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Versgeschichte am Beispiel der deutschen Dichtung seit dem I6. Jahrhundert



Die Verse einer Vielzahl von Texten vor allem des 16. Jahrhunderts sind grundsätzlich durch den Reim und fast immer durch die Anzahl der Silben bestimmt. Nach diesem metrischen System ist der Knittelvers gebildet. Dieses Versmaß, das im 16. Jahrhundert in epischer und dramatischer Dichtung ein Standardmaß darstellt, ist vor allem aufgrund seines ungeregelten Gebrauchs von Hebungen und der vielfach nachweisbaren Unfertigkeit in der Reimbildungwährend des 17. Jahrhunderts in Verruf geraten. Die strenge Variante des Knittelverses, die vor allem von Hans Sachs, Sebastian Brant und Johann Fischart gepflegt wurde, ist darum später nicht mehr aufgegriffen worden. Hingegen ist der Freie Knittelvers aus höheren Absichten der Dichter seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wieder gebraucht worden; ihn verwenden Goethe , Kortum und noch Hauptmann sowie Peter Weiss .
      Einfache und produktionsästhetisch vergleichsweise leicht zu verwirklichende metrische Regeln unterliegen auch der Volkslieddichtung. Sie ist mündlich überliefert; die Verfasser der einzelnen Volksliedtexte sind nicht namhaft zu machen. Die Volkslieder sind in Strophen gegliedert, diese wiederum durch Reime gebunden. Die Silbenzahl der einzelnen Verse ist nicht vorgeschrieben; die Zahl der Hebungen beläuft sich um der Sangbarkeit willen auf drei oder vier; die Abfolge der Kadenzen eines Strophenmaßes ist jeweils reglementiert.
      Zu den häufig auftretenden Volksliedstrophen gehören die Vagantenstrophe, die aus acht kreuzgereimten Versen mit abwechselnd vier und drei Hebungen sowie abwechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen gebildet wird , die Hildebrandsstrophe, die aus acht kreuzgereimten Versen mit jeweils drei Hebungen und abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen gebildet wird und die Chevy-Chase-Strophe, die aus vier kreuzgereimten Versen mit abwechselnd vier und drei Hebungen sowie durchgehend männlichen Kadenzen gebildet wird. Daneben sind in der Volkslieddichtung des
16. Jahrhunderts noch einige Strophenmaße mit ungerader Verszahl gebräuchlich. Schon im 17., vor allem-aber im 18. Jahrhundert werden die Strophenmaße der Volkslieddichtung in die seit dieser Zeit als Kunstform betriebene Lieddichtung überführt. Das Kunstlied wird von Goethe, dann von Romantikern wie Brentano und Eichen-dorff, auch von Heine und Mörike, in neuester Zeit von Brecht und Biermann gebraucht. Für die volksliedhafte Lyrik gilt jedoch, was auch über die sogleich zu nennende Kirchenlieddichtung zu sagen wäre: Im Anschluß an die Versreform von Opitz werden seit dem
17. Jahrhundert die Lieddichtungen fußmetrisch, meist jambisch reguliert.

