Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Horst ehbauer unterrichtsversuch an einer kleinstadtschule

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Weitere Behandlungsaspekte, Gesamtauswertung



Die Frage, welche Möglichkeiten die Novelle für den Literaturunterricht bietet und was Schüler unter jeweils verschiedenen Voraussetzungen und bei bestimmten Weisen der unterrichtlichen Texterschließung mit 'Wir sind Utopia" anzufangen wissen, läßt sich noch weitergehend beantworten. In Ergänzung zu den beiden 'Arbeitsanweisungen" und ihrer Besprechung verfolgte der Unterricht noch vertiefende Behandlungsaspekte. Es gab Untersuchungen zur Rezeption des Stils bei den Schülern, Schüler verglichen in Referaten die Andres-Novelle mit anderen literarischen Werken und schließlich beantwortete der ganze Kurs zu einer 'Gesamtauswertung" den Fragebogen Teil B . Darüber sei wenigstens in Andeutungen berichtet, da damit methodische Anregungen erfolgen können und weitere Aufschlüsse über die Einstellung der Schüler zum Text und ihre privaten Lesarten möglich werden.
      Die Schüler waren von Beginn an angehalten, bei Spracheigentümlichkeiten Anmerkungen zu machen und ihre Beobachtungen in eine spätere Besprechung einzubringen. Für die beiden Anfangsseiten wurde zudem von allen angestrichen, was ihnen positiv oder negativ auffiel. Damit sollten wirkungsästhetische Elemente empirisch zutage treten. Es ergab sich folgendes Bild:
— braune, eintönige

— knatternde, gelbe
— dahinkriechen
— . . . ein Stück des Weges erhoben und auf Wanderschaft begeben . . .
      — rätselhafte Linie

— goldenen Federbusch
— Aber es gab keinen Zuschauer

— starrten
— Sonnenbrand

— versengte Felder
— umgeworfenen . . . aufgedunsenen . . . Aas

— kroch
— goldbraune Höhe

— ebenso braune Ringmauer
— einer . . . liegengebliebenen Stadt . . . natürliche Felsenstufe

