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Paratexte



Mit dem von Gerard Genette geprägten Begriff des Paratextes werden die Rahmenstücke eines Textes zusammenhängend erfaßt, die keine Bestandteile von ihm sind, ihn gleichwohl auf das engste umgeben und zu ihm in einem vielfach komplexen Verhältnis stehen. Gegenüber bisherigen Forschungen auf diesem Gebiet, die sich >avant la lettre< meist einzelnen Formen des Paratextes vorzugsweise unter literaturhistorischen Gesichtspunkten gewidmet haben, tritt die Paratextforschung mit deutlich systematischem Interesse auf. Dazu gehört nicht nur, daß Genette die Formen und Funktionen der Paratexte bei der Kommentierung und Analyse eines Textes geschlossen in Betracht zu ziehen empfiehlt, sondern dazu gehören vor allem auch seine typologischen Angebote zur Unterscheidung und Subklassifikation der einzelnen Formen des Paratextes. Hierin besteht der Gewinn des als Ganzes noch wenig genutzten Instrumentariums der Paratextforschung.
      Genette unterscheidet zwei Bereiche des Paratextes . In einen weiten Bereich faßt er außerhalb des gedruckten Werkes stehende Paratexte: öffentliche Äußerungen eines Autors zu seinem Werk sowie nicht zur Veröffentlichung vorgesehene Autornotizen, auch Vorstufen einer endgültigen Textfassung, Entwürfe und Skizzen . Auch eine ganze Reihe von verlegerischen Texten zu einem Text gehört in diesen Bereich: Plakate, Prospekte und Anzeigen.
      In einen engen Bereich des Paratextes faßt Genette die Rahmenstücke eines Textes innerhalb eines gedruckten Buches. Hierher gehört erstens die publizistische Erscheinung eines Textes: der Buchumschlag, das Papier, das Format, die Typographie sowie Illustrationen. Zweitens gehören die textuellen Rahmenstücke hierher: die Angabe des Autornamens, der Titel, das Vorwort, die Widmung, das Motto und die Anmerkung. Nur diese Gattungen, die den Kern des Paratextes bilden, werden im folgenden skizziert.
      Die Angabe des Autornamens kennt mehrere Formen: neben der Angabe des authentischen Namens die pseudonyme Namensnennung. Daneben gibt es die anonyme Verschweigung des Autornamens. Obwohl die Angabe des authentischen Dichternamens erst in der Neuzeit üblich ist, ist sie in Altertum und Mittelalter keines-wegs unbekannt. Vergil nennt sich am Ende der »Georgica«, nicht aber in der »Aeneis«, denn das Epos ist nach homerischem Vorbild die Wiedergabe dessen, was die Muse verkündet. Hesiod nennt sich zu Beginn der »Theogonie«, Dante im 30. Gesang des »Fegefeuers« in seiner »Divina Commedia«.
      Die Gründe für eine anonyme Veröffentlichung sind vielseitig. Es kann sich darin Einsicht in die mangelhafte ästhetische Qualität eines Textes, Bescheidenheit oder die Befolgung eines Verbots der Namensnennung ausdrücken . Anonymität kann außerdem vor öffentlicher Brüskierung und Verfolgung schützen oder bei Veröffentlichungsverbot die Publikation eines Buches sichern .
      Üblicherweise ist das Pseudonym ein erfundener Name, nur selten der authentische Name eines anderen Autors. Die Substitutionsoperation, mit der die Wahl eines Pseudonyms vorgenommen wird, kann unterschiedlichen Komplexitätsgrad haben; das Spektrum reicht von der Ersetzung einfachster Art über viele Zwischenstufen bis zur anspruchsvollen Anagrammbildung. Die Motive für die Wahl eines Pseudonyms sind vielfältig. Sie können im Wohlklang eines Pseudonyms gründen, wie vermutlich im Fall von »Klabund«, in der Notwendigkeit zur oder der Lust an der Verbergung oder in der Wertschätzung eines Autors für einen anderen . Viele weitere Gründe sind denkbar.
      Der Titel eines Textes ist sein Name. Auch wenn die Wahl eines Titels grundsätzlich keinen Restriktionen unterliegt, gehen die Urheber von Titeln doch sehr überlegt mit ihrer Freiheit in dieser Hinsicht um: Im Titel wird der erste, oft werbende Kontakt zwischen Text und Leser gesucht oder werden erste vorverweisende Informationen über den nachfolgenden Text gegeben. Im Einzelfall geben Titel wichtige Anhaltspunkte für das Textverständnis .
