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Grundlagen der textgestaltung

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Stiltheorie und Stildefinition



2.1 Abgrenzung von »Stilistik«
Ein Versuch, Licht in die Begriffsverwirrung um »Stilistik« zu bringen, kann am ehesten dadurch geschehen, daß die unterschiedlichen Verwendungen des Terminus aufgestellt und durch Differenzkriterien voneinander abgegrenzt werden:


Der Gesamtkomplex der hier dargestellten Teilbereiche wird häufig als »Stilistik« bezeichnet. Dabei ist zu bedenken, daß der Terminus hier im weiteren Sinne verwendet wird - man könnte das Gesamtgebiet, in dem es in irgendeiner Form um »Stil« geht,um Verwechslungen zu vermeiden, auch als »Stilforschung« bezeichnen.
      Um die literaturwissenschaftlich relevante Dimension von Stilistik im weiteren Sinne einzugrenzen, kann zunächst die »vergleichende« oder »komparative« Stilistik ausgeschlossen werden. Sie versucht, durch Vergleich der lautlichen, grammatischen und lexikalischen Inventare zweier Sprachen die Besonderheiten einer Einzelsprache herauszuarbeiten . Sie fällt in den Bereich der Kontrastiven Linguistik und besonders der -> Ãobersetzungswissenschaft. Für die literarische Stilistik ist diese sprachvergleichende Methode allenfalls insofern am Rande von Belang, als hier unterschiedliche stilistische Präferenzen von Einzelsprachen ermittelt werden .
      Die anderen Konzeptionen von »Stilistik« betreffen eine Einzelsprache oder deren Teilbereiche. Nach ihrem Zweck läßt sich die deskriptiv-analytische von der präskriptiv-normativen Stilistik abgrenzen.
      Die präskriptive Stilistik beschäftigt sich mit der T^ext-Produktion. Präskriptive Stilistiken beruhen auf der Annahme, daß stilistische Wirkungen an konkrete sprachliche Einheiten geknüpft sind und sich vorhersagen lassen. Sie stellen als sprachliches Inventar auf der Ebene des Sprachsystems Ausdrucksmittel zusammen und schreiben ihnen Stilwerte und Stilwirkungen zu. In der Regel sind sie didaktisch orientiert und lehren - ausgehend von einem Stilideal oder apriorischen Stiltugenden in der Tradition der Rhetorik - wie man sich stilistisch angemessen ausdrücken soll .
      Als Technik der angemessenen und wirksamen Textproduktion hat die präskriptive Stilistik denselben Status wie die Poetik und die Rhetorik als Lehre von der Redeherstellung. Ein Unterschied besteht allerdings insofern, als Poetik und Rhetorik gemeinhin für professionelle Textproduzenten konzipiert sind , während die präskriptive Stilistik sich traditionell in der muttersprachlichen Didaktik - insbesondere in der Aufsatzlehre - entwickelt hat und sich auch mit >Alltagstexten< beschäftigt.

     
Die präskriptive Stilistik ist vor allem für die Literaturgeschichte von hohem Interesse: Man muß die zeitgenössische Stillehre kennen, an die ein Autor sich anlehnt oder von der er sich kreativ unterscheidet, um ein Werk historisch und stilistisch beurteilen zu können. Als Regelwerk zur Produktion von Texten ist die präskriptive Stilistik allerdings weniger relevant für die Analyse von Texten -also für die Stilanalyse im eigentlichen Sinne. Soweit die Stilistik deskriptiv angelegt ist, läßt sich unterscheiden, ob sie sich als Indivi-dualstilistik versteht oder ob sie überindividuelle, d. h. kollektive Stileigenschaften beschreiben will.
