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Hugo von hof mannsthal

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,Reitergeschichte'



Auf den ersten Blick scheint es kaum möglich, beide Novellen, die des 'assompierre' und die ,Reitergeschichte' zu vergleichen. Zumindest sind die äußeren Umstände zu verschieden, um einen voreiligen Vergleich zu ziehen. Richard Alewyn hat in seinem Nachwort darauf hingewiesen: Die eine führt in den intimen Bereich zweier Menschen, die die Liebe als letzte Erfüllung des Lebenssinns erfahren. Die andere führt in ein Geschehen, in dem es um Kampf, Sieg oder Niederlage geht. Noch man-ches könnte aufgezeigt werden, um diesen Unterschied weiter zu belegen: Hier die Begrenzung auf den geschlossenen Raum der Stadt, der Straße und des Zimmers; dort die weite, offene Landschaft. Hier die Vorherrschaft der Nacht, dort des Tages. Aber es sei davon abgesehen, diesen Unterscheidungen weiter nachzugehen. Wichtiger ist die Frage, ob es nicht auch etwas Verbindendes zwischen beiden Novellen gibt. Daß eine solche Gemeinsamkeit tatsächlich besteht, ist der Grund dafür, daß beide Werke in diesem Kapitel zusammengefügt wurden. Man hätte für die Interpretation auch das ,Märchen der 672. Nacht' - nach seiner Konzeption mehr Novelle denn Märchen - wählen können. Aber die Deutung dieses Werkes würde in eine andere Richtung führen: jene, die für den jungen Hofmannsthal in besonderer Weise wichtig war; die Problematik und Krise des ästhetisch-präexistentiellen Daseins. Um der Ãœbereinstimmung mit der ,Bassompierre'-Novelle willen wurde deshalb der ,Reitergeschichte' der Vorzug gegeben.
      Worin besteht diese? Offenbar in dem gleichen Rhythmus der tragischen Bewegung, die als wesentlich für das erste Werk herausgearbeitet wurde. Noch einmal und vielleicht noch stärker als zuvor ist es deshalb im Eingang der Interpretation nötig zu betonen, was Tragik in jenem ursprünglichen Sinn meint, wie sie in den großen Tragödiendichtungen der Griechen gestaltet und von Hofmannsthal neu entdeckt wurde. Immer war die Voraussetzung tragischen Schicksals die Angrenzung und Nähe des Menschen an die Vollendung des göttlichen Daseins. In gleicher Weise gehört zur ursprünglichen Konzeption der Tragik die Versuchung, das, was als Nähe vorgegeben ist, mit Gleichheit zu verwechseln und so die Grenze zu überschreiten; jener Vorgang der Hybris also, der den Kern der spezifisch tragischen Schuld in sich begreift. Wenn man sich mancher Episoden der Ilias, aber noch stärker des ,ödipus rex' des Sophokles, erinnert, ist hinzuzufügen, daß zur ursprünglichen tragischen Erfahrung auch der Umstand gehört, daß der Betroffene um diese Schuld nicht weiß. Wobei zu betonen ist, daß diese Blindheit und das Nichterkennen in Korrelation mit der Möglichkeit des Erkennens steht. Als Chance einer solchen Erkenntnis sind vor allem jene Warnungszeichen des Schicksals zu werten, in denen der Gezeichnete noch einmal daran erinnert wird, daß er bei aller Größe in den Grenzen des endlichen Daseins eingeschlossen bleibt; Warnungen, die aber trotz ihrer Eindringlichkeit den Bann der Verblendung nicht zu zerreißen vermögen. So kommt es, in der ,Reiterge-schichte' nicht anders als im .Erlebnis des Marschalls von Bassompierre', zudem Augenblick, wo der Schuldige, verloren in seinem hybriden Wahn, beides nicht mehr zu vereinigen vermag: das Nichtwissen und das Wissen, die Größe und die Verlorenheit; eine Spaltung der Existenz, die in der ,Reitergeschichte' noch schärfer als in der ersten Novelle in dem von der Romantik her vertrauten Doppelgängererlebnis erfahren wird. Damit kommt es auch in der zweiten Novelle zur Katastrophe, die allerdings hier radikaler und konsequenter ausgespielt wird als in der ersten.