      Die Titelforschung hat sehr viele Anstrengungen unternommen, die Vielfalt der Titelerscheinungen nach formalen Kriterien typo-logisch zu ordnen . Eine in diesem Sinn schlüssige und sinnvoll anwendbare Typologie existiert hingegen nicht. Andere Forschungen ordnen in Anlehnung an neuere semiotische Textmodelle verschiedene sprachliche Ebenen des Titels oder in Anlehnung an Roman Jakobsons Sprachmodell verschiedene Funktionen des Titels .
     
Die Verbreitung des auf dem Haupttitelblatt und gegebenenfalls auf dem Buchrücken und Buchumschlag mitgeteilten Titels ist eine Erscheinung der Neuzeit und setzt die Erfindung des Buchdrucks voraus. Im Altertum war der Titel allenfalls als »titulus« bekannt: als Textname auf einem kleinen, einer Buchrolle beigegebenen Zettel, oder als Eintrag am Textanfang. Die spätantiken und mittelalterlichen Kodizes behalten diese Formen der Titelgebung bei. In der Frühzeit des Buchdrucks übernimmt oft das Kolophon, der Druckvermerk im Anschluß an den Haupttext, Titelfunktion. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts setzt sich die bis heute lebendige Institution des Titelblattes durch. Im 17. Jahrhundert sind Titel vielfach prunkvolle und raumgreifende, nämlich fast ganzseitige Gebilde. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wird dieser Usus gelegentlich parodiert und danach im übrigen kaum mehr befolgt. Der knapp formulierte Titel setzt sich in dieser Zeit durch.
      Die Überschrift eines Kapitels und die eines Aktes oder einer Szene bilden Varianten des Titels. Am Ende des 15. Jahrhunderts dringen Kapitelüberschriften in den Roman ein und bleiben bis in das 18. Jahrhundert hinein gebräuchlich . Moderne Fortsetzungen dieser Tradition sind häufig ironisch gebrochen . Überschriften von Akten und Szenen spielen narrative Elemente in einzelne Dramen ein .
      Das Vorwort ist üblicherweise ein in expositorischer Prosa abgefaßtes Rahmenstück, das vor einem einzelnen Text oder einer Textsammlung deutlich abgesetzt steht und sich auf den Leser, das nachfolgende Werk oder den Urheber des Vorworts bezieht . Vorworte können vereinzelt auch szenisch-dialogische oder metrisch gebundene Form annehmen . Nur ausnahmsweise treten Vorworte gleichsam nackt, nämlich ohne nachfolgendes Werk auf . Gewöhnlich ist der Autor eines Werkes auch der Verfasser des Vorworts. Doch auch Herausgeber zeichnen für Vorworte verantwortlich. Gelegentlich läßt ein Autor eine fiktive Figur als Vorwortverfasser auftreten . Die Herausgeberfiktion ist bereits mitgedichteter Teil des Haupttextes. Die Funktionen des Vorworts sind vielfältig und kaum auf einen Nenner zubringen; die Mehrzahl, so Genette, will die gute Lektüre eines Textes gewährleisten . Ähnliches ließe sich auch zum Nachwort sagen, das eine zurückhaltende Variante des Vorworts ist.