      Die traditionelle Stilanalyse literarischer Texte hat »Stil« überwiegend als Individualstil verstanden, der sich in Texten eines Schreibers oder Sprechers manifestiert. Dabei interessiert allerdings nicht das textproduzierende Individuum . Es geht bei der Konzeption von »Individualstil« vielmehr um die Tatsache, daß Stil auf der Gebrauchsebene, im konkreten Text, innerhalb des literarischen Diskurses analysiert wird: »[...] die Stilistik hat es primär mit dem Gebrauch der sprachlichen Mittel seitens des Sprechers zu tun, nicht mit der systeminternen Semantik der sprachlichen Mittel.« Mit der Stilanalyse, der lndividualstilistik, als dem zentralen Bereich der Stilforschung hat es die literarische Stilistik in erster Linie zu tun.
      Dagegen ist die abschließend zu erwähnende kollektive Richtung der deskriptiv-analytischen Stilistik für die Literaturwissenschaft von geringerer Bedeutung. Hier wird versucht, »Stil« als kollektives Phänomen entweder auf der Ebene des Sprachsystems oder eines sprachlichen Subsystems anzusiedeln. Die oben in der graphischen Aufstellung vorgenommene Unterscheidung von »systembezogen« und »subsystembezogen« läßt sich allerdings nicht exakt einhalten, da sich Ansätze der systembezogenen Stilistik, z. B. funktionalstilistische Einteilungen, auch als sprachliche Teilsysteme auffassen lassen.
      Eine sprachsystembezogene Stilistik hatte bereits Helmut Hatz-feld postuliert: »Eine ganz neue stilistische Disziplin dürfte die Sprachstilforschung an den Schriftsprachen bilden, deren Wesenszüge als Ausdrucksformen einer nationalen Kultur ähnlich jenen der Kunstsprachen festgestellt werden wollen.« Diese Auffassung hatte sich in der Sprachwissenschaft nicht durchgesetzt, da es erhebliche theoretische Schwierigkeiten bereitet,

»Stil« als Eigenschaft des Sprachsystems - also auf der Ebene der »langue« - zu situieren, statt ihn wie üblich als Merkmal des Sprachgebrauchs - also im Bereich der »parole« zu begreifen . Erst in letzter Zeit hat es in der linguistischen Pragmatik wieder Versuche gegeben, die »Beschreibung von Stilistischem als Regelhaftem« intendieren. Diese Ansätze sind jedenfalls dann als systemorientierte Stilistik einzuschätzen, wenn sie von Stilinventaren, konventionellen Stilmustern ausgehen oder die Erstellung eines Stilsystems beabsichtigen: »Der Versuch einer umfassenden Differenzierung einer Einzelsprache müßte es sich also zum Ziel setzen, ein Stilsystem dieser Sprache zu entwickeln.« Obwohl diese stilistischen Ansätze durchaus deskriptiv-analytisch angelegt sind, kommen sie in ihrer Stilkonzeption der systembezogenen präskrip-tiven Stilistik nahe. Sie gehen von einem sprachtheoretisch fragwürdigen Stilbegriff aus und sind für die individualstilistische Analyse literarischer Texte nicht geeignet.
      Diese Einschränkung gilt prinzipiell auch für die im russischen Formalismus und in der Prager Schule entwickelte Funktionalstilistik: »Die Stilistik ist eine sprachwissenschaftliche Disziplin, deren erstrangige Aufgabe die Aufhellung aller funktionalstilistischen Systeme einer Nationalsprache ist.« Als solche funktionalstilistischen Systeme werden z. B. beschrieben: der Konversationsstil, die Alltagssprache, die Wissenschaftssprache und die Sprache der Poesie oder der Stil des öffentlichen Verkehrs, der Stil der Wissenschaft, der Stil der Publizistik und der Presse, der Stil des Alltagsverkehrs und der Stil der schönen Literatur .