      Wenn man dem in chronologischer Folge berichteten Geschehen folgt, setzt dieses mit folgendem Ereignis ein: In den kriegerischen Wirren zwischen Österreich und Italien im Jahre 1848 wird eine Kürassierschwadron in Richtung Mailand ausgeschickt mit dem Auftrag, auszukundschaften, wo sich der Feind gesammelt und mit welcher Stärke der feindlichen Truppen man zu rechnen hat. Es ist ein leuchtender Sonntag, der das südliche Land in seiner ganzen Schönheit erstrahlen läßt. Von der 'freien, glänzenden Landschaft" ist die Rede, von dem 'leuchtenden Himmel", von den 'gewaschen glänzenden" Landhäusern und Kirchen . Alles scheint sich vereinigt zu haben, um in den Menschen Erwartungen herauszulocken, die das Maß des Alltäglichen überschreiten. Sie steigern sich mit den ersten kriegerischen Unternehmungen. Es kommt zu Zusammenstößen mit den feindlichen Truppen. Diese bringen so mühelos den Sieg, daß die Soldaten den Eindruck haben müssen, alle Last und aller Widerstand in der Welt sei aufgehoben. Man treibt die Feinde 'wie Wachteln vor sich her". Studenten der Pisaner Legion, 'wohlerzogene und hübsche junge Leute" geben sich gefangen, ohne daß es zum Kampf kommt. Ein Kurier der Feinde, der wichtige Kriegspläne bei sich trägt, fällt ihnen in die Hände. Auch ein größerer feindlicher Trupp wird ohne Verlust überwältigt. So liegt vor der Schwadron am Ende des Morgens die von Soldaten verlassene Stadt Mailand. Der Rittmeister, dem nur der Auftrag gegeben war, auf Kundschaft auszureiten, kann es sich nicht versagen, in 'diese große und schöne, wehrlos daliegende Stadt" einzureiten . Noch einmal: es scheint als ob aller Widerstand aufgehoben sei. Darum verwundert es nicht, daß die Menschen, denen solche Huld zuteil wurde, das Gefühl der Schwere im Dasein verlieren und sich immer stärker in eine Zone des Glückes hinauslocken lassen, die sonst den Menschen verwehrt ist. So wird die Voraussetzung für tragisches Geschehen erfüllt: der versucherische Glaube, der Fesseln der Endlichkeit ledig zu sein; ein Vorrecht, das nur der Sphäre des Göttlichen vorbehalten ist.

     
Indem die Schwadron diesen Siegeszug vollendet, richtet der Erzähler unversehens das Augenmerk auf ein Glied der Truppe, das von nun an zunehmende Aufmerksamkeit beansprucht, den Wachtmeister Anton Lersch. Er ist es, der sich am hemmungslosesten in die gefährliche Euphorie des Glückes verliert. So ist an ihm der Rhythmus des tragischen Ablaufs deutlicher ablesbar als in den anderen. Die Versuchung steigert sich mit dem Zug durch die Straßen der Stadt Mailand. Zunächst wird noch von dem gesprochen, was alle erleben. Hatte sich schon mit den Ereignissen des Morgens das Hochgefühl der Soldaten von Stunde zu Stunde vermehrt, so kulminiert dieses bei dem Einzug in die Stadt. Mit dem Reichtum ihrer Kirchen und Paläste bietet sie sich ihnen als Beute an; und auch das erotische Abenteuer lockt: 'Von den entblößten Armen schöner Unbekannter" ist die Rede. Daß 'brokatgekleidete, strahlen-äugige Frauen" aus den Portalen der Kirchen hervorwinken, wird später hinzugefügt . Dann aber verengt sich die Perspektive endgültig auf die Gestalt des Wachtmeisters. Berichtet wird von einem episodischen Geschehen, das sich bei dem Einzug in Mailand zuträgt. Dabei gewinnt die Sphäre des Eros noch stärkere Bedeutung als zuvor. Lersch erblickt im Innern eines Hauses eine Frau, die ihm vertraut erscheint: 'eine üppige, beinahe noch junge Frau" . . . 