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Geschichte des Aufklärungsbegriffs
Im Dezember 1783 konstatiert der konservative Theologe Johann Friedrich Zoell-ner in einem Beitrag für die »Berlinische Monatsschrift« ein Mißverhältnis zwischen dem programmatischen intellektuellen Anspruch der Zeit, sich und andere aufzuklären, und dem merkwürdig unbestimmten Profil des Begriffs >Aufklärung< selbst. Zoellner erklärt: »Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: was ist Wahrheit, sollte doch wohl beantwortet werden, ehe man aufzuklären anfinge! Und noch habe ich sie nirgends beantwortet gefunden.« . Den Hintergrund dieses distanzierten Einwurfs bildet der skeptische Vorbehalt angesichts eines vermeintlichen intellektuellen Modephänomens, dessen Profil unzureichend bestimmt scheint. Zoellner, der keineswegs zu den aufgeklärten Theologen seiner Zeit gehört, hegt offenkundig Zweifel daran, daß es gelingen könnte, den schillernden Begriff angemessen zu erläutern. Seine Frage ist von Distanz, nicht aber von Loyalität gegenüber dem Phänomen geprägt, dessen programmatischer Charakter näher diskutiert werden soll.
Auf der anderen Seite gilt es zu betonen, daß Zoellners Verfahrensweise selbst durchaus aufgeklärtes Format besitzt, insofern sein Artikel ungelöste Fragen offenlegt und den Leser in einen Verstehensprozeß einbezieht, dessen Verlauf nicht von vornherein fixiert scheint. Derjenige, der Aufklärung über den Begriff >Aufklärung< sucht, tritt an die Öffentlichkeit und stellt, was ihn intellektuell bewegt, im Rahmen eines publizistischen Beitrags zur Debatte. Im Sinne dieses Vorgehens ist die Aufklärung des 18. Jahrhunderts als Bewegung zu deuten, die, gestützt auf den lebendigen Austausch von Argumenten, vor den Augen des lesenden Publikums die sie bedrängenden Probleme im Zusammenhang eines fortlaufenden Kommunikationsprozesses möglichst umfassend zu diskutieren sucht. Wenn Zoellner zur Beantwortung seiner Frage nach dem Wesen der Aufklärung ermuntert, dann ist dieses Verfahren selbst schon wieder genuin aufklärerisch, insofern es über die Herstellung von Öffentlichkeit einen Beitrag zur Bewältigung intellektueller Herausforderungen leisten möchte.
Ebenso berühmt geworden wie Zoellners programmatische Frage ist die Replik, mit der sich Immanuel Kant zu Wort meldet. Sie erscheint im Dezember 1784 in der »Berlinischen Monatsschrift« und hebt mit einer vielzitierten Definition an:
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. S. verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. .
Aufklärung und Verstandestätigkeit gehören für Kant unmittelbar zusammen. Zentrales Kriterium bleibt dabei, daß sich das Geschäft der Aufklärung jenseits der reinen Privatsphäre des Menschen außerhalb seines ausschließlich individuellen Interessenbereichs vollziehen kann. Kant betont, der Akt des Aufklärens trete primär im »öffentlichen Gebrauch« der Vernunft sichtbar hervor. Aufklärung wird verstanden als publizistischer Prozeß, an dem sich Gelehrte und Schriftsteller zum Zweck einer allgemeinen, möglichst breit angelegten Erziehung des Menschen zur Mündigkeit zu beteiligen haben. Kants Prämisse bleibt zumal, daß der öffentliche Gebrauch der Vernunft< in Rede und Schrift durch die Demonstration der Leistungskraft rationaler Reflexion vorbildhaft wirken könne. Unzweideutig scheint dabei, wogegen sich die von Kant geforderte Vernunftpraxis im Wirkungskreis der Öffentlichkeit richten soll . Unmündigkeit, Unfreiheit, nicht zuletzt, als deren Spielarten, Aberglaube und Trägheit des Menschen gilt es durch die Ermächtigung der jedem gegebenen Verstandesfertigkeiten zu vertreiben. Gegen diese Formen selbstverschuldeter, nämlich durch Verzicht auf den Vernunftgebrauch zustandegekommener Abhängigkeit setzt Kant den Imperativ >sapere aude!Aufklärung< nennt. Daß aufklärerisches Denken die eigenen Vorsätze und Ziele durchleuchtet, um sich ihrer im Prozeß des Räsonne-ments zu versichern, bestimmt auf entscheidende Weise sein spezifisches intellektuelles Profil. Besonders charakteristisch tritt die Tendenz zur Selbstreflexion, zur skeptischen Überprüfung intellektueller Hypothesen und der methodischen Verfahrensweisen, die sie umsetzen sollen, in der späten Aufklärung, in Kants drei großen kritizistischen Abhandlungen zutage.
