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Grundlagen der textgestaltung

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Stilproblematik



»Stil« ist eines der charakteristischen Merkmale von Literatur . Man hat sogar versucht, literarische Texte durch die Existenz von stilistisch-poetischen Elementen zu definieren und von anderen Textarten abzugrenzen . Die Stilistik ist neben der -> Rhetorik und der -> Poetik die grundlegende Anleitungstechnik zur Produktion von literarischen Texten und gleichzeitig wissenschaftliches Instrument zu ihrer Beschreibung und Analyse.
      Trotz ihrer konstitutiven Funktion gelten »Stil« und »Stilistik« als linguistisch wie literaturwissenschaftlich umstritten. Beide Begriffe werden vieldeutig verwendet und immer wieder in unkommentierten Listen von unterschiedlichen Definitionen präsentiert ; »Stil« wird als einer der schwierigsten sprachwissenschaftlichen Begriffe herausgestellt oder in seiner Existenz überhaupt geleugnet . Freilich gibt es Stil: als Epiphänomen an gesprochenen oder geschriebenen Texten, das von einem Sprecher oder Schreiber bewußt oder unbewußt hervorgebracht und das in der Rezeption von einem Leser oder Hörer konstituiert oder aktualisiert wird.
      Stil ist an sprachliche Varietät, an die unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten in menschlicher Sprache geknüpft. Gäbe es nur je eine einzige Möglichkeit, einen Gedanken oder eine Information zu übermitteln, dann könnte es in der Tat keinen Stil geben. Jeder weiß aber, daß man ganz verschieden formulieren kann, ohne die Bedeutung der Aussage prinzipiell zu verändern. Und in der Literatur wird besonders variabel und kreativ von solchen konkurrierenden Ausdrucksmöglichkeiten Gebrauch gemacht. Vergleichen wir zur Veranschaulichung die folgenden kurzen Texte:
1. »Der Schreiber dieser Zeilen entdeckte während eines Waldspaziergangs, ohne danach planmäßig Ausschau zu halten, geschützt von der Sonne eine ästhetisch besonders ansprechende Blütenpflanze.«

2. »Meine zufällige Entdeckung des im Schatten gedeihenden Bedecktsamers erfolgte passim während eines Ganges durch ein baumbestandenes Areal.«
3. »Was fiel mir da unversehens ins Auge, als ich so durch den schattigen Hain wandelte ? Ein Blümchen, ein Blümchen, schön, wie ich es niemals geschaut!«
4. »Ich ging im Walde / So für mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn. / Im Schatten sah ich / Ein Blümchen stehn, / Wie Sterne leuchtend, / Wie Äuglein schön.«
Die Beispiele teilen identische Informationen mit, sie verwenden dazu aber ganz unterschiedliche sprachliche Mittel. Sie wirken jeweils pedantisch, schlicht, distanziert, amtlich, lyrisch, manieriert, wissenschaftlich usw. - kurz: sie unterscheiden sich im Stil. Theoretisch hat dies der amerikanische Linguist Charles F. Hockett in einem Definitionsversuch formuliert, der noch heute als guter Zugang zur Problematik verwendet werden kann: »Roughly speaking, two utterances in the same language which convey approximately the same Information, but which are different in their linguistic structure, can be said to differ in style.« Stil ist also an formale Unterschiedlichkeit bei gleichzeitiger semantischer Invarianz, d. h. Identität der Bedeutung, gebunden. Allerdings hat diese Definition auch Nachteile: Hockett definiert nicht »Stil« oder »Stilistik«, sondern lediglich »Stilunterschiede«. Zudem ist seine Definition - absichtlich oder unabsichtlich - ungenau ; im Hintergrund steht die sprachtheoretisch ungelöste Frage, ob es Synonymie, d. h. Bedeutungsgleichheit bei unterschiedlicher sprachlicher Form, im strengen Sinne gibt . Und schließlich geht Hockett als taxonomischer Strukturalist von rein linguistischen Kriterien aus. Dem ist entgegenzuhalten, daß »Stil«, zumal »literarischer Stil«, nur interdisziplinär beschreibbar ist. Die Stilistik muß mindestens drei Komponenten enthalten:
1. eine linguistische Komponente: Der Analysegegenstand liegt sprachlich kodiert in Äußerungen, Texten vor und muß daher zunächst sprachwissenschaftlich beschrieben werden.
      2. eine kommunikationswissenschaftlich-pragmatische Komponente: Der Text muß im Kommunikationsprozeß auf Autor, Leser/ Hörer, Rede zugeordnet und auf pragmatische Kategorien wie Zeit, Situation, Kontext und Redegegenstand bezogen werden.
      3. eine literaturwissenschaftlich-ästhetische Komponente: Der Text muß in seiner stilistischen Wirkung gewürdigt, auf das Ge-samtwerk des Autors, auf die Epoche, ein bestimmtes Textcorpus usw. bezogen, ästhetisch bewertet und literarkritisch interpretiert werden.
      Obwohl bei einer Stilanalyse nicht in jedem Fall alle drei Komponenten relevant sein müssen, sind doch prinzipiell alle Faktoren relevant und voneinander abhängig. Sie müssen also alle in eine Stilkonzeption integriert sein. Tatsächlich ist diese Voraussetzung bei den meisten Stilauffassungen nicht erfüllt. Sie stützen sich vielmehr in der Regel auf nur eine der drei genannten Komponenten. Die dadurch entstehende Mehrdeutigkeit des Stilbegriffs ist mindestens partiell durch die Geschichte von Philologie und Literaturwissenschaft bedingt .
      »Stilistik« ist zu einem guten Teil neuzeitliche Nachfolgerin der antiken -> Rhetorik, die ihrerseits eine multifunktionale Disziplin war. Im Laufe ihrer Entwicklung hat die Rhetorik u. a. folgende Funktionen und Methoden herausgebildet: Sie gibt Anleitung zur Parteirede vor Gericht und zur Rede in der Öffentlichkeit ; sie ist die Wissenschaft von »guten« Texten; sie liefert eine Methode der Erkenntnis von naturwissenschaftlich nicht beweisbaren Tatsachen und ist Medium ihrer plausiblen Vermittlung; sie entfaltet ein System zur Produktion von mündlichen und schriftlichen Texten; sie ist eine Methode zur Analyse von schriftlichen und mündlichen, insbesondere literarischen Texten.
      Ähnlich wie sich die Rhetorik als Lehrgebäude sowohl für die Produktion als auch für die Analyse von Texten entwickelt hat, wird auch der Terminus »Stilistik« für diese unterschiedlichen Gebiete verwendet. Eine Darstellung zur »Stilistik« ist daher notwendigerweise zunächst eine Begriffsabgrenzung und eine Darstellung der unterschiedlichen Konzeptionen von »Stil«.
     

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