— wie eine Lokomotive
— Wachsoldaten, Bajonette, eiserner Verhau

— wie aus Lehm gebackenen Gestalten
— stumpfe Gesichter

— verstohlener . . . Umblick
Es fielen also besonders Adjektive, gerade auch affektiv besetzte Farbadjektive, stark auf. Sie bildeten in der Hauptsache die Textgrundlage für die häufig geäußerte Auffassung, die Sprache sei griffig, plastisch, 'poetisch". In zweiter Linie wurden die wie-Vergleiche der Anfangsseiten wie des ganzen Buches hervorgehoben. Sie seien überhaupt nicht aufdringlich, sondern belebten das Ganze — so verteidigten viele Kollegiaten diese Art von Poetizität, der gegenüber der Lehrer selbst sein persönliches Befremden nicht ganz unterdrücken konnte. Bezüglich der Metaphorik insgesamt gab es aber Differenzierungen. Mit einer Ausnahme wurde 'pilzhafte Ruhe" als gelungenes Bild bezeichnet; sehr interessant war für die Schüler die komplexe Metapher in dem Satz 'Das ganze Land und alle Dinge schienen aus Bronze gemacht, und wie ein ungeheurer Gong erbebte summend die Hochebene, wenn die Kanonenschläge sie trafen". Ziemlich unpassend erschien dagegen ein Vergleich, mit dem das Stocken in des Leutnants Rede mit Pferden in Beziehung gesetzt wird, die vor einem Stück Papier scheuen; als zu weit hergeholt wurde die Bezeichnung der Messerklinge als ein nicht schmelzendes Stück Eis empfunden. Problempunkte der Sprache standen auch an vielen Stellen zur Debatte, wo die Satzstruktur zu komplex wird und der Inhalt im Vagen verbleibt. So konnten auch Schüler, die Inhalt und Sprache insgesamt positiv aufgenommen hatten, an einzelnen Stellen auf die Langatmigkeit von Reflexionen hinweisen und sich verärgert über die mangelnde Eindeutigkeit mancher Aussagen äußern. Von den vier Schülern, die die Novelle 'eher ablehnen", ist die Ablehnung nur in einem Fall ideologisch bedingt . Ansonsten sind die sprachlichen Hürden der Grund . Im Fragebogen wurde die Sprache der Novelle folgendermaßen beurteilt:ausgefeilt: 2 Schülertreffend: 3 Schüler dichterisch/'poetisch": / Schülergekünstelt: 2 Schüler langatmig: 7 Schüler kompliziert: 1 Schüler langweilig: -
Diese Art von gezielter Kritik bei selbständig beobachteten Sprachauffälligkeiten, wie sie hier praktiziert wurde, ist literarischer Erziehung sicher eher förderlich als der Zwang zu einem Interpretieren, bei dem der Text von vornherein und durchgängig als gelungenes Kunstwerk zu paraphra-sieren wäre. Wie gerechtfertigt ein vorsichtiges Abwägen der sprachlichen Qualitäten der Utopia-Novelle ist, ergibt sich im übrigen schon aus dem, was eingangs über Interpretationsgegensätze in der vorliegenden Literatur gesagt wurde.
      Bei 'Wir sind Utopia" bieten sich auch zahlreiche Behandlungsweisen an, die über die Arbeit am Einzeltext hinausgehen. So etwa das Herausarbeiten von Vergleichspunkten bei anderen Werken und Bezugnahmen auf die Widerstandsliteratur und spezielle Rezeptionen von Andres' Werk sowie auf literarische Auseinandersetzungen .
      Eine solche Vielfalt von Untersuchungsperspektiven, wie sie unter den günstigen Bedingungen an der Kleinstadtschule mit der Utopia-Novelle verfolgt werden konnten, kommt den Zielen eines 'integrativen Literaturunterrichts" entgegen, dem es u. a. um selbständiges Texterschließen,
Reflektieren eigener und fremder Leseweisen und um Einbezug der verschiedenen Produktions- und Rezeptionsbedingungen und Faktoren des Literaturbetriebs geht. Die Beantwortungen des Fragebogens Teil B bringen zudem deutlich zum Ausdruck, daß hier ein 'Schulklassiker von gestern" von heutigen Schülern mit besonderem persönlichen Gewinn gelesen wurde:
12 von 16 Teilnehmern des Grundkurses beurteilen die Novelle 'eher positiv"; Begründungen dafür sind:
— Weil ich mir den Konflikt Pacos gut vorstellen kann.
      — Weil man mal etwas anderes liest, etwas, das nicht den typischen Ausgang hat.
      — Ich glaube, daß es in jeder Klasse zumindest ein paar Schüler geben wird, die sich mit dieser Problematik beschäftigen würden, wenn der Anstoß da wäre.
      — Weil die Novelle eine der wenigen Erzählungen ist, die auch unter der Zerreißprobe der Schule interessant bleiben.
      11 Schüler möchten die Novelle als Privatlektüre weiterempfehlen. Einige der Gründe lauten:
— Sie wirft eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben auf.
      — Das Buch ist meiner Meinung nach eine Bereicherung einer jeden kleinen Hausbibliothek.
      — Gibt einige Denkanstöße, die sehr interessant sein können.
      — Ich glaube, daß viele Leute solche Konflikte durchstehen, es wird nur den wenigsten bewußt. Dazu sollte die Lektüre beitragen.
      Aber auch die Schwierigkeiten werden nicht verkannt:
— Ich würde sie nur demjenigen weiterempfehlen, der die Möglichkeit hat, sich mit jemandem darüber zu unterhalten, der Andres' Aussagen einigermaßen verstanden hat. Allein versteht man die Novelle nur schwer.
      — In erster Linie würde ich das Buch vielleicht jemandem empfehlen, der auch eine enge Beziehung zur Religion hat, denn gerade dann spricht die Thematik an.
     

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