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Grundlagen der textgestaltung

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»Wer erzählt den Roman?«



Die Antworten der internationalen Erzählforschung auf diese nur scheinbar naive Frage Wolfgang Kaysers sind vielfältig und widersprüchlich. Offenbar läßt sich die unbestreitbare Lektüreerfahrung, daß zumindest komplexe Erzählwerke von einer mehr oder weniger deutlichen Erzählerstimme getragen werden, nur schwer in ein schlüssiges Kategoriensysem übersetzen. Wie erleben wir diesen »Erzähler«? In manchen Texten ist seine Erzählweise - auch in Kommentaren zum Geschehen - so ausgeprägt, daß er als Persönlichkeit vor unser inneres Auge zu treten scheint, obwohl er doch im Text anonym und körperlos bleibt. In anderen Texten, wo diese Stimme nicht so deutlich wird, läßt immerhin die Darbietung des erzählten Geschehens aus einem bestimmten Erzähl- oder Blickwinkel auf Existenz einer Erzählinstanz schließen. Schließlich gibt es eine Gruppe von Erzählungen, in denen der oder die Erzähler als konkrete Figur mit Namen vorgestellt wird und zugleich als Haupt- oder Nebenfigur im Geschehen mitwirkt. Die immanente Erzählinstanz kann also verschieden ausgestaltet werden. So kommt es auch zu unterschiedlichen Vorschlägen, den >Erzähler< theoretisch oder erzähltechnisch zu bestimmen . Für Kayser ist der Erzähler »eine gedichtete Person« und »vielleicht das wesentlichste« Formprinzip des Romans, so daß zu befürchten sei: »Der Tod des Erzählers ist der Tod des Romans.« Im Kontrastdazu läßt Hamburger allenfalls eine vom Autor ins Werk gesetzte »Erzählfunktion« gelten ; und die angelsächsische Tradition erhebt seit Henry James gar den »erzählerlosen« Roman zur Norm .
      In der deutschsprachigen Erzählforschung ist vor allem Franz K. Stanzeis Konzept der »typischen Erzählsituationen« bekannt geworden, das er seit 1955 mehrfach differenziert hat . Er beschreibt zunächst eine auktoriale Erzählsituation, die durch raffenden Bericht, Kommentare des Erzählers und dessen souveränes Verfügen über Zeit, Raum und Geschehen .
      Stanzeis Konzept, dessen aktuellste Version er etwas mißverständlich »Theorie des Erzählens« nennt , hat sich besonders als Hilfsmittel der Textanalyse bewährt und zählt im deutschsprachigen Raum zum literaturwissenschaftlichen Grundwissen. Zugleich ist es vielfach kritisiert worden, zumeist wegen mangelnder theoretischer Stringenz und der Vermischung analytischer Kategorien, zuletzt sehr scharf von Jürgen Petersen: Tat-sächlich stellt es eher »eine Art Beschreibungssystem zur Erfassung erzählender Dichtung« dar als eine strikte Theorie; Unstimmigkeiten sind nicht zu leugnen - vielleicht aber kann es dennoch oder deswegen produktiv umgeformt werden. Die amerikanische Narratologin Dorrit Cohn , aber auch Genette haben sich um solche produktive Kritik bemüht.
      Vor allem plädieren sie dafür, die bei Stanzel diffuserweise vermischten Kategorien » Person« und »Modus« - bzw. die Fragen »Wer spricht ?« und »Wer sieht ?« - zu entzerren. Das führt bei der »Er-Erzählung« zu einem >auktorialen< und einem >personalen< Typ . Genette faßt die perspektivische Differenz als >Null-Fokalisierung< einerseits, >interne Fokalisierung< andererseits. Bei der »Ich-Erzählung« kann man dementsprechend einen am >erlebenden Ich< orientierten Text wie »Werther« >personal< nennen, während die Retrospektive des erzählenden Ich< in Autobiographie oder autobiographischem Roman >auktorial< heißen darf: »Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich [...].« . Hinzu kommt nach Genettes Systematik bei der >Er-< wie bei der >Ich-Erzählung< jeweils ein Typ mit >externer Fokalisierungs der ähnlich wie eine Kamera nur die äußerlich wahrnehmbaren Vorgänge aufzeichnet. »Damit sind wir also von den drei >typischen Erzählsituationen< aus Stanzel 1955 zu sechs Typen gelangt, die sicher unterschiedlich stark vertreten sind, aber alle irgendeiner Kombination in einer Tabelle marrativer Möglichkeiten* entsprechen, die fürs erste nur zwei Kategorien umfaßt, die der >Person< und die der Perspektive.«




Will man diese Kategorientafel auch für die Textanalyse nutzen, so ist dreierlei zu beachten. Erstens: Die durch die Kategorien Person/ Modus bestimmte Typik ist nur eine Strukturierungsebene des nar-rativen Textes; ihr Zusammenspiel mit anderen, z. B. dem Zeitgerüst und der Personenrede , darf nicht übersehen werden. Zweitens: Wir haben nicht nur mit reinen Typen, sondern sehr häufig mit Zwischenstufen, Mischformen und Kombinationen zu rechnen, die sich aus der jeweils übergeordneten Erzählstrategie und Wirkungsabsicht erklären -Drittens: Die unterschiedlichen >narrativen Möglichkeiten sind durchaus historisch, von grundsätzlichen Wirkungsabsichten bzw. außerliterarischen Faktoren geprägt: Auktoriales Erzählen ist oftmals Ausdruck von Lehrhaftigkeit und starker Leserlenkung und insofern frühbürgerlich bis ins 18. Jahrhundert, aber z. B. auch im »Sozialistischen Realismus« dominant; personales Erzählen gewinnt seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Programm eines >objektiven< Erzählens (>der Roman, der sich selbst erzählt

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