Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundlagen der textgestaltung

Index
» Grundlagen der textgestaltung
» Grundlagen narrativer Texte
» Redeformen und Bewußtseinswiedergabe

Redeformen und Bewußtseinswiedergabe



Seit über zweitausend Jahren wird die Erzählung als Nachahmung , genauer gesagt als Darstellung oder Nachahmung »handelnder Menschen« definiert : Das muß die Wiedergabe dessen einschließen, was jene sagen oder denken und fühlen. Schon Piaton hatte verschiedene dichterische Darbietungsweisen danach unterschieden, ob die Figuren zu Wort kommen oder nur der Erzähler . Im Roman wird die Textschicht von Personenrede bzw. -bewußtsein so wichtig, daß man sagen kann, der »sprechende Mensch und sein Wort« sei »der spezifizierende, die Eigenart dieser Gattung konstituierende Gegenstand der Romangattung« - oder auch, der Roman sei die »Rede eines Erzählers, der berichtet, was seine Figuren sagen« . Hat die Figurenrede ihrerseits narrativen Charakter, so ergibt sich eine >Erzählung in der Erzäh-lungnachahmen< darf, was im Unterricht »Herr Stengel zu Siegmund Köstermann gesagt hat«, dann erreichen wir sogar ein drittes Erzählniveau.
      Für die neuere Erzählliteratur ist nun besonders wichtig, auf welche Weise Personenrede bewir-ken eine gewisse Distanzierung. Eine literarisches das heißt nur in fiktionaler Erzählprosa verwendete, im 19. Jahrhundert immer beliebter werdende Form ist die erlebte Rede . Man darf sie als »Doppelstimme« verstehen , die Erzähler- und Figurenstimme übereinander blendet und mit direkter Rede die Wortstellung, mit indirekter Rede die Verwendung der 3. Person fürs Redesubjekt und des Präteritums an Stelle des Präsens gemeinsam hat. »Man erkundigte sich nach den Plänen der jungen Herrschaften, Pläne, die sogar schon die Hochzeitsreise betrafen... Sie gedachten an die Riviera zu gehen, nach Nizza und so weiter. Sie hatten Lust dazu -und warum also nicht, nicht wahr?« Erlebte Rede oder narrated monologue kann so wie hier an die Sprechweise der Figur assimiliert und flexibel in den Erzählerbericht eingefügt werden, aber auch eine Vielzahl von anderen Wirkungseffekten haben . Historisch ist sie eng mit der Durchsetzung personalen Erzählens im 19. Jahrhundert verbunden und insbesondere durch Jane Austen, Gustave Flaubert und Henry James entwickelt und popularisiert worden.
      Fragen wir nun nach der Anwendung all dieser Techniken auf >stumme< Rede, also Gedanken und Empfindungen der Romanfiguren, so ergibt sich folgendes Bild: Der einfache Gedankenbericht - »Hierüber dachten alle eine Weile nach« - gewinnt eine neue Dimension, wenn er zur psycho-narration, das heißt zur bildhaften Erzählung von Bewußtseinszuständen benutzt wird, die von der Handlungsfigur selbst nicht versprachlicht werden : etwa in der Schopenhauer-Vision Thomas Buddenbrooks . »Psycho-narration« darf »als einziger Weg überhaupt angesehen werden, der in die vorsprachlichen Tiefen des Bewußtseins reicht.« Während >stumme< indirekte Rede ein wenig schwerfällig und deshalb selten ist, wird die erlebte Rede gerade auch deshalb so wichtig, weil sie die Grenze zwischen Rede und Gedanken oder Gefühl unauffällig verwischen kann. Schließlich avanciert die >stumme< direkte Rede, die nach Cohn quoted monologue heißen kann, zu einer spezifisch >modernen< Technik narrativer Bewußtseinsartikulation. Ãober die traditionelle und stets etwas künstlich wirkende Form des >Selbstgesprächs< wird sie seit etwa 1900 als Innerer Monolog oder Bewußtseinsstrom zur vielleicht wichtigsten technischen Innovation im Roman der klassischen Moderne. Während autonomous monologue , also die Monologerzählung in Ich-Form und ohne Erzählrahmen ein seltenes Experiment bleibt , wird die punktuell verwendete stream ofconsciousness-Techmk innerhalb der Er-Erzählung stilbildend . Die an diesem Punkt besonders große Begriffsverwirrung in der internationalen Narrati-vik läßt sich ein wenig entwirren, wenn man sich an Bickertons und Cohns Klarstellung hält, daß die syntaktische Form des stream of consciousness einfach die >stumme< direkte Rede ist, daß er jedoch immer schon sprachlich vorformuliert ist - auch wenn, wie bei Joyce, die Konventionen von Syntax und Morphologie oft verletzt werden.
      Auch hier ist es wiederum die textspezifische Verwendung der gegebenen Möglichkeiten, die unterschiedliche Wirkungseffekte möglich macht. Wie durch Kombination dreier Techniken der Gedanken- und Gefühlswiedergabe erzählerische Monotonie vermieden und eindringliche Suggestivität erreicht wird, sei zum Schluß an einem kleinen Stück aus Thomas Buddenbrooks Vision gezeigt:
»Und siehe da: plötzlich war es, als wenn die Finsternis vor seinen Augen zerrisse, wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte und eine unermeßlich tiefe, eine ewige Fernsicht von Licht enthüllte ... [psycho-narration] Ich werde leben! sagte Thomas Buddenbrook beinahe laut [quoted monologue] und fühlte, wie seine Brust dabei vor innerlichem Schluchzen erzitterte [psycho-narration]. Dies ist es, daß ich leben werde! Es wird leben... [quoted monologue] [...] Und er lag stille und wartete inbrünstig, fühlte sich versucht, zu beten, daß es noch einmal kommen und ihn erhellen möge. Und es kam. Mit gefalteten Händen, ohne eine Regung zu wagen, lag er und durfte schauen... [psycho-narration] Was war der Tod [narrated monologue]? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen und wichtigtuerischen Worten: er fühlte sie, er besaß sie zuinnerst [psycho-narration]. Der Tod war ein Glück, so tief, daß er nur in begnadeten Augenblicken, wie diesem, ganz zu ermessen war [narrated monologue].«

 Tags:
Redeformen  Bewußtseinswiedergabe    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com