      Die Geschichte des Vorworts hat ihre Ursprünge in der Antike. Vorformen sind das Proömium im Epos und das Exordium in der Rhetorik; auch Einleitungsformeln in antiken Romanen und historiographischen Werken können als Vorformen gelten. Eine buchgeschichtliche Vorform des Vorworts bildet die knappe Inhaltsangabe, die sich in Antike und Mittelalter oftmals zu Beginn einer Handschriftenrolle findet. Erst infolge der Erfindung des Buchdrucks beginnt die Verbreitung des Vorworts . Die Wiegendrucke in der frühen Phase des Buchdrucks enthalten nur vereinzelt Vorworte; im 16. Jahrhundert bildet das Vorwort bereits eine übliche paratextuelle Institution des gedruckten Buchs. In dieser Zeit wird die gattungstypische Vielfalt an Themen und Strategien nahezu vollständig ausgebildet. Das Vorwort dient vornehmlich dem Appell an den Leser, der Rechtfertigung des Textes oder der vorweggenommenen Entgegnung auf eine mögliche Kritik. Das 16. und 17. Jahrhundert unterwerfen das Vorwort dem Diktat der -> Rhetorik. Entsprechend würdig und schmuckvoll fällt es in Texten der höfisch-gelehrten Welt aus , entsprechend wenig kunstvoll tritt es im Bereich der volkstümlichsatirischen Dichtung in Erscheinung . Im 18. Jahrhundert gehört das Vorwort zunächst unangefochten zu den paratextuellen Rahmenstücken eines Buches. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verliert das Vorwort jedoch an Prestige. Der Leser - so Jean Paul in der Vorrede zur dritten Auflage des »Hesperus« - stirbt auf dem Weg zum Buch. Viele Autoren in dieser Zeit machen keinen weiteren Gebrauch von dieser Gattung, andere brechen mit ihren Konventionen, indem sie einzelnen Vorworten den Charakter kleiner reizvoller Phantasiestücke verleihen . Trotz ausweisbarer Gegenbeispiele setzen sich diese Tendenzen bis in das 20. Jahrhundert fort. Vorworte werden in Dichtungen gemieden oder doch möglichst knapp formuliert. In literarischen Anthologien hingegen ist das Vorwort bis heute üblich geblieben.
      Während eine unikale, meist handschriftliche Widmung die tatsächliche Schenkung eines Exemplars von einem Werk signalisiert,handelt es sich bei einer gedruckten Widmung um die symbolische Zueignung eines Werkes. Die Textsorte >Widmung< ist durch dreierlei charakterisiert: einen Widmungsspender, einen Widmungsgegenstand und einen Widmungsadressaten. Der Widmungsspender ist gewöhnlich der Autor eines Buches; er kann aber auch der Drucker, der Verleger, der Übersetzer oder der Herausgeber eines Buches sein . Widmungsgegenstand ist gewöhnlich ein Buch; er kann aber auch der Teil eines Buches oder einer Zeitschrift, etwa ein einzelnes Gedicht oder ein einzelner Essay, sein. Der Widmungsadressat ist zumeist eine reale Einzelperson; aber auch Personengruppen wird gewidmet , ebenso nicht-menschlichen Wesenheiten wie fiktiven Figuren . Die Widmung steht gewöhnlich am Anfang eines Buches, hinter dem Titelblatt und vor dem Vorwort. Nur selten steht sie an anderer Stelle, etwa am Ende eines Textes .
      Widmungen lassen sich in drei Typen gliedern . Es gibt Widmungen, die nach der Art von Inschriften dicht im Stil formuliert und oft auf Mittelachse gesetzt sind. Solche Widmungstafeln richten sich an Adressaten, die üblicherweise den Rang des Widmungsspenders weit übertreffen . Andere Widmungen bedienen sich der Briefform : mit Anrede, Datum und Unterschrift . Ein dritter Widmungstyp, die Widmungsrede, lehnt sich an das rhetorische Zeremoniell der Ansprache an: im Stil prunkvoll und oft in Versen verfaßt .
      Die Geschichte der Buchwidmung beginnt nicht erst mit der Erfindung des Buchdrucks, sondern schon in der Antike. Horaz stellt seinen »Oden« das berühmte an Maecenas gerichtete Widmungsgedicht voran. Das mittelalterliche Buch kennt die Praxis des Widmungsbildes. In solchen Bildern wird die Überreichung einer Gabe durch einen vor einem ranghohen Adressaten knienden Widmungsspender dargestellt .
      Im 16. und 17. Jahrhundert gehört die Widmung zu den üblichen Ausstattungsstücken des Buches. Außer sehr kleinen und anonymerschienenen Schriften wird nahezu jedes Buch gewidmet, und zwar hauptsächlich aus zwei Gründen: aus materiellen - der Widmungsspender erhält einen Ehrenlohn für seine geistige Arbeit -und aus verlagspraktischen - für die Widmung wird im Gegenzug oftmals ein Privileg ausgesprochen, das ein Buch bedingt vor unerlaubtem Nachdruck schützt. Widmungsadressaten sind in dieser Zeit vorwiegend hochgestellte Amts- und Würdenträger. Selten hingegen werden Widmungen an bürgerliche Adressaten gerichtet, die dem Widmungsspender gleichgestellt sind . Gleichfalls eine Ausnahme stellen in dieser Zeit die gruppenbildenden Widmungen im Kreis der Pegnitzschäfer dar -lange vor ähnlich gearteten Widmungstexten in den Werken der älteren Romantiker sowie in denen der Theoretiker der Frankfurter 'Schule.