      Problematisch bei der Konzeption einer Funktionalstilistik sind die Fragen, ob die einzelnen Bereiche in sich homogen und voneinander wohlgeschieden sind und ob es legitim ist, hier von »Stil« zu sprechen. So ist immerhin fraglich, ob die sprachlichen Mittel eines »Stils der schönen Literatur« eindeutig abgrenzbar von anderen »Stilen« sind . Funktionalstilistische Ansätze sind varietätenlinguistisch und soziolinguistisch interessant, für eine literarische Stilanalyse aber nur sehr begrenzt einsetzbar.
      Ahnliche Einschränkungen gelten bis zu einem gewissen Grade auch für die Registertheorie , die man deutlicher als die Funktionalstilistik als subsystembezogen einstufen kann. Für die literarische Stilistik wird sie relevant, wenn es um Fragen von stilistischer Angemessenheit, um Stilebenen oder um Registerwechsel im Diskurs geht.
      In den Bereich der subsystembezogenen deskriptiven Stilistik gehören schließlich die in der Literaturwissenschaft häufig verwendeten Kategorien »Epochenstil«, »Gattungsstil« usw. Diese Begrifflichkeit ist nicht unproblematisch, da es sich hierbei nicht um den individuellen Stil in Texten handelt, sondern allenfalls um eine kollektive Generalisierung. Es ist auch die Frage zu stellen, ob es einen homogenen Epochenstil oder Gattungsstil überhaupt gibt. Es wäre sicher eher ratsam, von Stiltendenzen, zeitgenössischen Konventionen, literarischen Moden zu sprechen und nicht von einem »Stil«. Diese Bedenken gelten bis zu einem gewissen Grade auch für Termini wie »Autorenstil«, »Altersstil« usw. Derartige Begriffe sind also weniger theoretisch fundiert als vielmehr legitim als generalisierende Heuristik.
      2.2 Konzeptionen von »Stil«
Die Differenzierung des vielschichtigen Begriffs »Stilistik« hat zur Abgrenzung desjenigen Teilbereiches geführt, der für die Stilanalyse literarischer Texte relevant ist, aber noch nicht den Objektbereich von »Stil« definiert. Hierüber besteht in der Stilforschung keineswegs Einmütigkeit. Es ist daher erforderlich, knapp die wichtigsten Stilauffassungen zu skizzieren und aus ihrer kritischen Evaluation die - nach heutigem Stand der Stilforschung - plausibelste Konzeption zu entwickeln.
      Von den eingangs genannten drei obligatorischen Komponenten einer Stiltheorie kann dafür die kommunikationswissenschaftlich-pragmatische Komponente als Ausgangspunkt gewählt werden.
Am literarischen Kommunikationsprozeß sind als minimale Faktoren beteiligt: ein Text, ein Autor und ein Rezipient . Hinzu kommen natürlich weitere Faktoren wie Thema oder Inhalt, Sprache und Sprachnorm, Entstehungszeit, Rezeptionszeit, literarische Tradition, Genus, normative -» Rhetorik, -> Poetik und -> Stilistik, -> In-tertextualität, -> Medien usw. Prinzipiell sind bei einer Text-analyse natürlich alle diese Faktoren zu berücksichtigen. In den meisten der gängigen Stilauffassungen sind jedoch nicht einmal die drei rudimentären Faktoren berücksichtigt; vielmehr wird oft einseitig auf einen oder zwei Faktoren abgestellt.
      2.2.1 Stil und Text
Die auf die klassische -> Rhetorik zurückgehende Stillehre geht von der - meist unausgesprochenen - Annahme aus, daß im Prozeß der Textproduktion zunächst eine neutrale, unmarkierte Textfassung entsteht, die dann in der Produktionsstufe der elocutio einer besonderen Ausarbeitung unterzogen wird. Dabei entsteht nach dieser Auffassung »Stil«, der als >Schmuck< , als >Kleid< des Gedankens bezeichnet oder mit der schönen Tapete eines Zimmers verglichen wird . Als besonders stilbildendes, ausschmückendes Inventar stehen dafür die Stilfiguren und Tropen zur Verfügung. Stil kommt also durch eine besondere sprachliche Ausarbeitung des Textes zustande und ließe sich als priviligierte ästhetische Beigabe, Ausschmückung verstehen. Folgte man dieser Auffassung, so müßte es konsequenterweise auch Texte ohne Stil geben.
