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Harold bloom: inßuence und misreading

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Kritik



Auch Harold Blooms Argumentation läuft auf eine drastische Partikularisierung der Theorie hinaus, die nicht primär mit einer Bevorzugung der Ausdrucksebene zusammenhängt, sondern mit einer quasiexistentialistischen Ausrichtung auf die individuelle Psyche. Ein wesentlicher Aspekt dieser Partikularisierungstendenz ist die Theorie des misreading, die nicht nur die Existenz allgemein erkennbarer Textkonstanten leugnet, die den Ausgangspunkt aller Interpretationen bilden, sondern auch auf der Annahme gründet, daß jede Interpretation nur eine subjektive Verzerrung der Originalvorlage sein kann. Diese Verzerrung, die im »Idealfall« alle Stadien von Clinamen bis Apophrades durchläuft, ist nicht nur für den Schriftsteller als Produzenten, sondern auch für die »re-produzierenden« Kritiker und Leser charakteristisch. Mit anderen Worten: Jedes Lesen ist Mißverstehen oder misreading.
      Diese Betrachtungsweise mag den Vorteil haben, daß sie jede Art von naivem Objektivismus ausschließt und das produktive Moment der Lektüre hervorhebt: Wir lesen nicht mit »interesselosem Wohlgefallen«, sondern mit freudianischer Leidenschaft, die als Triebfeder unserer Identitätssuche aufzufassen ist. Sie hat zugleich den Nachteil, daß sie den theoretischen Anspruch auf Verallgemeinerungsfähigkeit und Nachvollziehbarkeit, den die meisten literarischen Hermeneutiken in der Vergangenheit erhoben, fallenläßt. Wie sollen literarische Interpretationen überhaupt noch beurteilt oder kritisiert werden, wenn es nur noch ein misreading im Dienste der partikularen Identitätssuche des Dichters, Kritikers oder Lesers gibt? Die Kanonisierung des misreading schließt weder Willkür noch Relativismus aus.
      Ebenso partikularistisch wie die Theorie des misreading ist Blooms Unterscheidung zwischen strong und weakpoets, mit der er sich auf das Niveau der Literaturkritik begibt. Für sie ist die folgende Passage aus Poetry and Repression charakteristisch, in der Wordsworths Größe besungen wird: »Es ist Wordsworths besondere und extravagante Größe, daß nur er Milton als herrschenden Genius der Primärszene ersetzt hat, und es ist der Skan-dal der modernen Dichtung, daß niemand, nicht einmal Yeats oder Stevens, Wordsworth ersetzt hat.« In wessen Augen? Wer spricht, wer urteilt und mit welchem Recht? Angesichts von Blooms souveräner Geste werden derlei Fragen womöglich mit dem trivialen Szientismus der Methodendiskussionen verknüpft.
      Der Literaturwissenschaftler, der auf solche Diskussionen trotz aller Tendenzwenden weiterhin Wert legt, sollte nicht übersehen, daß nach Bloom »eine Theorie des starken Mißverstehens leugnet, daß es ein gemeinsames Vokabular gibt oder geben sollte, mit dessen Hilfe sich Kritiker miteinander verständigen können.« Damit ist die Frage nach der Möglichkeit eines theoretischen oder wissenschaftlichen Dialogs vorerst beantwortet.
      In diesem Zusammenhang wird man an die »anti-universalistischen Implikationen des Begriffs Rhetorik« erinnert, von denen Michael Cebulla in seiner Kritik an Paul de Man spricht . Auch Blooms Darstellungen des misreading sind in jeder Hinsicht anti-universalistisch, und es nimmt deshalb nicht wunder, daß die weiter oben kritisierten Entsprechungen zwischen psychischen Zuständen und rhetorischen Figuren oft willkürlich anmuten. Denn sie sind als subjektive, vieldeutige und durchaus interpretierbare Schöpfungen von Blooms eigenem misreading aufzufassen. Daß dieses misreading kreativ und für den Leser anregend sein kann, muß deshalb nicht geleugnet werden.
      Geleugnet wird lediglich seine Dialogfähigkeit im Hinblick auf literaturwissenschaftliche Theorien und seine Anschließbarkeit an die heutige sozialwissenschaftliche Diskussion. Im Rahmen dieser Diskussion müßte man von Bloom u. a. verlangen können, daß er seine Deutungen der literarischen Produktion und der Verhaltensweisen einzelner Autoren nicht auf den Bereich der individuellen Psyche beschränkt, sondern gattungsspezifische, allgemeinsprachliche und gesellschaftliche Komponenten berücksichtigt.
      Denn literarische Produktion ist wesentlich mehr als ein psychischer Vorgang: Sie ist in allen Fällen auch eine Reaktion auf ästhetische und außerästhetische Normen, Gruppensprachen , sozio-linguistische Situationen und Institutionalisierungs-prozesse . Weshalb ist die »an-xiety of influence«, wie Bloom selbst bemerkt, bei Autoren wie Dante, Shakespeare und Goethe nicht so stark ausgeprägt wie bei den Romantikern? Solche Fragen kann Bloom im Rahmen seines Ansatzes gar nicht beantworten. Denn literarische Evolution ist, sofern wissenschaftliche Kriterien im allgemeinsten Sinne gelten, nicht einfach als Duell zwischen isolierten Genies zu verstehen.
      Es steht jedoch außer allem Zweifel, daß im Umfeld von Blooms Werk Wissenschaftlichkeit nichts gilt, sondern das, was Peter de Bolla zu Blooms Theorie bemerkt: »This theory is any-thing but a science.« Dieses Urteil ist auch auf die Theorien der Dekonstruktivisten anwendbar und gehört zu den Hauptthemen des letzten Kapitels.
     

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