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Hugo von hof mannsthal

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,Das Erlebnis des Marschalls von Bassompierre'



Ãober die Herkunft der Novelle wurde im ersten Band der Novellengeschichte ,Die deutsche Novelle zwischen Klassik und Romantik' ausführlich berichtet. Goethe fand sie in den Memoiren Bassompierres und fügte sie mit kleinen Korrekturen seinen .Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten' ein. Die Korrekturen Goethes - sie betreffen vor allem die

Vorausdeutungstechnik - sind bedeutend, aber sie ändern an der Atmosphäre der Novelle Bassompierres kaum etwas Wesentliches. Auch in Goethes Umdichtung blieb die des ancien regime beherrschend. Für Bas-sompierre ist das Liebesabenteuer mit der schönen Krämerin, so sehr es sich auch durch den erschütternden Ausgang von anderen abheben mag, nur eines unter den zahlreichen Abenteuern, die er zuvor und später erlebt hat. Zwischen Goethes Novelle und der Hofmannsthals aber liegt die Romantik, und vor allem jene Erfahrung der Tragik, wie sie in der Romantik von neuem möglich wurde.
      Wenn man versucht, durch einen Vergleich zwischen Goethe und dem modernen Dichter in die Dichtung Hofmannsthals hineinzufinden, so ist der Eingang für eine Gegenüberstellung nicht ergiebig, obwohl sich auch hier schon einige charakteristische Unterschiede finden. Aber dann gerät man an eine Partie, die für einen Vergleich und damit für die Erkenntnis der Eigenart Hofmannsthals ergiebig ist. Der Diener hat der Krämerin die Grüße seines Herrn ausgerichtet und zugleich das Zusammenkommen der beiden vereinbart. Dann heißt es bei Hofmannsthal: 'Im Weiterreiten fragte ich den Bedienten, ob er nicht einen Ort wüßte, wo ich mit der Frau zusammenkommen könnte? Er antwortete, daß er sie zu einer gewissen Kupplerin führen wollte; da er aber ein sehr besorgter und gewissenhafter Mensch war, dieser Diener Wilhelm aus Courtrai, so setzte er gleich hinzu: da die Pest sich hie und da zeige und nicht nur Leute aus dem niedrigen und schmutzigen Volk, sondern auch ein Doktor und ein Domherr schon daran gestorben seien, so rate er mir, Matratzen, Decken und Leintücher aus meinem Hause mitbringen zu lassen.""' In diesem Abschnitt ist zweierlei aufschlußreich: einmal die Intensivierung der Vorausdeutung auf die Pest, die sich im Unterschied zu Bassompierre - allerdings sachlicher und diskreter - auch in der Umarbeitung Goethes findet; dann aber die Bedeutung, die dem Diener bei Hofmannsthal zugemessen wird. Der Diener, der in dem sachlichen Stil der klassischen Novelle nicht nur namenlos bleibt, sondern als Person kaum charakterisiert ist, wird hier mit Namen genannt und gewinnt zugleich damit unverwechselbare Züge menschlicher Art. Die Novelle Bassompierres und auch Goethes Umarbeitung setzen soziologisch die Ordnung des ancien regime voraus, also eine fixierte Rangordnung von Hoch und Nieder, Adel und Volk, Herr und Diener. Der Mensch wird nicht als unverwechselbare Person gesehen, sondern ist nach seinem Ort und nach seiner Stellung in der Gesellschaft bestimmt. Darum ist das Verhältnis des Dieners zu seinem Herrn durch diese feste Gesellschaftsstruktur so neutralerfaßt, daß es überflüssig ist, den Namen oder gar den Charakterzug eines Untergebenen auch nur zu erwähnen. Anders bei Hofmannsthal! Hier bekommt der Diener und die Beziehung zu seinem Herrn individuelle Züge. Jetzt ist das Interesse weniger auf die äußere Stellung gerichtet denn auf die besondere menschliche Verbundenheit und das subjektive Verhalten.