      Diese alte rhetorische Stilauffassung hat sich sogar bis in die neuere linguistische Stilistik fortgesetzt, wenn etwa Stil als »an addition to a central core of thought or expression« bezeichnet wird oder als »une sorte de valeur surajoutee« . Eine ausschließlich auf den Text bezogene Stilkonzeption findet sich auch in allen Ansätzen einer werkimmanenten Interpretation , die auf alle historischen und kommunikativen Textkomponenten verzichten zu können meint. Am deutlichsten wird dies durch die Annahme, »daß auch ein Werk an sich Stil hat« . In ähnlicher Weise abstrahieren die »explication de textes« der französischen Tradition >textimmanenter< Analyse und das Interpretationsverfahren Leo Spitzers von kommunikativen Komponenten. Gemeinsam ist diesen Stilauffassungen, daß sie das literarische Werk als homogen und in sich >stimmig< auffassen , daß sie außer dem Text alle Komponenten der literarischen Kommunikation ignorieren und daß sie Stil im Werk und nur im Werk glauben dingfest machen und analysieren zu können. Dies gilt letztlich auch für die moderne linguistische Va-riante, Stileffekte allein auf Kontraste im Kontext zurückzuführen . Spitzer als »Initiator einer immanenten pars-pro-toto-Interpretation« glaubt außerdem, vom Stil eines einzelnen sprachlichen Elementes unmittelbar auf den Stil des literarischen Gesamtwerkes schließen zu können.
      In Wirklichkeit haben diese Stilforscher nicht getan, was sie vorgaben zu tun. Selbstverständlich haben sie sich bei der Interpretation als Leser mit zur Geltung gebracht und - bewußt oder unbewußt - auf ihre Lektüreerfahrungen, Kenntnis des Autors, der Epoche, anderer Texte, der Stilistik und Poetik usw. zurückgegriffen. Leider muß dennoch, bei allem Respekt vor der philologischen Leistung etwa Kaysers und Spitzers, festgestellt werden, daß sie die Entwicklung einer fundierten allgemeinen Stiltheorie und einer wissenschaftlichen Methodik der Stilanalyse eher blockiert haben -es gibt keinen >Stil an sichAbweichungsstili-stik< oder >Devianzstilistik< bezeichnete - Stilkonzeption definiert Stil negativ als »deviation from a norm« oder genauer als »ecart par rapport ä la norme linguistique« . >Stilistisch< ist also alles, was von einer außerhalb des Textes zu definierenden Sprachnorm abweicht .
      Eine neuere Variante dieser Ansicht wurde in der >generativen Transformationsgrammatik der Linguistik entwickelt. Nach dieser Konzeption gelten Ã"ußerungen dann als >stilistischstilistisch< wurden dabei immer wieder grammatisch oder semantisch fehlerhafte Sätze diskutiert wie : »Colorless green ideas sleep furiously« , »He danced his did«, »Anyone lived in a pretty how town« .

     
Ob aber solche konstruierten und textlosen Einzelsätze typisch für literarische Texte und geeignet zur Deduktion einer Stiltheorie sind ? Die Auffassung von Stil als Abweichung von einer Sprachnorm hält sich hartnäckig, obwohl kaum eine Konzeption so gründlich widerlegt ist wie diese . Abgesehen von der Problematik, eine extratextuelle Norm zu definieren und Abweichungen von Varietäten zu unterscheiden, müßten nach dieser Auffassung alle Fehler »Stil« sein und dürften »normale« Texte keinen Stil haben. Die Ab-weichüngskonzeption mag daher in der Stilanalyse als erste heuristische Annäherung geeignet sein, auffällige Textmerkmale zu entdecken - als Grundlage für eine Stiltheorie ist sie ungeeignet.

