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Grundlagen der textgestaltung

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Charakteristika



Diese bemerkenswerte Ãoberlebensfähigkeit verdankt die Rhetorik mehreren Charakteristika:
1. Die Rhetorik ist offensichtlich in hohem Maße dazu in der Lage, Veränderungen in der Kommunikationssituation Rechnung zu tragen und sich auf jeweils neue Bedingungen einzustellen. Das gelingt deshalb, weil sie in ihren einzelnen Vorschriften so wenig spezifiziert ist, daß eine Ãobertragung in jeweils neue Formen und Medien des Sprechens unter den verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Konstellationen möglich ist. Ihr Regelwerk ist prinzipiell nicht abgeschlossen, sondern offen und kann Modifizierungen und Neuerungen leicht integrieren. Andererseits ist das rhetorische System so genau konturiert, daß die Neuerungen an einen festen tradierten Bestand sprachlicher Verfahren anknüpfen, dort ihren Platz finden und Teil der Tradition werden können. Die enge Verflechtung der Rhetorik mit den jeweils geltenden Kommunikationsweisen begründet die Notwendigkeit, das rhetorische System kritisch-reflektiert zu rezipieren.
      2. Die Anpassungsfähigkeit der Rhetorik wird dadurch unterstützt, daß sie zwei unterschiedliche Prinzipien, Konvention und Innovation, in sich faßt. Auf der einen Seite beruht sie auf einem klaren Regelwerk, auf konventionellen, standardisierten Lösungen für Formulierungs- und Ausdrucksprobleme; diesem Aspekt verdankt sie ihre effiziente Lehrbarkeit, die ihrerseits erst die lange Ãoberlebensdauer der Rhetorik ermöglicht hat. Andererseits leitet sie jedoch zum kreativ-individuellen Umgang mit ihren Regeln an, da sie nur auf diese Weise immer neue Wirkungen hervorrufen kann und sich ein schnelles Verbrauchen ihrer sprachlichen Methoden verhindern läßt.
      3. Als Erfahrungswissenschaft war der Rhetorik eine reine Theoriebildung ebenso fremd wie eine dogmatische Verengung ihrer Bildungsinhalte. Sie war in ihrem Selbstverständnis immer auf die praktische Situation, auf die Anwendung ihres theoretisch fundierten
Sprachbewußtseins ausgerichtet. In der Rhetorik ist somit eine Einheit von Theorie und Praxis gegeben.
      4. Die Rhetorik war für alle Bereiche des menschlichen Wissens immer prinzipiell offen und hat von den Erkenntnissen anderer Wissenschaften, sofern sie für die rhetorische Kommunikation belangvoll waren, profitiert . Durch diese Stellung zwischen den Wissenschaften konnte sie auch das Medium werden, in dem sich ein Austausch zwischen den einzelnen Wissenschaften einerseits, zwischen der Wissenschaft und der Alltagskommunikation andererseits organisieren ließ. Insbesondere hat sie deshalb andere Künste beeinflußt und neben deren Terminologie auch deren theoretische Konzepte geprägt. Neben der Literatur gilt dies vor allem für die Musik und die Malerei.
      5. Die Rhetorik hat die der Sprache eigenen Möglichkeiten entdeckt und stetig perfektioniert. Die Entwicklung klanglich-ästhetischer Eigenschaften der Sprache ist von ihr ebenso vorangetrieben worden wie die der Argumentationsstrukturen.
      6. Da es das Ziel der Rhetorik ist, eine subjektive Ansicht zu einer allgemeinen zu machen, eine Identifizierung zwischen dem Redner und den Hörern herbeizuführen, hat sie zugleich auch immer die Kommunikationsbedingungen reflektiert. Der rhetorisch gebildete Sprecher besitzt und benützt ein Wissen über die einzelnen Konstituenten, die Einfluß auf den Rezeptionsprozeß sprachlicher Ã"ußerungen haben, insbesondere über die Sprech- und Denkweise seiner Adressaten, ihre gesellschaftliche Herkunft, ihre Bildung usw. Das rhetorische Sprechen richtet sich wesentlich gegen Rezeptionshindernisse, die von mangelndem Verstehen bis zur rationalen oder emotionalen Ablehnung reichen . Die Rhetorik spricht ihren Adressaten in seiner Ganzheit an; neben seiner rationalen ist ihr immer auch seine affektiv-emotionale Zustimmung wichtig.
     

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