'in einem etwas zerstörten Morgenanzug." Er tritt in das Haus, und sein Blick fällt auf die im Spiegel reflektierte Gegenwand des Zimmers; 'ausgefüllt von einem großen weißen Bette". Mit der Frau tritt ein älterer Mann in Erscheinung, der sich bei seinem Eintritt in das Haus zurückzieht. Daß dem Wachtmeister die Frau bekannt schien, erweist sich nicht als Täuschung: es ist die Gattin eines kroatischen Kameraden, der er hier nach Jahren wiederbegegnet. Was auch für diese Episode charakteristisch erscheint, ist die Mühelosigkeit, mit der er sofort die Frau für sich gewinnt; die gleiche Mühelosigkeit, die er zuvor im Kampf erlebt hatte. Schon von dem ersten Augenblick an lächelt sie ihm geschmeichelt entgegen, und es heißt: 'Im Augenblick aber . . . erfüllte ihn das Bewußtsein der heute bestandenen Gefechte und anderer Glücksfälle von oben bis unten, so daß er ihren Kopf mit schwerer Hand nach vorwärts drückte und dazu sagte: ,Vuic ... in acht Tagen rücken wir ein, und dann wird das da mein Quartier', auf die halboffene Zimmertür deutend." Lersch nimmt Abschied, um seinen Kameraden zu folgen. Beglückt durch den unerwarteten Empfang, hat er endgültig die Schwelle überschritten, die das Mögliche vom Unmöglichen scheidet. Ohne Kontrolle wird nun seine Phantasie von Bildern erotischer Erfüllung, von Bildern des Reichtums, der Macht, der Verfü-gungsmöglichkeit ohne Grenzen überschwemmt. Die Schwadron reitet weiter, ohne auf einen Gegner zu stoßen. Von Lersch aber wird gesagt, daß sich seine Träumereien immer mehr ins Maßlose verlieren: 'Aber in ihm war ein Durst nach unerwartetem Erwerb, nach Gratifikationen, nach plötzlich in die Tasche fallenden Dukaten rege geworden. Denn der Gedanke an das bevorstehende erste Eintreten in das Zimmer mit den Mahagonimöbeln war der Splitter im Fleisch, um den herum alles von Wünschen und Begierden schwärmte." Mit dieser Episode schließt der erste Teil der Novelle. In dem nächsten bereitet sich die tragische Peripetie vor; die von der Euphorie zur Enttäuschung, vom Traum der Unendlichkeit zur harten Konfrontation mit dem, was in diesem Traum vergessen wurde. Es war zuvor angedeutet worden, daß zu einem Wesenselement des tragischen Ablaufs jene Blindheit gehöre, die den Betroffenen die dem Menschen gesetzte Grenze vergessen läßt. Sie hatte von Bassompierre Besitz ergriffen, ebenso wie sie zu Lersch gehört. Nur so ist jenes Sichverlieren in den Traum der grenzenlosen Erfüllung möglich, das beiden Gestalten gemeinsam ist. Es war aber auch gesagt worden, daß zu der gleichen Erfahrung auch die Warnungszeichen des Schicksals gehören, die dem Verblendeten in letzter Stunde die Möglichkeit geben, sich aus dem Traum zu lösen und die Umkehr vom Nichtwissen zum Wissen zu vollziehen. Das aber geschieht in der folgenden Erzählphase der Novelle, die man mit der grauen Morgenstunde vergleichen könnte, in der Bassompierre zum erstenmal auf die ihm gesetzte Grenze verwiesen wird. Gemeint ist jene Episode, in der Lersch mit zwei seiner Soldaten in das seitwärts gelegene Dorf einreitet in der sicheren Erwartung, dort die Erfolge zu krönen, die ihm zuvor in den Schoß gefallen waren. Nichts weniger denn den feindlichen General erhofft man zu überraschen. 'Oder anderswie ein ganz außerordentliches Prämium zu verdienen"; auch diese Erwartung im Zusammenhang mit jener Bewegung ins Ungemessene zu verstehen, mit der die Novelle begonnen hat. Damit aber setzt die Wende ein. Statt daß sich Lersch wie zuvor Möglichkeiten des gesteigerten Lebens bieten, gerät er an den Tod, der in einer einzigen Flucht von Bildern des Verfalls vorentworfen erscheint. Im Dorf scheint sich alles gesammelt zu haben, was im Dasein als Drohung der Auflösung und des Nichtseins überhaupt möglich ist: eine beklemmende Stille, die dem Tode benachbart ist; der Schmutz, der von allem, Mensch und Dingen, Besitz ergriffen hat; der Bann der Trauer und der Müdigkeit, der auf allem liegt; dazu Blutgier und Haß, der erbarmungslos vernichtet, was sich an Leben regt; nicht zu vergessen das Alter, das hilflos dem Endeentgegensiecht. So bieten sich die Menschen dar, auf die der Wachtmeister trifft; so erscheinen vor allem die Tiere, auf die er hie und da stößt, vor allem jene, die in den mythischen Vorstellungen dem Reich der Toten angehören, die Ratte und der Hund. Hatten zuvor Mühelosigkeit und Leichtigkeit die Bewegung bestimmt, so bekommt die Gangart des Pferdes angesichts dieser Bilder des Todes eine 'unbeschreibliche Schwere."
