlichen oder amtskirchlichen Mächten, die zumeist ähnliche Interessen - Stabilisierung ihres Einflusses, Zurückdrängung aufklärerischer Strömungen - vertraten, bleibt kennzeichnend für die meisten Autoren der Zeit - für Gottsched, Haller und Lessing ebenso wie für Herder und Wieland. Noch der junge Schiller muß bekanntlich unter falschem Namen aus württembergischen Landen fliehen, um dem Schicksal Christian Friedrich Daniel Schubarts zu entgehen und sich der drohenden Verhaftung durch die Schergen des Herzogs zu entziehen. Die kühnen Visionen von der auf Vernunft und Tugendmoral gegründeten Befreiung des Menschen aus den Zwängen einer durch den absolutistischen Staat festgeschriebenen geistigen und sozialen Unmündigkeit blieben für lange Zeit auf die imaginären Welten der Literatur beschränkt.
     

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