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Ideen- und wirkungsgeschichtliche aspekte der epoche

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Hauptströmungen und Leitaspekte



Drei Phasen sind mithin zu unterscheiden, die die Aufklärung als gesamteuropäi
sches Epochenphänomen bestimmen: >RationalismusSensualismus< bzw. >Empi
rismus< und >Kritizismus< lauten die programmatischen Begriffe, die sie jeweils kenn
zeichnen. Jenseits der Gegensätze, die diese Perioden beherrschen, lassen sich
durchaus Gemeinsamkeiten entdecken, die das intellektuelle Profil der Aufklärung
übergreifend prägen. Zu nennen wären im folgenden vier Stichpunkte, die für sämt
liehe Prozeßstufen der Aufklärung leitend bleiben und von diesem Buch immer wie

der berührt werden.
1. Aufklärung scheint beherrscht durch eine grundsätzliche Ermächtigung der Ver- nunft. Der Vernunftbegriff selbst unterliegt dabei divergierenden Auffassungen; im Rationalismus scheint er allein auf die Verstandestätigkeit des Menschen bezogen, im Empirismus wird er auf den Bereich des Fühlens und Empfindens ausgeweitet, bei Kant besitzt er den Charakter eines die Realität selbst erst konstituierenden Instruments. Trotz solcher Differenzen bleibt Aufklärung jedoch in sämtlichen ihrer Phasen eine Bewegung, die die Vernunft des Menschen in den Mittelpunkt ihres analytischen bzw. praktischen Interesses rückt. Die Arbeit des menschlichen Verstandes bildet den bevorzugten Gegenstand aufklärerischer Erkenntnis und zugleich das maßgebliche methodische Fundament, von dem diese ausgeht. Die Vernunft steht aber auch im Zentrum der optimistischen Zukunftserwartungen aufgeklärten Den kens. Das praktische Ideal vernunftgegründeten Handelns soll die Garantie dafür schaffen, daß sich der Mensch in der von Gott hervorgebrachten Schöpfung nach besten Möglichkeiten einrichtet und, gestützt auf eine zunehmend souveränere Ver- Wendung der ihm gegebenen rationalen Fertigkeiten, in seiner individuellen bzw. gattungsgeschichtlichen Entwicklung zu immer größerer Vollkommenheit fort- schreitet.
2. Aufklärung versteht sich als Erziehung des Menschen, als Anleitung zum
Gebrauch seiner Verstandeskräfte, Beitrag zur vernünftigen Lebensführung, als Programm der Befreiung von Aberglaube und Unfreiheit im Interesse der Ausbildung intellektueller Fertigkeiten vor dem Hintergrund des epochentypischen Anspruchs auf die diesseitige Verwirklichung der persönlichen Glücksmöglichkeiten des Einzelnen. Hilfsmittel solcher Wirkungsabsichten wären - man denke an Kants Replik auf Zoellners Frage - die Förderung publizistischer Öffentlichkeit, die Ausbildung von Buch- und Zeitschriftenmarkt, die Neukonzeption des schulischen und universitären Unterrichts. Das aufgeklärte 18. Jahrhundert ist das Zeitalter der Entdeckung des Lesers und die Epoche der Pädagogik; Buch und Schule, Lektüre und Ausbildung repräsentieren zentrale Elemente des aufklärerischen Diskurses und seiner praktischen Wirkungsabsicht. Dieser phasenübergreifende pragmatische Aspekt bestimmt nicht zuletzt die Ambitionen der schönen Literatur zwischen Gottsched und Lessing, Pope und Young, Voltaire und Diderot. Nutzen und Gefallen sollen sich in der Poesie des aufgeklärten Zeitalters die Waage halten; antiker Mustertext bleibt hier Horaz' Ars poetica mit der immer wieder zitierten Formel » aut prodesse volunt aut delectare poetae / aut simul« .