Damit beginnt im Inneren des Wachtmeisters jene schizophrene Spaltung, die sich in der nächsten Phase konsequent in der Vision des Doppelgängers verdichtet. Man hat das Dorf durchritten, als Lersch einem Reiter begegnet, der ihm bis auf Einzelheiten gleicht. 'Wie nun zugleich aus der Brust seines Pferdes ein schwerer röhrender Atem hervordrang, er dies ihm völlig ungewohnte Geräusch aber nicht sogleich richtig erkannte und die Ursache davon zuerst über und neben sich und schließlich in der Entfernung suchte, bemerkte er jenseits der Steinbrücke und beiläufig in gleicher Entfernung von dieser als wie er sich selbst befand, einen Reiter des eigenen Regiments auf sich zukommen, und zwar einen Wachtmeister, und zwar auf einem Braunen mit weiß gestiefelten Vorderbeinen ..." Warum der Wachtmeister in diese Begegnung mit seinem Dopelgänger hineingerät, ergibt sich folgerichtig aus dem bisherigen Gang des Geschehens. Indem er sich immer ungehemmter in die Beglük-kung eines der Schwere enthobenen Daseins gesteigert hat, löst sich in ihm die Verschränkung, die den Wesenskern der Person bildet: die der Freiheit zum Absoluten auf der einen Seite und der Gebundenheit an die Endlichkeit auf der anderen. Und so stehen sich am Ende die beiden Seiten seiner Existenz in gegensätzlichen Gestalten gegenüber: Der Lersch, der sich hemmungslos in den Erfolg hineingesteigert hat, und der andere, der die beklemmende Trauer und Hoffnungslosigkeit verkörpert, die sich des Wachtmeisters bemächtigt hat, nachdem er zuvor in dem Dorf geweilt hat.
      Diese Konfrontation mit dem Doppelgänger ist noch kein endgültiges Gericht über den Verblendeten, sondern nur eine erste Warnung, an ihn gerichtet, damit er aus der Blindheit und dem Nichtwissen erwacht. Die nächste Partie der Novelle gibt darüber Aufschluß, ob er sie begriffen hat. Von dem Dorf zurückgekehrt, finden Lersch und die ihn begleitenden Soldaten die Schwadron in schwerem Kampf mit einer feindlichen Reitertruppe.

     

Der Wachtmeister und seine Begleiter werfen sich in den Kampf. Das Ende des Gefechts: Lersch tötet einen Offizier der feindlichen Truppe und ergreift den Schimmel als Beute. Daß dieser besonders kostbar ist, wird nicht nur am Ende des letzten Abschnittes gesagt, sondern hat auch für die Endsituation der Novelle Bedeutung. Von dem Tier aber heißt es, daß es - man versteht schon hier das Beziehungsreiche des Satzes - 'leicht und zierlich wie ein Reh die Füße über seinen sterbenden Herrn hinhob" .