      2.2.3 Stil und Autor
Einige Stilauffassungen konzentrieren sich auf die Komponente »Autor« oder auf das Verhältnis zwischen »Autor« und »Text«. Dies geschieht vor allem in einigen von Pierre Guiraud als »stylistique genetique« zusammengefaßten Richtungen der Stilforschung, die Stil im Hinblick auf seine Hervorbringung im individuellen künstlerischen Schaffensprozeß untersuchen. Stil als Individualstil meint ein Phänomen, das entscheidend durch die Individualität des Autors geprägt ist; Stil wird hier als die charakteristische Schreibart eines Autors definiert: »Let us assign >style< to an author's characteristic way, manner, fashion of writing.« Oft wird auch umgekehrt - bei Stiluntersuchungen mit biographischem oder psychoanalytischem Interesse - aus Stilmerkmalen des Textes auf die Persönlichkeit des Autors zurückgeschlossen. Das kann dazu führen, daß der Stil nur insoweit interessiert, als er Aufschluß über den Autor gibt, oder daß lediglich Besonderheiten der dichterischen Individualität, die aus der Biographie vorab bekannt sind, im Text erneut belegt werden.
      Ungleich bedeutsamer für die Stilanalyse ist die Auffassung von Stil als Auswahl. Sie geht von dem Umstand aus, daß der Autor eines Textes prinzipiell mehrere sprachliche Möglichkeiten hat, einen Sachverhalt auszudrücken. Er trifft nach bestimmten Ausdrucksabsichten eine Wahl unter Alternativen, die das Sprachsystem ihm anbietet. Dieses »concept of style as choice« stimmt genau mit der eingangs zitierten Stilumschreibung von Hockett überein. Die Auswahl kann bewußt oder unbewußt geschehen ; sie ist auch nie völlig frei, sondern bis zu einem gewissen Grade durch gesellschaftliche Normen, sprachliche Regeln, stilistische Konventionen determiniert .
      Sprachliche Varietät, die semantisch nicht differenziert wird, Auswahlmöglichkeiten unter alternativen Varietäten des Sprachsystems und die Annahme, daß die sprachlich-stilistischen Folgen der Auswahl im Text kodiert sind, stellen also wichtige Grundlagen für eine kohärente Stiltheorie dar. Die Auswahlstilistik ist also ein wichtiger Baustein für eine kohärente Stilkonzeption; sie vernachlässigt jedoch Komponenten des literarischen Kommunikationsprozesses - vor allem die Komponente des Lesers.

      2.2.4 Stil und Leser
Nur selten ist die Komponente »Leser« in eine Stilkonzeption eingegangen. In der traditionellen Stilforschung geschieht dies allenfalls durch die Kategorien »Affektivität« und »Konnotation«, die gelegentlich mit dem Stilbegriff in Verbindung gebracht werden . Stil kann beim Leser affektive Wirkungen erreichen oder spezifische Konnotationen, d. h. über die eigentliche Bedeutung hinausgehende psychische Assoziationen auslösen. Der entscheidende Anstoß, eine Stilkonzeption auf das Verhältnis von Text und Textrezipienten zu zentrieren, ging von den seit Ende der fünfziger Jahre betriebenen Stilarbeiten von Michael Riffaterre aus. Für ihn kommt Stil durch die Reaktion des Lesers auf den Text zustande. Im Text kann eine fortlaufende Struktur aufgebaut werden, die durch einen plötzlichen Kontrast unterbrochen werden kann. Dadurch wird die Erwartungshaltung des Lesers »enttäuscht«, und es entsteht bei ihm ein >Stileffekt< .
