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Entfaltung der rhetorischen Systematik



Das System der Rhetorik ist im wesentlichen schon in der Antike fixiert worden. Die folgende Systematik ist eine ahistorische Zusammenstellung, die die Historizität der einzelnen Bestandteile der rhetorischen Theorie vernachlässigt: >die< Rhetorik gibt es nicht; die erhaltenen Rhetorik-Lehrbücherund ihre Systematik spiegeln jeweils bestimmte historisch gebundene Kommunikationssituationen, sie sind also im strengen Sinne immer nur auf Texte derjenigen Epoche anwendbar, aus der sie stammen . Eine unreflektierte Anwendung der Rhetorik auf die Textanalyse sollte deshalb vermieden werden.
      Nach der antiken Auffassung müssen für die Ausbildung zum Redner drei Voraussetzungen erfüllt sein: Erstens muß der angehende Redner eine gewisse natürliche Begabung besitzen, die zweitens durch eine theoretische Ausbildung entwickelt wird und schließlich drittens in der rednerischen Erfahrung zum praktischen Können heranreift. Auch wenn der Naturanlage ein hohes Gewicht beigemessen wird, wird die Lehr-barkeit der Rhetorik - vor allem in der Sophistik - stets vorausgesetzt. Gelehrt wird das Redevermögen durch den theoretischen Unterricht, der das rhetorische Wissen vermittelt und die Herausbildung eines rhetorischen Urteilsvermögens anstrebt; durch die Lektüre als mustergültig empfundener Autoren sollen deren rhetorisch-stilistische Vorzüge oder Fehler analysiert und die Fähigkeit vorbereitet werden, es diesen Vorbildern gleichzutun oder sie zu übertreffen . Und schließlich absolviert der Redeschüler eine Vielzahl sprachpraktischer Ãobungen , die je nach den historischen Umständen unterschiedlich ausfallen. Während in der römischen Republik der junge Redner sich einem erfahrenen Politiker anschloß und die rhetorischen Methoden in der praktischen Situation erlernte, wurden in den Redeschulen der römischen Kaiserzeit den Schülern fiktive oder aus mythologischen Begebenheiten konstruierte Rechtsfälle bzw. Probleme für eine politische Beratungsrede aufgegeben, zu denen Deklamationen verfaßt werden sollten; deren Nähe zur Literatur war mitunter beachtlich .
      Die Realisierung einer Rede vollzieht sich in fünf Arbeitsschritten, den sogenannten Produktionsstadien. Für jedes Stadium stehen dem Redner betimmte erlernte Muster zur Verfügung, die ihm die zielgerichtete Erarbeitung der Rede ermöglichen. Die rhetorische Lehre gibt nicht konkrete Rezepte an die Hand, sondern bestimmte Strukturen, die jeweils nach den Erfordernissen des Themas, des Publikums und des Redners sinnvoll und kreativ in eine individuelle sprachliche Lösung umgesetzt werden. Am Beginn steht das Auffinden des Stoffs und der relevanten Argumente . Bei diesem Produktionsschritt wird der Ãobergang vom Denken zum Sprechen vorbereitet. Die Auffindung des Stoffserfolgt nicht zufällig, sondern wird durch bestimmte Suchkategorien gesteuert und erleichtert, die in der Topik zusammengefaßt sind. Die Beherrschung der Topik soll den Redner von zufälligen, spontanen Einfällen unabhängig machen und die systematische Auffindung der geeignetsten Argumente gewährleisten. Die Topik wurde zuerst von Aristoteles in die Rhetorik integriert, sie variiert je nach Epoche und Fach. In ihr sind »aus dem Fundus der gesellschaftlich allgemein anerkannten bzw. konsensus-fähigen Meinungen [...] allgemeine Argumentationsgesichtspunkte« gesammelt . DieTopoiknüpfen also an allgemein anerkanntes Wissen an: an die Alltagslogik ; sie sind nicht die Argumente selbst, sondern die >Ortekörperliche Beredsamkeit geprägt.