      Noch näher kommt man der Eigenart Hofmannsthals, wenn man einen zweiten Abschnitt zum Vergleich heranzieht. Darin wird von dem ersten Zusammensein Bassompierres mit der Krämerin berichtet. Bei Goethe liest man folgende Sätze: 'Des Abends ging ich hin und fand eine sehr schöne Frau von ungefähr zwanzig Jahren mit einer zierlichen Nachtmütze, einem sehr feinen Hemde, einem kurzen Unterrocke von grünwollenem Zeug. Sie hatte Pantoffeln an den Füßen und eine Art von Pudermantel übergeworfen." Bei Hofmannsthal heißt es: 'Des Abends ging ich hin und fand eine sehr schöne Frau von ungefähr zwanzig Jahren auf dem Bette sitzen, indes die Kupplerin, ihren Kopf und ihren runden Rücken in ein schwarzes Tuch eingemummt, eifrig in sie hineinredete. Die Tür war angelehnt, im Kamin lohten große frische Scheiter geräuschvoll auf, man hörte mich nicht kommen, und ich blieb einen Augenblick in der Türe stehen. Die Junge sah mit großen Augen ruhig in die Flamme; mit einer Bewegung ihres Kopfes hatte sie sich wie auf Meilen von der widerwärtigen Alten entfernt . . ." Welche Bedeutung der durch brennende Scheite im Kamin erleuchtete Raum hat, darüber wird an einer späteren Stelle zu sprechen sein. Für die vorliegende Partie ist die Erfindung einer Figur wichtiger, die weder bei Bassompierre noch bei Goethe eine Rolle spielt, die der Kupplerin, die Bassompierre bei seiner .Ankunft im Gespräch mit der Krämerin vorfindet. Warum Hofmannsthal die Szene mit dieser Gestalt bereichert, macht der einzige Satz deutlich, der besagt, daß die Krämerin 'mit einer Bewegung ihres Kopfes sich wie auf Meilen von der widerwärtigen Alten entfernt hatte". Offenbar ist die Figur erfunden, um den menschlichen Rangunterschied deutlich zu machen, der die Krämerin wie durch einen Abgrund von ihr trennt. In der Novelle Bassompierres und in der Fassung Goethes ist das Verhältnis des Helden zur Krämerin das des hochgestellten Kavaliers zu einer Frau minderen gesellschaftlichen Ranges. So sehr der adlige Herr von der Schönheit der Krämerin angezogen ist, es kommt ihm niemals in den Sinn, diesen Unterschied zu vergessen. So endet die Novelle mit dem dafür aufschlußreichen Satz: 'Dieses Abenteuer begegnete mir mit einer Person vom geringen Stande . . ." Unmit-telbar nach der zitierten Stelle bekennt Bassompierre in der gleichen Tonlage, daß er 'niemals ohne Sehnsucht an das schöne Weibchen habe denken können" . Die Frau ist zwar willkommenes Objekt des Genusses, aber die Unterschiede des gesellschaftlichen Ranges geraten darüber nicht in Vergessenheit. Bei Hofmannsthal wird nicht nur in bezug auf den Diener, sondern ungleich stärker auch an dieser Stelle mit anderen Maßstäben gemessen. Anstelle der gesellschaftlichen Zugehörigkeit ist es vor allem das menschliche Verhalten, das die Personen auszeichnet. Und gleichgültig, an welchem Ort der Gesellschaft die Krämerin einzuordnen ist, gleichgültig, ob sie zum Adel oder zum geringen Stand gehört, überall ist wahre Größe, Leidenschaft und Unbedingtheit vorzufinden. Auf diese Größe kommt es Hofmannsthal an. Die Krämerin aber so zu charakterisieren, wird die Kupplerin als Gegengestalt erfunden. Daß die Liebe zu Bassompierre für die Frau den Charakter der Einzigartigkeit hat, machen auch die Gebärden offenbar, die in den folgenden Sätzen beschrieben werden; da vor allem, wo von dem Ãobermaß der Anspannung, der Wildheit des Ausdrucks, dem strahlenden Glanz des Blickes gesprochen wird; alles Worte, die auf die Größe und Unbedingtheit dieser Liebe hinweisen.
