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Höfische feste - das protokoll der umgangsformen

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Vom Königsbrauch zur Massenpromotion



Die historischen Nachrichten aus der Karolingerzeit über feierliche Wehrhaftmachungen und Schwertumgürtungen betrafen fast nur Mitglieder des karolingischen Herrscherhauses. In ihren Anfängen war die Schwertleite offenbar ein Königsbrauch, eng verbunden mit dem Herrschaftsantritt oder dem ersten öffentlichen Hervortreten des jungen Herrschers. In der nachka-rolingischen Zeit verlief die Entwicklung unterschiedlich. In Frankreich, wo die zentrale Königsherrschaft auf Jahrhunderte zurücktrat, haben die lokalen Gewalthaber schon bald das Herrschaftsprotokoll der Schwertleite für sich in Anspruch genommen, zuerst die großen Kronvasallen, dann auch kleinere Adlige, die in dieser Zeit milites genannt wurden. Diese Entwicklung ist allerdings nur erst umrißhaft zu erkennen; denn eine Geschichte der Schwertleite in Frankreich - die auch die bedeutenden regionalen Unterschiede berücksichtigen müßte - gibt es noch nicht. In Deutschland scheint der Brauch, den Eintritt des jungen Mannes in die Gesellschaft mit der Ãoberreichung der Waffen zu feiern, noch länger an das Herrscherhaus gebunden geblieben zu sein. Nur in den französischsprachigen Reichsteilen, in Lothringen und Burgund, dürften die Verhältnisse ähnlich wie in Frankreich gewesen sein. Aus Oberlothringen stammt eine Urkunde des Bischofs von Toul vom Jahr 1091, worin eine Schenkung bestätigt wurde, die ein gewisser »Wido aus vornehmem Geschlecht und mit den ritterlichen Waffen umgürtet«89, dem Kloster Cluny gemacht hatte. Sonst hören wir aus Deutschland von nichtköniglichen Schwertleitenerst aus dem 12. Jahrhundert; und diese Nachrichten beziehen sich ausschließlich auf Mitglieder der mächtigsten und angesehensten Fürstenhäuser. Im Jahr 1104 »ist Markgraf Leopold von Ã-sterreich mit dem Schwert umgürtet worden«90. Im Jahr 1110 hat Graf Friedrich von Goseck - die Grafen von Goseck waren zu dieser Zeit im Besitz der Pfalzgrafschaft Sachsen -»das Jünglingsalter erreicht und die Waffen umgebunden«91. Zum Jahr 1123 wurde gemeldet, daß der Weife Heinrich der Stolze »die Waffen empfing«92. Im Jahr 1125 ist Adalbert, der Sohn Markgraf Leopolds I

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von Ã-sterreich, »mit dem Schwert umgürtet worden«93. Zum Jahr 1147 wurde berichtet, daß der Sohn Herzog Friedrichs

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von Schwaben, der spätere Kaiser Friedrich L, damals »bereits den Rittergürtel empfangen hatte«94. Die feierliche Schwertleite der Fürstensöhne gehörte zum neuen Herrschaftsstil der großen weltlichen Höfe, der damals in engem Anschluß an die Traditionen des königlichen Protokolls entwickelt wurde. Der neue Brauch hat sich aber offenbar nur langsam verbreitet. Gislebert von Mons berichtete, daß mit der Schwertleite Balduins

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von Hennegau, die Ostern 1168 in Valenciennes »mit Pracht und Freude« gefeiert wurde, ein alter Wunsch seines Vaters in Erfüllung gegangen sei, »weil es seit vielen Jahren nicht vorgekommen war, daß ein Graf von Hennegau seinen Sohn als Ritter gesehen hatte«95. In einigen Fürstenhäusern ist die Schwertleite öfter gefeiert worden: die Staufer und die mit ihnen verschwägerten Babenberger sind mit fünf beziehungsweise vier Promotionsnachrichten am häufigsten vertreten; andere Familien haben sich gar nicht daran beteiligt. Eine Verpflichtung zur Schwertleite hat es nie gegeben. Unter dem Eindruck des großen Mainzer Hoffests von 1184 wurden in den darauffolgenden Jahren eine Reihe fürstlicher Schwertleiten mit großem Aufwand begangen. Im Jahr 1189 ist der junge Graf Balduin

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von Hennegau von Heinrich

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zum Ritter gemacht worden . Zu Pfingsten des Jahres 1192 empfin-gen Konrad von Schwaben und Ludwig I. von Bayern in Gegenwart des Kaisers in Worms das Schwert . Im Jahr 1197 wurde bei Augsburg die Schwertleite Philipps von Schwaben mit großem Aufwand gefeiert . Im Jahr 1200 nahm Herzog Leopold

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von Osterreich »mit großer Pracht« das Schwert.

