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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Phasengliederung und Periodisierung



Als gesamteuropäisches Phänomen stellt die Aufklärung trotz bestimmter übergrei
fender Ziele und Gedankenmotive keine einheitliche Epoche dar; sie zerfällt viel
mehr in unterschiedliche Phasen, in denen heterogene Tendenzen vorherrschen, die
eine möglichst differenzierte Periodisierung ratsam scheinen lassen. Zu unterschei
den wären drei Hauptströmungen, die in einem gewissen zeitlichen Folgeverhältnis

zueinander stehen:
- der Rationalismus als bestimmendes philosophisches System der ersten Phase zwi

sehen 1680 und 1

  
   - der Empirismus bzw. der
Sensualismus der zweiten Phase zwischen 1740 und 17

   - der zwischen 1780 und 1795 hervortretende Kritizismus, der sich vor allem mit
der Transzendentalphilosophie Kants verbindet und seinerseits den Übergang in
die Geschichtsphilosophien des Idealismus anbahnt .
      'Die frühe Aufklärung zeigt sich wesentlich beherrscht durch die Ausrichtung
am Prinzip der Rationalität als Fundament einer neuen Denkmethode, wie sie sich,
nicht zuletzt im Zusammenspiel mit naturwissenschaftlichen Fächern und der
Mathematik, gegen Ende des 17. Jahrhunderts entfaltet. Das Zentrum des frühauf
klärerischen Rationalismus bildet der Gedanke, daß die von Gott geschaffene Natur
als Vernunftnatur und logisch gegründete Ordnung aufzufassen sei, die der Mensch mit den Mitteln des Verstandes, gestützt auf ein regelgeleitetes wissenschaftliches Verfahren systematisch zu erschließen vermöge. Die Durchsetzung eines neuen Wissensbegriffs soll es dem denkenden Individuum erlauben, mit Hilfe der Ratio die Geheimnisse der Natur zu durchdringen,] deren absolute Erkenntnis für die Ordnungsentwürfe der Scholastik und des Humanismus allein Vorrecht des souveränen Schöpfergottes geblieben war. Gleichwohl tritt der neue Rationalismus nicht in offene Konkurrenz zur christlichen Metaphysik; deren Grundsätze - zumal der Offenbarungsgedanke und das Modell heilsgeschichtlicher Erlösung - sollen als Komplement der Wahrheitsansprüche der Vernunft gelten und nach Möglichkeit mit ihnen vermittelt werden .
      Als die entscheidenden Gewährsleute der europäischen Frühaufklärung, deren Gedanken in Deutschland relativ spät, nämlich erst am Beginn der 20er Jahre des 18. Jahrhunderts breitenwirksam rezipiert werden, gelten Rene Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz . Ihre rationalistische Erkenntnistheorie und das daran gebundene System einer aufklärerischen Metaphysik, die christlichen Gottesglauben und innerweltliche Vernunfttätigkeit des Menschen zu verknüpfen trachtet, erfährt in Deutschland vor allem durch die sogenannte Schulphilosophie Christian Wolffs maßgebliche Popularisierung. Wolffs für die deutsche Literaturgeschichte bedeutsamster Schüler ist wiederum Johann Christoph Gottsched, der die rationalistische Methodik wissenschaftlicher Erkenntnis in ein normbildendes poetologisches Lehrsystem überträgt.
      Die zweite Phase der Aufklärung steht unter dem Einfluß heterogener Faktoren und läßt sich nicht mehr einem einzigen Leitbegriff unterordnen. Durchgängig zeigt sich spätestens in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine gewisse Distanz zum logozentrischen, allein auf die Möglichkeiten des Vernunfturteils gegründeten, rein verstandesorientierten Lehrsystem des Rationalismus. An seine Stelle tritt eine neue Philosophie der menschlichen Erfahrung, die auch die Untersuchung psychischer Wahrnehmungsvermögen, der individuellen Empfindungen und des Verhältnisses von Leib und Seele einschließt . Ebenso wie der frühaufklärerische Rationalismus läßt sich das erfahrungswissenschaftliche Denken vom Primat der Vernunft leiten, jedoch möchte es eine veränderte methodische Basis für die systematische Erforschung von Mensch und Natur schaffen, welche auch diejenigen Bereiche der Erfahrung erfassen hilft, die gemeinhin als nicht verstandesgestützt gelten .