      Ist aber der Bassompierre dieser Novelle so geartet, daß er einer solchen Liebe entsprechen kann? Zunächst scheint es so, als ob auch der Bassompierre Hofmannsthals wie der der ,Memoiren' ein Kavalier des ancien regime wäre, gewohnt, seinen flüchtigen Abenteuern nachzugehen, aber ohne eine Spur von Ergriffenheit und menschlichem Ernst. Von nichtigen Begebenheiten des Tages ist er des Abends zu der Krämerin gekommen, auch zu dieser Stunde noch von diesen erfüllt, so daß er die Frau kaum ernstlich wahrnimmt; ja, daß er sie für einen Augenblick mit einer anderen seiner zahlreichen Geliebten verwechselt, um schließlich in seiner Ermüdung und Zerstreuung einzuschlafen.
      Aber dann kommt die Wende. Dabei wird es offenbar, daß man sich irrte, würde man den adeligen Herrn mit dem Helden Hofmannsthals verwechseln. Wenn seine Krämerin so geartet ist, daß sie als wahrhaft tragische Gestalt fühlt und handelt, so steht ihr Bassompierre darin am Ende nicht nach; nur daß es der Zeit bedarf, damit in ihm die noch schlummernde Leidenschaft so heranreift, daß er der Geliebten als ebenbürtiger Partner gegenübertreten kann. Die Wende, von der gesprochen wurde, ereignet sich bei dem plötzlichen Erwachen des Mannes in der Nacht. Richard Alewyn weist darauf hin, daß ein kurzer Satz die-sen Umschlag anzeigt. 'Nun sah ich erst recht, wie groß und schön sie war." Angedeutet war schon zuvor, welche Bedeutung für das Geschehen der von brennenden Scheiten erhellte Raum hat. Nun wird das Sprühen und Auflodern der Flammen zum Symbol der Leidenschaft, die auch den Mann ergriffen hat. Und auch darauf hat Alewyn hingewiesen: Daß an die Stelle des 'Ich" das 'Wir" tritt. 'Daß das Feuer über uns hinschlug", bekennt der gleiche Bassompierre, der zuvor in der Eitelkeit seines Ich so verschlossen war, daß er die Geliebte überhaupt nicht wahrzunehmen imstande war; Anzeichen dafür, daß zwischen beiden in der Leidenschaft ihrer Liebe das Trennende weggefallen und auch der Mann in die Verwandlung hineingerissen ist. Und noch ein Symbol wird vom Dichter eingefügt. Es macht deutlich, daß man Recht hat, den Begriff des Tragischen zu bemühen, um auszudrücken, was in der Novelle Hofmannsthals geschieht. Als die Krämerin zu dem wiedererwachten Geliebten tritt, ergreift sie rasch einen Apfel vom Tisch, um die Frucht gemeinsam mit ihm zu essen; eine Handlung, die sich dann in der frühen Morgenstunde, allerdings in einem gegensätzlichen Sinn, wiederholen wird. In der Genesis erliegen die ersten Menschen der Versuchung, von der ihnen verbotenen Frucht zu essen, weil sie erwarten, daß dieser Genuß sie in die Größe und die alles Trennende übergreifende Universalität Gottes hineinnimmt. Was die Liebenden in der Dichtung Hofmannsthals erwarten, ist gleicher Art! Daß sie sich in dieses Wagnis verlieren, läßt wiederum etwas von der Genialität dieser Liebe erkennen, schließt aber auch ein, was in diesem Wagnis unvermeidbar schuldhaft ist -schuldhaft nicht im moralischen, sondern im tragischen Sinn; so wie das Wagnis des Ãobertritts aus der menschlichen Sphäre in die des Gottes immer schuldig macht. Und wie in dieser Liebe tragische Größe und tragische Schuld gegenwärtig sind, so folgt auf die Stunde der Erfüllung auch die der Enttäuschung; auch jetzt wiederum Enttäuschung im tragischen Sinn. Wenn die Liebenden zum zweiten Mal den Apfel verzehren, dann stellt Alewyn mit Recht dazu die Frage: 'Ist es noch der Apfel der Liebe oder vielmehr der der Erkenntnis." Hinzuzufügen wäre: daß Erwachen aus der Verblendung und die Erkenntnis, daß göttliche Vollkommenheit und menschliche Gebrechlichkeit abgründig getrennt sind und der Versuch, diesen Abgrund zu überwinden, am Ende hoffnungslos erscheint.
