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Grundlagen der textgestaltung

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Ebenen der Stilbeschreibung



Bevor aus der integrativen Stiltheorie methodische Konsequenzen für die literarische Stilanalyse gezogen werden, muß kurz angedeutet werden, auf welchen sprachlichen Ebenen mit den im Text kodierten virtuellen Stilmerkmalen zu rechnen ist. Prinzipiell kanndies auf allen Sprachebenen der Fall sein; allerdings werden einige Bereiche relativ gering genutzt. In der Morphologie und Wortbildung gibt es stilistisch relevante Verfahren in nennenswertem Umfang nur bei Neuprägungen, wie z. B. »verschlimmbessern«. Immerhin werden solche Verfahren in Werbetexten wegen des Ãoberraschungseffektes und der Einprägsamkeit in Werbeslogans nicht selten genutzt . In geringerem Maße stilistisch relevant ist auch der Bereich der Phraseologie. Aber auch hier werden Abwandlungen in der Werbesprache gern zu Stileffekten genutzt . Daß tatsächlich prinzipiell alle sprachlichen Bereiche zur Erzeugung virtueller Stilmerkmale genutzt werden können, läßt sich exemplarisch am Beispiel der Silbentrennung zeigen: »Jeder weiß, was so ein Mai- / käfer für ein Vogel sei.« j.i Lexik und Syntax in der Stilanalyse
Besonders vielfältig sind die Wahlmöglichkeiten des Autors im Bereich des Wortschatzes und des Satzbaus . Bereits in der antiken Stilistik waren drei Stilebenen unterschieden worden, für die der Autor je verschiedene Lexeme auszuwählen hatte . Auf die deutsche Sprache übertragen, könnte die lexikalische Differenzierung nach Stilebenen etwa so aussehen:
Hohe Stilebene: entschlafen Antlitz Roß
Mittlere Stilebene: sterben Gesicht Pferd
Niedere Stilebene: verrecken Fresse Gaul
Diese Lehre von den Stilebenen ist natürlich der präskriptiven Stilistik zuzurechnen; die Ebenen sind an literarische Gattungen gebunden. Bei der Textproduktion hat der Autor noch größere Wahlmöglichkeiten unter Quasi-Synonymen und Umschreibungen. Je nach lexikalischer Wahl und der potentiellen Reaktion des Rezi-pienten ändert sich der Stil.
      Auch auf syntaktischer Ebene stehen dem Autor viele alternative Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung. Ihre Zahl ist um so größer, je freier die Wort- und Satzstellung der betreffenden Sprache ist. So sind im Lateinischen aufgrund der differenzierten Flexion die Positionsmöglichkeiten der Satzglieder fast unbegrenzt. Auch das Deutsche kommt mit einer relativ geringen Anzahl obligatorischer syntaktischer Stellungsregeln aus, verfügt also über einen hohen

Grad an Wahlmöglichkeiten. So läßt sich in der deutschen Sprache ohne nennenswerten semantischen Unterschied die Stellung der Satzglieder verändern, z. B.:
Hans ging gestern mit Grete vergnügt in die Stadt. Gestern ging Hans mit Grete vergnügt in die Stadt. Vergnügt ging Hans gestern in die Stadt mit Grete. Mit Grete ging Hans gestern in die Stadt - vergnügt. In die Stadt ging Hans gestern vergnügt mit Grete.
Nicht alle mathematisch denkbaren Permutationen sind syntaktisch möglich, aber doch sehr viele; und denkbar ist, daß sie unterschiedliche Stilwirkungen auslösen können. Aufgrund der hohen Wahlmöglichkeit stehen die Ebenen der Lexik und der Syntax im Zentrum der Stilanalyse.j. Grapbostilistik
Der Inhalt eines Textes wird durch lexikalische Semantik und Satzsemantik ausgedrückt und übermittelt. In literarischen Texten wird versucht, zusätzliche Bedeutungselemente durch die sprachliche Form hinzuzufügen. Alle derart markierten Textelemente sind natürlich eminent stilistisch relevant. Das Verfahren besteht in einer spezifischen Auswahl und Anordnung graphischer und phonischer sprachlicher Zeichen, wobei das Mittel der Rekurrenz die wichtigste Rolle spielt.
      In der Graphostilistik geht es um Buchstaben und Interpunktionszeichen . Den verschiedenen Druckschriften , ihren Schriftgraden und ihren Auszeichnungsgarnituren entsprechen unterschiedliche Konnotationen beim Leser, die sich für virtuelle Stileffekte nutzen lassen. Stileffekte können auch bewirkt werden durch Wechsel der Drucktypen innerhalb einer Druckschrift , durch expressive Verwendung von Satzzeichen und durch graphische Mittel der semantischen Hervorhebung . Besonders deutlich wird dies, wenn innerhalb eines Textes die typographischen Mittel gewechselt werden .