Im selben Jahr wie Kant versucht sich auch der Berliner Philosoph Moses Mendelssohn an einer Antwort auf Zoellners Frage. Mendelssohn erklärt: »Die Worte Aufklärung, Kultur, Bildung sind in unsrer Sprache noch neue Ankömmlinge. Sie gehören vor der Hand bloß zur Büchersprache. Der gemeine Haufe verstehet sie kaum. Sollte dieses ein Beweis sein, daß auch die Sache bei uns noch neu sei? Ich glaube nicht.« . Mendelssohns knapper Hinweis gilt dem Umstand, daß der Begriff der Aufklärung ungleich jüngeren Datums ist als das intellektuelle Geschäft, das er bezeichnet. Ehe im folgenden der Versuch einer Periodi-sierung der Aufklärungsepoche im Hinblick auf ihre verschiedenen Phasen unternommen wird, sei daher zunächst ein Blick auf die Wortgeschichte gerichtet .
Erstmalig nachweisbar ist das deutsche Wort >aufklären< im ausgehenden 17. Jahrhundert. In Kaspar Stielers Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder Teutscher Sprachschatz von 1691 begegnet dem Leser >aufklären< im Sinne von >aufhellenaufheitern< . Die hier anklingende mete-reologische Hauptbedeutung behält das Wort im frühen 18. Jahrhundert bei. Zugleich jedoch gewinnt es eine neue Nuance durch metaphorische Verwendung; >aufgeklärt< meint nun auch »geistig erhelltzur Klarheit geführte Diese Bedeutungsdimension taucht schon bei Rene Descartes auf, der 1637 in seinem Discours de la methode davon spricht, daß die Urteile der Vernunft klar und distinkt sein müßten, um jeglichem Zweifel standzuhalten. Sein eigenes Ziel sei es, »de ne com-prendre rien de plus en mes jugements, que ce qui se presenterait si clairement et si distinctement ä mon esprit, que je n'eusse aucune occasion de le mettre en doute.« . In vergleichbarem Sinne verwendet Leibniz in den berühmten Essais de theo-dicee und in seinen Schriften zur Metaphysik die Worte »eclairer« und »eclaircissement« als Metaphern, die erhellende Akte des Verstandes, aber ebenso die religiöse Erleuchtung des Geistes bezeichnen; Leibniz selbst überträgt das französische »eclairer« mit »ausgeklärt« . Eine ausschließlich auf den Bereich der Ratio konzentrierte Bedeutung läßt sich hier noch nicht erkennen; das Bild des Lichtes und der Aufhellung illustriert einen Prozeß der Vermehrung von geistigen Einsichten, der durch Verstandesübung und religiöse Inspiration gleichermaßen in Gang gesetzt werden kann.
Metaphorischen Status besitzt ebenso das englische »to enlighten«, wie es an exponierter Stelle, im Rahmen einer Ansprache Gottes an Engel und Menschen, in John Miltons großem Epos Paradise lost begegnet. Johann Jacob Bodmers deutsche Prosaübersetzung von 1742 hält den doppelten Sinnaspekt des Wortes fest, indem sie neben der religiösen auch die intellektuelle Bedeutungsdimension erfaßt: » eröffne dem Adam, was in den künftigen Tagen geschehen soll, wie ich dich durch meinen Geist erleuchten werde « . Erst im Verlauf des ersten Drittels des 18. Jahrhunderts verfestigt sich jedoch die hier berührte, auf die Verstandeserkenntnis bezogene Aussagefunktion des Wortes; >eclaircissement< (bzw. italienisch >illuminismo< und spanisch >ilustraciönenlightenment< und >Aufklärung< avancieren nunmehr zu gängigen Begriffen, die den Akt der rationalen Aufhellung der Vernunft durch Schulung des Intellekts, Erweiterung der Erfahrung und Einübung logischer Denkpraxis bezeichnen. Die Metaphorik der »Erleuchtung« wird damit zur geregelten Terminologie, die auf das Geschäft der Verstandestätigkeit und die ihr zugeordneten programmatischen Vorsätze verweist.