      Noch manches ist zu diesem Abschnitt der Novelle zu sagen, einer Szene, wie sie nur der Gestaltungskraft eines großen Dichters zu schaffen möglich ist. Auch hier ereignet sich das Erwachen in der grauen Stunde desaufziehenden Morgens, der Stunde, da, vergleichbar den Novellen Eichen-dorffs, der kalte Lufthauch der grausamen Ernüchterung durch den Raum streicht. Dem entspricht der Anblick der Dinge in dieser dämmernden Stunde zwischen Tag und Nacht. 'Was da draußen lag, sah nicht aus wie eine Straße. Nichts Einzelnes ließ sich erkennen: es war ein farbloser, wesenloser Wust, in dem sich zeitlose Larven hinbewegen mochten. Von irgendwo her, weither, wie aus der Erinnerung heraus, schlug eine Turmuhr, und eine feuchtkalte Luft, die keiner Stunde angehörte, zog sich immer stärker herein, daß wir uns schaudernd aneinanderrückten." So wie sich die Welt in der Stunde der Liebe in dem lichten Glanz der Erfüllung darbot, so verzerren sich jetzt die Dinge ins Gestaltlose, wenn nicht ins Gestaltwidrige. Und nicht zu übersehen ist ein Letztes: In dem Augenblick, da die Liebenden ernüchtert nach der Frucht greifen, hören sie draußen die Schritte der Totengräber, die den Pestkarren vorüberziehen, wiederum Vorausdeutung auf jenes Ende, da Bassompierre ebenfalls auf die Totengräber mit ihrem Pestkarren stößt. Daß das Essen des Apfels - nun nicht Symbol der Vereinigung, sondern des Erken-nens - und diese Nähe des Todes korrespondieren, wurde schon gesagt. Beides, der Tod - nach Schelling das Ereignis, das die Entfremdung des Menschen von einer absoluten Erfüllung am unausweichlichsten enthüllt -und die illusionslose Erkenntnis des gleichen Ausgeschlossenseins ist im Grunde identisch.
      Die folgende Partie, die die erste Begegnung der Liebenden abschließt, richtet sich, wenn auch reicher ausgespielt, in der Substanz nach der Vorlage. Wie bei Bassompierre-Goethe wird von einem zweiten Treffen gesprochen; wie dort kommt es zu einem anfänglichen Mißverständnis, da sich Bassompierre immer noch nicht von der Welt des Hofes und der gewohnten Zerstreuung gelöst hat. Wieder kommt es zu einer in Hofmannsthals Novelle noch elementarer ausgesprochenen Weigerung der Krämerin, ein zweites Mal das Haus der Kupplerin zu betreten. Stattdessen beschreibt sie auch hier dem Geliebten das Haus, in dem sie ihn in der Nacht des Sonntag wieder erwartet.
      Man könnte über den nächsten Abschnitt hinweggehen, in dem von der Ungeduld berichtet wird, die immer heftiger über Bassompierre kommt, da ihm die Zeit der Trennung von der Geliebten unbegreifbar lange erscheint. Aber gerade diese Ungeduld ist bedeutsam, weil sie Zeichen dafür ist, wie auch er immer tiefer und unlösbarer in diese Liebe verstrickt ist. Denn in der Liebesnacht mit der Krämerin hat er zum ersten Mal daserfahren, was über sein Abenteurerdasein hinausgeht; auch wenn er immer noch nicht zu der gleichen Unbedingtheit herangereift ist, die der Liebe der Krämerin ihre Größe gibt.