      Gefördert wird dieses neue Forschungsinteresse durch die methodischen Innovationen, die vom britischen Empirismus ausgehen. Sein bedeutendster Repräsentant ist David Hume, der, als Schüler John Lockes, in seiner Enquiry Concerning Human Understanding eine erfahrungswissenschaftlich begründete Erkenntnislehre vorgetragen hatte, die dem Bereich der Empirie Vorrang vor einem allein theoretisch fundierten Vernunftdenken mit kategoriebildendem Anspruch gegeben hatte. Im unmittelbaren Vorfeld des Empirismus, der in Deutschland vor allem den jungen Kant, aber auch Mendelssohn und Sulzer beeinflußt hat, entfaltet sich der Sensualismus als neue Lehre von den Empfindungen des Menschen, welche in den 40er Jahren vor allem die poetologisch-ästhetischen Abhandlungen der Schweizer Johann Jacob Bodmer und Johann Jacob Breitinger bestimmt, methodisch aber auch auf die fast zeitgleich entstehenden Ästhetiken von Alexander Gottlieb Baumgarten und Georg Friedrich Meier einwirkt. Der Sensualismus betrachtet das Feld der Wahrnehmungen, denen sich der Mensch überantworten kann, als einen der Vernunft korrespondierenden, durchaus rational analysierbaren Bereich, der keineswegs der Regellosigkeit des Irrationalen unterliegt, vielmehr wissenschaftlichem Urteil zugänglich ist. Die Empfindung gilt den Sensualisten als analogon rationis, als Komplement der Vernunft, das selbst wiederum vernünftigen Gesetzen gehorcht. In diesem Sinne hatte bereits Jean Baptiste Dubos in seinen Reflexions critiques sur la po'esie et la peinture die Kunst als unmittelbaren Ausdruck der sensuellen Bedürfnisse des Menschen verstanden, ohne damit die Regelhaftigkeit der Kunstwerke selbst in Zweifel zu ziehen.
      Nicht zuletzt ist es die Gattung des sich am Ende der Aufklärung im literarischen Kanon etablierenden Romans, die der epochenspezifischen Auseinandersetzung mit der Kategorie der Erfahrung ihre Aufmerksamkeit zuwendet. Im Roman wird der Held zum Zweck seiner umfassenden Ausbildung durch eine Vielzahl von Konfliktsituationen geschickt, in denen er sich zu bewähren und zu disziplinieren hat. Der Prozeß wachsender Weltkenntnis stattet den Protagonisten am Ende idealiter mit einem empirischen Wissen aus, das wiederum seine Sozialfähigkeit garantiert, insofern es ihm erlaubt, sich in das Ordnungsgefüge der bürgerlichen Wirklichkeit harmonisch einzufinden f.). Das Lernen durch Erfahrung, wie es der Roman demonstriert, wird um die Pädagogik der Leidenschaften ergänzt, die das Drama, namentlich das Trauerspiel der Aufklärung vorführt. Das Reich der Empirie und die Sphäre der Affekte erlangen erst in der zweiten Phase der Epoche systematische Beachtung, bisweilen schon begleitet von einer dezidiert antirationalistischen Tendenz, die zunehmende Distanz zur Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie signalisiert. Durch die frühzeitige Artikulation ihres empirischen bzw. affektpsychologischen Interesses scheint die Literatur dabei der Entwicklung des ideengeschichtlichen Prozesses partiell vorauszugehen.
      — Die dritte, abschließende Phase der Aufklärung hat ihr intellektuelles Zentrum fraglos in der Philosophie Kants, dessen Hauptwerk, die Kritik der reinen Vernunft , sowohl die rationalistische Metaphysik der Frühaufklärung als auch den Empirismus der mittleren Strömung in einer neuen methodischen Synthese aufhebt. Kant, der sich in seinen frühen Schriften von Problemen der Metaphysik, aber auch von empiristischen Fragestellungen beeinflußt gezeigt, mithin die durch ihn in den kritischen Hauptschriften überwundenen älteren Tendenzen selbst repräsentiert hatte, geht in seiner Kritik der reinen Vernunft von der Frage aus, wie der Mensch im Akt des Urteils über die ihn umgebende Erfahrungswelt seine Freiheit als reflektierendes Wesen behaupten könne. Sein Grundgedanke lautet dabei, daß das Urteil über die Erfahrungswirklichkeit im Zusammenspiel von Verstand und Sinnlichkeit gefällt werde. Es stützt sich auf allgemeine, logisch begründbare Verstandesprinzipien und Anschauungsformen, die ihrerseits unsere Wahrnehmung der Realität wesentlich strukturieren. Das synthetische Urteil a priori, das laut Kant die intellektuelle Auseinandersetzung des Menschen mit der Realität bestimmt, konstituiert sich aus Verstandesprinzipien und Formen der Anschauung ; synthetisch ist dieses Urteil, weil es allgemeine Kategorien sowohl der Verstandes als auch der Anschauung als Modelle der Wirklichkeitserschließung zur Einheit verbindet.
