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Poetik in der Antike



Ihren Ausgangspunkt hat die poetologische Reflexion im 4. Jahrhundert v. Chr. bei der Frage nach dem sozialen Wert von Dichtung genommen. Abgesehen von den vereinzelten Bemerkungen der »Vorsokratiker« wie Demo-krit , der das Dichten aus einer der religiösen Ekstase ähnlichen Begeisterung erklärte , oder Gorgias von Leontinoi , der Ansätze zu einer Theorie der Kunstprosa entwickelte, muß als erste Poetik im eigentlichen Sinn die um 335 v. Chr. entstandene und nur fragmentarisch erhaltene »Poetik« des Aristoteles gelten. Sie bestimmt in polemischer Absetzung von Piaton die anthropologische Basis des Dichtungsvermögens und sucht alle Gattungen durch ihren spezifischen gesellschaftlich-sittlichen Nutzen zu legitimieren. Dichtung wird als »mimesis praxeos« verstanden, d. h. nicht vorrangig als kunstvoll geformtes Sprechen , sondern als >Nach-ahmung< menschlichen Handelns. Deutlich wird das an der Gegenüberstellung von Geschichtsschreibung und Poesie. Dabei gesteht Aristoteles dem Historiker nur das sachlich korrekte Erfassen einzelner Ereignisse zu, während die »philosophischere« Dichtung - im Rahmen der Wahrscheinlichkeit - auch erfinden darf und demzufolge die Möglichkeit besitzt, statt bloßer faktischer Richtigkeit allgemeingültige Wahrheiten darzustellen .
      Demgegenüber hatte Piaton das Dichten als Folge einer göttlichen Inspiration begriffen, die nicht mehr der rationalen Kontrolle unterliegt und insofern primär sinnlich ist . Daraus war von ihm die Befürchtung abgeleitet worden, die Poesie verderbe die Charakterstärke ; sie führe zumal bei der Jugend zu einer Verweichlichung und folglich zu einer Vernachlässigung der sozialen Pflichten. Deshalb wollte er in seinem idealen Staat ausschließlich eine obrigkeitlich kontrollierte Zweckpoesie zur Steigerung des Kampfesmutes dulden . Neben diesem rezeptionstheoretischen Argument, das allein schon die Verbannung der Poesie aus einem gut regierten Staat begründete, hat Piaton die Dichtung auch mit einem erkenntnistheoretischen Argument zurückgewiesen: Jede poetische Darstellung stehe als Nachahmung zufälliger Realitätspartikel in doppelter Distanz zur Wahrheit der außerzeitlichen Ideen und führe von deren Betrachtung ab . Aristoteles hält dem entgegen, daß das Nachahmen dem Menschen angeboren sei und folglich keiner weiteren Rechtfertigung bedürfe. Gerade aufgrund ihrer Affektwirkung sei die Dichtung zudem in der Lage, das Publikum sittlich zu stärken. Denn insbesondere die Tragödie führe zu einer Reinigung der Seele , bei der sich die tragischen Affekte auf ein sozialverträgliches Mittelmaß einpendeln und gesellschaftlich erwünschtes Verhalten erleichtern . Die »Poetik« des Aristoteles leistet darüber hinaus eine an den Gattungsdifferenzen orientierte Systematisierung der dichterischen Formen . Dabei kommt der höchste Rang der Tragödie und dem Epos zu, weil deren Helden die Durchschnittsmenschen sittlich überragen, um der Mi-mesis in solcher Idealisierung ihre philosophische Dimension zu verleihen.
      Der hier skizzierte Gegensatz zwischen Piaton und Aristoteles zieht sich durch die gesamte weitere Geschichte der Dichtungstheorien. Vor allem Aristoteles ist mit der Katharsis-Theorie, mit der Kontrastierung von Tragödie und Epos und mit dem Anspruch auf eine philosophische Wahrheit der Dichtung seit der Wiederentdeckung seiner »Poetik« im italienischen Humanismus bis ins späte 18. Jahrhundert zentraler Orientierungspunkt geblieben.
      Die nach Piaton und Aristoteles dritte antike Autorität ist Horaz mit seiner 14 v. Chr. veröffentlichten Versepistel »De arte poetica«

, die zwischen platonischen und aristotelischen Positionen vermittelt. Im Unterschied zu seinen griechischen Vorläufern setzt sich Horaz weniger mit den Voraussetzungen von Produktion und Rezeption als mit der Sprachgestalt eines poetischen Werks auseinander. Dazu faßt er die Regeln einer vernünftigen Dichtung zusammen, die er im wesentlichen aus dem Vergleich mit den bildenden Künsten ableitet . Indem er die klassische Literatur der Griechen zum Maßstab nimmt, hat Horaz einerseits die Ideale von Einheit , Schlichtheit und Angemessenheit kodifiziert. Andererseits betont er den doppelten Wirkungszweck der Poesie in der Verbindung von Lehrhaftigkeit und sinnlichem Vergnügen: »aut prodesse volunt aut delectare poetae / aut simul« . Im Interesse einer solchermaßen sachgerechten Dichtung plädiert Horaz für eine strenge literarische Kritik zur Abwehr des Dilettantismus und erhebt Einspruch gegen die Ãoberschätzung des poetischen »Enthusiasmus«.
      Eine gegenüber Piaton, Aristoteles und Horaz in vieler Hinsicht innovative Position vertritt um 40 n. Chr. der unter dem Namen »Pseudo-Longinus« geläufige unbekannte Verfasser des nur fragmentarisch überlieferten Traktats »Ãober das Erhabene« . Freilich entfaltete er seine Wirkung erst verspätet: während der italienischen und vor allem der französischen Renaissance; insbesondere beförderte er im späten 18. Jahrhundert den Paradigmenwechsel zur sensualistischen Ã"sthetik. Dieser Anonymus entwirft ein Produktionskonzept, dem es um die Bestimmung von überraschenden, die Seele bewegenden Gegenständen und deren angemessene Darstellung in überwältigender Sprache geht. In Abkehr von den Wirkungsstrategien der -» Rhetorik hebt er die sinnliche Wirkung des Erhabenen hervor, das den Rezipienten nicht überreden, sondern in Verzückung setzen soll.
     

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