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Hugo von hof mannsthal

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Hugo von Hof mannsthal



Literarhistorisch ordnet man das Schaffen des Dichters häufig in der Weise ein, daß man ihn mit der Romantik in Verbindung bringt. Vor allem von den frühen Dichtungen Hofmannsthals sprach man als von beispielhaften Schöpfungen der Neuromantik. Wenn man den Dichter so verstehen will, ist es allerdings nötig, den Begriff der Romantik so genau zu fassen wie nur möglich. Im allgemeinen ist es üblich, sie als eine Bewegung zu verstehen, in der sich mit der Abwendung von der Gegenwart das Interesse für Lebensbereiche und Epochen verbindet, in denen noch nicht vollzogen war, was die Schwierigkeit der Gegenwart ausmacht: die Spaltung in dieser oder jener Form, verbunden mit der Unsicherheit, die sich mit einer solchen Spaltung einstellt. Unter diesen Umständen wurde es begreiflich, wenn Novalis das Mittelalter als eine - wie er simplifizierend meinte - Epoche der Ungespaltenheit umwarb oder wenn sich das Interesse an der Antike von der Epoche der Klassik zur Archaik verlagerte. Von da aus versteht man es - um aus der Fülle der möglichen Belege noch einmal den einen oder anderen zu nennen -, daß man dem ästhetischen Bereich den Vorzug vor dem ethischen gab -, und zwar offenbar deshalb, weil hier der Geist - in der künstlerischen Inspiration und in der Schau der Welt - im Gegensatz zum ethischen Bereich der Wirklichkeit nicht fordernd gegenübertritt, sondern mit ihm als identisch erlebt wird. Daß sich mit der Hinwendung zur Kunst auch ein neues Verständnis des Religiösen verband, vor allem für den kultisch-sakramentalen Typus der Religion im Gegensatz zu dem prophetisch-ethischen, wird wiederum von den Prämissen der romantischen Bewegung begreifbar. So hatten Wak-kenroder und der frühe Tieck in Bamberg den Kult der katholischen Kirche erlebt. Noch manches andere könnte in diesem Zusammenhang erwähnt werden; etwa die Sympathie der Romantik für vorrationale Dichtungsformen; das Bemühen, Volkslied und Märchen nicht nur neu zu verstehen, sondern auch im eigenen Schaffen wieder lebendig zu machen. Einem solchen Verständnis der Romantik ordnet sich auch das vielfältig erwachte Interesse für unbewußte Schichten der Existenz ein, Schichten also, in denen der Mensch noch nicht in die Spaltung des Be-wußtseins hinausgetreten ist. So entdeckte man wieder die Bedeutung des Traums für das menschliche Dasein, und man versuchte zu begründen, was in der Bewegung des Somnambulismus zum Ausdruck kam; auch hier in der Hoffnung, dem auf die Spur zu kommen, was im Dasein des Menschen vor der Spaltung lebendig ist.
      Zu dieser Epoche der Romantik gehört allerdings nicht nur das Gelingen von Versuchen solcher Art, sondern auch das Scheitern. Es sei nur ein Motiv herausgegriffen, das dieses besonders deutlich zum Ausdruck bringt: das des Doppelgängertums, zentrales Motiv in der Dichtung E. T. A. Hoffmanns und Jean Pauls, aber auch in zahlreichen anderen Dichtungen dieser Epoche; ein Motiv, das bis zum heutigen Tag seine Bedeutung behalten hat. Warum gerade diese Erfahrung als Symptom des Scheiterns zu betrachten ist, bedarf keiner umständlichen Begründung. Wenn die ursprüngliche Tendenz der Romantik in Dichtung, Naturwissenschaft, Psychologie, Altertumswissenschaft darauf gerichtet ist, dorthin zurückzufinden, wo die Spaltung noch nicht sichtbar ist, dann bietet sich in dieser Erfahrung das Äußerste an Gespaltenheit dar, was im Dasein des Menschen, aber auch in der Begegnung mit der Welt erlebt werden kann.