Als Christoph Martin Wieland im April 1789, fünf Jahre nach Zoellners Vorstoß, in einem Beitrag zum von ihm selbst herausgegebenen »Teutschen Merkur« »sechs Antworten auf sechs Fragen« zum Begriff der Aufklärung formuliert, stützt er sich konsequent auf die Metapher des Lichts, die leitmotivisch seinen gesamten Beitrag durchzieht. Welche Bedeutung das Wort »Aufklärung« besitze, wisse jeder, »der vermittelst eines Paars sehender Augen erkennen gelernt hat, worin der Unterschied zwischen Hell und Dunkel, Licht und Finsternis besteht. Im Dunkeln sieht man entweder gar nichts oder wenigstens nicht so klar, daß man die Gegenstände recht erkennen und voneinander unterscheiden kann: sobald Licht gebracht wird, klären sich die Sachen auf, werden sichtbar und können voneinander unterschieden werden « . Die Gegensphäre des Lichts und seiner erkenntnisstiftenden Distinktionsleistung bildet die Nacht, in der irrationale Phantasien gedeihen können, weil die Grenzen zwischen den Erscheinungen verschwimmen und das Feld der Einbildungen sich ins Unermeßliche öffnet. Dem Geschäft der Aufklärung, das Wieland wesentlich an die Erhellung der »sichtbare Gegenstände« binden möchte, widerstreitet der Obskurantismus unvernünftiger Spekulation und Mystik; Tag und Nacht stehen hier für unterschiedliche Formen menschlicher Geistestätigkeit, wie sie paradigmatisch durch die Epochenbegriffe >Aufklärung< und >Romantik< bezeichnet scheinen.
Charakteristisch ist in diesem Kontext bereits der Sprachgebrauch Gottscheds, der in seiner 1730 erstmals publizierten Critischen Dichtkunst im Zusammenhang mit einer Kritik allegorischer Stilmittel erklärt, daß »Zaubereyen« und Phantasiegestalten aller Art nichts mehr auf der Bühne eines neuen Theaters der Gegenwart zu schaffen hätten, und nachdrücklich hinzufügt: »Sie schicken sich für unsre aufgeklärte Zeiten nicht mehr, weil sie fast niemand mehr glaubt « . In dem hier vorliegenden Sinn verwendet das gesamte 18. Jahrhundert den Aufklärungsbegriff. Er bezeichnet keine abgeschlossene Epoche des europäischen Geisteslebens, sondern das intellektuelle Bemühen der eigenen Gegenwart, das Wissen des Menschen zu mehren und seine Verstandestätigkeit zu stimulieren. Wenn Gottsched 1739 in seiner Gedächtnisrede auf Martin Opitz das »aufgeklärte Deutschland« dazu ermuntert, den »Vater« seiner Poesie angemessen zu würdigen, so schließt das charakterisierende Attribut den Appell ein, die programmatisch gewordenen Vernunftansprüche der Zeit ernstzunehmen und ihnen auch im Bereich der literarischen Urteilsbildung Ausdruck zu verleihen .