     
Während diese graphostilistischen Verfahren in Fachtexten häufig, dagegen in literarischen Texten vergleichsweise selten verwendet werden, hat das »Figuren-« oder »Bildgedicht« eine lange literarische Tradition, an die die moderne Lyrik wieder anknüpft. Hier werden durch typographische Anordnung der Verszeilen oder ihrer Teile die Konturen der erörterten Gegenstände abgebildet .j.j Phonostilistik
Mit Vorsicht ist die Möglichkeit zu überprüfen, ob auch durch lautliche Ausdrucksmittel der Sprache über die Syntax und Semantik hinausgehende Sinnelemente oder Stileffekte hervorgebracht werden können . Immerhin ist die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß in einem literarischen Text durch den Reim eine Beziehung zwischen zwei Morphemen konstituiert werden kann, die nicht bereits im Sprachsystem durch syntagmatische oder paradigmatische Relationen festgelegt ist. Ahnliche Ãoberlegungen lassen sich für Assonanzen, Alliterationen oder andere Lautresponsionen anstellen. Durch phonostilistische Mittel könnten also potentiell stilistisch wirksame intratextuelle Beziehungen hergestellt werden. Problematisch sind allerdings die Fragen, welche Reime zusätzliche Beziehungen konstituieren, ob diese Beziehungen vom Autor intendiert sind, ob sie vom Leser als solche wahrgenommen werden und welcher Art die möglicherweise vom Leser konnotativ hergestellten Beziehungen zwischen den gereimten Morphemen sind .
      Neben der Möglichkeit, daß durch phonische Mittel spezifische Beziehungen konstituiert werden, wird in der Stilanalyse lyrischer Texte meist stillschweigend als gesichert vorausgesetzt, daß lautliche Ausdrucksmittel Sinnelemente des Textes verstärkend abbilden oder gar eigenständig konstituieren können . Da sich aber phonostilistische Analysen überwiegend auf geschriebene Texte beziehen, muß zunächst darauf hingewiesen werden, daß sie natürlich nur für gesprochene Sprache sinnvoll sind. Es muß also angenommen werden, daß der Leser den Text laut liest oder daß er ihn zumindest im literarischen Rezeptionsvorgang innerlich artikuliert.
      Unter diesen Voraussetzungen lassen sich in der Phonostilistik zwei Analysebereiche unterscheiden. Der eine befaßt sich mit Laut-schmuck oder lautlicher Strukturierung von Texten und den damit verbundenen potentiellen Stilwirkungen. Hier werden die vornehmlich in der Lyrik, aber z. T. auch in Prosa verwendeten sprachästhetischen Qualitäten Metrum, Rhythmus, Reim, Assonanz, Alliteration usw. analysiert, durch Frequenzuntersuchungen abgesichert und empirisch auf Leserreaktionen hin überprüft. Dieser Bereich der Phonostilistik spielt zu Recht eine wichtige Rolle bei Stilanalyse und Interpretation von Lyrik .
      Der zweite - sehr viel problematischere Bereich - postuliert Laut-Sinn-Beziehungen, einen Beitrag der lautlichen Form zum Sinngehalt des Textes. Hier lassen sich wiederum zwei unterschiedliche Richtungen unterscheiden: die eine analysiert Lautbedeutsamkeit, die andere postuliert Lautsymbolik. Als Lautbedeutsamkeit wird neben der Lautexpressivität vor allem die LautimitationI'Lautmalerei angesetzt. Tatsächlich lassen sich als besonderer Stileffekt semantische Elemente phonostilistisch abbilden, z. B.:
Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt, Da ringelt's und schleift es und rauschet und wirrt, Da pispert's und knistert's und flüstert's und schwirrt.

