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Auf der Suche nach einer Strukturformel: Strukturale Erzähltextanalyse



Zunächst jedoch sei an einen frühen, methodologisch bahnbrechenden Versuch erinnert, der geradezu entgegengesetzt verfährt und ein »gemeinsames Prinzip« des Erzählens anhand »einfacher« Erzählformen aufzufinden sucht. In Analogie zur botanischen Morphologie, die den »Bau der Pflanze« untersucht, nahm der russische Folklore-Forscher Vladimir Propp 1928 eine »Morphologie des Märchens« in Angriff, »die auf dem Gebiet des Volksmärchens eine Formanalyse sowie die Ableitung von Strukturgesetzmäßigkeiten« anstrebt . So wie man die Erscheinungen einer Sprache nur aus ihrer Grammatik als »abstraktem Substrat« erklären könne, so schaffe erst die Kenntnis der Erzählgrammatik ein Verständnis für die unterschiedliche Ausgestaltung der Textoberfläche und damit die Vielfalt der Texte.
      Anregungen des Russischen -> Formalismus und der »morphologischen« Betrachtungen Goethes aufnehmend, untersucht Propp einhundert russische Zaubermärchen auf ihre konstitutiven Handlungsträger und Handlungselemente und kommt zu folgenden Resultaten. »1. Die Funktionen der handelnden Personen [...] bilden die wesentlichen Bestandteile des Märchens.« Propp erkennt sieben Handlungsträger . Dabei können verschiedene Handlungsträger in einer konkreten Märchenfigur zusammenfallen, so wie ein Handlungsträger auch in mehrere Figuren aufgeteilt« werden kann. Ahnlich lassen sich verschiedene Geschehnisse auf der Diskursebene als Ausgestaltung einer identischen Funktion erkennen: Der körperliche Kampf des Helden mit dem Drachen oder sein Kartenspiel mit dem Teufel repräsentieren beide Funktion XVI: »Held und Gegenspieler treten in einen direkten Zweikampf«. »2. Die Zahl der Funktionen ist für das Zaubermärchen beschränkt«, und zwar auf maximal 31, von denen ein Teil einem bestimmten Aktanten fest zugeordnet ist . »3. Die Reihenfolge der Funktionen ist stets ein und dieselbe«, einzelne Funktionen können aber ausfallen oder wiederholt werden. Schließlich: »4. Alle Zaubermärchen bilden hinsichtlich ihrer Struktur einen einzigen Typ.«
Methodisch gesehen erzählt Propp die Märchentexte >nachErzähler< auf diese Weise nicht zu erfassen. Vor allem bei komplexen modernen Erzähltexten, die von solchen Elementen geprägt sind, stößt diese Analyse von vornherein ins Leere.
      Nichtsdestoweniger hat Propp eine bis heute einflußreiche methodische Tradition der Erzähltheorie begründet. Seit den sechziger Jahren wurden seine Anregungen im Umkreis des französischen Strukturalismus aufgenommen und, in Verbindung mit linguistischen und semiotischen Kategorien, zu anspruchsvollen Projekten einer universellen >Erzählgrammatik< weiterentwickelt. Algirdas J. Greimas bestimmt die Opposition von abstrakten Konzepten als grundlegende Semantik, die durch Dynamisierung und >Vermenschlichung< in eine Erzählsyntax transformiert wird: Der Held tötet den Gegenspieler. Claude Bremond versucht in seiner »Logik der Erzählung« ein System von narrativen Rollen als »Gerüst« des Erzähltextes zu bestimmen; beide bleiben überwiegend an >einfachen< Erzählformen orientiert. Deutlicher sieht Tzvetan Todorov die Notwendigkeit, von der funktionalen Tiefenstruktur der Erzählung zur vielfältig codierten und perspektivierten Oberfläche von Erzähltexten zurückzugelangen; sein Konzept der »narrativen Transformationen« soll insbesondere die modale Dif-ferenzierung des Erzählgeschehens analysierbar machen. Es sind jedoch erst spätere Arbeiten von Barthes einerseits und Genette andererseits, die Propps Tradition mit differenzierten, ja subtilen Strukturierungs- und Lektürevorschlägen für die Diskursebene verbinden. Mit Genettes »Die Erzählung« nähert sich die >strukturale< französische Linie der Erzähltheorie dann wieder >traditionellen< deutschen und anglo-amerikanischen Konzepten an, die vorrangig die Textebene im Blick haben.
     

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