Zum Selbstverständnis der Aufklärung gehört, wie sich schon in Kants kurzer Programmschrift bekundet, die Ansicht von der intellektuellen Singularität der eigenen Epoche. Der systematische Prozeß der Verstandeserziehung erscheint als prinzipiell neuartiges Projekt, die programmatische Ausrichtung an der Vernunft als tiefgreifender Umschwung in der Geschichte menschlichen Denkens . Daß Aufklärung gleichwohl keine Angelegenheit des 18. Jahrhunderts ist, sondern schon von der griechischen Antike, von Reformation und Renaissancehumanismus betrieben wurde, bleibt dabei den meisten Autoren der Zeit durchaus geläufig . Die geschichtliche Dimension der eigenen Zielsetzungen, die Historizität des Programms einer gegen Aberglaube und Vorurteile gerichteten Vernunfterziehung kommt der aufgeklärten Epoche jedoch erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutlicher zu Bewußtsein. 1788 betont Christoph Martin Wieland in seinem Aufsatz »Das Geheimnis des Kosmopolitenordens« die Einsicht, daß auch vorangehende Epochen wesentliche Beiträge zur Aufklärung des Geistes geleistet hätten, die die Gegenwart notwendig beeinflussen müßten:
Vor allen andern Völkern hat die teutsche Nation vorzüglich Ursache, eine Beschützerin der Preßfreiheit zu sein; sie, in deren Schöße zuerst die Erfinder der Typographie, und bald darauf die geist- und mutvollen Männer entstanden sind, die bloß durch den freien Gebrauch, den sie von jener machten, fähig wurden, die Hälfte von Europa von der Tyrannei des römischen Hofes zu befreien, und den unabhängigen Geist der Untersuchung, der nach und nach über alle Gegenstände der menschlichen Kenntnis ein so wohltätiges Licht verbreitete, aus einem mehr als tausendjährigen Schlummer aufzuwecken. Wie übel stünde es uns an, unsre eigne Wohltaten wieder zurückzunehmen, den Fortgang der Wissenschaften mitten in ihrem muntersten Lauf aufhalten, und der Aufklärung, der wir so viel Gutes schon zu danken, von der wir und unsere Nachkommen noch so viel Gutes zu erwarten haben, unnatürliche Grenzen setzen zu wollen, da sie doch, vermöge der Natur des menschlichen Geistes, ebenso grenzenlos ist, als die Vollkommenheit, wozu die Menschheit mit ihrer Hilfe gelangen kann und soll?
Aufklärung erscheint in der Perspektive Wielands als Prozeß, der bereits lange vor dem 18. Jahrhundert in Gang gekommen ist - angespielt wird hier auf die Epoche der Reformation - und sich in der Gegenwart lediglich beschleunigt zuträgt. Die eigene Zeit, der Wieland rät, das Geschäft der Verstandeserziehung entschlossen fortzuführen, leistet ihren Beitrag zur Bündelung der rationalen Anlagen des Menschen, indem sie auf verschiedensten Feldern der Naturerkenntnis, der philosophischen Reflexion, nicht zuletzt der Literatur und Pädagogik die Befreiung von Vorurteilen und Abhängigkeiten vorantreibt. In diesem Sinne faßt Wieland, Kants Position übernehmend, Aufklärung als Projekt, das in naher Zukunft noch nicht vollendet sein, vielmehr auch eine Herausforderung für spätere Generationen darstellen wird. Friedrich Schlegel hat diesen Gedanken ein Jahrzehnt später in den »Ideen«-Fragmenten eigenwillig aufgegriffen, indem er die Diagnose über die Unab-schließbarkeit aufklärerischer Tätigkeit aus der Vorurteilsfreiheit ihrer Reflexionsakte ableitet: »Gibt es eine Aufklärung? So dürfte nur das heißen, wenn man ein Prinzip im Geist des Menschen, wie das Licht in unserm Weltssystem ist, zwar nicht durch Kunst hervorbrächte, aber doch mit Willkür in freie Tätigkeit setzen könnte.« .
Erst am Beginn des 19. Jahrhunderts etabliert sich der Terminus >Aufklärung< als Epochenbegriff. Voraussetzung dieser Bedeutungsentwicklung ist das verstärkte Aufkommen gegenaufklärerischer, zumindest aber aufklärungskritischer Strömungen im Geistesleben um 1800 , die ihrerseits das Bewußtsein historischer Distanz entfalten helfen, das wiederum die Prämisse für eine abschließende Bewertung bilden kann. Als Epochenbegriff erscheint >Aufklärung< erstmals in systematischeren Zusammenhängen bei Hegel, dessen zwischen 1820 und 1830 entstandene, posthum publizierte Berliner Vorlesungen Über die Geschichte der Philosophie bzw. die Geschichte der Religion das gesamte 18. Jahrhundert unter das Rubrum des aufgeklärten Zeitalters< stellen . Wegweisend für die Verwendung des Begriffs im auf Hegel folgenden Historismus des 19. Jahrhunderts ist dabei die Gleichsetzung der Termini >Aufklärung< und >RationalismusAufklärung< ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts unmittelbar zur Wirkungsgeschichte der aufgeklärten Epoche selbst .