     
Der Meistersang, der noch im 16. Jahrhundert in Blüte stand, mit dem Niedergang der Singschulen aber an Bedeutung verloren hat und für die poetische Praxis seit Beginn des 17. Jahrhunderts allmählich unwichtig wurde, reguliert anders als das Volkslied, aber dem Strengen Knittelvers ähnlich die Verse hinsichtlich ihrer Silbenzahl; Strophen werden gereimt; die Anzahl der Hebungen ist nicht vorgeschrieben.
      Das Kirchenlied des 16. Jahrhunderts kennt ähnliche metrische Muster wie der Meistersang: Die Silbenzahl ist vorgeschrieben, nicht aber die Anzahl der Hebungen; die Strophen sind fast immer durch den Reim gebunden; manchmal treten ungereimte Einzelverse auf.
      Beim Wechsel vom 16. zum 17. Jahrhundert werden nach französischem Vorbild allerlei metrische Formen neu in die deutsche Dichtung eingeführt. Zu diesen Erscheinungen der deutschen Renaissance, die immer noch den traditionellen metrischen Prinzipien der Reimung und der Silbenzählung folgen, gehören neben dem Alexandriner auch das Sonett und die meist aus drei oder fünf dreiteiligen Strophen bestehende Pindarische Ode.
      Mit dem »Buch von der Deutschen Poeterey« von Martin Opitz wird ein in der deutschen Versgeschichte epochemachendes, neues metrisches System begründet . Bis heute wird vielfach nach den Regeln dieses nach niederländischem Vorbild etablierten Systems gedichtet. Die wesentliche Neuerung des durch Opitz kodifizierten metrischen Systems betrifft das Prinzip der fußmetrischen Regulierung: Die Silben werden gemäß ihrer Akzentgewichte im Vers einer jambischen oder trochäischen Ordnung unterworfen. Außerdem verlangt Opitz, wie es schon in der Versdichtung der Renaissance Praxis war, eine feste Silbenzahl im Vers sowie den Reim. Vom Reim wiederum verlangt Opitz Reinheit; der noch in der Renaissancedichtung erlaubte rührende Reim wird von ihm verboten, ebenso die Auslassung des auslautenden »e« vor einem anlautenden Vokal . Opitz selbst hat mit seinen »Teutschen Poemata« Musterbeispiele für fußmetrisch gebaute Dichtungen gegeben.
      Im Rahmen der Opitzschen Versreform bewegen sich schon im Zeitalter des Barock, aber auch später allerlei Variationen des ursprünglich etablierten metrischen Systems. Das madrigalische Gedicht etwa zeichnet sich durch die freie Anzahl der Silben je Vers sowie die freie Anzahl der Verse aus; die Reimordnung ist, wie nochdas madrigalische Erzählgedicht des 18. Jahrhunderts zeigt , frei und kann Waisen enthalten.
      Schon wenige Jahrzehnte nach Opitz' Reform werden im Vers der Barockdichtung auch daktylische und anapästische Maße erlaubt. Es entstehen in dieser Zeit auch aus einzelnen Versfüßen gemischte Maße, die »mengtrittigen« Versmaße. Im übrigen wird im 17. Jahrhundert neben dem beliebten Alexandriner der auch trochäischer Septenar genannte trochäische Tetrameter gebraucht ). Erst im 18. Jahrhundert tritt der reimlose Blankvers auf, der sich nach ersten Versuchen vor allem durch Wieland in Deutschland bald durchsetzt und seit dem Ende des 18. Jahrhunderts für lange Zeit den konventionellen Dramenvers bildet.
      Die Strophenmaße, in denen sich die Dichter des 17. Jahrhunderts versuchen, stammen weitgehend aus der Volkslied- und Kirchenlieddichtung der älteren Tradition sowie dem Bestand der Renaissancedichtung. Das in Terzinen abgefaßte Gedicht, dessen Verse sich üblicherweise aus elf jambisch regulierten Silben zusammensetzen und durch die fließende Reimfolge a b a beb ede ... yzyz miteinander verbunden sind, findet in der deutschen Dichtung erst im 18. Jahrhundert Anklang, ohne jemals wirklich beliebt zu werden. Dasselbe gilt für die Stanze.
      Zu den Gedichtmaßen, die im 17. Jahrhundert in Blüte standen, gehört das in dieser Zeit aus Alexandrinern zusammengesetzte Sonett. Daneben wurden auch gebraucht: die Sestine und das Rondeau. Die Sestine setzt sich aus sechs sechszeiligen Strophen zusammen, deren jeweilige Reimwörter in der nächsten Strophe identisch, jedoch in regelhaft variierter Abfolge wiederholt werden ; ein dreizeiliges Geleit, das die Sestine abschließt, greift die Reimfolge der ersten Strophe wieder auf. Das Rondeau ist ein aus dreizehn Versen bestehendes Gedichtmaß; der Anfang des ersten Verses wird nach dem achten Vers und am Ende des Gedichts wiederholt; es gibt nur zwei Reimklänge.
      Das 19. Jahrhundert fügt diesem Bestand unter anderem noch einige Gedichtmaße orientalischer Herkunft hinzu, insbesondere das Ghasel. Dieses Gedichtmaß setzt sich aus zehn bis zwanzig Versen zusammen; die Ordnung der Reime hat folgendes Muster:aaxaxaxa...xa
Eine versgeschichtliche Innovation, die sich sowohl im einzelnen als auch im ganzen von dem durch Opitz gegebenen metrischen System absetzt, wird im 18. Jahrhundert durch das Werk von Klopstock markiert. Das Neuartige einer Vielzahl seiner Dichtungen ist dadurch gekennzeichnet, daß es Verse nicht nach festgeschriebener Silbenzahl bildet und nicht in Reimen bindet, sondern sie ähnlich der antiken Metrik allein nach Größen baut. Aber anders als die antike griechische Metrik, die das phonetische Material nach langen und kurzen Silben unterscheidet, trifft Klopstock eine Unterscheidung zwischen schweren und leichten Silben. Dementsprechend sind die Hexameter seines biblischen Epos »Der Messias« und seine aus Hexameter und Pentameter gebildeten Distichen, die er in epigrammatischer Dichtung und in der Elegie verwendet, akzentuierend und nicht quantifizierend gebaut. Johann Heinrich Voß ist in seinen frühen Ãœbersetzungen der homerischen Epen dem Klop-stockschen Vorbild gefolgt, ebenso Goethe in seinen Hexameterdichtungen . Noch Thomas Manns »Gesang vom Kindchen« und Gerhart Hauptmanns »Till Eulenspiegel« folgen den Spuren von Klopstocks Hexametern. Distichen Klopstockscher Prägung sind vielfach im 18. und 19. Jahrhundert verwendet worden. Erwähnt seien nur Goethes »Römische Elegien«.
      Neben der Einführung des Hexameters sowie des Distichons gehört zu Klopstocks wirkungsreichen Taten die Prägung von allerlei antikisierenden Odenmaßen. Drei davon haben sich in der Nachfolge Klopstocks durchgesetzt. Die erste Strophe von Klopstocks »Friedensburg« ist eine Asklepiadeische Strophe:
Selbst der Engel entschwebt Wonnegefilden, läßt Seine Krone voll Glanz unter den Himmlischen, Wandelt, unter den Menschen Mensch, in Jünglingsgestalt umher.
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Die Alkäische Strophe, hier repräsentiert durch die erste Strophe von Klopstocks »Die Stunden der Weihe«, und das ihr zugrundeliegende metrische Muster:

