Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundlagen der textgestaltung

Index
» Grundlagen der textgestaltung
» Grundlagen narrativer Texte
» Die Erzählungen und das Erzählen

Die Erzählungen und das Erzählen



»Die Menge der Erzählungen ist unüberschaubar. Da ist zunächst eine erstaunliche Vielfalt von Gattungen, die wieder auf verschiedene Substanzen verteilt ist, als ob dem Menschen jedes Material geeignet erschiene, ihm seine Erzählungen anzuvertrauen: Träger der Erzählung kann die gegliederte, mündliche oder geschriebene Sprache sein, das stehende oder bewegte Bild, die Geste oder das geordnete Zusammenspiel all dieser Substanzen; man findet sie im Mythos, in der Legende, der Fabel, dem Märchen, der Novelle, dem Epos, der Geschichte, der Tragödie, dem Drama, der Komödie, der Pantomime, dem gemalten Bild [...], der Glasmalerei, dem Film, den Comics, im Lokalteil der Zeitungen und im Gespräch. Außerdem findet man die Erzählung in diesen nahezu unendlichen Formen zu allen Zeiten, an allen Orten und in allen Gesellschaften; die Erzählung beginnt mit der Geschichte der Menschheit; nirgends gibt und gab es jemals ein Volk ohne Erzählung; alle Klassen, alle menschlichen Gruppen besitzen ihre Erzählungen, und häufig werden diese Erzählungen von Menschen unterschiedlicher, ja sogar entgegengesetzter Kultur gemeinsam geschätzt. Die Erzählung schert sich nicht um gute oder schlechte Literatur: sie ist international, transhistorisch, transkulturell, und damit einfach da, so wie das Leben.«
Dürfen wir all die hier genannten Ausdrucksformen mit Roland Barthes wirklich unter dem Begriff Erzählung zusammenfassen? Welches sind die Gründe für deren »Universalität«? Wie lassen sich »Grundzüge narrativer Texte« umreißen, die einerseits die »gemeinsame Struktur« aller Erzählungen herausarbeiten, andererseits aber auch zur differenzierenden Analyse narrativer Genres oder Schreibweisen beitragen können? Welche Schichten oder Aspekte erzählender Prosa sind zu untersuchen? Und welche Vorarbeiten, Entwürfe, Theorien hat die internationale Erzählforschung im Rahmen der Literaturwissenschaft dafür bereitgestellt? Diesen und einigen weiteren Fragen wird die folgende Skizze nachgehen.
     
Erzählungen oder narrative Texte können alle erwähnten Ausdrucksformen insofern heißen, als es sich jeweils um eine Abfolge von Zeichen von der Dichtung, die erzählt, »was geschehen könnte, d. h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche« . Mit Gerard Genette sprechen wir heute von faktualen und fiktionalen Erzählungen . - Damit sind bereits einige fundamentale Unterscheidungen getroffen, an denen Theorie und Strukturanalyse narrativer Texte ansetzen kann - wie wir noch sehen werden.
      Zuvor ist aber noch ein Blick auf die beschriebene Vielfalt, die praktisch unendliche Menge narrativer Texte nötig, mit denen wir es in Alltag und Kultur zu tun haben. Sie ist, wie Barthes andeutet, ein Resultat der anthropologisch tief verankerten Tätigkeit des Erzählens. In seinem ursprünglichen Sinn, als mündliche Wiedergabe faktischen Geschehens im Rahmen von Alltagssituationen, dient es in primitiven wie in entwickelten Kulturen in erster Linie dazu, subjektives Erleben zu thematisieren, »in den intersubjektiven Raum der Kommunikation zu holen« . Aber dies gilt in übertragenem Sinn auch vom literarischen >Erzählen Literatur und MedieN). Erzählend fixieren, wiederholen, ordnen, überprüfen, deuten und verändern wir geschehene oder erfundene Handlungen. Wir erkunden den Raum der wirk-liehen Welt und die Räume der Einbildungskraft - zu unserer Lust und/oder unserem Schrecken. Im Erzählen suchen wir schließlich Gemeinsamkeit, »Intersubjektivität von Sinnbildung« zu sichern , die bedrohliche Komplexität der Welt anhand von exemplarischen Abläufen - was einer erlebt hat, was jedem widerfahren könnte - überschaubar und erträglich zu machen, zu Erfahrung zu verarbeiten. Erzählen ist eines »der prominentesten Mittel, mit denen der Transfer von Erfahrung bewältigt werden kann«; als symbolisches Probehandeln überwindet es »Isolation« und kann »Menschen dazu [verhelfen], ihre eigenen Fähigkeiten zur Veränderung einzusetzen« .
      Das gilt in mehr oder weniger >direkter< Weise für mündliches und schriftliches, für >alltägliches< und literarisches, faktuales und fiktionales Erzählen . Zweifellos war die Orientierungsfunktion alltäglichen Erzählens in traditionalen Gesellschaften bedeutsamer als in der Moderne mit ihren spezialisierten Institutionen und technologischen Medien. Immerhin besteht sie auch dort noch weiter und vermag sogar neue, teils medial vermittelte Varianten des Erzählens als Tätigkeit und der Erzählung als Form hervorzubringen . Herkömmliche oder auch neu entstehende Traditionen und Formen mündlichen Erzählens finden seit einigen Jahrzehnten das besondere Interesse von Linguistik, Soziologie und Literaturwissenschaft . Der Quellenwert lebensgeschichtlichen Erzählens wird unter dem Stichwort »oral history« in der Geschichtswissenschaft diskutiert . Aber auch die narrativen Strukturen und Strategien entwickelter Großformen faktual-schriftlichen Erzählens werden neuerdings interdisziplinär erforscht , so etwa die Autobiographie , die Biographie und besonders die Geschichtsschreibung .
      Für den Bereich der fiktionalen Erzählliteratur gilt, daß sie in einem Prozeß, der durch die Kulturtechniken von Schrift und Druck erst möglich wurde, aus einer ausschließlich mündlichen in eine weit überwiegend schriftliche Form transformiert wurde. Ältere idealisierende Theorien des antiken Epos sind durch neuere komparatistische Forschungen zur »oral poetry« relativiert worden, die zu rekonstruieren suchen,
»wie ein Epos entsteht« . Heute machen narrative Texte, die nicht erst sekundär >verschriftet< und überliefert, sondern bereits schriftlich bzw. nach den Regeln des Drucks konzipiert wurden, die überwiegende Menge dessen aus, was wir als Literatur bezeichnen. Am Roman, der allein »unter den großen Genres jünger [ist] als Schrift und Druck« und sich »organisch den neuen Formen der stummen Wahrnehmungsweise, d. h. dem Lesen angepaßt« hat , läßt sich dies paradigmatisch beobachten. Als komplexeste Erzählform und dominerendes literarisches Genre der Moderne liegt er auch vielen Versuchen zugrunde, den gestalterischen Spielraum des narrativen Diskurses abzustecken .

 Tags:
Die  Erzählungen  das  Erzählen    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com