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Harold bloom: inßuence und misreading

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Die Etappen des Revisionismus: Psyche und Rhetorik



Im Gegensatz zu den Dekonstruktivisten de Man, Miller und Hartman, die den Subjektbegriff in Frage stellen, entwirft Bloom eine auf das individuelle Subjekt ausgerichtete Theorie der Litera-tur, die eine Synthese von psychischen und rhetorischen Elementen anstrebt. Es geht nicht mehr darum, die Widersprüche zwischen rhetorischen Figuren - etwa zwischen Metapher und Metonymie bei Proust - aufzuzeigen und den Text zu dekonstruieren, sondern darum, die psychische Funktion der Tropen zu erforschen. Dabei entsteht, wie eingangs bereits angedeutet, ein nietzscheanisch-freudianischer Rhetorikbegriff, der sich wesentlich vom formalen Rhetorikbegriff der Dekonstruktion unterscheidet.
      Bloom selbst beschreibt die von ihm angestrebte Synthese von Psyche und Rhetorik folgendermaßen: »Ein rhetorischer Kritiker kann einen Abwehrmechanismus als getarnte Trope auffassen. Ein psychoanalytischer Interpret kann eine Trope als getarnte Abwehr auffassen. Ein antithetischer Kritiker wird lernen, beide Zugänge zu benutzen und sich darauf zu verlassen, daß die Substitution von Analoga und der dichterische Prozeß ein- und dasselbe sind.«

   In Agon ergänzt Bloom diese synthetische Skizze seiner Theorie des Revisionismus, wenn er den Dekonstruktivisten vorwirft, daß sie mit ihren textimmanenten Verfahren nicht sehr weit über das dose reading der New Critics hinausgehen und daß ihre Praxis eher nach einer »Verfeinerung als nach einem Bruch« mit Cle-anth Brooks aussieht. Er fügt vorsichtshalber hinzu - und das ist für die folgende Darstellung nicht unwichtig -, daß seine eigene Auffassung der Trope oder Figur nicht in jeder Hinsicht den rhetorischen Begriffsbestimmungen entspricht: »goes beyond trope as expounded by any rhetorician, ancient or modern.«

   Wesentlich ist, daß Bloom nicht nach dem harmonischen oder widersprüchlichen Zusammenwirken der Figuren im Text fragt, sondern nach ihrer rhetorisch-persuasiven Aussagekraft: »Statt wieder zu fragen: Was ist eine Trope? ziehe ich es vor, der pragmatischen Frage nachzugehen: Was wollen wir, daß unsere Tropen für uns tun?« Es ist klar, daß diese Fragestellung weit über den Text und somit über die textimmanenten Interpretationen der

New Critics und der Dekonstruktivisten hinausgeht. Sie visiert die Autorenpsyche an, die die New Critics zusammen mit der inten-tional fallacy auszublenden versuchten und die von den Dekonstruktivisten als Anachronismus schlicht übergangen wird. Schon deshalb hat Christopher Norris nicht unrecht, wenn er bemerkt: »Zugleich höhlt seine Argumentation auf listige Art die dekonstruktivistische Position aus, indem sie den Willenskonflikt in Erscheinung treten läßt, der dem Gegeneinander von Texten zugrunde liegt.«
Insgesamt kann festgehalten werden, daß Bloom über den werkimmanenten Ansatz der Dekonstruktivisten und der New Critics hinausgeht und den criticism in den pragmatischen Bereich verlagert. Er entwirft eine psychoanalytische Literaturtheorie, die nicht so sehr nach den Signalen des Unbewußten im Text fahndet, sondern die ödipale Szene in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt und die Haßliebe zwischen »Vater« und »Sohn« zur Triebfeder der literarischen Entwicklung macht.
      Deren wichtigster Ausgangspunkt ist die literarische Primärszene oder scene of instruction, die einen langen Prozeß der Differenzierung und Selbstfindung in Gang setzt, in dessen Verlauf die Mechanismen der Verdrängung und der Abwehr sechs revisionistische Positionen hervorbringen, denen besondere poetische Figuren entsprechen. In The Anxiety of Influence, wo er erklärt, Nietzsche und Freud hätten »einen nachhaltigen Einfluß auf die in diesem Buch entwickelte Theorie des Einflusses ausgeübt«32, konstruiert Bloom ein System von Entsprechungen zwischen revisionistischen Positionen, psychischen Impulsen und rhetorischen Figuren. Die meisten dieser revisionistischen Positionen oder Einstellungen {revisionary ratioS) werden mit Hilfe von Neologismen definiert - etwa Clinamen oder Tesse-ra -, die selbst philosophischen oder literarischen Ursprungs sind.
      Clinamen, ein Wort, das von Lukrez stammt, bezeichnet die erste revisionistische oder abweichende Haltung, die der Ephebe als »Dissident« dem Vorgänger gegenüber annimmt: »Ein Dichterweicht von seinem Vorgänger ab , indem er das Gedicht des Vorgängers so liest, daß es zu einem Clinamen kommt.« Dieses Clinamen ist als eine Korrektur oder Abweichung zu verstehen, zu der sich der Ephebe an einer entscheidenden Stelle des Gedichts entschließt, um seine bisherige Ãobereinstimmung mit dem Text des Vorgängers durch Dissens und eigene Kreativität abzulösen. Bloom spricht von einer »creative correction«.

     
   Die psychische Haltung, die dem Clinamen entspricht, ist die Reaktionsbildung : Der Ephebe reagiert auf das Werk des Vorgängers und bildet zugleich sein eigenes dichterisches Ich. Die rhetorische Figur, die diesen Vorgang begleitet, ist Bloom zufolge die Ironie im Hinblick auf die Vatergestalt. Aus dieser Sicht erscheint Thomas Manns Beziehung zu Goethe als ironisches Clinamen, wenn Bloom bemerkt: »Manns Abweichung von Goethe ist ein zutiefst ironisches Leugnen, daß eine Abweichung überhaupt notwendig sei.« Mit vergleichbarer Ironie begegnet im philosophischen Bereich, in dem ebenfalls die einflußbedingte Angst waltet, Nietzsche seinem Vorgänger Hegel.
      Tessera, ein Wort, das Bloom bei Mallarme und Lacan wiedergefunden hat, das aber schon in einigen Kulten der Antike vorkam, bedeutet soviel wie Ergänzung oder Vervollkommnung. Im literarischen Prozeß evoziert es die antithetische Vollendung und Ergänzung des »väterlichen« Werks durch den Epheben, der nachzuweisen versucht, daß der Vater »nicht weit genug ging«. Der entsprechende Abwehrmechanismus ist der Rollentausch von Vater und Sohn , in dessen Verlauf der Sohn sich als »väterliche Instanz« gegen sich selbst wendet. Die für diesen Vorgang charakteristische rhetorische Figur ist die Synekdoche als »Teil fürs Ganze«: Der Vorgänger erscheint als eine pars pro toto aller literarischen Kräfte, die die Originalität des jungen Dichters bedrohen.
     
In diesem Zusammenhang kann Bloom schreiben, daß »Stevens antithetisch Whitman vollendet«. Er dehnt diese Erkenntnis aus, um den Unterschied zwischen britischen und amerikanischen Dichtern plausibel zu machen: »Britische Dichter weichen von ihren Vorgängern ab, während sich amerikanische Dichter eher bemühen, ihre Väter zu >vollenden

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