      So wird dem Wachtmeister noch einmal ein Erfolg zuteil, der ihm so mühelos und selbstverständlich zufällt, daß er noch rückhaltloser als zuvor die Erinnerungen an das verdrängt, was er im Dorf gesehen hat. Aber die Schicksalsmacht kündigt sich aufs neue an, um den Verblendeten wieder zu warnen; und zwar so, daß die Warnung noch deutlicher denn zuvor als Vorausdeutung auf das Ende zu begreifen ist. Im Schein der untergehenden Sonne — so liest man - färbt sich alles in einer 'ungeheuren Röte". Pfützen Wassers erscheinen in diesem Licht wie 'ganze Lachen von Blut". Der rote Widerschein liegt auf den Uniformen, Kürassen und Schabracken. Die Trompete scheint in 'roten Saft" getaucht; die Feigenbäume, an denen die Reiter lachend die Blutrinne ihrer Säbel abwischen, glühen in der gleichen Farbe. Reales und Visionäres geht als Präfigurationen des Todes ineinander über.
Damit beginnt die Erzählphase, mit der die Novelle abschließt. Es ist jene, die von dem Tode des Wachtmeisters Anton Lersch berichtet, und gleichzeitig der Teil der Novelle, der dem Interpreten besondere Schwierigkeiten bereitet. Sie sind im wesentlichen darin begründet, daß für die ,Reitergeschichte' - wie auch für die zuvor interpretierte JBassompierre'-Novelle - wenigstens auf weite Partien hin die Perspektive der Außensicht in einer besonders konzentrierten Weise bestimmend ist. Von der Möglichkeit einer Aussprache dialogischer oder monologischer Art wird kaum je Gebrauch gemacht. Während gelegentlich ein Blick in das Innere Lerschs gestattet wird, ist vor allem die Gestalt des Rittmeisters nur von außen her gesehen.
      Die Interpretation ist davon ausgegangen, daß die Abfolge der Ereignisse in der Novelle jenen Rhythmus des tragischen Geschehens spiegelt, wie er aus dem ,ödipus rexc, aber auch aus manchen nachantiken Tragödien vertraut ist. Auch das Ende der Novelle läßt sich von daher deuten. Dabei spielt das schon erwähnte Beutepferd die entscheidende Rolle. Der Erzähler weiß die Entsprechung zwischen dem Zustand des Wachtmeisters und der Eigenart des Tieres kenntlich zu machen. Sooft er von dem Schimmel spricht, betont er die Eleganz und Leichtigkeit seiner Bewegung, die von keiner Mühe und Anstrengung weiß. Noch einmal sei der Satz zitiert, mit dem der Abschnitt über die Kampfhandlung abschließt: 'Leicht und zierlich wie ein Reh habe das Pferd die Füße über seinen sterbenden Herrn hingehoben." Offenbar ist die Entsprechung darin begründet, daß hier wie dort über die Schwere, die Last und den Tod hinweggelebt wird. Einige Zeilen später wird von dem 'jungen, schönen und eitlen Pferd" gesprochen. Wiederum ahnt man, daß ein Bezug zwischen Mensch und Tier angedeutet werden soll. Wenn in dem Kontext das Attribut 'eitel" vorkommt, ist es offenbar nicht von ungefähr gewählt, sondern in ihm klingt etwas von jenem selbstgefälligen Ãœbermut an, in den sich Lersch so verloren hat, daß ihm der Weg zur Besonnenheit und Ernüchterung versperrt ist. Eine solche Deutung wird dadurch bestätigt, daß der Erzähler an dieser Stelle den Blick in die innere Verfassung Lerschs öffnet. Der Rittmeister hat befohlen, die Beutepferde freizugeben, indem er bei diesem Befehl seine Aufmerksamkeit vor allem auf Lersch richtet. In diesem für ihn gefahrvollen Augenblick ist das Innere des Wachtmeisters, wie es heißt, 'von vielfältigen Bildern einer fremdartigen Behaglichkeit" - Erinnerung an sein Abenteuer in Mailand - so überschwemmt, daß er zunächst 'die ungeheure Gespanntheit dieses Augenblickes" nicht begreift. Dann aber steigt aus einer 'ihm selbst völlig unbekannten Tiefe seines Innern" ein solcher Zorn gegen den Rittmeister auf, daß er die Fassung verliert und damit die Katastrophe heraufbeschwört.