      Man kommt damit zum zweiten Teil der Novelle, den Hofmannsthal völlig unabhängig von der Quelle seiner Dichtung eingefügt hat: Die eigentümliche Konfrontation Bassompierres mit dem Gatten der Krämerin; bei Goethe eine Gestalt, die nur in den Worten der Krämerin flüchtig berührt wird. Wieder tritt ein Mensch aus der Anonymität heraus und gewinnt unverwechselbare Züge. In der Hoffnung, in der Zwischenzeit die Krämerin in ihrem Laden wenigstens von außen sehen zu können, hatte Bassompierre seinen Diener vorausgeschickt. Dieser hatte den Laden aber geschlossen gefunden. Nur ein nahegelegenes Zimmer sei erleuchtet, so berichtete er seinem Herrn. Bassompierre nähert sich selbst dem Haus, allerdings, um durch den Spalt der Jalousie nicht die Krämerin, sondern den Mann zu sehen. Es folgt eine der fesselndsten Partien der Novelle. Den Gatten hatte sich Bassompierre nur als einen Menschen niederen Ranges vorstellen können. Aber gerade darin hatte er sich getäuscht. So wie dieser sich ihm jetzt darbietet, erinnert er an das Bild 'eines sehr erhabenen Gefangenen, .. . den ich im Dienst des Königs während seiner Haft in einem Turmgemach des Schlosses zu Blois zu bewachen hatte." Mit dieser Erinnerung wird ein Motiv angeschlagen, das im Dichten und Denken des Abendlandes immer wieder wichtig wurde: das des Königs in der Gefangenschaft und Erniedrigung oder, wie es in der Märchenforschung heißt, des 'edlen Bluts im Exil". Damit aber gerät nun auch der Gatte an jene Dimension der Tragik, die, bei Goethe vielleicht angedeutet, für Hofmannsthal zum entscheidenden Ausgangspunkt der Gestaltung wurde.
      Man könnte von dem Auftreten des Gatten als von einem blinden Motiv sprechen. Man hört nichts von seiner Herkunft, von seinem Leben mit der Krämerin. Man kann nur Fragen stellen, wie sie Richard Ale-wyn in seinem Nachwort zur Novelle gestellt hat, ohne eine schlüssige Antwort darauf geben zu können. 'Wer ist dieser Mann, den seine Geliebte um seinetwillen hintergangen hat? Was ist er für sie? Was ist sie für ihn? Hat er keine Macht, sie zu halten? Hat sie keine Scheu, ihn zu kränken? Was weiß er von ihr und ihrer Heimlichkeit? Warum läßt sie ihn jetzt allein? Ist sie es, mit der er seine so stumme wie eindringliche Rede führt? Und worüber? Hat das alles etwas zu tun mit seiner Einsamkeit und Trauer?" Nur eines ist erkennbar: Auch der Mann hat et-was von jener 'Fallhöhe", die die Existenz der Frau auszeichnet und gefährdet. Wenn ein Konflikt beide nicht zusammenkommen läßt, kann es nur ein solcher sein, der an letzten Werten orientiert ist. Was immer man von dem Verhältnis der Krämerin zu dem Gatten denken mag, auch die Tatsache, daß sie mit einem Mann solchen Ranges verbunden ist, hebt sie in jenen Bereich, in dem Tragik sich entfalten kann.
      Aber es wird nicht nur das Bild des Mannes vermittelt; Bassompierre spricht auch von einer Gebärde, die ihn betroffen macht. An dieser Stelle gerät man zum dritten Mal an eine jener Vorausdeutungen, die sich fast leitmotivisch durch die Novelle hindurchziehen, die von der Pest und dem Tode: 'Der Mann im Zimmer trat dann an den Tisch, schob die Wasserkugel vor das Wachslicht und brachte seine beiden Hände in den Lichtkreis, mit ausgestreckten Fingern: er schien seine Nägel zu betrachten". Wenn Bassompierre später berichtet, wie er den folgenden Tag zugebracht, kehrt die gleiche Vorausdeutung zum vierten Mal wieder. In den Gesprächen am Hof ist von nichts anderem die Rede als von der sich immer stärker ausbreitenden Epidemie. Bassompierre trifft einen Kanoniker an, der wie der Gatte der Krämerin auf seine Fingernägel herabsieht, um festzustellen, ob sich an ihnen die Zeichen der Krankheit ankündigen.
