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Grundlagen der textgestaltung

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»Die Erzählung hat zweierlei Zeit«



Die Erzählung mag, wie Barthes sagt, mit dem Leben vergleichbar sein: zumindest hat sie wie dieses einen Anfang und ein Ende. Aber zwischen diesen Zäsuren besitzt sie eine ganz eigene zeitliche Qualität, eine >DoppelstrukturZeitbudget< übersteigen, so verkürzt werden, daß wir sie imaginär miterleben können. Möglich wird dies, weil die Sprache solche Abläufe oder Zustände in knappen narra-tiven Aussagen zu komprimieren vermag. Für die Erschaffung der Welt waren samt Ruhetag sieben Tage nötig; die entsprechende Erzählung dauert keine sieben Minuten. In einem Roman Thomas Manns verbringt der Held sieben lange Jahre auf dem Zauberberg; für die Lektüre könnten sieben Tage ausreichen; und natürlich läßt sich diese Geschichte in sieben Worten erzählen: »Hans blieb sieben Jahre auf dem Zauberberg.« Die temporale Spannung »zwischen dem vorgespiegelten realen Geschehen und seiner erzählerischen Bewältigung« , zwischen der Erzühlaussage und dem Erzählet ist den Praktikern seit jeher bewußt gewesen. In Thomas Manns Formulierung im »Zauberberg« liest sich das so: »Die Erzählung [...] hat zweierlei Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch reale, die ihren Ablauf, ihre Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch ist, und zwar in so verschiedenem
Maße, daß die imaginäre Zeit der Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich aber auch sternenweit von ihr entfernen kann.« Eben diese Unterscheidung wurde seit den späten vierziger Jahren in der deutschen, später auch in der französischen Erzählforschung aufgegriffen und systematisch ausgebaut. Das Zeitgerüst einer Erzählung bildet eine der wichtigsten Ebenen narrativer Textkonstitution und damit auch der Textanalyse. Günther Müller und sein Schüler Eberhard Lämmert rücken die Relation von Erzählzeit und erzählter Zeit als strukturierende Größe eines Erzähltextes oder -abschnitts in den Blick. Wo beide zusammenfallen, sprechen wir von >zeitdeckendem< Erzählen ; >zeitdehnend< erfahren wir Beschreibungen oder die Artikulation von Bewußtseinsprozessen. Am häufigsten und wichtigsten ist jedoch, wie oben angedeutet, das zeitraffende Erzählen. Mit Lämmert darf man es als »das negativ kennzeichnende Prinzip allen Erzählens« verstehen. Zu seinen Varianten zählt die >Auslassung< eines zumeist unwichtigen Zeitraums, oftmals durch eine Ãoberleitungsformel wie »Zweiundeinhalb Jahre später ...« präzisiert. Zeitraffungen im engeren Sinne können >sukzessiv< , >itera-tiv< oder >durativ< angelegt sein, oder auch mehrere Möglichkeiten kombinieren - wie die berühmte Passage aus Johann Peter Hebels »Unverhofftes Wiedersehen«: »Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber und Kaiser Franz der Erste starb [...] und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten. [...] Als aber die Bergleute in Falun im Jahre 1809 [...].«
Doch nicht nur die Dauer, auch die chronologische Abfolge der erzählten Ereignisse kann im narrativen Diskurs verändert werden. Mehr oder weniger umfangreiche und auffällige Umstellungen innerhalb der Chronologie sind in der Erzählliteratur so häufig und typisch, daß Lämmert einige davon, je nach Umfang und Funktion für die Tektonik der Erzählung, als feste »Bauformen« systematisieren kann: Bei den Rückwendungenetwa >VorzeithandlungRückblick< einer Figur usw. Vorausdeutungen, die den Zukunftshorizont einer erzählten Handlung öffnen und Spannung aufbauen, sind >zukunftsungewiß< oder >-gewiß< - je nachdem, ob sie von einer Handlungsfigur oder von der im Rahmen der Fiktion >allwissenden< Erzählinstanz geäußert werden. In jedem Fall dienen sie als Mittel der Rezeptionslenkung und der epischen Integration zugleich. Besonders ausgeprägt sind >einführen-de< Vorausdeutungen, die am Beginn eines Textes oder Abschnitts stehen , aber auch schon paratex-tuell im Titel .
      Lämmerts Standardwerk »Bauformen des Erzählens« versuchte solche Zeitstrukturen in ihrer konstruktiven Leistung für den Einzeltext zu verstehen, strebte im Sinne der »werkimmanenten Interpretation« eine »Synthese« an. Das geht bisweilen zu Lasten der analytischen Prägnanz, wie - trotz vieler Ãobereinstimmungen - der Vergleich mit Genettes »Die Erzählung« zeigt, das derzeit als differenziertestes System narrativer Zeitanalyse gelten darf. Genette legt drei temporale Kategorien zugrunde: Unter dem Stichwort Ordnung registriert er »Anachronien« und zwar »Analepse« und »Prolepse« , die jedoch nach Reichweite und Umfang präziser kategorisiert werden als bei Lämmert. Unter dem Aspekt der Dauer unterscheidet er »Summary« , »Szene« , »Pause« und »Ellipse« , die ihrerseits »explizit« oder »implizit«, »definiert« oder »Undefiniert« sein kann. Die spezifische Struktur eines Werkes wird durch die Verwendung bzw. Kombination dieser Erzählweisen mitgeprägt. Unter dem Stichwort Frequenz unterscheidet Genette schließlich »singulative«, »repetitive« und »iterative« Erzählweise. Ein einmaliges Ereignis kann einmal oder mehrfach erzählt werden; wiederholte Ereignisse können mehrfach oder zusammenfassend nur einmal - eben iterativ erzählt werden: »Lange Zeit bin ich frühschlafen gegangen.« Die iterative Erzählweise, die von der Forschung lange vernachlässigt worden ist, prägt nicht nur durchgängig Prousts von Genette exemplarisch analysiertes Werk, sie dient in vielen modernen Romanen als besonders wichtiges Bauelement. Diese erzähltechnische Beobachtung verweist ihrerseits darauf, daß Zeit und Zeiterfabrung spätestens im Roman des späten 19. und des 20. Jahrhunderts thematisch zentral werden, so daß Georg Lukäcs in seiner »Theorie des Romans« schon 1916 mit einigem Recht konstatieren konnte: »[...] die ganze innere Handlung des Romans ist nichts als ein Kampf gegen die Macht der Zeit.«

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»Die  Erzählung  hat  zweierlei  Zeit«    


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