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Grundlagen der textgestaltung

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Status quo



Man mag den poetologischen Diskurs zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Endphase dieser geschichtlichen Entwicklung verstehen, weil jetzt der zweitausendjährige Konsens über den Gegensatz von Theorie und Praxis der Dichtung ebenso obsolet geworden ist wie die Ãoberzeugung von der Musterhaftigkeit der Antike. Allerdings bringen das 19. und 20. Jahrhundert eine zuvor nie dagewesene Fülle an dichtungstheoretischer Reflexion hervor. Insbesondere entwickelt sich die poetologische Diskussion im 19. Jahrhundert - in Deutschland wie in den anderen europäischen und europäisch beeinflußten Ländern - zum Medium der Auseinandersetzung mit der jeweils aktuellen Literaturproduktion. Im gleichen Maße, in dem der rhetorisch-normative Charakter verlorengeht, konkretisiert sich die Poetik als Literaturästhetik, der es um die Begründung des Schaffens statt der Regeln geht. In den zahllosen Essays, Manifesten und individuellen Stellungnahmen seit dem Realismus beschränkt sich das dichtungstheoretische Denken zumeist auf die Legitimation und Explikation des eigenen Vorgehens. Dabei stehen ethische, politische, religiöse oder naturwissenschaftliche Grundannahmen im Mittelpunkt und tragen die poetologischen Schlußfolgerungen. Gehen solche Ãoberlegungen zum Teil in die poetischen Werke selbst ein , so zeigt sich parallel zu dieser Individualisierung auch die Tendenz zur Verwissenschaftlichung: einerseits im Sinne einer Geschichtsschreibung der Poetik, andererseits im literaturästhetischen Interesse der Suche nach der spezifischen Seinsweise der Poesie oder als allgemeine Literatur
Wissenschaft . Hier hat sich nach den ontologischen Bemühungen während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem in Osteuropa mit -» Formalismus und Strukturalismus eine neue Sichtweise durchgesetzt. Sie geht von sprach- und kommunikationstheoretischen Ansätzen aus und fragt zum einen nach den apriorischen Differenzen zwischen verschiedenen Zeichensystemen ; zum anderen geht es um die Ermittlung eines neuartigen »Text«-Begriffs, der durch Typologisierung das objektive Erfassen der »ästhetischen« Qualität ermöglichen soll und die Gesetzmäßigkeiten der literarischen Evolution erforschen will.
      Diesem >logozentrischen Zum Verhältnis von Hermeneutik und neueren antihermeneuti-schen StrömungeN).
      Indem seit Roland Barthes nicht mehr der Autor, sondern der Leser als der eigentliche Produzent des Textes gilt, der seine je individuelle Sinn-Realisation leistet, erweist sich stets von neuem die Unmöglichkeit eines eindeutigen bzw. intersubjektiv verbindlichen Textsinns. Deshalb verweigert die Poetik nunmehr der Dichtung die - normgebende oder erläuternde - Unterstützung und kapriziert sich vielmehr auf die subversive Aktivität der -> Dekonstruktion von Sinnkonventionen. Eine fundamentale Differenz zwischen der alltäglichen und der poetischen Sprache wird in dieser Perspektive nicht mehr anerkannt; insofern spricht die Poetik der Poesie derzeit gern die Qualität des Besonderen ab.
     

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