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Zum Gebrauch metrischer Formen



Die Bestimmung der Versgestalt eines Textes setzt ihre Beschreibung voraus. Doch damit ist nur das erste Wort zu ihrer Eigenart gesagt. Neben der Analyse des Rhythmus eines Verstextes, die das individuelle Verhältnis von Prosodie und Versifikation zu erfassen hat , wäre auch die Semantik metrischer Formen zu bestimmen. Dazu ein Beispiel.
      Von den metrischen Systemen, die sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in der deutschen Dichtung etabliert haben, hat es vor allem Goethe verstanden, weitreichenden Gebrauch zu machen. Neben seinem lyrischen Werk ist es der »Faust«, der sich mit Entschiedenheit der überlieferten metrischen Formenwelt bedient. Das Drama ist darum auch mit gutem Recht als »summa metrica« bezeichnet worden .
      Der streckenweise librettohafte Gebrauch der vielen Vers-, Strophen- und Gedichtformen im »Faust« bezweckt Vielfältiges. Eine Gruppe von Versmaßen wird beispielsweise zur Kennzeichnung von einzelnen Sprechern verwendet. Faust etwa spricht überwiegend in den sogenannten Faust-Versen. Diese Verse, die keine feste Reimordnung und keine feste Hebungszahl vorschreiben, eignen sich durch ihre systematisch angelegte Unregelmäßigkeit als Konversationsvers; sie konstituieren den Parlandoton der Hauptfigur. Margaretes metrischer Code hingegen ist überwiegend durch Knittelverse gekennzeichnet; das einfache Versmaß steht in Relation zur sozialen Herkunft von Margarete, gewiß auch zur Eigenart ihres Charakters. Auch das einfach gebaute und von Margarete zum Zeitvertreib gesungene Lied vom »König in Thule« bildet individuelles Kolorit ab. In ähnlichem Sinn zeichnet sich die Rede des Schülers in der Studierzimmer-Szene durch ihre Nähe zum Knittelvers aus. Mephistos Rede ist nicht überwiegend einem metrischen Muster verpflichtet; er versteht sich auf diesen und jenen Ton und ist darum - seiner proteushaften Gestalt durchaus angemessen - ein metrisches Chamäleon. Helena im zweiten Teil des Dramas spricht vorwiegend in Trimetern, streckenweise auch in trochäischen Tetrametern, wodurch die Aura des Antiken sinnfällig gemacht wird. Beide Versmaße nämlich sind antiker Herkunft; sie sind in der antiken dramatischen Dichtung gebraucht worden.
      Andere metrische Formen kennzeichnen bestimmte Situationen im »Faust«. Margaretes Rede in der Kerkerszene , diezunächst in Knittelversen verfaßt ist, geht allmählich in Freie Rhythmen über, die an manchen Stellen lizenzweise von Reimen durchsetzt sind: eine metrische Gestaltung des Wahnsinns. In ähnlicher Weise fällt Margaretes Rede in der Domszene aus der Rolle: die freirhythmische Rede ihres Gegenübers, des bösen Geistes, steckt sie an. Fausts Eingangsmonolog ist in Knittelversen verfaßt, um das Altdeutsche dieser Szene zu betonen. Die Blankverse seiner Rede in der Szene »Wald und Höhle« betonen deren Charakter der Selbstaussprache; sie erinnern auf metrischer Ebene an die großen Monologe in den Dramen Shakespeares. Die einzige Prosaszene des »Faust«, die kleine Szene »Trüber Tag. Feld«, ist zugleich auch die prosaischste im ganzen Drama. Fausts Rede hätte nicht das ihr an dieser Stelle eigentümliche Rohe, wäre sie in Versen verfaßt. Der vierte Akt im zweiten Teil des »Faust« wird durch die Szene »Des Gegenkaisers Zelt« beschlossen. In der Szene tritt höchstes höfisches Personal auf, weltliche und kirchliche Herrschaften dominieren die Szenerie , und darum wird an dieser Stelle in zeremoniellen Heroischen Alexandrinern geredet. Der typische Vers des Barockdramas wird zitathaft in diese Szene eingespielt. Fausts erste Rede im zweiten Teil des Dramas , nach einem Schlaf gesprochen, der ihm Heilung von den Wirrungen der Gretchen-Tragödie gebracht hat, ist in Terzinen gekleidet. Die Verse verweisen Fausts bald einsetzende Wanderschaft durch Raum und Zeit und schließlich seine Seligsprechung in ein intertextuelles Kraftfeld von weltliterarischem Niveau: Auch Dantes »Divina Commedia«, das in Terzinen verfaßte italienische Weltgedicht, auf das sich Goethe durch die Wahl der metrischen Form an dieser Stelle bezieht, hat eine Art Wanderschaft zum Thema: die des Dichters Dante durch Hölle, Fegefeuer und Paradies.
      Den sinnreichsten Gebrauch von Vers und Reim macht Goethe im dritten Akt des zweiten Teils des Dramas, insbesondere in der Szene »Innerer Burghof«. In den Gestalten Helenas und Fausts begegnen einander die Sprach- und Kulturwelten der Antike und Moderne; für einen kleinen Moment vereinigen sie sich sogar, und sie tun dies auch auf der Ebene der Versgestalt des Dramas. Zum Zeichen seiner Bereitschaft zur Annäherung an Helena spricht Faust gleich in seiner ersten Rede in dieser Szene nicht mehr in gereimten Versen, sondern in Blankversen. Helena reagiert darauf und spricht nun ihrerseits in diesem Versmaß. Kurz darauf kommt es zu einer Wechselrede, in der das Band zwischen Faust und Helena noch en-ger geknüpft wird: Helena setzt einzelne Redebeiträge von Faust unter Verwendung des Reims fort . Danach wird die vollzogene Vereinigung von Faust und Helena im beiderseits betriebenen, vielfältigen Reimspiel sinnfällig gemacht . Nachfolgend spricht Faust in jambischen Trimetern, dem Versmaß, das sonst üblicherweise Helena gebraucht - ein metrisches Zeichen dafür, daß Faust ihr Gemahl ist. Am Ende des dritten Aktes trennen antike und moderne Welt sich wieder. Zwar klingt in Fausts Eingangsmonolog zu Beginn des vierten Aktes das gerade Erlebte noch nach, aber dann wechselt seine Rede zum Faust-Vers über: Faust gehört wieder derjenigen Sphäre an, aus der er kommt.
      Mit einigem Recht läßt sich der Gebrauch, den Goethe im Helena-Akt des »Faust« von metrischen Formen macht, als ikonisch bezeichnen: Die Verskunst in diesem Akt bildet auf weite Strecken ab, was in ihm geschieht.
     

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