      Riffaterre konzipiert also einen potentiellen Leser, der auf Anregungen des Textes reagiert und aus dessen Blickwinkel die Stilanalyse vorgenommen werden soll. Hierbei wird aber nicht klar, ob es sich bei dem »Leser« um eine Komponente der Stiltheorie, um ein Hilfsmittel für die Stilanalyse oder um beides handelt. Einerseits geht Riffaterre davon aus, daß die Stileffekte auf den Leser gemünzt sind und von ihm gar nicht übersehen werden können, und leitet daraus als Rolle des Lesers ab: »[...] the Prolongation of stylistic effects [...] as well as the perception of the poem [...] depends en-tirely on the reader.« Demnach kommt dem Leser eine entscheidende Funktion zu: die Stileffekte »werdeneigentlich erst existent, wenn sie vom Leser wahrgenommen werden« - »car il n'y a de style que dans ce qui est percu« . Demnach wäre die Existenz von Stil an die Wahrnehmung durch den Rezipienten gebunden; der »Leser« müßte dann Kategorie der Stiltheorie sein. Andererseits beschreibt Riffaterre den Leser als heuristische Größe für die praktische Stilanalyse. Dieser zunächst als »average reader« , dann in der bearbeiteten französischsprachigen Aufsatzsammlung als »archilecteur« bezeichnete Leser soll dem S"tilforscher Hinweise auf das Vorhandensein der »stylistic devices« geben. Um die Stilanalyse nicht von eigenen Werturteilen lenken zu lassen, ist der Stilforscher gehalten, die Reaktionen von Lesern empirisch zu ermitteln und bei der literarischen Interpretation zu berücksichtigen. Der theoretische Status des »Lesers« ist also unklar; in der Stilanalyse ist der »Leser« keineswegs homogen, sondern umfaßt neben individuellen Lesern auch Interpretationen, Wörterbücher usw. Zudem ist nicht einzusehen, warum nur Kontraste im Kontext stilistisch wirksam sein sollen, nicht aber sprachliche Ãobereinstimmungen .
      Mag man aus Sicht der -> Rezeptionsästhetik Riffaterres Konzeption begrüßen, so bleibt sie doch einseitig. Wenn Riffaterre es als Aufgabe der Stilforschung bezeichnet, »to study language from the decoder's viewpoint« , dann wird die Rc-zeptionsseite bei Vernachlässigung des Autors überbetont. Gleichwohl kann Riffaterres Ansatz als entscheidender Anstoß zu einer wissenschaftlich begründeten Stiltheorie angesehen werden.
      2.2.5 Integrative Stiltheorie:
Stil in der literarischen Kommunikation Aus den Defiziten der bisher beschriebenen Stilkonzeption folgt, daß eine Stiltheorie wünschenswert ist, die den gesamten literarischen Kommunikationsprozeß berücksichtigt. Sie muß mtegratw sein, also die konstitutiven Komponenten des Kommunikationsprozesses berücksichtigen.