      3. Aufklärung erscheint als das Zeitalter des Wissens und der Wissenschaften, der
Neuformulierung szientifischer Methoden und Denkansätze. Nie zuvor wurden die drängenden Fragen der Naturerkenntnis mit vergleichbarer Energie angegangen, nie zuvor mit ähnlichem Selbstbewußtsein theoretische Probleme diskutiert und wissenschaftliche Hypothesen erprobt. Entscheidend für dieses neue Vertrauen in die intellektuellen Fertigkeiten des Menschen ist der veränderte methodische Anspruch, mit dem die Naturwissenschaften ihrerseits aufwarteten. An die Stelle des noch im 17. Jahrhundert gültigen Vorbehalts, daß der Mensch die Geheimnisse der Schöpfung letzthin nicht erschließen könne, weil allein Gott absolutes Wissen über sie besitze, tritt im Zeitalter der Aufklärung ein bis dahin unbekanntes Wahrheitspostulat wissenschaftlicher Verfahrensweisen. Kenntnisse über die Natur tragen keinen rein hypothetischen Charakter, sondern empfangen eine realitätserschließende Dimension; sie bilden keine bloßen Denkmodelle ohne echten Wirklichkeitsbezug, wie dies die Selbstbeschränkung der humanistischen Wissenschaften noch vorsah, vielmehr treten sie in Konkurrenz zum Wahrheitsprivileg der Theologie. Schaltstelle dieses konzeptionellen Veränderungsprozesses ist der Rationalismus, der davon ausgeht, daß die Natur von Gott nach den Prinzipien der Vernunft geschaffen wurde, mithin auch durch eine auf Vernunftregeln gegründete Wissenschaft vollständig zu erschließen ist. Wesentliche methodische Stützen dieses Anspruchs bilden die empirische Beobachtung der Natur und die Überprüfung ihrer Gesetzmäßigkeiten im Experiment, die nunmehr als Verfahrensweisen in den Mittelpunkt der naturwissenschaftlichen Welterkenntnis treten.
      4. Aufklärung bedeutet stets auch Säkularisierung und schließt eine fortschreitende Verweltlichung im Zeichen der Verdrängung kirchlicher Autoritäten ein. Der Prozeß dieser Verdrängung vollzieht sich zunächst nur langsam und steht durchweg unter dem Diktat strategischer Rücksichten angesichts einer im ausgehenden 17. Jahrhundert noch unangefochtenen Herrschaft der Kirchen. Bereits in der Frühphase der europäischen Aufklärung, die entscheidend geprägt ist vom Versuch, Vernunfterkenntnis und Wahrheit der christlichen Offenbarung miteinander zu versöhnen,
zeichnet sich jedoch ab, daß die Ermächtigung der menschlichen Ratio zwangsläufig
die Ermächtigung der Sphäre des Glaubens und seiner Institutionen herbeiführen
muß. Säkularisierung impliziert freilich mehr als nur die, wie Hans Blumenberg
gesagt hat, »Liquidation von Restbeständen des Mittelalters« ; sie ist zugleich auch Umwertung, Umbesetzung theologischer Problemgehalte
durch weltliche Themenkomplexe. Im Prozeß der Säkularisierung vollzieht sich
nicht allein eine von der fortschreitenden Verdrängung religiöser Inhalte geförderte
Verweltlichung des Denkens, sondern auch die umgekehrte Bewegungsrichtung: Die
Vernunft empfängt ihrerseits den Charakter der Ersatzreligion, indem sie an den
Platz der christlichen Konfession tritt. Wesentliche Bedeutung besitzt in diesem Zusammenhang die Literatur, welche die durch die Zerstörung des theozentrischen Weltbildes entstandene Lücke ausfüllt und die freigewordenen religiösen Energien auf sich zu ziehen versteht. Dieser Befund gilt, so wäre noch zu zeigen, insbesondere für die Phase nach 1750, etwa für das Werk Klopstocks .
