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Tradition, Kritik und Verteidigung der Rhetorik



Von Beginn der abendländischen Literatur an haben rhetorische Verfahrensweisen eine große Auswirkung auf die Gestaltung von Texten gehabt. Indem sich menschliches Sprechen in der Literatur spiegelt, sind nicht nur Literatur und Rhetorik eng aufeinander bezogen, sondern erweist sich die Rhetorik als ein die menschliche Sprache konstituierendes Element. Rhetorische Methoden, die Sprache in ihrer ästhetischen, argumentativen und affekterzeugenden Wirkung zu perfektionieren, sind darum in literarischen Texten nachweisbar, bevor die Rhetorik sich als Fach etabliert hat und mit Hilfe von Lehrbüchern als allmählich immer fester umrissenes System tradiert wurde. Von Homer, dessen »Ilias« und »Odyssee« die Bedeutung der Rede für die Entscheidungsfindung zeigen und in denen sich bereits ein Bewußtsein für unterschiedliche Rednertypen manifestiert , gelangt die Rhetorik in weitere Gattungen der antiken Literatur. Die Geschichtsschreibung - die in der gesamten Antike eine stark unter dem Einfluß der Rhetorik stehende Disziplin geblieben ist - und die dramatischen Gattungen, Tragödie und Komödie, nehmen die Möglichkeiten auf, die das Epos gewiesen hat: Texte dieser Gattungen werden dadurch um die Perspektiven der handelnden Figuren bereichert und legen dafür Zeugnis ab, daß die Vielfalt der subjektiven Meinungen und Standpunkte den Zugang zu den Sachen erst ermöglicht. Mit der sophistischen Bewegung im 5. Jahrhundert v. Chr. kommt es zu einer ersten reflektierten Bestimmung dessen, was Rhetorik ist: Das Erfahrungswissen, wie sich wirkungsvolles Sprechen herstellen läßt und auf welchen Bedingungen eine erfolgreiche Gestaltung der Kommunikationssituation beruht, wird erstmalig systematisch erfaßt, theoretisch reflektiert und damit professioneller Vermittlung zugänglich gemacht. Es spricht viel dafür, daß diese Technisierung der Rhetorik erst durch die Etablierung der Schriftlichkeit im 5. Jahrhundert v. Chr. ermöglicht wurde . Mit den Sophisten wird die Wirkungsmächtigkeit des rhetorischen Sprechens erheblich gesteigert. Möglich wurde dies durch die Erkenntnistheorie des Gorgias. Er vertrat die Ansicht, daß es nichts gibt oderdaß, wenn es doch etwas gäbe, dies dann nicht erkennbar wäre oder daß es, wenn es doch erkennbar wäre, dann jedenfalls nicht mitteilbar wäre. Aus diesem Relativismus ergibt sich die Konsequenz, daß die Ebene der Worte und die der Dinge nur vage miteinander verknüpft sind und die Rhetorik der einzige Weg ist, um zu akzeptierten Entscheidungen zu gelangen. Das rhetorische Sprechen ist deshalb so effektiv, weil es durch keine Realitäten gebunden ist, sondern selbst Realitäten schafft. Das Wort des sophistischen Redners bestimmt den politisch-geschichtlichen Ablauf mindestens ebenso sehr wie konkrete Taten, und die Rhetorik wird auf diese Weise zum »Inbegriff menschlichen Könnens überhaupt« . Eine besonders folgenreiche Adaptation der antiken Rhetorik vollzog sich durch das Christentum, das deren Analysetauglichkeit für die Bibelexegese nutzt, die Grundlage der Verkündigung wird. Im Mittelalter wird die Rhetorik herangezogen für die Predigtlehre , die Kunst des Briefeschreibens sowie die der poetischen Texterzeugung . Das rhetorische System wird in den »Septem artes liberales«, den sieben freien Künsten, tradiert und hat hier seinen Platz gleichberechtigt neben der Grammatik und der Dialektik.