      »Stil« wird aufgefaßt als das Resultat aus der Auswahl des Autors aus den konkurrierenden Möglichkeiten des Sprachsystems und der Rekonstituierung durch den textrezipierenden Leser/Hörer. »Stileffekte« ergeben sich erst im dialektischen Wechselspiel zwischen den im Text kodierten Folgen der durch den Autor getroffenen Auswahl und der Reaktion durch den Leser . Stil ist eine Erscheinung an Texten, die im Kommunikations-prozeß konstituiert wird - also keine statische Eigenschaft eines Textes, sondern eine virtuelle Qualität, die im Rezeptionsvorgang rekonstruiert werden muß. Am Text erkennbar sind nur die Folgen der einmal erfolgten Auswahl und die Voraussetzungen für die durch die Rezipientenerwartung determinierte Reaktion des Lesers/Hörers :
Sprachsystem Rezipientenerwartung

Auswahl Rekonstruierung
Autor Text »Stil« Rezipient



Situation der Situation der
Produktion Rezeption
Gewiß kommt Stil nur zustande, wenn im Text formal beschreibbare Merkmale enthalten sind, die Stileffekte auslösen können. Wichtig aber ist, daß diese Merkmale auf eine Auswahl des Autors unter den ihm zur Verfügung stehenden sprachlichen Realisierungsmöglichkeiten zurückgehen und daß man der gewählten Sprachform im Vergleich zu anderen Möglichkeiten gegebenenfalls eine Hypothese über die stilistische Absicht des Autors zuordnen kann. Wichtig ist ebenso, daß ein virtuelles Textmerkmal nur dann Stilqualität erlangen kann, wenn es im Rezeptionsvorgang vom Leser/Hörer bemerkt und durch seine Reaktion aktualisiert wird. Nach dieser Auffassung ist »Stil« also eine dynamische Kategorie, die historischen Veränderungen unterworfen ist und bei der Lektüre jeweils bis zu einem gewissen Grad unterschiedlich aktualisiert werden kann. Dabei ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß im Text kodierte virtuelle Stilelemente bei der Lektüre nicht bemerkt und somit nicht als Stil rekonstruiert werden. Diese Konsequenzen einer dynamischen Stilauffassung machen die Stilanalyse nur scheinbar kompliziert. Tatsächlich erleichtern sie den Umgang mit grundlegenden Problemen der stilistischen Textanalyse:
/. Zum Unterschied zwischen Produktionszeit und Rezeptionszeit. In der Wahrnehmung älterer literarischer Texte kann eine Stilveränderung, ein Stilverlust oder ein Stilzugewinn eingetreten sein.
      Wir lesen Texte früherer Epochen anders, als sie zu ihrer Entstehungszeit gelesen wurden . Die literaturwissenschaftliche Stilanalyse hat daher zwei Möglichkeiten: Entweder sie geht von den Stilreaktionen des heutigen Lesers aus, oder sie rekonstruiert den zeitgenössischen oder intendierten Leser . Als beispielsweise Lessing den Neologismus »empfindsam« verwendete, um das synonyme Fremdwort »sentimental« zu ersetzen, muß diese Neubildung stilistisch auffällig gewirkt haben.
      Heute ist dies nicht mehr der Fall; außerdem hat sich eine Bedeutungsdifferenzierung durch den semantischen Wandel von »sentimental« ergeben. Andererseits können Lexeme, Phraseologis-men, sogar syntaktische Konstruktionen, die zu ihrer Zeit üblich, also stilistisch >unmarkiert< waren, heute stilistisch auffällig wirken: »Auf dieser Bank von Stein, will ich mich setzen« ; »Oheim, waz wirret iu?« . Durch die dynamische Stilkonzeption und die Einbeziehung des Lesers können Stil und Stilwirkung jeweils adäquat beschrieben werden.
      2. Zur Reaktion auf virtuelle Stilelemente. Im Text kodierte virtuelle Stilelemente können vom Leser erkannt und als Stil rekonstituiert werden. Dies muß aber nicht der Fall sein. Ironie, Wortspiele, Anspielungen usw. können vom Leser übersehen und daher nicht stilistisch relevant werden. Je nach Bildungsgrad, Lesepraxis, Umgang mit Literatur wird es dabei Unterschiede geben. Die gesellschaftliche Kompetenz in der literarischen Rezeption kann sich auch historisch verändern. So gibt es in der mündlich vorgetragenen spätmittelalterlichen Lyrik über größere Textentfernung Reime, Responsionen, Wiederholungen und andere Textbezüge, die offenbar vom zeitgenössischen höfischen Publikum beim Zuhören erkannt und als Stilelement rekonstituiert wurden. Damit ist bei veränderten Rezeptionsgewohnheiten in der Gegenwart nicht unbedingt zu rechnen - Stil und Stilwirkung der Texte haben sich also verändert.
     

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