      Säkularisierung bedeutet aber auch, daß dem einzelnen Menschen bisher unbekannte Freiheiten im Prozeß seiner Selbstentfaltung zugestanden werden, dessen Dynamik das 17. Jahrhundert durch den Gedanken der christlichen Transzendenz, die dezidierte Abwertung weltlicher Existenz und die neostoizistische Philosophie der Vertröstung auf die Erlösung im Jenseits eingeschränkt hatte. Die Aufklärung betont dagegen die je individuellen Möglichkeiten jedes einzelnen Menschen, sein Glück innerhalb der diesseitigen Ordnung der Dinge zu begründen. Diese persönliche Glücksverheißung gehört zum Programm sämtlicher philosophischer Entwürfe aufgeklärter Provenienz. Sie mag an den Gedanken der Vernunftvollkommenheit, an Tugendrigorismus und Moralistik, die Idee der privaten Erfüllung im häuslichen Leben, die Deutungsmuster der gelehrten Disziplinen und schönen Künste gebunden sein - stets aber liegt ihr die Prämisse zugrunde, daß der Mensch nicht erst im Jenseits, sondern schon innerhalb der Grenzen seiner irdischen Welt zur Vollendung der ihm gegebenen Möglichkeiten finden könne .
      Die hier genannten Stichpunkte - Vernunftorientierung, Erziehungsanspruch, Neuformulierung wissenschaftlicher Erkenntnisabsichten, Säkularisierung - bezeichnen Leitmotive aufklärerischen Denkens, die auch für die literarische Entwicklung bedeutungsvoll bleiben. Am Beginn dieses allgemein gehaltenen Überblicks zur Geistes- und Bewußtseinsgeschichte der Epoche soll dabei zunächst die Auseinandersetzung mit den Grundzügen der frühen Aufklärung in der Phase zwischen 1680 und 1740 stehen. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken neben ideenhistorischen Fragen Aspekte der wissenschaftlichen Entwicklung, der Theologie und des Buchmarkts, sofern sie im engeren Sinne für das Verständnis der Aufklärungsliteratur bedeutsam scheinen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der deutschen Aufklärung, schließt jedoch Ausblicke auf den gesamteuropäischen Prozeß nicht aus. Eine derartig erweiterte Perspektive bleibt unverzichtbar, weil zumal in der Frühaufklärung nationale Identität auch intellektuell weniger stark als im späteren 18. Jahrhundert entwickelt scheint. Symptomatisch für diesen Umstand wäre hier das Werk von Leibniz, der zwar Deutscher ist, jedoch französisch und lateinisch schreibt, in Frankreich ebenso weitreichend wie in Großbritannien und Deutschland wirkt, mithin die frühe Aufklärung als gesamteuropäisches Phänomen repräsentiert.
      Der allgemeine ideengeschichtliche Abriß führt zunächst nur bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Spätere Entwicklungsprozesse, insbesondere die Entfaltung von Sensualismus, Mora/-sense-Philosophie, Empirismus und psychologisch fundierter Anthropologie der Spätaufklärung finden im Kontext der engeren literarhistorischen bzw. gattungspoetischen Fragestellungen der Einzelkapitel Berücksichtigung. Eine solche problembezogene Darbietung schien angemessener als die summarische Überblicksbetrachtung zu Beginn, weil ideengeschichtliche Strömungen generell nicht isoliert, sondern in ihrer Bedeutung für die literarhistorischen Prozesse erfaßt werden sollten. So bot es sich an, zentrale Tendenzen der mittleren und späten Aufklärung innerhalb der Spezialkapitel zu diskutieren: das Problem der Säkularisierung in Hinblick auf die Naturlyrik, die Entfaltung der Moralphilosophie im Kontext der Dramengeschichte, vor allem des Trauerspiels, Psychologie und Anthropologie unter Bezug auf Fragen der Romanpoetik.
     

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Das neue weltbild der naturwissenschaften
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