      Die Rede selbst gliedert sich in die folgenden Teile: Einleitung ; Darstellung des Sachverhalts, Erzählung des behandelten Vorfalls ; die - durch Argumente vorgetragene -Beweisführung und den Redeschluß . Die einzelnen Redeteile sollen jeweils möglichst durch einen geschickt eingesetzten Ãobergang miteinander verknüpft werden . Der Wichtigkeit, die der Einleitung für den Erfolg einer Rede zukommt, entsprechen die detaillierten rhetorischen Bestimmungen zu diesem Redeteil. Dieses »Proömium« soll einerseits in die Thematik einführen und andererseits die Sympathie, die Aufgeschlossenheit des Publikums gewinnen: Der Redner soll sich in der Einleitung die Aufmerksamkeit der Zuhörer sichern und ihre Aufnahmebereitschaft erregen . Durch eine »captatio benevolentiae« kann er explizit das Wohlwollen zu erlangen suchen, durch die »in-sinuatio« sein Publikum in seinem Sinn emotional einstimmen. Die Proömientopik, die die antike Rhetoriktheorie entwickelt hat, hat stark auf literarische Prologe gewirkt.
      Reden können nach drei Wirkungsfunktionen unterschieden werden: Entweder wollen sie primär unterrichten und belehren , durch die Hervorrufung gemäßigter Affekte erfreuen oder durch die Erregung starker Leidenschaftlichkeit bewegen . In der letzten Funktion der Rhetorik ist immer wieder die besondere Meisterschaft des Redners gesehen worden, und Aristoteles hat die
Grundlagen für die rhetorisch-psychologische Affektenlehre gelegt. Den drei Wirkungsfunktionen sind die drei Stilarten, die die Rhetorik entwickelt hat, zugeordnet . Für die rationale, den Sachverhalt in den Vordergrund rückende rhetorische Belehrung wird der sachlich-nüchterne Stil empfohlen; für die rhetorische Kategorie des »delectare« ist der mittlere Stil der geeignete , der von der rhetorischen Figuration einen moderaten Gebrauch macht. Und die großen Leidenschaften werden im erhabenen Stil hervorgerufen, für den das ganze Spektrum der rhetorischen Figuren aufgeboten werden kann. Der spätantike Autor Pseudo-Longinus hat eine Schrift eigens über das in dieser Stilart vorherrschende Erhabene verfaßt. Aus diesen drei Stilarten entwickelt sich die Drei-Stil-Lehre, die den drei Stilen nicht nur ihre unterschiedliche Wirkung, sondern auch verschiedene stoffliche Ebenen zuweist. Im Mittelalter versinnbildlichten im »Rad Vergils«, der »rota Vergilii«, Vergils Werke diese drei Bereiche: die »Bucolica«, die Hirtendichtung Vergils, zeigen den einfachen, die »Georgica« den mittleren und die »Aeneis«, das römische Nationalepos, den hohen Stil. Jeder Stilart sind - dem mittelalterlichen »ordo«-Gedanken entsprechend - Personen bestimmter sozialer Zugehörigkeit zugewiesen. Auch für die literarischen Gattungen ist die Drei-Stil-Lehre ein wichtiges Paradigma. Während die Komödie mit Personen niederen Standes den beiden unteren Stillagen zugeordnet ist, treten in der auf der hohen Stilebene angesiedelten Tragödie Personen hohen Standes auf.
      Die rhetorische Tradition hat in der Statuslehre ein Muster herausgebildet, das es dem Redner ermöglicht, seine Situation und den Grad, mit dem sein Standpunkt von dem seiner Zielgruppe abweicht, zu analysieren. Ursprünglich wurde die Statuslehre für die Gerichtsrede entwickelt. Der Redner hatte zu unterscheiden: Ob der Angeklagte tatsächlich die Tat begangen hat ; wie die Tat des Angeklagten strafrechtlich zu fassen ist ; wie die Tat aufgrund von heranzuziehenden Rechtfertigungsgründen zu bewerten ist und schließlich, ob der in Rede stehende Rechtsfall überhaupt vor diesem Gericht verhandelt werden kann. Weiter gefaßt ist die folgende Differenzierung: »genus honestum« , »genus dubium« , »genus admirabile« , »genus turpe« ,

»genus humile« und »genus ob-scurum« . Aus der Zuordnung des jeweils gegenwärtigen Falles zu einer dieser Kategorien ist es dem Redner möglich, die am besten geeigneten argumentativen Ansatzpunkte für seine Rede zu finden.
      Je nach ihrem Thema und nach der Situation, für die sie verfaßt sind, können Reden der politischen Redegattung zugehören , der Gerichtsrede oder der epideiktischen Festrede , die nichts beweist, sondern etwas zeigt. Besonders die politische Rhetorik ist stark von der jeweiligen Staatsform abhängig; und das Verkümmern der Rhetorik in einer monarchisch-autoritären Staatsform ist seit dem »Dialog über den Redner« des Tacitus zu einem Topos der Rhetorikgeschichtsschreibung geworden. Allerdings hat sich dann jeweils die epideiktische Redeart stärker entwickelt, die zahlreiche literarische Gattungen beeinflußt hat.
     

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