Ein Leitthema dieser Wirkungsgeschichte ist die Kritik am Zeitalter der Vernunft und den Folgelasten dogmatisch verhärteter Rationalität. Aufklärung erscheint schon bei Hegel, einseitig, als Phase reiner Verstandesorientierung und dezidierter Ausgrenzung des Anderen der Vernunft - der Phantasie, des Gefühls, der Triebwelt. Die Phänomenologie des Geistes spricht 1807 von der »unbefriedigten« Aufklärung, die, einer religiösen Glaubenshaltung vergleichbar, an der Unerfüllbarkeit ihrer geschichtlichen Fernerwartung leide . Bis in die Gegenwart hinein hat die Perspektive der kritischen Bewertung programmatischer Vernunftansprüche Wirkung gezeitigt, nicht zuletzt unter dem Einfluß von Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung . Zum methodischen Rezept beider Autoren gehörte es nachgerade, die Epoche unter einem verengten Blickwinkel zu betrachten, um Aufklärung als reines Verstandesgeschäft, als Prozeß der Ermächtigung der Vernunft zum Zweck der - neue, inhumane Unvernunft hervorbringenden - Ausgrenzung des Irrationalen entlarven zu können .
Gewiß hat Aufklärung immer auch die von Horkheimer und Adorno kritisch durchleuchtete Tendenz zur dogmatischen Verhärtung der eigenen Vernunftlehren repräsentiert: das Streben nach Herrschaft über die Natur, das durch die Überlegenheit des menschlichen Geistes ausgelöst wurde ); das Unverständnis gegenüber den von der Hauptstraße der Vernunft abweichenden Formen menschlichen Verhaltens, gegenüber Schwärmern, Melancholikern, Irren und Sonderlingen; die Intoleranz angesichts abweichender Lehrmeinungen und Schulbildungen, die sich dem Projekt der rationalen Erziehung des Menschen verweigern; die sture Funktionalisierung jeglicher künstlerischer Tätigkeit, die Phantasie und Inspiration nur als Instrumente der Vernunftpädagogik zum Zweck der Verstandesaufhellung zu betrachten weiß.
Aber diese gewiß stark ausgebildeten Tendenzen enthüllen noch nicht die Wahrheit über die gesamte Epoche, sondern decken nur Teilaspekte ihrer Wirkungsprogrammatik ab. In weitaus stärkerem Maße, als dies die Kritiker in der Nachfolge Hegels erkennen mochten, zeigt sich das aufgeklärte Zeitalter offen und neugierig gegenüber der Sinneswahrnehmung des Menschen und seiner Affektkultur, interessiert an den psychischen Prozessen, die ihn beherrschen, und den Gemütshaltungen, die seinen Gefühlshaushalt bestimmen. Zur Epoche der Vernunft gehört auch eine empfindsame Unterströmung, die keineswegs als Gegenaufklärung verbucht werden darf, sondern ihrerseits die andere Seite der aufklärerischen Rationalität offenbart - das Interesse an der affektiven Disposition des Menschen, das die Erwartung einschließt, daß derjenige, der zu intensivem Gefühlserleben imstande ist, auch über beträchtliche Tugendqualitäten verfüge. »Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch«, so lautet Lessings vielzitiertes Diktum , das die Vorstellung einer Synthese zwischen Empfindungsvermögen und Moralität exemplarisch wiedergibt. Es ist diese andere Seite der Aufklärung, ihre wahrnehmungs- und affektpsychologische Orientierung, die in den letzten 15 Jahren von der literaturwissenschaftlichen und mentalitätsgeschichtlichen
Forschung stärker als zuvor in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wurde .
Die vorliegende Darstellung wird, in Übereinstimmung mit solchen neueren Gewichtungen, um ein möglichst pluralistisches Bild der Epoche bemüht sein, das die Vielfalt der Aufklärung ebenso zu demonstrieren hat wie ihre möglichen Verengungen und Defizite. Nichts wäre jedoch fataler, als sogleich mit kritischen Urteilen bei der Hand zu sein und der Aufklärung - als Repräsentantin ungebrochenen Fortschrittsglaubens und Vernunftvertrauens - historische Irrtümer und Fehlein-Schätzungen vorzurechnen, ehe man ihre Leistungen und Innovationen angemessen gewürdigt hat. Die Epoche besitzt zunächst Anspruch auf gerechte Bewertungen, die Verpflichtung zu Differenzierung und Perspektivenvielfalt einschließen .
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