      Der Humanismus erhebt die Rhetorik zur Leitwissenschaft, die die umfassende Bildung und die Entwicklung der dem Menschen eigenen Fähigkeiten zum Ziel hat. Sie dient dazu, den Menschen für das politisch-soziale Zusammenleben tauglich zu machen. Im humanistischen Rückbezug auf die antike Kultur wird die Macht der Sprache erfahren, die die geistige Gemeinschaft mit den überlieferten Autoren vermittelt. Die Rhetorik ermöglicht es so, Kontakt mit der Vergangenheit aufzunehmen und selbst Überlieferung zu praktizieren.
      Das Barockzeitalter, von der Auffassung durchdrungen, daß die Welt ein Theater sei und der Mensch sich in ihr wie ein Schauspieler bewege, ist gerade deshalb eine in hohem Maß rhetorische Epoche,weil aufgrund seines öffentlichen und auf permanente Repräsentation angelegten Charakters der Dichter wie ein Rhetor Wirkungen bei einem Publikum hervorzurufen hatte. Eine wichtige Umsetzung des rhetorischen Systems für die Erfordernisse der höfischen Kultur, für die Bildung des Hofmanns leistet Baldassare Casti-Glione in seinem »Buch vom Hofmann« .
      Im Zeitalter der Aufklärung wendet Knigge in seiner Schrift »Über den Umgang mit Menschen« das rhetorische System auf die Ausbildung bürgerlicher Formen des Umgangs an. Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein bleiben Rhetorik und -> Poetik in enger Verbindung, und selbst die Angriffe auf die Rhetorik zeigen sich noch ihren Wirkungsmitteln verpflichtet. Im 19. Jahrhundert erst bricht die Tradition, die bisher der Rhetorik einen festen Platz an den Universitäten zugewiesen hatte, ab.
      Daß die Rhetorik zumal in Deutschland aus dem Kreis der Wissenschaften verdrängt werden konnte, hat viele Ursachen, etwa die fehlende demokratische Überlieferung, die restaurativen Tendenzen zu Beginn des 19. Jahrhunderts, eine gewisse Neigung zur Innerlichkeit, die an einer öffentlichen Wirkung nicht interessiert war, und schließlich die Spezialisierung der Wissenschaften in Einzeldisziplinen. Die Rhetorik als übergeordnete Wissenschaft wurde deshalb nicht mehr benötigt, einzelne Teile ihres Systems fanden jedoch Eingang in die sich neu etablierenden Fächer; außerhalb der akademischen Bildung hat sich die Rhetorik gewissermaßen in einem Diffusionsprozeß allgemein ausgebreitet - allerdings um den Preis, daß nicht mehr ihr umfassendes Bildungskonzept rezipiert wird, sondern jeweils einzelne Elemente der rhetorischen Tradition, die spezifischen Zwecken dienstbar gemacht werden.
      Es ist bemerkenswert, daß die Bedeutung der Rhetorik von der Antike an nahezu ungebrochen anhalten und sich die rhetorischen Anwendungsmöglichkeiten fortwährend erweitern konnten. War sie ursprünglich ein Verfahren, in juristischen Auseinandersetzungen die Durchsetzungsfähigkeit zu erhöhen und in politischen Fragen zu einer plausiblen Entscheidung zu kommen, hat sie zunehmend das gesamte gesellschaftliche und kulturelle Leben beeinflußt und häufig seine Foren und Medien erst geschaffen. Indem auch die Musik, die Architektur, die Malerei, die Kultur des Festes und die modernen visuellen Medien von rhetorischen Elementen beeinflußt wurden, hat sich die Auswirkung der Rhetorik sogar auf nicht unmittelbar sprachlich vermittelte Anwendungs-gebiete ausgedehnt. Auch Änderungen in der Staatsform, Umbrüche in der gesellschaftlichen Struktur oder in der vorherrschenden Religion haben die Tradition der immer wieder ihre Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellenden Rhetorik letztlich nicht unterbrochen.
     

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Tradition,  Kritik  Verteidigung  der  Rhetorik    


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