      Im 18. Jahrhundert erfährt das Widmungswesen deutliche Veränderungen. Das bürgerliche Selbstbewußtsein sowie die wachsende ökonomische Unabhängigkeit einiger Dichter in dieser Zeit und ein Geschmackswandel, der sich von der Rhetorik als Bezugspunkt der literarischen Praxis lossagt, führen dazu, daß überhaupt weniger gewidmet wird, einzelne Widmungen auf das Nötigste reduziert werden oder Widmungen zu einem Spielfeld poetischer Phantasie werden . Insgesamt nimmt der soziale Unterschied zwischen Widmungsspender und Widmungsempfänger ab.
      Das sich seit dem 19. Jahrhundert etablierende Urheberrecht begünstigt die Entwicklungen und Tendenzen, die im 18. Jahrhundert ein- und sich bis in das 20. Jahrhundert fortsetzen. Nennenswerte Veränderungen gegenüber der Tradition sind nicht prinzipieller Natur. In neuester Zeit werden in Widmungen private Verhältnisse zunehmend nur noch in verschlüsselter Form öffentlich bezeugt . Manchmal wird die Gattung parodiert . Vielfach nehmen Widmungen Mottocharakter an . Literarische Massenware wird im 20. Jahrhundert nicht gewidmet, selten auch Dramen.
      Das Motto ist ein Sinnspruch spezieller Natur. Es ist üblicherweise einem Text oder dessen Vorwort unmittelbar vorangestellt oder auf dem Titelblatt plaziert. Es kann aber auch einem Kapitel oder einem Akt vorangestellt sein. Ein Motto ist konventions-gemäß ein Zitat, das vollständig oder im Wortlaut leicht variiert und meist unter Angabe seiner Herkunft in die paratextuelle Umgebung eines Textes integriert ist. Es handelt sich im Regelfall um ein Fremdzitat und nur selten um ein Selbstzitat oder ein erfundenes Zitat. Motti können einzeln oder in Serien auftreten . Sie dienen der Kommentierung des nachfolgenden Textes, ohne daß in jedem Fall eine Verdeutlichung seines Sinns erreicht würde. Manche Motti haben Schmuckfunktion: sie erleuchten einen Text mit dem Glanz fremder Namen und Werke.
      Die Geschichte des Mottos ist vergleichsweise jung und reicht nicht vor das 17. Jahrhundert zurück. Vorformen des Mottos sind das autoritative Zitat in der Rhetorik, die Inschrift auf Denkmälern, Tafeln und Medaillen und die spätmittelalterliche Devise . Im 17. Jahrhundert entwickelt sich das Motto allmählich zu einer literarischen Form. Erst im 18. Jahrhundert von Liscow über Gleim und Gessner bis Winckelmann, Lessing, Wieland, Hamann, Schiller und Forster wird das Motto wie selbstverständlich gepflegt. Die Motti des 17. und weitgehend auch die des 18. Jahrhunderts zitieren aus der klassischen römischen Literatur: aus Cicero, Horaz, Seneca und Juvenal. Vor allem Johann Georg Hamann ist es, der dieses Spektrum erweitert; er bezieht einen reichhaltigen Vorrat an Motti aus der Bibel und aus der französischen, englischen sowie der griechischen Literatur. Im Bereich der deutschen Literatur zeigt sich das Motto seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als prinzipiell frei zur Zitation aus jederlei literarischem Text.
      Literarische Anmerkungen in Form von Fußnoten am unteren Rand einer Seite oder im Anschluß an einen Text gehen auf die Scholiastentradition des gelehrten Kommentierens von Werken namhafter antiker Autoren zurück. Besonders in Zeiten, die zum Polyhistorismus neigen, ist das Anmerkungswesen auch von Dichtern betrieben worden. Häufig zeichnen sich Texte mit historischen Stoffen sowie Lehrdichtungen durch einen ausgreifenden Anmerkungsapparat aus. Das Barockzeitalter bietet viele Beispiele für solch eine im Buch mitgeteilte Gelehrsamkeit . Auch später noch erhält sich das Anmerkungswesen des >poeta doctus

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