      Die einzige nichtfürstliche Familie, die bereits im 12. Jahrhundert Schwertleiten veranstaltet hat, waren die Grafen von Hennegau. Dieses Grafenhaus war jedoch französischsprachig und in seinem Gesellschaftsstil nach Flandern und Frankreich orientiert. Beachtenswert ist eine Nachricht aus der im Jahr 1138 verfaßten Chronik des Zwiefaltener Mönchs Berthold über einen Sohn des Grafen Rudolf von Grüningen: »ein Jüngling, der eben erst mit den ritterlichen Waffen umgürtet worden war«97. Wenn man dies wörtlich verstehen darf, dann ist beim gräflichen Adel Südwestdeutschlands bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts das Schwert geleitet worden. Bei der Auswertung ist jedoch die Unsicherheit der Terminologie in Rechnung zu stellen. Die Ausdrücke »mit dem Schwert umgürten« oder »die Waffen nehmen« [arma sume-rE) brauchten sich nicht auf einen feierlichen Akt der Schwertleite zu beziehen, sondern konnten auch das Erreichen der Waffenfähigkeit umschreiben. Selbst der Begriff »Rittergürtel« , der aus dem klassischen Latein stammte, ist öfter metaphorisch gebraucht worden; »den Rittergürtel ablegen« {cingulum militiae deponerE) hieß: »sich zur Ruhe setzen«, »der Welt entsagen« oder »in ein Kloster eintreten«.
      Es ist jedoch sicher, daß bereits im 12. Jahrhundert auch in Deutschland eine größere Anzahl nichtfürstlicher Adliger feierlich das Schwert geleitet hat. Das geschah im Rahmen einer neuen Einrichtung: der Massenpromotion. Ab wann es üblich wurde, daß bei der Schwertleite eines Königs- oder Fürstensohns mehrere »Schwertdegen« mit den Waffen geschmückt und zu Rittern erklärt wurden, läßt sich nicht genau bestimmen. Die Teilnahme an einer solchen Zeremonie galt als Ehre und Auszeichnung und brachte auch materielle Vorteile. Die älteste historische Nachricht über eine Gruppenpromotion stammt aus Polen. Die >Chronica PolonorumNibelungenlied< kannte die Schwertnahme von vielen »vornehmen Kindern«101, die zusammen mit Siegfried Ritter wurden: »Vierhundert Schwertdegen« nahmen an der Zeremonie teil. In den jüngeren literarischen Texten wurde fast immer, wenn von der Schwertleite junger Fürsten die Rede war, die Beteiligung zahlreicher Adliger erwähnt.
      Bereits am Ende des 12. Jahrhunderts haben Gruppenpromotionen stattgefunden, ohne daß gleichzeitig die Schwertleite eines Königs- oder Fürstensohns gefeiert wurde. Die älteste historische Nachricht aus Deutschland bezieht sich auf das Jahr 1189, als Kaiser Friedrich I., auf dem Marsch nach Palästina, eine Truppenschau seines Kreuzheeres in Ungarn veranstaltete. »In der außerordentlichen Freude aber, welche der Herr Kaiser

über die so große Menge seiner Krieger empfand, ordnete er in eigener Person fröhlich ein Ritterspiel an und beförderte sechzig junge Edle, welche Waffenträger waren, zum Range der Ritter und zur Ausübung der Ritterschaft.« Auch literarische Zeugnisse gibt es schon vom Ende des 12. Jahrhunderts. Bei der Doppelhochzeit Günthers und Siegfrieds in Worms wurden »zu Ehren der Könige« sechshundert junge Adlige mit dem Schwert umgürtet. Ulrich von Liechtenstein erzählte im >Frau-endienstHelmbrecht< beschrieben wurde: Die Ausrüstung mit einem Pferd und vornehme Kleider genügten für den Bauernsohn, um als Ritter zu erscheinen und eine Laufbahn als ritterlicher Strauchdieb zu beginnen. Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts scheint es vorgekommen zu sein, daß Nichtadlige feierlich zu Rittern erklärt wurden. Die Kolmarer Anna-len meldeten zum Jahr 1281: »Viele Nichtadlige sind in Straßburg Ritter geworden.« Das wurde damals offenbar noch als etwas Ungewöhnliches angesehen. Die gleichzeitigen Klagen über »Bauernlümmel«116, die sich als Ritter aufspielten, hatten wahrscheinlich noch einen anderen sozialgeschichtlichen Hintergrund, obwohl auch in diesem Zusammenhang von Schwertsegen gesprochen wurde. »Wenn man einem reichen und angesehenen Bauern das Schwert segnet, wird er ein unwürdiger Ritter.«" Dahinter stand wahrscheinlich die Erfahrung, daß in einigen ländlichen Bereichen, wo die bessergestellten Bauern es zu wirtschaftlichem Wohlstand gebracht hatten, durch ihre Einheirat in kleinere Adelsfamilien eine Verwischung der Standesgrenzen stattfand.
     

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