      Die entscheidende Konsequenz von Kants Theorie des Urteils liegt darin, daß die Erkenntnis der Wirklichkeit transzendental, das bedeutet: im Hinblick auf die Bedingungen der theoretischen Möglichkeit dieser Erkenntnis bestimmt wird. Der Mensch ist das, was er denkt; er wird zum Souverän der Wirklichkeit, insofern er sich im Akt des Denkens - des Urteils - seine Realität erst schafft. Voraussetzung dieser Einsicht in die Autonomie der Erkenntnis bleibt die von Kant exemplarisch vorgeführte Analytik der verschiedenen rationalen Vermögen des Menschen. Methodisch bedeutet die derart entwickelte Erkenntnistheorie den Sprung auf die Ebene der systematischen Vernunfterkenntnis. >Kritik< impliziert hier Auseinandersetzung mit den theoretischen Möglichkeiten dieser Vernunfterkenntnis; durch eine solche Form der Kritik als Reflexion über die Leistungskraft der Vernunft leistet Kants Erkenntnistheorie den entscheidenden Beitrag zur Bilanzierung des aufgeklärten Zeitalters, zur methodischen Überprüfung seiner Ansprüche und Möglichkeiten.
      Bedeutsam ist Kants Schrift aber auch für die Theorie der Vernunft selbst. In der Annahme, daß der Mensch als Vernunftwesen über die Wirklichkeit herrschen könne, indem er ihr intellektueller Souverän wird, bekundet sich ein Optimismus, der keines metaphysischen Beistands mehr bedarf. Exemplarisch heißt es in der »Vorrede« zur Kritik der reinen Vernunft: »Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß. Religion, durch ihre Heiligkeit, und Gesetzgebung, durch ihre Majestät, wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdenn erregen sie gerechten Verdacht wider sich, und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.« . Kritik, wie sie hier verstanden wird, macht auch vor den bisher unangefochtenen Autoritäten der Kirche und der weltlichen Gerichtsbarkeit nicht Halt. Sie gehorcht autonomen Prinzipien, die sich nicht auf überlieferte Konventionen, sondern einzig auf die Gesetze der Vernunft stützen.
      In Kants Kritizismus hat sich der Mensch seinen eigenen Himmel und Gott geschaffen; er ist ein Wesen, das über sich und sein Geschick im Akt des Vernunftgebrauchs frei entscheiden darf. Selbstbewußter als hier ist Aufklärung nie zuvor gedacht worden. Jenseits des von Kant angegebenen Punktes konnte es keine Theorie der Vernunft mehr geben, nur noch deren Kritik mit anderen Mitteln: eine Kritik, die nicht, wie jene Kants, die Befreiung des Menschen aus den Zwängen des Vorurteils als Resultat seines Vernunfthandelns dachte, sondern der Selbstbegrenzung der Ratio durch die Erweiterung vernunftjenseitiger Vermögen Vorschub zu leisten suchte. Angebahnt wurde diese andere Form der Vernunftkritik, welche die irrationalen Vermögen und Strebungen des Menschen akzentuierte, erst im Ausgang des 18. Jahrhunderts, dann in bewußter Abgrenzung von der Aufklärung. Frühromantik und Idealismus bilden die Gegenströmungen aus, die dieses Projekt in prinzipieller Absicht verfolgen. Ihre wesentlichen Anreger finden sie in Friedrich Heinrich Jacobi und Johann Gottfried Herder, den eigentlichen Antipoden des Kantianismus,
die, vermittelt über die im späten 18. Jahrhundert breit einsetzende Rezeption der
pantheistischen Naturphilosophie Spinozas, gestützt auf eine erfahrungsbezogene
Anthropologie, auf der Basis einer monistisch fundierten Lehre von den Empfindungen und im Horizont traditioneller metaphysischer Denkinhalte, ein dezidiert antirationalistisches Bild vom
Menschen entwerfen, ohne dabei den Sprung in die durch Kant vorgeschlagene theo
retische Begründung der Erkenntnis nachzuvoUziehen. Es gehört zu den reizvollen
Konstellationen der facettenreichen Ideengeschichte am Ende der deutschen Auf
klärung, daß sowohl Kants Kritizismus als auch die psychologisch orientierte, meta
physisch getönte Anthropologie bzw. Naturphilosophie Herders und Jacobis auf die
Vertreter des deutschen Idealismus gleichermaßen stark eingewirkt hat.

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