      Es liegt auf der gleichen Linie, wenn man hinzufügt, daß man es der Romantik als Verdienst anrechnen muß, wieder den Zugang zum Wesen des Tragischen erschlossen zu haben; auch wenn die eigentlichen großen Tragödiendichtungen der Zeit - Schillers ,Wallenstein', Kleists ,Guiskard'-Fragment, Goethes Wahlverwandtschaften' - außerhalb der Romantik entstanden sind. Jedenfalls hat erst die Romantik die Voraussetzung für die Entstehung dieser Werke geschaffen. Die Leidenschaft und Maßlosigkeit, mit der die Gestalten Jean Pauls - für viele andere seien Roquairol und vor allem Schoppe genannt - oder auch die zahlreichen Künstlergestalten E. T. A. Hoffmanns über alle Grenzen hinaus in die Dimension des Absoluten vordrängten, hat tragische Qualität; besonders wenn man hinzunimmt, daß auf die Leidenschaft des Vorstoßes immer wieder die Enttäuschung und der Umschlag in die Hoffnungslosigkeit folgte. So begegnet man in den Dichtungen der Romantik, von Brentano und Eichendorff bis zu Mörike hin, dem Motiv der grauen Morgenstunde, die die Enttäuschung nach dem Übermaß der Erwartung bringt. An Stellen dieser Art kann man begreifen, wie sich auch das Motiv des Doppelgängertums mit der Erfahrung des Tragischen verbindet. Gemeinsam ist dieses: In beiden Fällen spalten sich das Alles und das Nichts, die Erfüllung und die Nichterfüllung so auf, daß von dem einen zum anderen keine Brücke mehrzu schlagen ist. Die Romantik wollte zur Ungespaltenheit des Lebens zurück. Begreift man die Bedeutung des Doppelgängertums in der romantischen Dichtung, dann kann man daran ablesen, wie sehr dieser Versuch gescheitert ist.
      Wenn man die Romantik so versteht, fällt es nicht schwer, auch die Dichtung von Hugo von Hofmannsthal als eine Erneuerung dieser Bewegung zu verstehen, und zwar ohne sie als epigonal abzuwerten. Dazu nur wenige Hinweise: Wie für die Romantik wird auch für Hofmannsthal der Bereich des Unbewußten im menschlichen Dasein von Bedeutung; allerdings nicht im Sinne Schuberts, für den das Unbewußte der Ort paradiesischer Reinheit jenseits der Spaltungen bedeutete, sondern so, wie Kleist im .Marionettentheater', das für das Denken Hofmannsthals von nicht zu unterschätzender Bedeutung war1, das Unbewußte verstanden hat: als einen Bereich präexistentieller Art und als Vorausdeutung auf die Bestimmung des Menschen; eine Vorwegnahme allerdings, in der der Mensch noch nicht durch die Konflikte der Existenz hindurchgegangen ist. In dieser Weise wird im Schwierigen' jenes Erlebnis verstanden, darin Karl Bühl in dem Augenblick, da er verschüttet ist, seine Liebesverbundenheit mit Helene Altenwühl erlebt, und zwar nicht anders als eine Einsicht präexistentieller Art, ein Wissen also, das sich noch nicht in den Krisen der Existenz bewährt hat und noch des Durchgangs durch diese Konflikte bedarf. Insofern ist eine Beziehung zur Romantik da, allerdings in der Weise, wie Kleist den romantischen Ansatz aufgenommen und überwunden hat.
      Das Unbewußte im Sinne der präexistentiellen Daseinsregion ist für die beiden Novellen, die in dem Hofmannsthal-Kapitel interpretiert werden sollen, kaum von Bedeutung. In ihnen kommt man dem romantischen Erbe näher, wenn man daran erinnert, welche Rolle die romantische Erfahrung der Tragik und - vor allem in der ,Reitergeschichte' - das Motiv des Doppelgängertums spielen, das in dem Romanfragment ,Andreas' eine noch zentralere Bedeutung bekommen sollte.

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