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Grundlagen der textgestaltung

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Grundsätzliches



Der Terminus »Poetik« ist aus dem Altgriechischen über das Lateinische , Italienische , Französische ins Deutsche eingegangen und bezeichnet generell die »Dichtkunst« im Sinne einer Theorie der Poesie. Als Sammelbegriff umfaßt er die verschiedenen Formen und Dimensionen der Reflexion über »schöne« bzw. kunstvolle Literatur; insofern ist die Poetik als eine philologische Grundlagendisziplin zu verstehen. »Poetiken«, d. h. Abhandlungen zur Poetik, behandeln das Dichten zuzeiten normativ, indem sie den Autoren Anweisungen für ihr Schaffen geben; zuzeiten gehen sie deskriptiv vor, um das Wesen und/oder die Geschichte der Dichtung herauszuarbeiten. Ihr Geltungsanspruch schwankt zwischen universell und individuell.
      Zu den zentralen Themenbereichen der Poetik gehören: der Ursprung der Dichtung, deren Beziehung zu den anderen Künsten sowie ihr Verhältnis zur Lebenswirklichkeit und ihre ethisch-soziale Rechtfertigung, das System der -» Gattungen und deren ästhetische Gesetze, die Eigenschaften des wahren Dichters und die Entstehungs- wie Rezeptionsbedingungen der Werke, die Bestimmung unterschiedlicher -> STiL-Lagen und ihre Eignung für die jeweiligen Gegenstände, die Verslehre sowie die Voraussetzungen für literarische -> Kritik und -> Hermeneutik. Infolgedessen überschneidet sich die Poetik in wechselndem Maß mit der Ästhetik und der -> Rhetorik. Heute partizipiert sie als - auch historisch arbeitende - Teilwissenschaft an der Ästhetik als der Philosophie des Schönen.
      Bei Piaton und Aristoteles, dessen »Poetik« neben der Dichtung auch die anderen »mimetischen« Künste einbezog, ist die Poetik noch mit allgemeiner Kunstphilosophie vermischt. Erst während der römischen Kaiserzeit bildete sich in
Reaktion auf die -» Rhetorik eine Literaturlehre im engeren Sinn heraus, die sich auf Richtlinien für gutes Dichten konzentrierte. Diese Entwicklung führte in der intensiven Horaz-Rezeption vom Mittelalter bis zur Renaissance zu einer rhetorischen Instrumentalisierung der Poetik. Wie zu dichten war, wurde nach dem Schema-»inventio - dispositio - elocutio« gelehrt . Als zentrale Wirkungsabsicht der Dichtung galt wie in der Rhetorik das »movere«: die sinnliche Affizierung des Lesers oder Zuhörers. Auf dieser Basis fand die Poetik in der italienischen Renaissance zu einer Traktat-Form, die zunächst Auskunft gab über Eigenart und Entwicklung der Dichtung, dann eine Hierarchie der literarischen Gattungen definierte und schließlich verbindliche Vorschriften für künftige Dichter zusammenstellte. Dabei orientierte man sich gleichermaßen an den theoretischen wie poetischen Autoritäten der griechischen und römischen Antike . Erst im Lauf des 18. Jahrhunderts enthob die zunächst in England erfolgreiche »Genie«-Lehre mit ihrer Überbietung des platonischen »Enthusiasmus«-Gedankens den poetologischen Aristotelismus seiner Vormachtstellung. Mit der Bindung an die Muster verlor die Poetik in der Folge inhaltlich wie formal ihren systematischen Charakter. Nun untersuchte sie nicht mehr die Dichtung in deren gesamtem Umfang, sondern konnte sich auf einzelne Gattungen beschränken , nationale Sonderentwicklungen reflektieren und alternative Wirkungsstrategien entwerfen. Diese Wende im 18. Jahrhundert manifestiert sich im Aufstieg des »Erhabenen« zum Komplementärbegriff des »Schönen«. Bis dahin hatten stereotyp die Themenbereiche der antiken Poetiken im Vordergrund gestanden . Das Verständnis von Dichtung als einer schöpferischen Tätigkeit im Unterschied zur Nachahmung von Wirklichkeit brachte neue Aspekte in die Diskussion ein. Sie führten von der Lehrbarkeit des Dichtens weg, stellten den geschichtlichen Wandel der Poesie in den Mittelpunkt und näherten die Poetik wieder an die Ästhetik an. Im gleichen Maße, in dem sich die Dichtung semantisch öffnete und zunehmend erläuterungsbedürftig wurde, vollzog die Poetik zwei Wandlungen: Einerseits übernahm sie die Aufgabe der individuellen Explikation . Andererseits verschwand im romantischen Begriff der »Transzendentalpoesie« die bis dahin selbstverständliche Grunddifferenz zwischen Poesie und Poetik; auch dadurch wuchsen der Dichtungstheorie neue Aufgaben zu. An die Stelle der nachträglichen Theoretisierung der poetischen Tradition oder der Erläuterung des dichterischen Handwerkszeugs trat die Reflexion auf die sprachtheoretischen Grundlagen des Dichtens. Infolge dieses Funktionswandels hat die Diskussion seitdem an Übersichtlichkeit verloren. So wie sich die Poetik in formaler Hinsicht in verschiedene Textsorten aufspaltete , differenzierte sie sich auch inhaltlich aus: in allgemeine Literaturwissenschaft oder Poetikgeschichte, in wissenschaftliche oder private Definition des Dichterischen.
     

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