      Schwierig aber ist es, das Verhalten des Rittmeisters in die bisherige Deutung einzuordnen, zumal der Erzähler, im Gegensatz zu Lersch, gerade in bezug auf jene Gestalt die Askese übt, von der schon zuvor gesprochen wurde. Man stößt zwar auf eine Vielzahl von Gebärden, aber die Möglichkeit, sie zu deuten, bleibt weithin offen. Ja, der Erzähler selbst läßt ausdrücklich die Deutung in der Schwebe. 'Ob aber in dem Rittmeister etwas Ähnliches vorging, oder ob sich ihm in diesem Augenblicke stummer Insubordination die ganze lautlos um sich greifende Gefährlichkeit kritischer Situationen zusammenzudrängen schien, bleibt im Zweifel".
Immerhin läßt sich bei aller Zurückhaltung eines annehmen: Wenn der Rittmeister Lersch tötet, dann deshalb, weil er in diesem Augenblick spürt, daß die Disziplin seiner Truppe gefährdet ist; zumal sich die Ka-meraden Lerschs in einer ähnlichen Verfassung befinden wie Lersch selbst. Als sich die Schwadron des Rittmeisters wieder formiert, heißt es in diesem Sinn: 'Während dieser Zeit verhielt sich die in zwei Gliedern formierte Eskadron nicht eigentlich unruhig, es herrschte aber doch eine nicht ganz gewöhnliche Stimmung, durch die Erregung von vier an einem Tage glücklich bestandenen Gefechten erklärlich, die sich im leichten Ausbrechen halb unterdrückten Lachens sowie in halblauten untereinander gewechselten Zurufen äußerte." Wenn man die Tat des Offiziers also im Zusammenhang der bisherigen Deutung der Novelle zu verstehen sucht, dann wäre er die Instanz, die über die Schuld das Gericht hält und damit zugleich das mit jeder tragischen Expansion und Usurpation drohende Chaos verhütet.
      Vergleicht man die Deutung, die Richard Alewyn von der letzten Partie der Novelle gibt, dann ist sie um eine Nuance von der hier gegebenen verschieden. Da in ihr manche zuvor übergangenen Stellen schärfer erfaßt werden, sei sie zur Ergänzung herangezogen. Alewyn sucht das, was sich in der eigentlichen Krisensituation zwischen dem Rittmeister und dem Wachtmeister abspielt, von einer anderen Seite her zu verstehen. Nachdem er sich mit Anton Lersch befaßt hat, lenkt er die Aufmerksamkeit auf den Rittmeister und schreibt: 'Erkennt er in dem edlen und eitel tänzelnden Pferd, . . . erkennt er in dem jungen Offizier mit dem blassen Gesicht, der sein rechtmäßiger Besitzer war, und dem der Wachtmeister die Spitze seines Säbels in die Kehle gejagt hat, seinesgleichen? ... Fühlt er mit . . . der tückischen Aufsässigkeit des Wachtmeisters auch sein ,ganzes Dasein' in Frage gestellt? Erkennt er zum ersten Male die unbewußte und unbewältigte Bedrohung? Den Aufstand des Gemeinen gegen das Edle . . . des zu schweren Bluts gegen das zu dünne Blut?"

   Offenbar sucht der Verfasser das Geschehen mehr von der soziologischen Problematik her zu verstehen. Was der Wachtmeister wagt, wäre demnach der 'Aufstand des Gemeinen gegen das Edle", weniger eine tragisch-exzentrische Bewegung. Und es wäre zugleich damit die Abwehr des Mannes einer durch Dekadenz unsicher gewordenen Adelsschicht gegen die Vitalität der aufsteigenden Unterschicht. Ob sich beide Deutungen, die Alewyns und die hier vorgeschlagene, in einer Synthese vereinigen lassen, kann hier nicht mehr verfolgt werden. Unmöglich wäre eine solche Synthese nicht.
     

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