     
Hier muß freilich daran erinnert werden, daß der Vorrat des Sprachsystems an lautmotivierten, onomatopoetischen Lexemen äußerst begrenzt und daher die Wahlmöglichkeit des Autors sehr begrenzt ist. Der Leser kann also nur äußerst selten lautbedeutsame Stilmerkmale rekonstituieren.
      Die in der gängigen literarischen Textdeutung verbreitete Lautsymbolik kann nur mit großer Zurückhaltung für eine phonostili-stische Analyse akzeptiert werden. Lautsymbolik fällt in den Bereich der Synästhesie: Lautwahrnehmungen werden mit anderen Sinneswahrnehmungen oder kognitiven Kategorien verbunden. In der Interpretation von Lyrik hat man versucht, Laute unmittelbar mit Gefühlen, optischen Wahrnehmungen, Gegenständen zu verknüpfen. Nach psychologischen Experimenten scheint dies aber nur sehr begrenzt möglich zu sein; die Grenze zu individuellen Assoziationen ist fließend. Dies gilt insbesondere für die von zahlreichen Dichtern behaupteten festen Relationen zwischen Vokalen und Farben- in der wissenschaftlichen Stilanalyse hat die Zuordnung von Farbwerten zu Lauten keinen Platz.j. Textstilistik und Stilsemiotik
Der eigentliche Gegenstand der Stilanalyse ist der Text. Nur im Rahmen des Textzusammenhangs läßt sich die Auswahl des Autors konzipieren. Mit fortschreitender Textlektüre etabliert sich die Lesererwartung, reagiert der Leser auf die kodierten virtuellen Stilmerkmale. Erst innerhalb eines größeren Textzusammenhangs lassen sich durchgehende Isotopien oder Metaphernfiliationen belegen. Erst im Text werden Stiltugenden der antiken Rhetorik wie »Klarheit« und »Angemessenheit« realisiert und analysiert; dies gilt auch für in der Aufsatzdidaktik geforderte Stilkategorien wie »Anschaulichkeit« und »Spannung«.
      Praktisch hat sich die Stilistik bislang mit Analysen auf dieser Textebene schwergetan und eher einzelne mikrostilistische Stilzüge untersucht als Textphänomene der Makrostilistik. Gründe dafür sind die Größe des Kontextes, Komplexität der stilistischen Einzelbefunde, Schwierigkeiten mit der empirischen Ermittlung der Leserreaktionen auf Texte, Probleme einer übersichtlichen Darstellung der Befunde. Ein interessanter Vorschlag wie das Konzept einer »Textpartitur« zeigt bereits, wie kompliziert die Beschreibung von Textstrukturen wird. Ein Grund für die Schwierigkeiten der Textstilistik liegt auch im Stand der noch jungen Textlinguistik. Noch gilt es, die Verfahren der Textkonstitution, die Regeln von Textkohärenz und Text-kohäsion vollständig zu beschreiben. Immerhin weiß man, daß Fachtexte eher mit lexikalischer Rekurrent arbeiten, während in literarischen Texten überwiegend lexikalischer Wechsel durch Synonymie und Paraphrase bevorzugt wird . Aber eine kohärente Textstilistik bleibt einstweilen Programm.
      Auch innerhalb einer etablierten Textstilistik wird es nützlich sein, im Text Stilfiguren zu isolieren. Die philologische Turnübung, sie mit griechischen oder lateinischen Termini zu etikettieren, nützt allein freilich wenig. Vielmehr gilt es, ihre potentiellen Stilfunktionen zu kennen und ihre Funktion im Kontext, im Vergleich zu alternativen Möglichkeiten und im Blick auf Leser zu analysieren. So kann syntaktischer Parallelismus für Klarheit und logische Gliederung sorgen, er kann Aufzählungen strukturieren, er kann leichte Einspeicherung ins Gedächtnis und Merkfähigkeit sichern, er kann - vor allem in politischen und religiösen Texten - dem Zweck intensiver Ãoberredung dienen. Stilfiguren als stilistische Versatzstückekönnen im Text prinzipiell unterschiedliche Stilfunktionen erfüllen; sie sind polyvalent.
      In der Textstilistik ist schließlich zu bedenken, daß es auch in der Literatur multimediale Texte gibt . Die Stilanalyse muß dabei verbale und nonverbale Textelemente aufeinander beziehen und semiotisch analysieren . Die Textstilistik muß daher durch die Komponente einer Stihemiotik ergänzt werden.

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