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Rhetorik und Sprachkunst



Die Rhetorisierung, die nahezu alle Künste erfaßte, zeigt sich am deutlichsten in der Sprachkunst. Literatur und Rhetorik haben gemeinsam, daß sie niemals nur eine rationale Ãobereinstimmung zwischen Textproduzenten und -rezipienten erreichen wollen, sondern auch eine emotionale Zustimmung . Der Qualität der Sprache kommt in der Rhetorik und der Literatur ein hoher Eigenwert zu, sie ist zur Entfaltung der Text- oder Redewirkung von großer Bedeutung. Indem die Literatur beim Rezipienten eine bestimmte Wirkung hervorruft, ist sie unmittelbar rhetorisch. Das gilt besonders für jede Art von engagierter, politischer Literatur, die auf eine Haltungsänderung bei ihrem Adressaten hin verfaßt ist. Doch auch indem ein sprachlich elaborierter Text auf seine Sprache selbst hinweist, also in der Terminologie von Jakobson in ihm die poetische Sprachfunktion realisiert ist, erweist er sich als persuasiv . Die Rhetorisierung der Literatur hat vor allem über die folgenden Teile des rhetorischen Systems stattgefunden: Die rhetorische »elocutio« hat die ästhetische Gestaltung der Literatur beeinflußt. Die rhetorisch geprägten Stilideale haben lange Zeit den Rahmen, in dem sich der Textproduzent bewegen konnte, festgelegt: Er konnte entweder dassprachliche Muster seiner Adressaten erfüllen oder ihm bewußt, durch eine beabsichtigte »aptum«-Verletzung, widersprechen. Mit der rhetorischen Affektenlehre stand der Literatur ein Schema zur Verfügung, das die Kenntnis und Beeinflussung der Verhaltensnormen der Zuhörer ermöglichte. Und schließlich hat die Statuslehre dem Autor ein Mittel an die Hand gegeben, das ihm das Verhältnis zwischen sich und seinem Publikum bestimmen half.
      Die Rhetorik, die in ihren Grundelementen seit der Antike konstant geblieben ist und damit eine Universalie der europäischen Kultur darstellt, ist eine Klammer, die Tradition vermittelt und Traditionsbewußtsein herstellt. Da die Rhetorik zwischen vielen Wissensbereichen eine vermittelnde Funktion ausübt, ist in ihr Kultur in einem umfassenden Sinn aufgehoben und der Weitergabe zugänglich gemacht. Sie wurde auf diese Weise über viele Epochen eine tief in die gesamte Gesellschaft und insbesondere in die Organisation aller Arten von Bildung wirkende Kraft. Und die Annahme liegt deshalb sehr nahe, daß auch die Produktion und die Rezeption von Literatur wesentlich von der Rhetorik gesteuert worden sind. Das gilt auch, nachdem die rhetorisch geprägte Regelpoetik an Bedeutung verlor . Mit der Entstehung eines Lesepublikums im 18. Jahrhundert, dessen Verhältnis zum Autor distanzierter ist , und mit der zunehmenden Autonomie der Poetik seit dem »Sturm und Drang« ist das Bedürfnis nach einer »neuen Einheit von Produktionstheorie und Analysesystem« angestiegen. Es entsteht mit der -» Literaturkritik ein neues Medium, das zwischen Autor und Leser vermittelt und rhetorische Beschreibungs- und Bewertungskategorien aufgegreift und in die Literaturdiskussion einführt.
      Die Rhetorik hat für alles Sprachliche und so besonders für die Literatur eine katalysatorische Wirkung, die das Bewußtsein für die Möglichkeiten der Sprache entwickelt hat. Bei der Entstehung der unterschiedlichen Poetiken und der literarischen Praktiken der Autoren ist die Rhetorik als ein allgemeines Paradigma für die kreative Textherstellung strukturbildend gewesen. Nachdem dieser Tatsache in der germanistischen Forschung für verschiedene Epochen Rechnung getragen worden ist - zuerst für das Barockzeitalter -, ist in den modernen Literaturwissenschaften, insbesondere für die Literatur- und Texttheorie, das rhetorische Analyseinstrumentarium seit einiger Zeit neu entdeckt und adaptiert worden, in »Konzeption, Methodik und Begriffsapparat« . Nachdem der negative