      Es läßt sich nicht vermeiden, die Frage zu stellen, warum Hofmannsthal weit über seine Vorlage hinaus diese Vorausdeutungen auf das Ende hin vervielfacht und intensiviert hat. Offenbar hängt auch dieser Stilzug mit der Steigerung des Geschehens in die Dimension des Tragischen zusammen; vor allem in der Unausweichlichkeit des tragischen Geschickes. Auf diese schicksalhafte Notwendigkeit hinzuweisen ist die Funktion dieser Stilelemente hier ebenso wie in allen großen Tragödien, aber auch in den von tragischem Geist erfüllten Novellendichtungen. Man denke an Kleists ,Erdbeben in Chili'.
     
   Parallel damit ereignet sich die schon erwähnte Wandlung Bassompierres. Immer stärker wird ihm bewußt, wer jene Frau ist, deren Rang und Größe er in der Nacht zu erkennen begonnen hatte. Die Liebe zu ihr sei wie ein um sich greifendes Feuer gewesen, das sich von allem nährte, was ihm begegnete, so bekennt er. Stärker läßt sich nicht ausdrücken, wie auch für Bassompierre diese Liebe immer mehr den Charakter der Unbe-dingtheit bekommt.
      Der dritte Teil der Novelle entspricht der Vorlage mehr als die bisher interpretierten, obwohl sich auch dieser konsequent in Hofmannsthals Dich-tung einfügt. Wo Bassompierre die Erfüllung erwartet, wird er in Härte dem Tod konfrontiert. Daß dieses Schicksal der Krämerin schon für Goethe Tragik in sich schließt, wird von ihm wenigstens angedeutet. Was aber in seiner Novelle nur anklingt, wird bei dem modernen Dichter ausdrücklich herausgearbeitet. Darüber hinaus wird auch die Gestalt Bassompierres, ebenso wie der Gatte der Krämerin, in diese Bewegung einbezogen. Darum ist die Begegnung mit dem Tod bei Hofmannsthal bestürzender. Statt die zahlreichen Warnungszeichen des Schicksals zu beachten, hat sich Bassompierre, vergleichbar anderen tragischen Gestalten, dagegen verblendet, und so trifft ihn der Umschlag des Lebens in den Tod am Ende noch unvorbereiteter als den Helden Goethes. Er wird in Hofmannsthals Novelle dadurch intensiviert, daß in diesem letzten Teil noch einmal das Motiv der Flamme aufgegriffen wird. War die Flamme in der Liebesnacht Symbol der Leidenschaft und des Strebens zur letzten Erfüllung, so steht die gleiche Flamme nun für den Tod, der unbarmherzig alle Sehnsüchte und Erwartungen verzehrt. Indem Bassompierre durch das Fenster das auf- und ablodernde Feuer sieht, verfällt er dem Trug, zu glauben, daß sich nun wiederhole, was er zuvor in der Nacht des ersten Zusammenseins erlebt hatte. In Wirklichkeit hat man in dem Zimmer, darin die Toten ausgestreckt liegen, als Abwehr gegen die Anstek-kung jenes Strohfeuer angezündet, von dem zuvor in der Gesellschaft die Rede war. Indem Hofmannsthal dann den Schluß der Vorlage in den Grundzügen übernimmt, fällt allerdings die Spannung ab, die die Dichtung bis dahin beherrscht hatte: 'Ich trank sogleich drei oder vier große Gläser schweren Weins und trat, nachdem ich mich ausgeruht hatte, den anderen Tag die Reise nach Lothringen an." Auch für den Bassompierre Hofmannsthals bleibt so die Liebesbegegnung mit der Krämerin ohne Konsequenzen für das weitere Leben. Sie hat ihn nur für kurze Zeit verwandelt; dann kehrt er in den gewohnten Kreis der Zerstreuungen und Abenteuer zurück.

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