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Zur Seinsfrage der Gattungen: Gattungen und Gattungsbegriffe



Das Gattungsproblem ist eines der ältesten und bis heute am heftigsten umstrittenen Probleme der Literaturwissenschaft, mit dem nicht zuletzt auch die Frage nach ihrer Wissenschaftlichkeit berührt wird. Seine klassische Formulierung hat das Problem in der Auseinandersetzung zwischen Nominalisten und Realisten um das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem im Universalienstreit des Mittelalters gefunden. In dieser Auseinandersetzung wollten die radikalen Nominalisten das Allgemeine bloß als Namen nach dem Einzelnen gelten lassen , die radikalen Realisten dagegen dem Allgemeinen wahre Wirklichkeit vor dem Einzelnen zuschreiben .
      Daß die literarische Gattungslehre von diesem Grundproblem zunächst weitgehend unberührt blieb, hängt mit ihrer lange Zeit ausschließlich normativen, auf einige reale, meist antike Vorbilder fixierten Einstellung zusammen, die erkenntnistheoretische Fragen dieser Art nicht aufkommen ließ. Erst nachdem mit der Geniebewegung des 18. Jahrhunderts und dem beginnenden Historismus die Gattungen ihre Mustergültigkeit verloren hatten, wurde die Auseinandersetzung auf das Feld der -> Poetik übertragen, wo sie bis heute mit geringfügigen Variationen fortbesteht
So erblickt der italienische Philosoph und Historiker Benedetto Croce in den Gattungen bloße Etiketten ohne jeden Erkenntniswert: »Jede beliebige Theorie der Teilung der Künste ist unbegründet. Die Gattung oder die Klasse ist in diesem Fall eine einzige, die Kunst selbst oder die Intuition, während die einzelnen Kunstwerke im übrigen zahllos sind: alle original, keines ins andere übersetzbar [...]. Zwischen das Universale und das Besondere schiebt sich in philosophischer Betrachtung kein Zwischenelement ein, keine Reihe von Gattungen oder Arten, von >generaliaWissenschaft< von der Literatur im allgemeinen und der Gattungspoetik im besonderen nicht verstummt. In abgemilderter Form erscheint es wieder in derpoststrukturalistischen Unterscheidung zwischen »Gattungstheorie« auf der einen und »Semiotik der >ecritureecriture< eine Ästhetik des Bruchs und der Emanzipation« darstellt . An dieser Unterteilung wird deutlich, daß sich der nominalistische Ansatz gegen die Gattungstheorie wendet, weil er den Gattungsbegriffen generell normative Funktion unterstellt.
      Demgegenüber sehen die modernen >Realisten< die Besonderheit des individuellen Textes gerade in seiner Gattungshaftigkeit - sei es, daß sie die Gattungen wie Goethe zu »Naturformen der Poesie« erklären , sei es, daß sie sie wie Dilthey auf psychologische Kategorien zurückführen, sei es, daß sie sie morphologisch oder fundamentalontologisch fundieren .
      Dabei liegt dem Streit um das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem in dieser extremen Form ein Mißverständnis zugrunde. Es resultiert aus der Verwechslung von ontologischer Fragestellung und Logik und ignoriert, daß jede Art wissenschaftlicher Erkenntnis um Generalisierungen nicht herumkommt. Begriffe, auch Gattungsbegriffe, sind das Ergebnis abstrahierenden Denkens, das aus einer Menge varianter Einzelerscheinungen das ihnen Gemeinsame abzieht und so das Besondere als Variation eines gedachten Allgemeinen oder das Allgemeine als das am Besonderen und nur dort auftretende Invariante versteht. Ohne diesen bis zu einem gewissen Grade schon der Umgangssprache innewohnenden Zwang zur Generalisierung wäre Verständigung, auch wissenschaftliche, nicht möglich.
      Aufgabe der Gattungstheorie ist es nun, die Mannigfaltigkeit der Textklassen und ihrer Begriffe in ein halbwegs geordnetes System zu bringen. Daß ihr das angesichts der unabgeschlossenen, mehr als dreitausendjährigen Geschichte abendländischer Literatur nur sehr unvollkommen gelingen kann, ist kein Hinderungsgrund, nicht wenigstens die Prinzipien und logischen Regeln zu benennen und zu reflektieren, nach denen sie dabei verfährt. Dabei sind die Gattungen - aus der Perspektive des logischen Systems - Definitionsangebote, die unabhängig von der Erfahrung formuliert sind; aus der Perspektive der Texte erscheinen sie als durch Abstraktion gewonnene Merkmalkombinationen. Beide Sichtweisen, die dedukti-ve und die induktive, treffen im Begriff der Gattung als logischer Klassenbezeichnung zusammen .
      Nach diesen allgemeinen Überlegungen lassen sich zwei grundsätzlich verschiedene Gattungskonzeptionen unterscheiden, die beide in der heutigen wissenschaftlichen Diskussion Gültigkeit beanspruchen. Die erste betrachtet Gattungen unter der logischen Prämisse ihrer Verwendbarkeit für die Klassifikation von Texten. Bedingungen dafür sind Trennschärfe und Systematik . Sie sind insofern ahistorisch, als sie von den historischen Gegebenheiten ihrer Gegenstände absehen, nicht aber, weil sie überzeitliche Geltung im Sinne von Archetypen oder Urformen für sich beanspruchen. Im Gegensatz zu den im folgenden behandelten Gattungen sprechen wir hier von Gattungsbegriffen, um hervorzuheben, daß es sich bei ihnen um keine wie auch immer geartete überzeitliche Wesenheiten handelt.
      Die zweite Konzeption betrachtet Gattungen als historische »Institutionen« mit mehr oder weniger langer Geltungsdauer . Ihr Allgemeines sind nicht Klassen, sondern Gruppen oder Familien von Texten, die nicht nach logischen, sondern nach historischen Gesichtspunkten gebildet sind. Gattungen können in diesem Sinne konstituiert werden durch explizite Regelanweisungen, durch die immanente Poetik einzelner Werke, aber auch durch bloße vom Autor oder Verleger vorgenommene Zuschreibungen wie »Novelle« oder »Robinsonade« . Im Unterschied zu den Gattungsbegriffen sollen die nach solchen Kriterien gebildeten Textgruppen Gattungen heißen, um ihren >realenherme-neutischen Zirkeh - und letztlich so wenig zirkulär wie dieser .
      Gattungsbegriffe sind Klassenbegriffe, die über eine begrenzte Menge von mehr oder weniger isolierten, obligatorischen wie fakultativen Merkmalen gebildet sind. Je nach Anzahl dieser Merkmale, d. h. je nach Grad der Abstraktion vom konkreten Text, entsteht eine Rangfolge, wobei der übergeordnete Begriff den jeweils untergeordneten einschließt:

Hauptgattungen: Lyrik, Epik, Dramatik usw.
      Untergattungen: Elegie, Sonett; Novelle, Roman; Tragödie, Komödie usw.

     
Typen: Liebesgedicht, Bildungsroman, Bürgerliches Trauerspiel usw.konkreter Text Das »usw.« am Ende jeder Reihe gibt an, daß diese beliebig fortsetzbar ist, es zwar nicht unendlich viele, aber doch unzählige Klassen von Texten gibt, und zwar über die Anzahl der historisch bereits vorhandenen hinaus. Wie im Laufe der Geschichte einzelne Merkmalkombinationen bevorzugt realisiert worden sind, andere dagegen kaum oder gar nicht , so gibt es grundsätzlich so viele Kombinationsmöglichkeiten wie Merkmale am Text, also unzählig viele, von denen die historische Gattungspoetik nur einen Bruchteil erfaßt.
Zu den wichtigsten gattungskonstitutiven Merkmalen gehören u. a. solche der Sprechhaltung , der äußeren Form , der Darbietungsform oder subkategorielle Bestimmungsgrößen aus dem Gebiet der -> Metrik oder -> Stilistik. Das oft geäußerte Argument, Gattungsbegriffe als Klassenbegriffe seien darum nicht brauchbar, weil sie »wenig über die Eigenschaft des dergestalt klassifizierten Objekts« aussagten , spricht nicht gegen das klassifikatorische Verfahren. Denn diesem geht es gar nicht um die »Eigenschaft« der individuellen Texte, die es absolut ja übrigens gar nicht gibt, sondern um ein Ordnungsprinzip, ohne das wissenschaftliche Aussagen sinnlos wären.
     

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