Euch, Stunden, grüß' ich, welche der Abendstern Still in der Dämmrung mir zur Erfindung bringt, O, geht nicht, ohne mich zu segnen, Nicht ohne große Gedanken weiter!v-v-v'-vv-v— v-v-v'-vv-v— v-v-v-v-v -vv-vv-v-v
Die Sapphische Strophe sei hier anhand der ersten Strophe von Klopstocks »Die tote Clarissa« illustriert:
Blume, du stehst verpflanzet, wo du blühest, Wert, in dieser Beschattung nicht zu wachsen, Wert, schnell wegzublühen, der Blumen Edens Bessre Gespielin!

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In der Nachfolge der Klopstockschen Reform haben sich viele Dichter, zum Beispiel August Wilhelm Schlegel, strenger als Klop-stock selbst den metrischen Regeln der antiken Dichtung zu folgen bemüht. Sie haben dem Hexameter nicht mehr die Variabilität zugestanden, die Klopstock ihm in den ersten Gesängen des »Messias« noch gegeben hatte. Auch die Odendichtungen anderer Dichter sind strenger an antiken Vorbildern orientiert als die von Klopstock, etwa die von Platen.
      Neben den antikisierenden Vers- und Strophenmaßen gehen auch die Freien Rhythmen in der deutschen Dichtung auf Klopstock zurück . Der junge Goethe hat die Erfindung von Klopstock begeistert aufgenommen und wie dieser auch seine Hymnen in Freien Rhythmen verfaßt . Hölderlin, Heine und später auch Nietzsche folgen dem durch Klopstock gegebenen Muster.
      Das 19. und das 20. Jahrhundert haben keine neuen metrischen Systeme hervorgebracht. Die Dichter des 20. Jahrhunderts schöpfen aus dem Formenbestand der Verstradition, mit dem sie im Einzel-fall durchaus innovativ umzugehen verstehen. Rilke gibt vielen seiner Gedichte durch unbedeutende Reimwörter und kühne Zeilensprünge ein ganz eigenes Gepräge; Rühmkorf sucht in seinen Gedichten den ungewöhnlichen und überraschenden Reim. Andere Versdichtungen bewegen sich am Rande oder außerhalb der durch die Tradition vorgezeichneten Metrik. Bei Trakl, Brecht, Bachmann und Celan finden sich ohne Bezug auf vorgegebene metrische Muster immerhin noch halbwegs gleichförmig gebaute Freie Verse. Daneben gibt es in der Moderne vermehrt solche Texte, die nur noch aufgrund einer graphischen Segmentierung versartig gegliedert sind. Man hat sie als »Prosaische Lyrik« bezeichnet Die Konkrete Poesie, deren Texte auf Vers und Reim verzichten und statt gehört vielmehr gesehen werden müssen, ist in metrischer Hinsicht nur in wenigen Einzelfällen dann relevant, wenn sie die metrische Beschaffenheit eines Textes demonstriert. Ein Beispiel bietet Ernst Jandls »sonett 2«, das unter Vernachlässigung der Regeln von Reimbindung und Versgestaltung immerhin eine mögliche Art der Versgruppierung im Sonett zeigt:sonett sonett sonett sonettsonett sonett sonett sonettsonett sonett sonettsonett sonett sonett

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