Begriff des Rhetorischen, der lange Zeit mit >gesucht< und >gekün-stelt< synonym gebraucht worden ist, überwunden oder doch zumindest relativiert worden war , setzte sich die Auffassung durch, daß mit der Rhetorik eine umfassende, zudem durch die Praxis vielfach erprobte Systematik vorlag, die es erlaubte, das Wahrnehmungsfeld weiter zu spannen, als es mit Hilfe einzelner Interpretations- und Beschreibungsmethoden allein möglich ist. Auch bei der Textanalyse erweist sich das rhetorische Modell als so weitgespannt und vielschichtig, daß alle Phasen und Ebenen der Textproduktion und Textrezeption in den Blick genommen werden können. Die rhetorische Analyse ist ferner gegenüber der auf das Wort oder den Satz sich spezialisierenden linguistischen Betrachtung dadurch im Vorteil, daß sie größere Texteinheiten beschreibt, die über die Satzgrenze hinausgehen. Die Qualität eines argumentativen Verfahrens, die dispositionelle Struktur eines Textes, viele rhetorische Figuren, die erst über den Satzeinschnitt hinaus ihre Wirkung entfalten, sind zuerst von der rhetorischen Beschreibung zu fassen gewesen. Es ist deshalb nicht zufällig, daß verschiedene linguistische Teildisziplinen ganz explizit das rhetorische Erbe angetreten haben. Das gilt besonders für die Textlinguistik, in der die Rhetorik eine Erneuerung erlebte , die Pragmalinguistik , die Soziolinguistik und die Psycholinguistik. Die Rhetorik hat ferner die moderne Rezeptionsforschung und die Literaturpsychologie beeinflußt. Daß keine der einzelnen Disziplinen ganz das erfaßt, was ursprünglich in der Rhetorik aufgehoben war, begründet den nach wie vor geltenden Anspruch der Rhetorik, ein in den Einzelaspekten zwar weniger ausgereiftes, dafür aber umfassendes Modell der Analyse bereitzustellen. Die Rhetorik, die ja immer eine spezialisierteren Einzeldisziplinen übergeordnete Wissenschaft gewesen ist, hat die Fähigkeit, verschiedene Ansätze in ein umfassendes Modell zu integrieren und methodische Einseitigkeit auszugleichen. Mit dem Rekurs auf die klassische Rhetorik verbindet sich deshalb die Hoffnung, eine »allgemeine Methode der Literaturanalyse« zu besitzen.
      Für die Literaturanalyse der Gegenwart ist die »elocutio«, die Figurenlehre, die fruchtbarste Adaptation der klassischen Rhetorik geworden - in dem Maße, in dem sich in den semiotischen und strukturalistischen Konzepten der Literaturwissenschaft der Akzent von inhaltsbezogenen Forschungen auf ein Interesse am Verfahren der Textherstellung als solcher verlagerte. Der -> Struktu-ralismus beruht auf der Annahme, daß literarische Texte durch eine bestimmte Technik des Zeichengebrauchs konstituiert werden, und er strebt die Erstellung einer -> Poetik an, die die Verfaßtheit und die Generierung von Literatur ebenso beschreibt wie die Linguistik diejenigen der allgemeinen Sprache. Die rhetorische Figurenlehre bot deshalb ein geeignetes Modell, weil sich bei der Erzeugung von Figuren Textherstellungsprozesse gewissermaßen in ihrer kleinsten Einheit verfolgen lassen. Zugleich versprach die Figurenlehre ein überzeugendes Erklärungsmodell dafür zu liefern, was literarische Rede von normaler Alltagssprache unterscheidet, was die Literarität eines Textes erzeugt. Möglich wurde dieser Ansatz durch die seit Quintilian geltende Definition der rhetorischen Figur als einer bewußten, um einer bestimmten Wirkung willen und durch Regeln geleiteten Abweichung von der normalen alltagssprachlichen Ausdrucksweise. In ihrer Neuordnung der Figurenlehren haben die Mitglieder der Lütticher »Groupe i« um Jacques Dubois diese Bestimmung der rhetorischen Figur als Deviation ebenso aufgegriffen wie Heinrich F. Plett. Dubois geht von einer Nullstufe der Sprache aus, die mit der Alltagssprache identisch ist und die durch die Kategorien Ãoberschuß , Defizit , Ersatz oder Vertauschung verändert werden kann. Diese moderne Variante der rhetorischen Ã"nderungskategorien führt zu einer Klassifikation der Figuren, die allerdings zu sehr systemorientiert und in ihrer Anwendbarkeit eingeschränkt ist. Zudem ist diese Bestimmung wie die meisten Abweichungs- oder Deviationsmodelle nicht unproblematisch, weil die Norm, von der die Figur abweicht, ein konstruiertes Postulat bleiben muß und auch die gesprochene Alltags spräche bis zu einem gewissen Grad figuriert erscheint . Die Figurierung eines nicht-literarischen Textes nach den Regeln der Rhetorik läßt noch keinen literarischen Text entstehen, die Verwendung einer rhetorischen Figur allein ist noch nicht literarisch belangvoll. Die Stilforschung hat deshalb versucht, die antiken Suchkategorien zu einem eigenen Beschreibungsapparat weiterzuentwickeln, mit dem es möglich ist, diejenige Qualität eines Textes zu erfassen, die ihn zu einem Text der Literatur macht. Damit aber tatsächlich ein sinnvolles Raster für die literarische Analyse bereitsteht, muß der rhetorische Figurenbestand erweitert werden. Die moderne Stilforschung knüpft deshalb an die linguistischen Ebenen Graphemik, Phonologie, Lexikologie, Syntax und Semantik an .
     

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